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Hesperus oder 45 Hundposttage

Jean Paul Richter: Hesperus oder 45 Hundposttage - Kapitel 86
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleHesperus oder 45 Hundposttage
pages471-1236
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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Der Berg führte ihm das Bild des Malers vor, der sonst hier gewesen war, um Klotildens Reize gleichsam wie ein goldnes Zeitalter nur aus der Ferne abzuzeichnen und näher zu ziehen – und dieses führte sein Auge wieder in die Tage ihrer frühern Jugend und ihres stillen frommen Lebens im Stift, und es schmerzte ihn, daß eine Zeit sonst gewesen und verloren war, in der er sie nicht lieben können. Da er sich umsah und sich dachte, auf allen diesen Steigen, neben diesen Bächen, unter diesen Bäumen ist sie gegangen: so wurde ihm die ganze Gegend heilig und lebendig, und jeder darüber hinziehende Vogel schien seine Freundin zu suchen und zu lieben wie er.

Aber nun wachte mit jedem Stern, der oben im Himmel zurücksank, unten auf der Erde eine Blume und ein Vogel auf – der Weg von der Nacht zum Tage wurde schon mit Halbfarben belegt – kleine Nebel stiegen an der Küste des Tages auf – und Viktor war noch auf dem Berge. Seine Besorgnis, daß sich die weiße Fensterhülle rege und ihn zeige, war so groß wie sein Wunsch, daß die Besorgnis immer größer werde! Zuweilen wankte ein Vorhang, aber keiner ging auf. – Auf einmal wecken die Vogelkehlen eine Zauberflöte an dem Fuße seines Berges, und der stille Julius kam der Sonne, die ihm nicht mehr leuchtete, mit seinen Morgentönen entgegen. Da entschleierte sich plötzlich Klotildens Fenster, und ihre schönen hellen Augen nahmen den erfrischten Morgen in die fromme Seele auf. Viktor trat, der Entfernung ungeachtet, von Gesträuch hinter Gesträuch; aber die Flucht vor den geliebten Augen führte ihn der Flöte näher; er wollte jedoch ebensowenig vor Emanuel, den er in der Nachbarschaft des Blinden glaubte, erscheinen als vor Klotilden. Als ihn nur noch einige Gebüsche von den Tönen schieden, erblickte er auf dem Berge seinen Freund Emanuel unter der Trauerbirke. Nun eilt' er froh und zitternd zu Julius herab und fand ihn mit dem Lilienangesicht, schön wie den jüngern Bruder eines Engels, umflogen und umsungen von Vögeln, an einer Birke lehnen: »Welche Gestalten, welche Herzen«, dacht' er, »schmücken dieses Paradies!« Wie hätt' er sich an einem solchen Morgen, an einem so heiligen Orte, gegen einen so guten Jüngling verstellen und ihm etwa mit der nachgemachten Stimme seines italienischen Bedienten den Brief an Emanuel übergeben können? – Nein, das konnt' er nicht; er sagte mit leiser Stimme, um ihn nicht zu erschrecken: »Lieber Julius, ich bins!« – Dann sank er langsam an den zarten Menschen und umarmte an einer Brust – drei Herzen; und reichte ihm den Brief mit den Worten: »Gib ihn deinem Emanuel!« und floh mit dem wärmsten Druck der lieben Hand den Berg tiefer hinab und davon. –

Gerade um diese Stunde an diesem Tage vor einem Jahr verschwand auch Giulia aus Maienthal und nahm nichts von dem schönen Blumenboden mit als einen – Grabhügel.

Als er jetzt hinter Staudengängen ungesehen dem Orte der Seligen entronnen war: machte seine nächtliche Erheiterung einer unbezwinglichen Wehmut Platz. Die aufgehende Sonne zog alle hellen Farben aus seinem nächtlichen Traum – »Hab' ich denn wirklich Maienthal und Julius und alle Geliebte gesehen, oder ist nur auf einer unter dem Monde schillernden Wolke ein zerflossenes Schattenspiel vorübergeronnen?« sagt' er – und der Tag brütete die frische Nachtluft seiner Seele zu einem schwülen Flattern des Südwinds an. Anstatt daß der Mensch sonst, wie Raguel, in der Mitternacht Gräber aushauet und in der Morgensonne sie wieder verschüttet, kehrte heute Sebastian es um. –

Eigentlich war es nicht ganz so: sondern das schnelle Vorspringen und Einsinken der geliebten Gestalten, die vergrößerte Sehnsucht darnach, der rührende Abstich des Morgen-Getümmels mit der Nacht-Pause, des Sonnenfeuers mit dem Mond-Dämmern und die mit der Ermüdung der Phantasie und des Körpers verknüpfte träumende Ermattung der Schlaflosigkeit, alle diese Dinge drückten aus dem Herzen und Tränendrüsen unsers Nachtwandlers unwillkürliche, süße Tränen aus, die keinen Gegenstand betrafen, die weder vor Freude noch vor Kummer flossen, sondern vor Sehnsucht.

Auf einmal ließ der schöne nebellose erste Maitag das Andenken an den vorjährigen, wo er, wie ein Frühling und homerischer Gott, im Nebel ankam, vorübergehen – und der gute Mensch schauete mit den Tautropfen in den Augen die Tautropfen in den Blumen an und sagte unaussprechlich gerührt: »Ach vor einem Jahre kam ich so glücklich, wurde so unglücklich, und bin wieder so glücklich – o ihr fliehenden, spielenden, nachtönenden, zitternden Jahre des Menschen!« – und das Feiertag-Geläute aus allen Dörfern (es war Philippi Jakobi) setzte mit dem sanften Beben eines Echo alle seine Trauersaiten in ein weiteres Zittern.

»O vor einem Jahre« (tönten ihn die Glocken an) »begleiteten wir Giulia wie dich aus Maienthal heraus.« Dann zog vor der Sonne, die am Himmel ihre weißen Blüten aufschlug, der warme Gedanke sein Herz auseinander: »Vor einem Jahre, an diesem Morgen, ging dir dein Flamin entgegen und vergoß an deiner glühenden Brust so viele Freudentränen – und am Ende des heutigen Tages zog er dich wieder an sein Herz und sagte gleichsam ahnend: ›Vergiß mich nicht, verrat mich nicht, und wenn du mich verlassen willst, so laß mich mit dir untergehen!‹« –

»O du Treuer,« (sagten alle seine Gedanken) »wie tröstet es mich heute, daß ich einmal alle meine Wünsche gern den deinen aufgeopfert habe, um dir getreu zu bleibenEs war, als er in der Laube mit seinem Vater für Klotildens Verbindung mit Flamin sprach – und, als er sich vorsetzte, vor derselben sogar ihre Freundschaft zu entbehren. – Nein, ich kann ihm nichts verbergen, ich gehe jetzt zu ihm.« – Er ging gerade zu Flamin, um (wiewohl ohne Meineid gegen den Lord und mit Schonung der Eifersucht) es zu bekennen, daß er auf Pfingsten nach Maienthal verreise. Sein auseinandergegangnes Herz bedurfte ein entgegenweinendes Auge so sehr – sein feines Ehrgefühl verschmähte es so sehr, eine fremde Reise zur spanischen Wand der eignen zu machen – seiner erneuerten Liebe tat das kleinste Verhehlen vor seinem Freunde so weh – Matthieu war aus diesem himmelblauen Eden unter der Gehirnschale so gänzlich verstoßen – daß er, je länger er dachte und lief, desto mehr aufschließen wollte. Er wollt' es nämlich seinem Flamin sogar entdecken, daß er heute nachts die Einladkarte eigenhändig an den Blinden abgereicht: durch eine Täuschung wurde ihm die künftige Pfingstreise durch die heutige zulässiger, und diesen eignen Gesichtspunkt sah er für einen fremden an.

Aber so weit trieb seine träumerische und nachttrunkne Seele ihre gefährliche Ergießung nicht, die desto mehr schaden konnte, da Flamin im Zorne auf keine Unterschiede und Rechtfertigungen mehr zu hören vermochte und sogar alte eingeräumte wieder verwarf. Denn beim Eintritt zog ein Maifrost auf Flamins Gesicht den aufbrechenden Blütenkelch seines Herzens ein wenig zusammen. Er bat Flamin mit seiner kontrastierenden Wärme des Gesichts um einen Spaziergang an diesem hellen Tage. Draußen wurde der Abstich noch schneidender, da Flamin seinen Spazierstock bis zum Knicken einstieß, Blumen köpfte, Laub abschlug, mit dem Stiefelabsatz Fußstapfen aushieb, indes Viktor in einem fort zu reden suchte, um seine Seele in der mitgebrachten Wärme zu erhalten.

Es freuet mich an ihm, daß er sein von den heutigen Entbehrungen überrinnendes Herz gerade in eines ergießen wollte, dem er die Entbehrungen schuld zu geben hatte. Endlich sagte er, um das erschwerte Geständnis nur von der Seele zu werfen, eilend: »Auf Pfingsten geh' ich nach Maienthal« – und ging fliegend zu den Worten über: »O gerade heute vor einem Jahre gingst du mir...«

Flamin unterfuhr ihn, und das Eisgesicht wurde wie ein Hekla von Flammen zerspalten: »So so! – Zu Pfingsten? – Nach Kussewitz gehst du nicht mit uns! – Laß mich doch einmal recht ausreden, Viktor!« – Sie blieben also stehen. Flamin streifte die Blüten und Blätter von einem Schlehenast mit blutiger Hand und blickte seinen sanften Freund nicht an, um nicht erweicht zu werden. »Heute vor einem Jahre, sagst du? Sieh, da ging ich eben abends mit dir auf die Warte, und wir versprachen uns entweder Treue oder Mord. Du schwurst mir, dich hinabzustürzen mit mir, wenn du mir alles genommen hättest, alles – oder etwan ihre Liebe; denn in deinem Beisein sieht sie mich kaum mehr an. – Bin ich denn beim Teufel blind? Seh' ich denn nicht, die Maschinerie mit ihrer und deiner Reise ist abgekartet? – Was tust du mit den Maienthaler Landschaften gerade jetzt? Wem gehört der Hut? – Und was soll ich mir aus allem nehmen? – Wem, wem? sags sags – O Gott! wenns wahr wäre! – Hilf mir, Viktor!« – Dem gemißhandelten, heute erschöpften Viktor standen die bittersten Tränen in den Augen, die aber Flamin, der sich durch sein eignes Sprechen erzürnte, jetzt ertragen konnte. Niemals nahm dieser in einer Ergrimmung Vorstellungen an: gleichwohl erwartete er sie und staunte über sein Rechthaben und über das fremde Verstummen und begehrte, daß man widerspräche. Er quetschte seine Hand in die Schlehenstacheln. Sein Auge brannte in das weinende hinein. Viktor bejammerte den festen Schwur vor seinem Vater und sah auf die zitternde Waage, worauf der Eid und die schonende Freundschaft sich ausglichen. Er sammelte noch einmal alle Liebe in seiner Brust und breitete die Arme auseinander und wollte mit ihnen den Sträubenden an sich ziehen und konnte doch nichts sagen als: »Ich und du sind unschuldig; aber bis mein Vater kömmt, eher kann ich mich nicht rechtfertigen.« – Flamin drückte ihn von sich ab: »Wozu das? – So wars im Gartenkonzert auch, und du warst seitdem tagtäglich bei ihr und auf Osterbällen und auf Schlitten, ohne mich – Sag lieber geradezu, willst du sie heiraten? – Schwör, daß du nicht willst! – O Gott, zöger' nicht – schwör schwör! – Ja ja, Matthieu! – Kannst du noch nicht? – Nu so lüg wenigstens!«

»Oh!« – sagte Viktor, und Blutströme schossen verfinsternd durch sein Gehirn und über sein Angesicht – »beleidigen darfst du mich doch nicht gar zu sehr, ich bin so gut wie du, ich bin so stolz wie du – vor Gott ist meine Seele rein« – – Aber Flamins Blut an der Schlehenstaude drückte Viktors zürnende Erhebung nieder, und er hob bloß das mitleidige Auge voll Freundschaft-Tränen in den hellern sanftern Himmel. – »Nur die Heirat verschwörst du doch nicht? – Gut, gut, du hast mich erwürgt – mein Herz hast du zerstampft und mein ganzes Glück – ich hatte niemand als dich, du warst mein einziger Freund, jetzo will ich ohne einen zum Teufel fahren – Du schwörst nicht? – O ich reiß' mich von dir blutig und elend und als dein Feind – wir scheiden uns – gehe nur – weg! es ist aus, ganz! – Adieu!« – Er entfloh mit dem in den Weg hauenden Stock, und sein zerrütteter Freund, zu Füßen liegend der Wahrheit, die das Flammenschwert gegen den Meineid aufhebt, und in Tränen sterbend vor der Freundschaft, die auf das weiche Herz den schmelzenden Blick voll Bitten wirft, Viktor, sag' ich, rief dem fliehenden Geliebten im Sterben nach: »Lebe wohl, mein teurer Flamin! mein unvergeßlicher Freund! ich war dir wohl treu! – Aber ein Schwur liegt zwischen uns – Hörst du mich noch? – eile nicht so! – Flamin, hörst du mich? ich liebe dich noch, wir finden uns wieder, und komm, wann du willst.«... Er rief stärker, obwohl mit erstickten gedämpften Tönen nach: »Redliche, teure, teure Seele, ich habe dich sehr geliebt und noch und noch – sei nur recht glücklich – Flamin, Flamin, mein Herz bricht, da du mein Feind wirst.« – Flamin sah sich nicht mehr um, aber seine Hand war, wie es schien, an seinen Augen. Der Jugendfreund schwand aus seinen Augen wie eine Jugend, und Viktor sank unglücklich nieder unter dem schönsten Himmel, mit dem Bewußtsein der Unschuld, mit allen Gefühlen der Freundschaft! – O die Tugend selber gibt keinen Trost, wenn du einen Freund verloren hast, und das männliche Herz, das die Freundschaft durchstochen hat, blutet tödlich fort, und aller Wundbalsam der Liebe stillet es nicht! –

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