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Hesperus oder 45 Hundposttage

Jean Paul Richter: Hesperus oder 45 Hundposttage - Kapitel 89
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleHesperus oder 45 Hundposttage
pages471-1236
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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– Jetzo setz' ich wie in einer Komödie nur die Namen der Spieler vor die Anmerkungen. Der kalt-philosophische Balthasar: »Daher muß die ganze Erde einmal ein einziger Staat werden, eine Universalrepublik; die Philosophie muß Kriege, Menschenhaß, kurz alle mögliche Widersprüche mit der Moral so lange gutheißen, als es noch zwei Staaten gibt. Es muß einmal einen Nationalkonvent der Menschheit geben; die Reiche sind die Munizipalitäten.«

Matthieu: »Jetzt leben wir also erst im 11ten Oktober und ein wenig im 4ten August.«

Viktor: »Wir sehen, gleich dem David, den salomonischen Tempel nur in Träumen und die Stifthütte im Wachen; aber die Philosophie wäre jämmerlich, die von den Menschen nichts foderte, als was diese bisher ohne Philosophie leisteten. Wir müssen die Wirklichkeit dem Ideal, aber nicht dieses jener anpassen.«

Der heiß-philosophische Melchior: »Die meisten jetzigen Bewegungen sind nur Griffe, die ein unter dem Gehirnbohrer Schlafender nach der blutigen Gehirnhaut tut. – Aber die fallende Stalaktite der Regentschaft tropfet endlich mit der steigenden Stalagmite des Volkes zur Säule zusammen.«

Flamin: »Setzen aber nicht Sparter Heloten voraus, Römer und Deutsche Sklaven, und Europäer Neger? – Muß sich nicht immer das Glück des Ganzen auf einzelne Opfer gründen, so wie ein Stand sich dem Ackerbau widmen muß, damit ein anderer dem Wissen obliege?«

Kato der Ältere: »Dann spei' ich aufs Ganze, wenn ich das Opfer bin, und verachte mich, wenn ich das Ganze bin.«

Balthasar: »Besser ists, das Ganze leidet freiwillig eines einzigen Gliedes wegen, als daß dieses wider seine gerechte Stimme für das Ganze leide.«

Matthieu: »Fiat justitia et pereat mundus.«

Viktor: »Auf deutsch: das größte physische Übel muß man vorziehen dem kleinsten moralischen, der kleinsten Ungerechtigkeit.«

Melchior: »Durch die physische, von der Natur gemachte Ungleichheit der Menschen wird irgendeine politische so wenig entschuldigt als durch Pest der Mord, durch Mißwachs das Kornjudentum. Sondern umgekehrt muß eben die politische Gleichheit das Ersatzmittel der physischen sein. Im despotischen Staat kann die Aufklärung wie das Wohlleben an Innengehalt größer sein, aber im freien ist sie an Außengehalt größer und unter alle verteilt. Denn Freiheit und Aufklärung erzeugen einander wechselseitig.«

Viktor: »Wie Unglaube und Despotie. Ihre Behauptung zeigt den Völkern zwei Wege, einen langsamern, aber gerechtern, und einen, der beides nicht ist. – Die wilden Eingriffe ins Zifferblattrad der Zeit, das tausend kleine Räder drehen, verrücken es mehr, als sie es beschleunigen, oft brechen sie ihm Zähne abDenn es gibt keine großen Begebenheiten aus kleinen Ursachen, sondern nur große aus 1 000 000 kleinen Ursachen, wovon man immer die letzte für die Mutter der großen Geburt ausgibt. Ist denn das Zündpulver die Ladung des Geschosses?: hänge dich ans Gewicht des Uhrwerks, das alle Räder treibt; d. h. sei weise und tugendhaft, dann bist du groß und unschuldig zugleich und bauest an der Stadt Gottes, ohne den Mörtel des Bluts und ohne die Quader der Totenköpfe.« –

Hier wird diese politische Predigt ausgeläutet, unter welcher Viktor seiner sokratischen Haltung und Mäßigung ungeachtet doch diese wilden Köpfe zu Freunden des seinigen machte. Dem einzigen Matthieu war nur um Spott zu tun, auf den er jeden Ernst zurückführte, anstatt es umzukehren. Er hatte in einem eigentümlichen Grade jene Unverschämtheit von Stand, gewisse Torheiten zugleich zu begehen und zu verspotten, gewisse Toren zugleich zu suchen und zu verachten und gewisse Weise zugleich zu meiden und zu loben. Wo er nur konnte, bewarf er den gutmütigen Fürsten von Flachsenfingen mit satirischen Distelköpfen und zeigte eine Feindseligkeit gegen den Ehemann, die sonst das Zeichen einer zu großen Freundschaft gegen die Frau ist. – So sagte er heute in Beziehung auf Jenners oder Januars Neigungen, die mit seinem Monats- und Heiligen-Namen abstechen: »Für den heiligen Januarius in PuzzoloFür diese Statue konnte nämlich kein Bildhauer eine zweite Nase machen, die paßte – denn die erste war abgebrochen –; endlich nach 400 Jahren fand ein Kind in einem großen Fische die marmorne, welche anlag. Labats Reisen 5ter Teil. war ein Fisch der Doktor Kuhlpepper.« –

Ich gesteh' es, ich habe unter dem ganzen Klub wieder den närrischen Gedanken gehabt, den ich mir schon oft, so toll er ist, nicht aus dem Kopfe schlagen konnte – denn er wird freilich ein wenig dadurch bestätigt, daß ich wie ein Atheist nicht weiß, wo ich her bin, und daß ich mit meinem französischen Namen Jean Paul durch die wunderbarsten Zufälle an ein deutsches Schreibepult getrieben wurde, auf dem ich einmal der Welt jene weitläuftig berichten will – wie gesagt, ich halt' es selber für eine Narrheit, wenn ich mir zuweilen einbilde, es sei möglich, daß ich etwan – da in der orientalischen Geschichte die Beispiele davon tausendweise da sind – gar ein unbenannter Knäsensohn oder Schachsohn oder etwas Ähnliches wäre, das für den Thron gebildet werde und dem man nur seine edle Geburt verstecke, um es besser zu erziehen. So etwas nur zu überlegen, ist schon Tollheit; aber so viel ist doch richtig, daß aus der Universalhistorie die Beispiele nicht auszukratzen sind, wo mancher bis in sein 28stes Jahr – ich bin um zwei Jahr älter – nicht ein Wort davon wußte, daß ein asiatischer oder anderer Thron auf ihn warte, wovon er nachher, wenn er darauf kam, prächtig herunter regierte. Setze man aber, ich würde aus einem Jean ohne Land ein Johann mit Land, so ging' ich sofort aufs Billard und sagte jedem, wen er vor sich hätte. Wäre einer von meinen Landskindern mit da und stieße: so würd' ich ihn dort sofort regieren – und eine Landstochter ohne Bedenken – Ich würde mit Bedacht verfahren und nur mit Subjekten aus meiner Billard-Gespannschaft die wichtigern Ämter besetzen, weil der Regent den kennen muß, den er voziert, welches er beim Spiel bekanntlich am ersten vermag. – Ich würde meinen Landsassen und allen durch ein Generalreglement auf alle Zeiten strenge befehlen, glücklich und wohlhabend zu sein, und wer arm würde, den setzte ich zur Strafe auf halben Sold; denn ich denke, wenn ich die Armut so nachdrücklich untersagte, so würd' es zuletzt so viel sein, als regierten Saturn und ich miteinander. – Ich würde in meinem Staate nicht, wie ein Sultan in seinem Harem, physische Stumme und Zwerge begehren, sondern nach Gelegenheit moralische – Ich gesteh' es, ich hätte eine eigne Vorliebe für Genies und stellte bei allen, sogar beim elendesten Posten die größten Köpfe an. – Ich würde mich vor nichts fürchten (Feinde ausgenommen) als vor der Kopfwassersucht, vor der ein gekröntes Haupt oder ein infuliertes in Ängsten sein muß, wenn es wie ich in dem Doktor Ludwig oder auch in Tissot von den Nerven gelesen hat, daß dergleichen durch starke Binden um den Kopf am ersten entstehe, welches ich noch mehr von meiner Krone befahre, zumal wenn der Kopf, der hineingetrieben wird, dick ist und sie eng...

Wir kommen wieder zur Geschichte. Den andern Tag kehrten Viktor und Flamin, in den schönen, neu angezognen Schlingen des freundschaftlichen Bundes, nach Flachsenfingen zurück. Jetzo konnte Viktor durch Maienthals Himmelpforte eingehen, wenn Klotilde sie nicht verriegelte. Alles kam auf Emanuels Antwort an. Die Mailüfte wehten, die Maiblumen dufteten, die Maibäume rauschten. O wie fachte dieses Wehen die Sehnsucht an, alle diese Seligkeiten in Maienthal zu genießen und das Einlaßblatt zum schönsten Konzertsaal der Natur vom Freunde zu bekommen. Es kam keines; denn es war schon – gekommen durch den Zeidler Lind aus Kussewitz, der als Feudal-Postillon vom Grafen O an Matthieu gesendet worden und den Weg über Maienthal genommen hatte. Es war von Emanuel:

»Horion!

Komm eher, Geliebter! Eil in unser Edental, das ein Gartensaal der Natur mit grünenden Wänden zwischen lauter Gängen ist, die aus dem Himmel in den Himmel laufen. Die blumigen lichten Stunden rücken vor dem Auge des Menschen vorüber wie die Sterne vor dem Sehrohre des Himmelmessers. Blütenschlingen aus Jelängerjelieber sind dir gelegt und mit Düften zugedeckt; und wenn du darin gefangen bist, fassen die aufwallenden Düfte dich mit einer Wolke ein, und unbekannte Arme dringen durch die Wolke und ziehen dich an drei Herzen voll Liebe! Ich habe schon Maiblumen aus dem Walde ausgehoben und neben mich gepflanzt – deine Stadt ist ja auch ein Wald um dich stille Maiblume. Ich habe schon zwei Balsaminen und fünf Sommerlevkojen versetzt; aber meine erste versetzte Balsamine war Klotilde. Du siehst, der Frühling streckt sich mit seinen üppigen treibenden Säften auch durch meine aufknospende Seele, und der Mai spaltet an ihr, wie ich jetzt an den Nelken, alle Knospen auf. – Erscheine, erscheine, eh ich wieder trübe werde, und sage dann deinem Julius, wer der Engel war, der ihm den Brief an mich gereicht.

Emanuel.«

*

Julius hatte wahrscheinlich dabei wieder an jenen andern Brief gedacht, den ihm ein bis jetzt unbekannter Engel zum Aufsiegeln auf diese Pfingsten gegeben – Aber was gehen mich hier Engel und Briefe an? Kurier-schreiben will ich jetzt, damit ich das 32ste Kapitel hinausgemacht habe, eh der Hund mit seinem 33sten Pfingstkapitel auftritt, das nicht bloß, weil es 32 Kapitel-Ahnen hat, sondern wegen der wahrscheinlichen Ausgießung eines freudigen heiligen Geistes darin, oder wegen eines ganzen Taubenflugs von heiligen Geistern, und wegen der historischen Gemälde darin – und wegen meiner eignen Anstrengung – ein Kapitel (glaubt man) werden muß, dergleichen in jeder dionysischen Periode kaum ein halbes und in jeder konstantinopolitanischen ein ganzes kann geschrieben werden – Der Pfingst-Hundtag kann lang ausfallen, aber gut und göttlich – Philippine wird den Bruder rütteln und sagen (sie schmeichelt gern): »Paul! Paulus war auch im dritten Himmel, aber so hat er ihn nicht beschrieben in seinen Briefen an die Römer!« – Ich wollte selber, ich könnte meinen 33sten Hundtag lesen, bevor ich ihn gemacht...

Das Viele, was ich noch mit Wenigem und mit der bisherigen Eile herzuwerfen habe, ist laut den Kürbis-Akten das: Viktor freuete sich ebenso wie ich auf die Pfingst-Evangelien. Sein Gewissen setzte seinem Genusse nicht das dünnste Speisegeländer, nicht den niedrigsten Weidstein weiter in den Weg, und er konnte wie eine unschuldige Freude zur geliebten Klotilde gehen und sagen: nimm mich an. Er tat jetzt die Abschied- und Krankenbesuche bei Hofe regelmäßig ab und schor sich um kein Wort voll Höllenstein und um kein Auge voll Basiliskengift. Er verdoppelte die schönern Besuche bei Flamin, um dessen edle Versöhnung mit einer wärmern Freundschaft zu belohnen, und er drückte auf die vergangne Geschichte und auf den Gegenstand der Eifersucht das Sekretinsiegel des schonenden Schweigens. Seine Träume stellten zwar bei ihrem Theater voll Schattenspielen und Lufterscheinungen Klotildens Gestalt nicht an (gerade die geliebtesten Gesichter versaget der Traum), aber indem sie ihn in die alten dunkeln Regenmonate führten, wo er wieder unglücklich und ohne Liebe und ohne die teuerste Seele war, so gaben sie ihm durch die niedergeregnete Nacht einen hellern Tag, und die verdoppelte Wehmut wurde zur verdoppelten Liebe – Und wenn er am Morgen nach solchen Träumen vom vergangnen Traum durch den Maien-Reif neben den üppigen Freudentropfen der Weinreben und unter dem Morgenwind, der ihn mehr trug als kühlte, hinaustrat, um die festen westlichen Wälder, die mit einem grünen Vorhang die Opernbühne seiner Hoffnung verhingen, wie teure Reliquien mit den sehnenden Augen zu betasten – – Ein Rezensent, der sich an meine Stelle setzt, kann mir unmöglich bei dieser Kürze der Zeit und auf meiner Extrapostkutsche des Phöbuswagen (jetzt in den kürzern Tagen) zumuten, dem langen Vorsatze seinen Nachsatz zu geben.

Sogar der steilrechte Klimax des Barometers und das waagrechte Strömen des Ostwindes faßten die Segel seiner Hoffnung an und zogen ihn in das stille Meer der Pfingst-Zukunft und in den Kalender von 1793, um zu sehen, ob der Mond zu Pfingsten voll wäre – Beim Himmel, er wirds wenigstens halb, welches noch viel besser ist, weil man ihn sogleich bei der Hand mitten am Himmel hat, wenn man seinen Abend anfangen will...

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