Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Jean Paul Richter >

Hesperus oder 45 Hundposttage

Jean Paul Richter: Hesperus oder 45 Hundposttage - Kapitel 82
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleHesperus oder 45 Hundposttage
pages471-1236
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
Schließen

Navigation:

Es wäre überhaupt die Frage gewesen, obs dieselbe Uhr war, da die in Tostatos Bude keine Brillanten hatte – wenn nicht aus dieser Pandorabüchse, sobald er sie am Fenster aufgeschlossen hatte, hervorgeflattert wäre ein dünnes Blättchen, halb so groß wie ein Schmetterlingflügel, so lang wie ein Tulpenstaubfaden. – Die kleine Folie nahm vor jedem Lüftchen die Flucht. – – Joachime fing das Ding – las das Ding – fand die Lieberklärung noch darauf – hielt sie für eine, die er ihr selber eben mache, um seine Abwesenheit auszusöhnen, und die er der Uhr Witzes halber (er konnte auf ihre Herz-Gestalt anspielen) einverleiben wollen...

Jeder kann denken, wie ihm bei der Sache war. – Recht wohl wär' ihm dabei gewesen, wenn er hätte entsetzlich lügen dürfen oder wenn er nur wenigstens den wenigen Hof-Leuten hätte nachschlagen dürfen, die unter die 28 Pfund Blut, die ihren Körper wässern, nicht 28 ehrliche Bluttropfen – ein einziger kann, wie ein liquor probatorius, in der übrigen Masse verdammte Niederschläge nachlassen – geschüttet haben. Aber seine Seele ekelte der neue Köder zur Lüge. Der Leser kann gar noch nicht wissen, daß Viktor fehlschoß, – daß er nämlich (wegen der Entlegenheit von Joachimens Argwohn) auf diesen gar nicht kam, sondern auf den nähern, Joachime habe jetzt seinen ganzen närrischen Streich gegen die Fürstin heraus. Er war niemals fähig, einen fremden Leichnam als Schild den Pfeilschüssen gegen seinen eignen vorzuhalten – eine Sitte auf dem Hof-Moria, die nicht wie die alttestamentliche einen Isaak mit einem Widder löset, sondern einen Widder mit einem Isaak – er war heute am wenigsten fähig, die Fürstin preiszugeben, um sich zu retten; aber auch nicht einmal das vermocht' er, Joachimen preiszugeben, um jene zu retten, d. h. den Teufelzettel zu einem Süßbriefchen an Joachimen umzumünzen. Der Satan schrie sich in ihm heiser, um ihn nur so weit zu bringen, daß er wenigstens durch schweigende Gebärde löge und die ihrige rechtfertigte, worin der Schein immer mehr abnahm, als glaubte sie es an eine fremde Dame gerichtet.

Er sagte ihr frei heraus, was er sei – ein Narr. Er erzählte den ganzen Handel in Kussewitz. Er schloß damit, es sei ein Glück für ihn, daß die Fürstin das tolle Einschiebsel der Uhr gar nicht aufgestöbert habe.... Da er nun dieses eintönig vorsang ohne eine einzige Schmeichelei, aus der etwan eine neue verbesserte Auflage des Einschiebsels zu machen gewesen wäre: so war er so glücklich, bei seinem Abschiede die belehrte Joachime in einem Zustand zu hinterlassen, der sich nach solchen magnetischen Handhabungen bei gebildeten Weibern in einer schönen stolzen Erhebung und bei ungebildeten in den Versuchen äußert, an den Mann die bildende letzte Hand gerade so zu legen, wie sie die griechischen Künstler an ihre Modelle legten – – nämlich mit den Nägeln der letzten Hand. Viktor zog mit zweierlei sehr verschiedenen Prospekten ab, mit denen der Zukunft und mit den maienthalischen. –

Sie behielt das Blättchen. Aber nicht die Furcht, sondern das herbe Gefühl, daß seine bisherigen Torheiten sich bloß in einem fremden Herzen mit einer fehlgeschlagnen Hoffnung endeten, floß mit einigen bittern Tropfen in die süße verjüngende Empfindung, daß er auf seine Kosten recht gehandelt habe. Eine Rührung, eine Träne ist ein Schwur vor dem Himmel, gut zu werden; – aber eine einzige Aufopferung stählet dich mehr als fünf Bußtränen und zehn Bußpredigten.

Ich habe nicht den Mut, es zu erraten, warum die Fürstin die Uhr mit dem Einschlusse, den sie (schon nach dem Gespräch mit Tostato) gelesen haben muß, Joachimen in die Hände gegeben; aber für die argwöhnischen Spitzbuben, deren ich im Kapitel ihres Augenverbandes und Kusses gedacht, ist das ein Fund; das Geschenk der Uhr bestätigt sie ganz in ihrem spitzbübischen Glaubensatz; denn sie können – ich setze mich vergeblich dagegen – das Geschenk für ein Zeichen der italienischen Rache ausgeben, die Agnola an der Nebenbuhlerin Joachime, der sie Viktors Widerstand zuschreiben mußte, dadurch habe nehmen wollen, daß sie ihr seine anderweitigen Lieberklärungen mitgeteilt.

Viktor nahm sich, indem er zu Hause die größten physischen Schritte machte, vor, ähnliche politische zu tun und geradezu dem Fürsten zu bekennen: »Es ist nicht viel über neun Monate, daß ich Höchstderoselben Braut mit einer schmalen Lieberklärung behelligt habe, die sie gar noch nicht kann gelesen haben und die nun aus einer Hand in die andre geht.« Aber jetzo war die Eröffnung der Uhrbrieftasche nicht tulich: Jenner war durch die Entfernung Klotildens ein wenig verdrüßlich; Viktor war seit einiger Zeit auch weniger um ihn als sonst, wie doch ein rechtschaffener Günstling nicht sollte, da z. B. der berühmte Graf von Brühl wie eine Mutter von Morgen bis Mitternacht seinen Herrn umwachte. Jenner schien in dieser Einsamkeit mehr an seine Kinder zu denken, und Viktor konnte ihm keine Nachrichten vom Lord erteilen. Die Hauptsache war vollends seine Frühlingkränklichkeit, die ihn wieder zum gläubigen Jünger des Doktor Kuhlpeppers und des Podagra machte. Dieser Doktor-Rumpf unter einem Doktorhute, dessen Gehirnfibern zu Baßsaiten gezwirnt waren, versteigerte seine Einfältigkeiten bloß durch die ernsthafte Schwerfälligkeit, womit er ihrer los wurde, über den Preis; von gewissen Personen, z. B. von Ärzten, von Finanz-Rechnern, von ökonomischen Geschäftträgern, fodern sogar Leute von feinen Sitten steife und halten sich an eine Zipfelperücke lieber als an einen Haarbeutel von Schnallengröße oder an einen Tituskopf. Sebastian kam den Leuten viel zu spaßhaft vor, als daß sie hätten denken können, er habe was gelernt. Im Punkte der Ärzte – wie in jedem Hauptpunkte des Vermögens oder des Lebens – denket der vornehmste Pöbel wie der niedrigste und schätzet Männer und Schoßhunde nach äußerer zottiger Wildnis. Noch dazu hatte Viktor den Fehler, sich und die Ärzte in den Verdacht der Ruhmsucht zu bringen, indem er sie geradezu lobte: z. B. »sie wären bei ihrem Matrosen- und Toten-Pressen eine Art Seelenverkäufer für die andre Welt und dienten den guten Engeln, die den Kern ohne die Körperschale begehrten, um ihn weiter zu stecken, zu Nußknackern; – wie oft heben wir nicht« (fuhr er fort) »die gefährlichsten Krankheitversetzungen durch eine leichte Krankenversetzung! Ich könnte mich auf die refugiés aus dieser Welt berufen, ob unser Streu- und Dintenfaß (das Geräte unserer Rezepte) nicht die Säemaschine und Gießkanne der menschlichen Wintersaat waren; aber die Hinterbliebnen sollen reden und antworten, ob sie nicht die Pfründen, die Regimenter, die Lehngüter, die Ordenbänder, die ihnen zugefallen, unsern Rezepten und Uriasbriefen zu verdanken haben, und ob sie und sogar Könige im Trocknen säßen ohne unsere häufigen Abzuggräben im Kirchhof. – Und doch, dünkt mich, ist unser Ruhm im Heilen und Beleben ebenso groß, wo nicht größer: dieser Ruhm – so wie die Sterblichkeitlisten, worauf er sich stützt – ist seit vielen Jahrhunderten der nämliche geblieben, unsre Theorien, Spezifika, Einsichten mochten sich ändern, wie sie wollten.«..

Den Fürsten machten solche Satiren recht lustig und – ungläubig. Doktor Kuhlpepper hingegen hielt auf seine Würde und würde gegen einen Satirikus, der vom langsamen Dezimieren der Ärzte gesprochen hätte, seinen Degen gezogen und ihn durch ein schnelleres vollständig widerlegt haben. Ich rate jedem, der in der Welt etwas werden will (nämlich etwas anders), bei den Männern auszusehen wie ein Leichenbitter – bei den Weibern wie ein Gevatterbitter. – Der Fürst hielt sich im siechen Frühjahr aus zwei Gründen wieder vom Zipperlein besessen, erstlich weil ich noch keinen Nerven-Schwächling gekannt habe, der sich eine Krankheit, die ich ihm im Sommer ausgeredet hatte, nicht im nächsten kränklichen Winter wieder in den Kopf gesetzt hätte – zweitens weil Jenner nachgerechnet, daß er oft genug vor Damen auf die Knie gefallen war, um das Anbeten daran noch als Gonagra oder Kniegicht zu spüren.

So stands, als ein kleiner Zufall unsern Viktor wieder glücklich machte. Ich muß nur vorher sagen, daß er ohnehin gar nicht unglücklich war; denn ein Liebhaber bekümmert sich um nichts, um einen Hof gar nicht; er hat Amors Binde um und verzeiht gern der Fortuna und der Justiz die ihrigen. Und das moralische Osterfeuer lösete – so wie Aberglaube dem physischen eine eigne Kraft beimisset – alles Eis, womit man Viktors Blut andämmte, in Freuden-Lymphe auf; der Osterwind – der nach den Wetterpropheten bis zu Pfingsten fortwehet – setzte seine alten Freudenblumen in Bewegung und säete aus ihnen den Samenstaub künftiger weiter; der Schnee zerging auf dem aus dem Winterschlafe erwachenden heißen Frühling, und die ersten Blumen und die tausend Knospen gaben allen Herzen Kräfte und Hoffnungen und Liebe. O wenn Viktor draußen dem grünenden Steige nachsah, der ihn mit frischen Saftfarben mitten aus der Grummetsteppe (denn im Frühling grünen die Fußwege zuerst) in das maienthalische Eden locken und tragen wollte; und wenn er dann glühend und dürstend umkehrte und in das gezeichnete Maienthal einlief, in die entlehnten Prospekte, und da jeden Farbenberg erstieg und jeden punktierten Garten umzingelte mit seinen Fingern und Phantasien: so dachte er selber nicht, daß ein kleiner Zufall ihn noch froher machen könnte. – Und doch machte ers ihn.

Es ist nicht wohlgetan von mir, daß ich das – und das hab' ich mir in dieser Lebensbeschreibung so sehr angewöhnt – immer einen Zufall nenne, was ein naher Blut-Urenkel voriger Kapitel ist und was ja kommen muß. Denn der Florhut – das war der Zufall – mußte ja kommen, weil er bestellt war. Es war aber das – Urbild selber. In so schmaler Zeit wäre ohnehin von der flinkesten Putz-Bauherrin kein Hut zu machen gewesen; aber Sebastian hätt' es doch nicht bedacht, wenn ihn nicht Puderspuren und aufgegangne Spitzen-Gitter gezwungen hätten, den alten Hut von einem neuen zu unterscheiden. Kurz: Klotilde hatte ihn Agathen, die es ihr nicht verschweigen konnte, für wen sie das Nachbild davon nehme, vor dem dritten Ostertage gegeben zum Abkopieren, und nach dem besagten Tage ihr geschrieben, ihr die Kopie zu schicken und dem Medikus das Urbild für das Nachbild (wie bei der Wachsstatue) anzuhängen. – Und warum wohl? – O das fühlte ihr Freund in süßer Rührung nach: es dauerte sie, daß sie einem scheuen zärtlichen Herzen nichts geben konnte, keinen Laut, keinen Blick, keine Freude, kein Andenken des schönsten Abends, als bloß den herbstlichen Nachflor desselben, als nachgenähte Seidenblumen dieser Freudenblume, den Taftschatten eines Taftschattens.... Nein, sie bezwang sich, um dem stummen Liebling wenigstens mehr als die Kopie des Schattens zu geben. – O vor wem das liebevolle zugedrückte Herz eines guten Weibes aufginge: wie viel bekämpfte Zärtlichkeit, verhüllte Aufopferungen und stumme Tugenden würd' er darin ruhen sehen!

– Man muß nur dem deutschen Reichstage und seinen Querbänken kein Geheimnis daraus machen, daß Viktor den neunten Kurhut, oder gar den achten und letzten, nicht annehmen will, wenn er dafür den Florhut abstehen soll.... Was können, sagte er, die plumpesten dicksten Kronen, die man mir auf meinen Reisen vorgezeigt, in der einen Schale wiegen – gesetzt man würfe auch noch einige Tiaren und Dogemützen mit Bügeln und päpstliche Hüte zu den Kronen hinein –, wenn auf der andern Klotildens Florhut zieht? Da der Leser ebensoviel Verstand hat wie ich selber: so entscheid' er hierauf. – Dieser Hut gab ihm ein unaussprechliches Sehnen nach Maienthal und war für ihn ein Dedikationkupfer, das ihm (wie durch eine investitura per pileum) Klotilden erst schenkte; er blieb vor dieser Krone als Kronerbe – jede Minute zog seinen Kronwagen – mit zwei großen Freudentropfen stehen, die das glückliche Auge nicht faßte, und sagte, langsam den Kopf wiegend: »Nein, das gütige Schicksal gibt mir zu viel – Ach wie kann ich diese Seele vom Himmel verdienen? – Ich werde bloß zu ihr sagen: ›Ich bin dein!‹ und spät einmal: ›Du bist mein!‹« Und als gar seine Phantasie hinter dem Flor-Gegitter die zwei großen Augen aufschloß, die sonst darunter die Tränen eines zurückgestoßenen Herzens verborgen hatten, und als er die entrückte Stimme wieder hinter diesem Sprachgitter aus Schattenfäden reden ließ: so konnt' er sich nicht mehr halten, sondern er schrieb – damit er nach Maienthal dürfe – dem Hute gegenüber den ersten Brief an sie, den ich morgen abends gewiß mit der Post erhalten werde vom Hunde. –

Ich glaube, ich hab' es gar noch nicht gesagt, daß Agathe ihm den Hut auslieferte und daß sie ihn – es ist gegen das Ende des Aprils – auf den 4ten Mai zum Geburttag des Vaters einlud. Viktor dachte an den melancholischen 4ten Mai vom Jahre 92 und wurde noch sehnsüchtiger nach der entrissenen Freundin.

Eh' ich das Kapitel schließe, will ich nur den jüngern Klotilden, den Vize-Klotilden, den Kebs-Klotilden und den Gegen-Klotilden, die mich und meine Kapitel auf dem Schoße haben, das noch sagen: seid kalt! Ihr könnt die weibliche Tugend-Kälte gar nicht zu weit treiben, ihr müßtet ihr denn gar keine Grenzen stecken. – Ich will euretwegen diese Lehre in weise Sprüche und witzige Sentenzen kleiden, damit sie besser auf Fächer und in Stammbücher geht.

Die Liebe muß wie der Aurikelsame auf Schnee gesäet werden, beide wärmen sich durch das Eis schon durch und gehen dann desto frischer auf – Ihr müsset euch nie zu einem bloßen Geschenke machen, sondern zu einem Frauenzimmerdank der Ritter – Ihr erhaltet und verdient gerade so viel Achtung, als ihr fodert, und ihr könnt, ihr mögt legiert sein, wie ihr wollt, euren Münzstempel oder Prägstock aus der Tasche ziehen und euch damit prägen zu einem Damend'or für den einen Herrn und zu einem elenden Fettmännchen für den andern – Ein Wüstling zeigt in einer Gesellschaft wie ein Luftreinigkeitmesser durch die verschiedenen Grade seiner Kühnheit die verschiedenen Grade des weiblichen Verdienstes an, aber in umgekehrtem Verhältnis....

Sogar wenns nicht zum weiblichen Ehrenpunkte gehörte, müßte mans doch begehren, um nur eine Mühe mehr zu haben – weil mein Geschlecht hierüber völlig so denkt wie ich, der ich aus keinem Eidams-Werbehaus eine Tochter verlange, wo nicht wenigstens die Eltern etwas wider mich haben; – und es kann hiemit bekannt werden (ich lasse es deshalb nicht in die Zeitung setzen), daß ich mir von Eltern, die aus ihrem Versteigersaal voll Töchter, aus ihrem Liebes-Inokulationhospital eine oder die andre abstehen wollen, und denen ein Berghauptmann, Gerichthalter, Musikmeister und Lebensbeschreiber – das mögen meine wenigen Ämter sein – keine zu verächtliche Partie ist, daß ich, sag' ich, von diesen Eltern erwarte, daß sie (wenn ihnen die Sache ein Ernst ist) mir wenigstens das Haus verbieten oder den häufigen Briefwechsel: – das frischet Schwiegersöhne an.

 << Kapitel 81  Kapitel 83 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.