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Hesperus oder 45 Hundposttage

Jean Paul Richter: Hesperus oder 45 Hundposttage - Kapitel 78
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleHesperus oder 45 Hundposttage
pages471-1236
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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Immer höher stieg das Zuggarn hebender Töne mit seinem ergriffenen Herzen empor. – Eine wehmütige Erinnerung um die andere sagte in dieser Geisterstunde der Vergangenheit zu ihm: »Erdrücke mich nicht, sondern gib mir meine Träne« – Alle seine gefangnen Tränen wurden um sein Herz versammelt, und sein ganzes Innere schwamm, aus dem Boden gehoben, sanft in ihnen – Aber er faßte sich: »Kannst du noch nicht entbehren,« (sagt' er zu sich) »nicht einmal ein nasses Auge? Nein, mit einem trocknen nimm dieses beklommene Echo deiner ganzen Brust, nimm diesen Nachhall aus Arkadien und alle diese weinenden Laute in eine zerstörte Seele auf« – Unter einer solchen überhüllten Zerfließung, die er oft für Fassung nahm, wars allemal in ihm, als wenn ihn aus einer fernen Gegend eine brechende Stimme anredete, deren Worte den Silbenfall von Versen hatten; die brechende Stimme redete ihn wieder an: »Sind nicht diese Töne aus verklungenen Hoffnungen gemacht? Rinnen nicht diese Laute, Horion, wie Menschentage ineinander? O blicke nicht auf dein Herz! in das stäubende Herz malen sich wie in einen Nebel die vorigen schimmernden Zeiten hinein« – Gleichwohl antwortete er noch ruhig: »Das Leben ist ja zu kurz für zwei Tränen, für die des Kummers und für die andre«.... Aber als jetzt die weiße Taube, die Emanuel im Gottesacker niederfallen sah, durch seine Bilder flog – als er dachte: »Diese Taube hat ja schon in meinem Traum von Klotilden geflattert und sich an die Eisberge geklammert: ach sie ist das Bild des verwelkenden Engels neben mir« – und als die Töne immer leiser flatterten und endlich in dem flüsternden Laube eines Totenkranzes umherliefen – und als die brechende Stimme wiederkam und sagte: »Kennst du die alten Töne nicht? – Siehe, sie gingen schon in deinem Traum vor ihrem Wiegenfeste und senkten dort bis ans Herz die kranke Seele neben dir ins Grab, und sie ließ dir nichts zurück als ein Auge voll Tränen und eine Seele voll Schmerz« – – – »Nein, mehr ließ sie mir nicht«, sagte gebrochen sein müdes Herz, und alle seine bekämpften Tränen drangen in Strömen aus den Augen....

Aber das Licht ward eben aus dem Zimmer getragen, und der erste Strom fiel ungesehen in den Schoß der Nacht.

Die Harmonika fing die Melodie der Toten an: »Wie sie so sanft ruhn! etc.« – Ach in solchen Tönen schlagen die zerlaufenden Wellen des Meeres der Ewigkeit an das Herz der dunklen Menschen, die am Ufer stehen und sich hinübersehnen! – Jetzo wirst du, Horion, von einem tönenden Wehen aus dem Regendunst des Lebens hinübergehoben in die lichte Ewigkeit! – Höre, welche Töne umlaufen die weiten Gefilde von Eden! Schlagen nicht die Laute, in Hauche verflogen, an fernen Blumen zurück und umfließen, vom Echo geschwollen, den Schwanen-Busen, der selig-zergehend auf Flügeln schwimmt, und ziehen ihn von melodischen Fluten in Fluten und sinken mit ihm in die fernen Blumen ein, die ein Nebel aus Düften füllt, und im dunkeln Dufte glimmt die Seele wieder an wie Abendrot, eh' sie selig untergeht? – – –

Ach Horion, ruht die Erde noch unter uns, die ihre Todeshügel um das weite Leben trägt? Zittern diese Töne in einer irdischen Luft? O! Tonkunst, die du die Vergangenheit und die Zukunft mit ihren fliegenden Flammen so nahe an unsre Wunden bringst, bist du das Abendwehen aus diesem Leben oder die Morgenluft aus jenem? – Ja, deine Laute sind Echo, welche Engel den Freudentönen der zweiten Welt abnehmen, um in unser stummes Herz, um in unsre öde Nacht das verwehte Lenzgetön fern von uns fliegender Himmel zu senken! Und du, verklingender Harmonikaton! du kömmst ja aus einem Jauchzen zu uns, das, von Himmel in Himmel verschlagen, endlich in dem fernsten stummen Himmel stirbt, der aus nichts besteht als aus einer tiefen, weiten, ewig stillen Wonne....

»Ewig stille Wonne,« (wiederholet Horions aufgelöste Seele, deren Entzücken ich bisher zu meinem machte) »ja, dort wird die Gegend liegen, wo ich meine Augen aufhebe gegen den Allgütigen, und meine Arme ausbreite gegen sie, gegen diese müde Seele, gegen dieses große Herz – Dann fall' ich an dein Herz, Klotilde, dann umschling' ich dich auf ewig, und die Flut der ewig stillen Wonne hüllt uns ein – Wehet wieder nach dem Leben, Erdentöne, zwischen meiner und ihrer Brust, und dann schwimme eine kleine Nacht, ein wallender Schattenumriß auf euren lichten Wogen daher, und ich werde hinsehen und sagen: das war mein Leben – dann sag' ich sanfter und weine stärker: ja der Mensch ist unglücklich, aber auf der Erde nur.«

O gibts einen Menschen, über welchen bei diesen letzten Worten die Erinnerung große Regenwolken zieht, so sag' ich zu ihm: Geliebter Bruder, geliebte Schwester, ich bin heute so gerührt wie du, ich achte den Schmerz, den du verbirgst – ach du entschuldigst mich und ich dich....

Das Lied stand still und tönte aus. – Welche Stille jetzt im Dunkel! Alles Seufzen war in ein zögerndes Atmen eingekleidet. Nur die Nebelsterne der Empfindung funkelten hell in der Finsternis. Keiner sah, wessen Auge naß geworden war. Viktor blickte in die stille schwarze Luft vor ihm, die vor wenig Minuten mit hängenden Gärten von Tönen, mit zerfließenden Luftschlössern des menschlichen Ohrs, mit verkleinerten Himmeln erfüllt gewesen und die nun dablieb als nacktes schwarzes Feuerwerks-Gerüst.

Aber die Harmonika füllte dieses Dunkel bald wieder mit Lufterscheinungen von Welten an. Ach warum mußt' es denn gerade die meinen Viktor nagende Melodie des »Vergißmeinnicht« treffen, die ihm die Verse vortönte, als wenn er sie Klotilden vorsagte: »Vergiß mein nicht, da jetzt des Schicksals Strenge dich von mir ruft – Vergiß mein nicht, wenn lockre kühle Erde dies Herz einst deckt, das zärtlich für dich schlug – Denk, daß ichs sei, wenns sanft in deiner Seele spricht: vergiß mein nicht«... O wenn noch dazu diese Töne sich in wogende Blumen verschlingen, aus einer Vergangenheit in die andre zurückfließen, immer leiser rinnen durch die vergangnen, hinter dem Menschen ruhenden Jahre – endlich nur murmeln unter dem Lebensmorgenrot – nur ungehört aufwallen unter der Wiege des Menschen – und erstarren in unsrer kalten Dämmerung und versiegen in der Mitternacht, wo jeder von uns nicht war: dann hört der gerührte Mensch auf, seine Seufzer zu verbergen und seine unendlichen Schmerzen.

Der stille Engel neben Viktor konnte sie nicht mehr verhüllen, und Viktor hörte Klotildens ersten Seufzer. –

Ja, dann nahm er ihre Hand, als wenn er sie schwebend erhalten wollte über einem offnen Grabe.

Sie ließ ihm ihre Hand, und ihre Pulse schlugen bebend mit seinen zusammen. –

Endlich warf nur noch der letzte Ton des Liedes seine melodischen Kreise im Äther und floß auseinander über eine ganze Vergangenheit – dann hüllte ihn ein fernes Echo in ein flatterndes Lüftchen und wehte ihn durch tiefere Echo hindurch und endlich an das letzte hinüber, das rings um den Himmel liegt – dann verschied der Ton und flog als eine Seele in einen Seufzer Klotildens. –

Da entfiel ihr die erste Träne, wie ein heißes Herz, auf Viktors Hand.

Ihr Freund war überwältigt – sie war dahingerissen – er preßte die sanfte Hand – sie zog sie aus seiner – und ging langsam aus dem Zimmer, um dem zu weichen Herzen, über dessen holde Zeichen die Nacht ihren Schleier hing, wieder zu Hülfe zu kommen....

Das kommende Licht nahm diese Traumwelten hinweg. – Matthieu und die Kammerherrin erschienen auch. Wir wollen aber in dieser weichen Stimmung, wo man gerade gegen Schlimme in der härtesten ist, nichts sagen und nichts denken über das neue Paar, das für den Abstich gegen unsere Erweichung nichts kann. Viktor sagte sich dies auch, aber mehr als einmal; weil sich die vom Apotheker erlogne Vermählung Klotildens mit Matthieu ihm mit den grellsten Farben aufdrang, ähnlich jener platonischen Verbindung, wo der reine Geist aus seinem Äther getrieben und mit zusammengekrümmten Flügeln in einen befleckten Leib gemauert wird. Klotilde kam zurück. Sie war in Verlegenheit gegen Viktor, bloß weil er darin war oder neben ihr auf dem Schlitten noch mehr darin sein mußte – ihren geschwollenen Augapfel entfernte sie vom Licht. – Da Tränen-Versetzungen wie Milchversetzungen drücken und zerstören: so suchte die in sein Inneres zurückgedrückte Wehmut einen Ausgang durch die Stimme, die heftig und abgebrochen war, durch die Bewegungen, welche schnell waren, sogar durch die Lebhaftigkeit des Ausdrucks – kurz es war gut, daß sie fuhren.

Er dachte wieder das Gegenteil, als er auf dem Schlitten hinter ihr stand. Die Nacht schien sich hinter die Wolken gezogen zu haben, deren weites Gewölbe den Himmel einnahm. Er konnte keine Materie zum Gespräch auftreiben, er mochte sinnen, wie er wollte – er lief Klotildens, Viktors, aller Bekannten Leben durch – es stieß ihm nichts auf. Der Grund war, seine Gedanken, die er darauf ausschickte, kehrten ohne sein Wissen in jeder Minute um und hingen sich wie Bienen an Klotildens edles Profil, oder an ihr weiches Auge, oder sanken in ihre auf seine Hand gefallne Träne ein und in das ganze Äther-Meer der heutigen Töne. Der dunkle Himmel über ihm gab ihm endlich Emanuels letztes Schreiben in den Sinn, und er konnte ihr daraus des Blinden Einweihung in den höchsten Gedanken des Menschen erzählen. Klotilde hörte ihm freudig zu und sagte endlich: »Niemand ist glücklicher als ein Schüler eines solchen Lehrers; aber er muß nie in die Welt treten – da wird er es nicht sein. Sein Lehrer hat ihm ein zu weiches Herz gegeben, und ein weiches hängt, wie Sie ja selber sagen, wie das weiche Obst so tief herab, daß es jeder erreichen und verwunden kann; die harten Früchte hängen höher.«

Sie kamen jetzt bei den harten Residenzfrüchten an, und ihre Bemerkung war ihre eigne Geschichte. Aber die neuen Auftritte – die rauschenden Wagen und Kleider – der Lärm um nichts und um wenig – die Saalleuchter wie Fixsternsysteme – die doppelten Mund-Disharmonikas – die männliche Hof-Fauna – die weibliche Hof-Flora – das ganze mobil gemachte Lustlager, dieses Meß-Getümmel überschmetterte das gedämpfte Echo, das zwischen zwei harmonischen Seelen hinüber und herüber ging.

Unser Held wurde von der Fürstin noch freundlicher angelassen als vom Fürsten. Joachime, die Amtverweserin Klotildens, hatte noch außer der kalten zürnenden Freundlichkeit eine juwelenreiche montre à regulateur. An einem öffentlichen Orte kostet es weniger als in einem Kabinett, den äußern Menschen wie eine Charaktermaske über den innern zu decken. Viktor, auf welchen ohnehin jeder Schmerz die witzige Wirkung des Trunkes machte, verriet den ersten höchstens durch das Übermaß seiner Lebhaftigkeit.

Eine Frau verrät sich durch das Gegenteil – Klotilde durch nichts. Er sagte ihr in der sonderbaren Übertäubung, in welche äußere Freudentöne und innere Phantasien setzen, wenn sie wie zwei Ströme miteinander zusammenkommen, folgende Ideen: »Wär' ich die Göttin der Wonne (wenns eine gibt), so ließ' ich drei Uhr schlagen – um die Wandleuchter machte ich Farbenprismen oder hinge sie gar in die Kabinette und zöge über den Tanzsaal durch Weihrauch eine Zauberdämmerung – dann müßt' ich die Töne des Orchesters in so viele Zimmer zurückstellen, daß davon nichts hereinkäme als ein weiches Echo – und wenn dann in dem dämmernden, von Melodien durchwehten Wirrwarr nicht die Leute nach einigen stillen Bewegungen vor Entzücken vergehen wollten: so wüßt' ich nicht«.... »Setzen Sie noch dazu,« (sagte sie) »damit wir auch eines haben, daß wir hier bleiben und die Auflösung beobachten.« –

Aber seine Fassung überlebte in jedem Balle kaum die Menuett. Nach dem ersten Geräusch, wenigstens um die Geisterstunde, war allemal seine ganze Seele in eine eigne poetische, der Augen kaum mächtige Schwermut zersetzt. Außer den Tönen kann ich noch die Bewegung zum Erläutern dieser Erscheinung brauchen: alle Bewegung ist erstlich erhaben – nämlich die von großen Massen, oder vielmehr jede schnelle Bewegung gibt dem Gegenstand die Größe des durcheilten Raums, daher bei Abstich mit dem Zwecke bewegte Gegenstände komischer sind als ruhige – zweitens das Bewegen der Menschen stellte ihm ihr Vorüberflattern, ihr Fliehen in die Gräber dar. Er blieb oft in der Nacht trübe unten an Häusern stehen, in deren zweitem Stockwerke man tanzte, und sah hinauf, und das Vorüberschweben freudiger Köpfe war ihm der Gaukelsprung der Irrlichter auf dem Kirchhofe.

Heute fühlte er dies bei einer zerschmolzenen überlaufenden Seele noch eher als sonst. Die Anglaise, worin aus der Kolonne ein Paar nach dem andern verschwindet, war ja das Bild unsers schattigen Lebens, in das wir alle ausziehen mit Trommeln, und von tausend Spielkameraden eingefaßt, und in dem wir fortrücken, jedes Jahr verarmend, jede Stunde einsamer, und worin wir zu Ende laufen, von allen verlassen, außer einem gemieteten Mann, der uns eingräbt hinter das Ziel. – Aber der Tod breitet gleichsam unsere Arme aus und drückt sie um unsere geliebten Geschwister; ein Mensch fühlt erst am Rande der Gruft, wo er ans Reich unbekannter Wesen stößet, wie sehr er die bekannten liebt, die ihn lieben, die leiden wie er, die sterben wie er.

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