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Hesperus oder 45 Hundposttage

Jean Paul Richter: Hesperus oder 45 Hundposttage - Kapitel 88
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleHesperus oder 45 Hundposttage
pages471-1236
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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Die Drillinge wollten erbärmlicherweise erst nach dem Essen kommen – Die Seele der roten Appel dampfte eben darum ein Wildprets-Fümet aus und roch wie angebrannte Milchsuppe und klagte, sie behielte alle Arbeit allein auf dem Hals, und als Agathe ihr beispringen wollte, sagte sie: »Ich kann es, Gott sei Dank! so gut machen wie du!« – Der Regierrat war angelangt, aber leider wieder auf die Felder hinausgelaufen bis zum Essen – Agathens Gesicht war wie ein Felsenkeller von der Kälte ihres Bruders gegen Viktor ausgeschlagen – Nur die Pfarrerin war die Pfarrerin, nicht bloß ein Vaterland, sondern ein Liebeatem reihete ihr Herz an sein Herz, und es war ihr unmöglich, auf ihn zu zürnen. Sie liebte ein Mädchen, wenn ers lobte; wäre sie ohne Mann gewesen: so würde sie entweder Liebebrief-Stellerin oder Brief-Trägerin für ihn geworden sein. – So lieben Weiber: ohne Maß! Oft hassen sie auch so. – Dazu setzet nun mein Korrespondent noch, daß er aus dem Baddorfe einen ganzen Zeugenrotul zum Beweise ausziehen könnte, daß die Pfarrerin nicht bloß allemal, sondern auch am heutigen Ventos- und Pluvios-Tage es mit ungeschminkter Fassung einer Christin auszuhalten und zu erleben vermochte, wenn eine etwas fallen ließ, eine Tasse oder ein Wort. Zu so etwas – zur Apathie gegen einen gegenwärtigen gänzlichen Verlust eines Suppen-, eines Spülnapfes, eines Fruchttellers – ist vielleicht ebensoviel Gesundheit als Vernunft vonnöten.

– Endlich trat abends der Hofjunker ein und sagte, Flamin sei noch im Garten. Viktor nahm es auf, als sei es ihm gesagt, und ging hinaus und trug sein beklommenes Herz einem andern bangen entgegen. Flamin fand er in einer überlaubten Ecke hinaufstarrend mit den Augen zum Wachsbilde des verstoßenen Geliebten; Viktors Herz ging wie zwischen Tränen schwer in der übervollen Brust. Flamins Gesicht war nicht mit dem Panzer des Zorns, sondern mit dem Leichenschleier des Kummers bedeckt. Denn hier auf dem Vorgrund einer hellen warmen Jugend, gleichsam auf dem klassischen Boden der vorigen unersetzlichen Liebe, wurde er zu weich und zu warm – auf dem Dorfe widerrief er die Härte der Stadt – und was noch mehr war, lauter Freunde seines Freundes, lauter liebevolle Lobreden auf den verschmähten Liebling drängten und wärmten sein verarmtes Herz, und er konnte ihn hier noch leichter entschuldigen als entbehren. Viktor bewillkommte ihn mit der sanften Stimme eines gedrückten Herzens, aber dieser sagte alle Gedanken und Worte nur halb. Viktor schauete tief in die Seele, die um die Freundschaft trauerte; denn nur ein Herz sieht ein Herz; so sieht nur der große Mann große Männer, wie man Berge nur auf Bergen erblickt. Er hielt es daher für kein Zeichen des Grolls, da Flamin langsam von ihm wegging; aber er mußte, so einsam da gelassen, seine Augen von der geweihten Erde des Gartens, wo ihre Freundschaft sonst die Blüten geöffnet hatte, und von der Opferlaube, wo er bei seinem Vater für Klotildens und Flamins Verknüpfung gesprochen, und von der hohen Warte, dem Tabor der freundschaftlichen Verklärung, von allen diesen Begräbnisstätten einer schönern Zeit mußt' er die Augen abwenden, um die ärmere zu ertragen. Allein das, was er nicht anschauen wollte, stellte er sich desto heller vor.

Jetzo dehnte die Gebet- und Abendglocke ihre melancholischen Bebungen aus bis an die Herzen der Menschen – die vergangnen Zeiten schickten die Töne, und die Abendklagen sanken wie heiße Bitten in die getrennten Freunde: »O söhnet euch aus und gehet zusammen! Ist denn das Leben so lang, daß die Menschen zürnen dürfen, sind denn der gute Seelen so viele, daß sie einander fliehen können? O diese Töne zogen um viele Aschen-Leichen, um manches erstarrte Herz voll Liebe, um manchen geschlossenen Mund voll Grimm, o Vergängliche, liebet, liebet euch!« – Viktor ging willig (denn er weinte) dem Freunde nach und fand ihn am Beete stehen, worauf Eymann dessen Namens-F in Kohlrabipflanzen grünen ließ, und er schwieg, weil er wußte, daß zu allen sympathetischen Kuren geschwiegen werden muß. O eine solche schweigende Stunde, wo Freunde wie Fremdlinge nebeneinander stehen und mit dem Verstummen das alte Ergießen vergleichen, hat zu viele Herzstiche und tausend erdrückte Tränen und statt der Worte die Seufzer!

Viktor, so nahe am Freund, wollte, da unter dem Geläute seine schönere Seele, wie Nachtigallen unter Konzerten, immer lauter wurde, von Minute zu Minute an dieses schöne edle Gesicht, an diese zum Versöhnkusse geründeten Lippen fallen – aber er erschrak vor der neulichen Abstoßung. Er sah jetzo, wie Flamin ins Beet immer weiter schritt und die Herzblätter der Kohlrabi langsam umtrat und auseinander quetschte; endlich merkte er, dieses Zerknirschen des grünenden Namens sei bloß die stumme Sprache der Trostlosigkeit, die sagen wollte: »Ich hasse mein gequältes Ich, und ich möcht' es zermalmen wie meinen Namen hier: für wen soll er?« – Das riß Blut aus Viktors Herzen und weggekehrte Tränen aus seinem Auge, und er nahm sanft die lang entzogne Hand, um ihn wegzuführen vom Selbermorde des Namens. Aber Flamin drehte sein zuckendes Angesicht seitwärts nach dem wächsernen Schatten seines Freundes und sah, starr abgekrümmt, hinauf. – »Bester Flamin!« sagte Viktor mit dem gerührtesten Laute und drückte die brennende Hand. Da riß sie Flamin aus seiner heraus und stieß mit den zwei Handballen die Tränentropfen in die Augen zurück – und atmete laut – und sagte erstickt: »Viktor!« – und wandte sich mit großen Tränen um und sagte noch dumpfer: »Liebe mich wieder!« – Und sie stürzten zusammen, und Viktor antwortete: »Ewig und ewig lieb' ich dich, du hast mich ja nie beleidigt«, und Flamin stammelte glühend und sterbend: »Nimm nur meine Geliebte, und bleibe mein Freund!« – Viktor konnte lange nicht reden, und ihre Wangen und ihre Tränen brannten vereinigt aneinander, bis er endlich sagen konnte: »O du! o du! du edler Mensch! Aber du irrest dich irgendwo! – Nun verlassen wir uns nicht mehr, nun wollen wir ewig so bleiben. – Ach wie unaussprechlich werden wir uns einmal lieben, wenn mein Vater kömmt!«

Hier holte sie die vielleicht um beide besorgte Pfarrerin ab, und Flamin ehrte sie, was er selten tat, in seiner Erweichung mit einer kindlichen Umarmung; und aus vier verweinten Augen las sie entzückt die Erneuerung ihres unvergänglichen Bundes.

Nichts beweget den Menschen mehr als der Anblick einer Versöhnung, unsere Schwächen werden nicht zu kostbar durch die Stunden ihrer Vergebung erkauft, und der Engel, der keinen Zorn empfände, müßte den Menschen beneiden, der ihn überwindet. – Wenn du vergibst, so ist der Mensch, der in dein Herz Wunden macht, der Seewurm, der die Muschelschale zerlöchert, welche die Öffnungen mit Perlen verschließet.

Diese Aussöhnung zog gleichsam eine mit dem Glück nach sich – der Brumaire-Abend wurde zu einem Floréal-Abend – die Drillinge aßen vom gebratnen Ruhm der Appel nach – der Pfarrer hatte mit keinen Schlüsseln weiter zu tun als mit Löseschlüsseln, den geistigen Musikschlüsseln – und das Geburtfest war zu einem Bundfeste aufgeblühet, zu einem Oppositionklub, wo sich alles, aber in einem höhern Sinne als Quäker und Kaufleute, Freund nannte. Die Drillinge hielten altbritische Reden, die nur freie Menschen verstehen konnten. Viktor wunderte sich über die allgemeine Freimütigkeit vor einer so gestachelten Schmeiß-Mouche, wie Matthieu war – aber die Engländer fragten nach nichts. Der Pfarrer schickte Herzgebete ab und sagte: »er seines Orts nehme wenig Notiz davon und bitte nur leiser zu haranguieren, damit er nicht in den Ruf käme, als ob er pietistische Konventikel in seiner Pfarre zuließe; inzwischen steif' er sich ganz auf den Herrn Hofmedikus und Herrn Hofjunker, die ihn gegen Fiskalate gewißlich decken würden; sonst würd' er Frau und Sohn nicht mit dreinsprechen lassen.« Die Pfarrerin zog die Erinnerungen an ihr freies Vaterland den besten Verleumdungen und Moden vor. Viktor mußte heute sein Versprechen halten, seine republikanische Orthodoxie außer Zweifel zu setzen; und da er solches vor unsern Ohren gab, wollen wir auch mit sehen, wie er es hält und ob er ein Alt-Brite ist.

Er ahmte meistens den Stil nach, den er zuletzt gelesen oder – wie heute – gehört hatte; daher sprach er in Sentenzen wie der eine brennend-kalte Engländer.

»Kein Staat ist frei, als der sich liebt; das Maß der Vaterlandliebe ist das Maß der Freiheit. Was ist denn nun diese Freiheit? Die Geschichte ist der La Morgue-PlatzEin vergitterter Platz in Paris, wo man die in der Nacht gefundenen Toten ausstellet, damit jeder Verwandte den seinigen aussuche., wo jeder die toten Verwandten seines Herzens sucht: fragt die großen Toten aus Sparta, Athen und Rom, was Freiheit ist! Ihre ewigen Festtage – ihre Spiele – ihre ewigen Kriege – ihre steten Opfer des Vermögens und Lebens – ihre Verachtung des Reichtums, des Handels und der Handwerker können den kameralistischen Landesflor nicht zum Ziel der Freiheit machen. Aber der konsequente Despot muß den sinnlichen Wohlstand seiner Neger-Pflanzung betreiben. Der Druck und die Milde, die Ungerechtigkeit und die Tugend eines Einzelnen machen so wenig den Unterschied zwischen sklavischer und freier Regierform aus, daß Rom eine Sklavin war unter den Antoninen, und eine Freie unter dem SullaGroß ist die Seele, die wie er unter lauter Feinden aller Gewalt entsagt – größer ist das Volk, vor dem mans tun durfte. Ein anderes wäre den Läusen Sullas zuvorgekommen.. – Nicht jeder Bund, sondern der Zweck des Bundes, nicht das Vereinigen unter gemeinschaftliche Gesetze, sondern der Inhalt derselben geben der Seele die Flügel des Patriotismus; denn sonst wäre jede Hansa, jeder Handelsbund ein pythagorischer und zeugte Sparter. Das, wofür der Mensch Blut und Güter gibt, muß etwas Höheres als beides sein; – eignes Leben und Vermögen zu beschützen, hat der Gute nicht so viel Tapferkeit, als er hat, wenn er für fremdes kämpft; – die Mutter wagt nichts für sich und alles für das Kind – kurz nur für das Edlere in sich, für die Tugend, öffnet der Mensch seine Adern und opfert seinen Geist; nur nennt der christliche Märtyrer diese Tugend Glauben, der wilde Ehre, der republikanische Freiheit. – Nehmt zehn Menschen, sperrt sie in zehn verschiedene Inseln: keiner wird den andern (ich habe keine Weltbürger genommen), wenn er ihm auf seinem Kahn begegnet, lieben oder beschützen, sondern ihn bloß wie ein unschuldiges ungebildetes Tier unbeschädigt vorüberfahren lassen. Werft sie aber sämtlich auf eine InselViktor nahm zu seinem Bunde zehn Personen, vielleicht weil gerade so viele zu einem Tumulte gehören. Hommel rhapsod. observat. CCXXV. : so werden sie gegenseitige Bedingungen des Beisammenlebens, des Unterstützens u. s. w., d. h. Gesetze machen – jetzo haben sie öftern Genuß und Gebrauch des Rechts, folglich ihrer Persönlichkeit, die sie von bloßen Mitteln unterscheidet, folglich ihrer Freiheit. Vorher auf ihren zehn Inseln waren sie mehr ungebunden als frei. Je mehr die Gegenstände ihrer Gesetze sich veredeln, desto mehr sehen sie, daß das Gesetz den innern Menschen mehr angehe als der Schutthaufen, den es beschirmt, das Recht mehr als das Eigentum, und daß der edle Mensch seine Güter, seine Gerechtsame, sein Leben verfechte, nicht wegen ihrer Wichtigkeit, sondern wegen seiner Würde. – Ich will die Sache von einer andern Seite beschauen, um den Satz zu verteidigen, womit ich die Rede anfing. Wenn ein Volk seine Verfassung hasset: so geht der Zweck seiner Verfassung, d. h. seine Vereinigung, verloren. Liebe der Verfassung und Liebe für seine Mitbürger als Mitbürger ist eins. Ich hole so aus: wären alle Menschen weise und gut, so wären sie alle einander ähnlich, folglich gewogen. Da das nicht ist: so ersetzt die Natur diese Güte durch Ähnlichkeiten der Triebe, durch Gemeinschaft des Zwecks, durch Beisammenleben u. s. w. und hält durch diese Bänder – der ehelichen, der Geschwister- und der Freundesliebe – unsere glatten schlüpferigen Herzen zusammen in verschiedenen Entfernungen. So erzieht sie unser Herz zur höhern Wärme. Der Staat gibt ihm eine noch größere, denn der Bürger liebt schon mehr den Menschen im Bürger als der Bruder ihn im Bruder, der Vater im Sohn. Vaterlandliebe ist nichts als eine eingeschränkte Weltbürgerliebe; und die höhere Menschenliebe ist des Weisen große Vaterlandliebe für die ganze Erde. In meinen jüngern Jahren war mir oft die Menge der Menschen schmerzlich, weil ich mich unvermögend fühlte, 1000 Millionen auf einmal zu lieben; aber das Herz des Menschen nimmt mehr in sich als sein Kopf, und der bessere Mensch müßte sich verachten, dessen Arme nur um einen einzigen Planeten reichten.«...

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