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Hesperus oder 45 Hundposttage

Jean Paul Richter: Hesperus oder 45 Hundposttage - Kapitel 84
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleHesperus oder 45 Hundposttage
pages471-1236
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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31. Hundposttag

Klotildens Brief – der Nachtbote – Risse und Schnitte im Bande der Freundschaft

Ich wollt' es in die Literaturzeitung rücken lassen, ich hätte Herrnschmidts osculologia zu meinen (gelehrten) Arbeiten vonnöten – Nämlich zu diesem Kapitel: ich wollte daraus sehen, wie man zu Herrnschmidts Zeiten mit den Weibern umging. Zu Jean Pauls Zeiten geht man schlecht mit ihnen um, in Romanen nämlich. Bloß der Engländer kann vortreffliche Weiber porträtieren. Den meisten deutschen Roman-Formern schlagen die Weiber zu Männern um, die Koketten zu H--, die Statuen zu Klumpen, die Blumenstücke zu Küchenstücken. Daß die Schuld mehr an den Malern als an den Urbildern liege, wissen nicht nur die Urbilder selber, sondern auch der Berghauptmann schon daraus, weil die Romanleserinnen alle noch romantischer sind als die Romanheldinnen, noch feiner und zurückhaltender. Der Berghauptmann tut hier – ohne die Absicht zu haben, daß ihn acht vornehme Weiber in Mainz, wie den Weiber- und Meistersänger Heinrich Frauenlob, zu Grabe tragen – einen gedruckten Eidschwur (d. h. Schwurschwur), daß er die meisten seiner Zeitgenossinnen besser antraf, als sie der gute offne, aber leere rohe Kopf des Verfassers des Alcibiades und Nordenschilds zeichnen kann. In der Tat, wenn die Weiber nicht den Männern alles verziehen, sogar den Autoribus (und zwar täglich siebenzigmal, und sie reichen den andern Backen dar, wenn der eine durch Küssen beleidigt worden): so könnt' es kein Bücherverleiher erklären, wie Menschen, deren Kopf doch schwerer, deren Zirbeldrüse kleiner ist, und die sechs Knorpelringe der Luftröhre mehr haben – nämlich 20 überhaupt, wahrscheinlich zum Mehr-Reden –, deren Brustbein kürzer und deren Brustknochen weicher sind als bei den Männern, wie doch solche Menschen weiblichen Geschlechts noch die Magd oder den Kerl in eine Lesebibliothek mit dem Auftrag schicken können: »Einen Ritterroman für meine Mademoiselle!« Meine Feder-Kollegen – in Rücksicht der Weiber bin ich nach der Bergsprache bloß von der Feder, nicht von Feuer noch von Leder – werden zur Erziehung der Leserinnen, wie nach Lessing die Juden zur Erziehung der Völker, nur darum gewählt, weil sie roher sind als die Zöglinge.

Jede Frau ist feiner als ihr Stand. Sie gewinnt mehr durch die Bildung als der Mann. Die weiblichen Engel (aber auch die weiblichen Teufel) halten sich nur in den höchsten feinsten Menschen-Schubfächern auf; es sind Schmetterlinge, an denen der Samt-Fittisch zwischen zwei rohen Mannsfingern zum nackten häutigen Lappen wird – es sind Tulpen, deren Farbenblätter ein einziger Griff des Schicksals zu einem schmutzigen Leder ausdrückt. – –

Ich bringe dies alles vor, damit Herr Kotzebue und der freche Poetenwinkel in JenaNämlich in den Jahren der Lucinde, der Herders Feinde etc. und das ganze romantische Schiffvolk es meiner Klotilde nicht übelnehmen, daß sie ihr eignes Geschlecht als das besagte Volk nachahmt, um so mehr, da sie vorschützen kann, sie habe dieses noch nicht gelesen.

Durch Agathen kam sehr bald eine von Emanuel überschriebene Antwort Klotildens an, die innen gesandten-mäßig besiegelt, geometrisch beschnitten und kalligraphisch geschrieben war, weil Frauenzimmer alle Dinge, die sinnliche Aufmerksamkeit verlangen, besser betreiben als wir, und weil sie – denn kaum vier aus meiner Bekanntschaft brauch' ich auszunehmen – gerade im Gegensatz der Männer desto schöner schreiben, je besser sie denken. Lavater sagt, der schönste Maler gebiert die schönsten Gemälde, und ich sage, schöne Hände schreiben eine schöne Hand.

Klotildens Brief stellet sich mit einer Lusthecke und einem lebendigen Zaun voll Blüten unserem Doktor in den Steig und lässet ihn nicht nach Maienthal. Denn er heißet so:

»Würdigster Freund!

Kein Mädchen ist vielleicht so glücklich als eine Dichterin; und ich glaube, hier in diesem aufgeschmückten Tale wird man zuletzt beides. Sie sind überall glücklich, da Sie sogar an einem Hofe ein Dichter sein können, wie mir Ihre schöne poetische Epistel beweiset. Aber die Phantasie malet gern aus Schminkdosen – das wahre Maienthal kann der Ihrigen nicht soviel geben, als Sie in die drei Landschaft-Blätter desselben zu legen wissen. Sooft ich und Sie einerlei durch Dichtung ersetzen müssen: so ist bloß bei Ihnen der Ersatz größer als das Opfer.

Wenn ich Ihnen das Vergnügen, Herrn Emanuel zu sehen, durch Überreden hätte verschaffen können: so hätt' ichs gern getan; aber ich war zuletzt aus Gewissenhaftigkeit nicht beredt genug, um ihn zu einer Reise zu Ihnen zu bringen, die seine sieche Brust der Gefahr des Verblutens aussetzte. Sehen Sie ihn für einen Frühling an, den man alle Jahre neun Monate lang erwarten muß.

Ach die Besorgnis für meinen unvergeßlichen und unersetzlichen Lehrer wirft einen Schatten über den jetzigen ganzen Frühling, wie ein Grabmal über einen Blumengarten. Ich habe niemals einen Frühling so gern und so freudig angesehen wie diesen – ich kann oft noch bei Mondschein an die Bäche hinausgehen und eine Blume aufsuchen, die vor dem fließenden Spiegel zittert und um welche ein Mond oben und einer unten schimmert, und ich stelle mir das Blumenfest in Morgenland vor, bei dem man (wie man sagt) nachts um jede Gartenblume einen Spiegel und zwei Lichter setzt. Aber doch kann ich nicht zum Blumenflor meines Lehrers hinüberblicken, ohne zu weich zu werden, da ich denken muß: wer weiß, ob seine Tulpen nicht länger stehen als seine zerknickte Gestalt. Hat denn die ganze Arzneikunst kein Mittel, das seine Hoffnung zu sterben vereitelt? – Ich glaube, er stimmt mich nach und nach in seinen melancholischen Ton, womit ich mich vor einem andern als dem Freunde Emanuels lächerlich machen würde; aber eine stille verborgene Freude bricht auch gern in Schwermut aus; ›nur in der kalten, nicht in der schönen Jahrzeit unsers Schicksals‹, sagten Sie einmal, ›tun die warmen Tropfen weh, die aus den Augen auf die Seele fallen, so wie man bloß im Winter die Blumen nicht warm begießen darf.‹ Und warum sollt' ich Ihrer offenherzigen Seele nicht alle Schwächen der meinigen offenbaren? Dieses Zimmer, worin meine Giulia ihr schönes Leben endigte, dieser Spiegel sogar, der mir, als ich mich vor Schmerz von ihrem Sterben wegkehrte, meine erblassende Schwester noch einmal zeigte, die Fenster, aus denen mein Auge so oft des Tages auf einen traurigen dornenvollen Rosenstrauch und auf einen ewig geschlossenen Hügel kommen muß, alles das darf ja wohl meinem Herzen einige Seufzer mehr geben, als eine Glückliche sonst haben soll. Ich weiß nicht, sagten Sie oder Emanuel es: ›Der Gedanke des Todes muß nur unser Besserungmittel, aber nicht unser Endzweck sein; wenn in das Herz wie in die Herzblätter einer Blume die Grabeserde fällt, so zerstöret sie, anstatt zu befruchten‹; aber auf mein Laub hat wohl das Schicksal und Giulia schon einige Erde geworfen. – Und ich trage sie gern, da ich seit Ihrer Freundschaft nun zu einem Herzen flüchten kann, vor dem ich meines öffnen darf, um ihm darin alle Kümmernisse, alle Seufzer, alle Zweifel, alle Fragen einer gedrückten Seele zu zeigen. O ich danke dem Allgütigen, daß er mir so viel, als er mir in meinem Lehrer zu entziehen drohet, schon voraus in seinem Freunde wiedergibt – meine Freundschaft wird unserm Emanuel nachreichen bis in die andre Welt und seinen Liebling begleiten durch diese; und sollte einmal auf uns beide der gemeinschaftliche Schlag seines Todes fallen, so würden wir unsere vereinigten Tränen geduldiger vergießen, und ich würde vielleicht sagen: ach, sein Freund hat mehr verloren als seine Freundin!

Klotilde.«

*

Das Schlagen meines fremden Herzens misset mir das Schlagen des glücklichern ab. Aber eh' ich erzähle, was Viktors Freude über diesen Brief anfangs störte und dann verdoppelte, sei es mir erlaubt, zwei gute Bemerkungen zu machen. Die erste ist: die vergrößerte Empfindsamkeit ist in einer stolzen Brust (wie Klotildens), die sonst die Seufzer zurückholte und nur weibliche Satiren über uns Herren ausschickte, das schönste Zeichen, daß ihr Herz im Sonnenschein der Liebe zergehe. Denn diese kehret die Weiber um; sie macht aus einer Kolumbine eine Youngin, aus einer Ordentlichen eine Unordentliche, aus einer Feinen eine Offenherzige, aus einer Putzmacherin und Putzträgerin eine Philosophin und wieder umgekehrt. – Und du, liebe Philippine, prüfe die zweite Bemerkung, da du jetzo so gut bist wie dein eigner Bruder: ist nicht das Verhehlen der Liebe das schönste Entdecken derselben? Zeigt nicht ein Schleier – ein moralischer, mein' ich – das ganze Gesicht und ist für nichts unzugänglich als für den Wind – den moralischen, mein' ich –? Decket nicht das gläserne Gehäuse der Damenuhr das ganze darauf gefirnißte Uhrporträt am Boden auf und wendet bloß das Beschmutzen, nicht das Beschauen ab? – Und was wirst du für Bemerkungen machen, wenn ich dir diese beiden vorlese!

Der Brief stärkte zugleich Viktors Wunsch, um Klotilde zu sein, und seine Kraft, ihn aufzugeben – bis des andern Tags in der Nachttisch-Stunde ein Zufall alles änderte. Matthieu, der fast mehr Besuche bei Feinden als bei Freunden ablegte, kam vom Apotheker herauf. Er sah die Prospekte von Maienthal und den Florhut; und da er wußte, daß seine Schwester Joachime beides habe: so sagte er scherzhaft: »Ich glaube, Sie wollen sich verkleiden, oder man hat sich entkleidet.« Viktor flatterte mit einem leeren lustigen »Beides!« darüber. Er nahm nicht gern den Namen der Liebe oder eines Weibes vor einem Menschen in den Mund, der an keine Tugend glaubte, am wenigsten an weibliche, der zwar, wie andre Spinnen auf andere Musik, sich an seinem Faden auf die Liebe niederließ, der aber, wie Mäuse aus Liebe zu den Tönen, über die Saiten kroch und sie zersprengte. Viktor war ungern (vor seinem Hofleben) mit solchen philosophischen Ehrenräubern unter unbescholtenen Mädchen, weil es ihm schon wehe tat, an den Gesichtpunkt der ersten erinnert zu werden. »Von meiner Tochter«, sagt' er, »müßten sie nicht einmal das Dasein erfahren, weil sie einen Vater schon dadurch beleidigen, daß sie sich sie vorstellen.« –

Matthieu sprach von dem nächsten patriotischen Klub (den 4ten Mai am Geburttag des Pfarrers) und fragte, ob er dabei wäre. Agathe aber hatte ihn schon gestern (am vorletzten April) daran erinnert. Endlich führte Matz seine Frage vor: »ob er nicht auch zu Pfingsten von der Partie sei? – Er habe mit dem Regierrate (Flamin), der dazu immer Ferien brauche, eine kleine Lustreise abgekartet nach Großkussewitz zum Grafen von O – Er habe da zu tun, noch einige Quartiere des Hofstaats den Kussewitzern zu bezahlen und den Grafen von O zu einem gütlichen Vergleich über das neuliche Mißverständnis umzustimmen, daher er den Juristen mithaben müsse – Vielleicht seien die Engländer bei diesem Kongresse – das Reisekorps könne dann so große Vergnügungen haben wie ein corps diplomatique, nachdem es vorher ebensolche Geschäfte gehabt. Der Graf von O liebe überhaupt Engländer sehr, ob er gleich nicht gern Engländer reite – denn er hab' es sehr bedauert, daß er neulich mit dem Herrn Hofmedikus bei der Fürstin gesprochen, ohne ihn zu kennen.« Sebastian hatte seine lange stumme Aufmerksamkeit mit einem kalten »Nein!« beschlossen, weil die Ausdünstung dieser falschen fliegenden Katze mit einem ätzenden Gift sein unbeschirmtes Herz überzog. »Was hab' ich« (dacht' er unter jener Einladung) »diesem Menschen getan, daß er mich ewig verfolgt – daß er mit einem Messer, dessen eine Seite vergiftet ist oder beide, meinen Jugendfreund unter unsern doppelten Schmerzen von meiner Seele schneidet – daß er seine Minier-Höhlen bis an fremde Orte fortführt, um mich in allen Stellungen über seinem Pulver zu haben!« Viktor mußte nämlich nach allem besorgen, daß die Pfingst-Reise eine Entdeckreise sei, worauf Joachime dem Bruder, wie Ritter Michaelis den Morgenlandfahrern, Fragen über die Uhrbriefsache, über Tostato u. s. w. mitgebe, um wohl gar beim Fürsten eine Anklage daraus zu bilden. Er hielt das Untere seiner Karte, d. h. seines tugendhaften Schmerzens, so, daß es Matthieu nicht ganz sehen konnte, um ihm eine boshafte Freude zu entziehen. Dieser, der nicht eine Spitzenmaske, sondern eine eiserne und noch dazu eine mit einem Halse trug, hatte oft eine solche Kälte, daß man seinen wütigen Zorn nicht begriff und umgekehrt – aber jene hatte er im Lager, diesen in dem Gefechte gegen den Feind. Wenn ihn jemand sogleich aufbrachte, so wars ein gutes Zeichen und bedeutete, daß er nichts gegen ihn im Schilde führe.

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