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Hesperus oder 45 Hundposttage

Jean Paul Richter: Hesperus oder 45 Hundposttage - Kapitel 77
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleHesperus oder 45 Hundposttage
pages471-1236
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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Klotilde, die mit ihren Freundinnen der Leichenrede im Nebenzimmer zuhörte, hielt sie anfangs bittend ab, dieses aufzumachen. Aber als Viktor sagte: »Kalte Gestalt, richte dich auf und zeige den Menschen die Tränen, die aus einem weichen Herzen fließen, das vor Liebe bricht« – so nahm sie eilend von ihnen gute Nacht, weil sie über eine ihr ganzes Wesen hebende Rührung nicht Meister werden konnte. Da man ihm die Zeit ihrer Entfernung berichtet hatte: so wurde er, der jetzo schon so müde, weich und zärtlich war, es in einem unaussprechlichen Grade – alle durch die Anstrengung erhöhten Lichter auf seinem Angesicht schienen in Liebe wie Mondschimmer in Tautropfen zu zerfließen – er wartete nicht, bis sein Zimmer leer wurde, sondern zeigte das, was Klotilde in dem ihrigen verbergen wollte – er konnte sogar die unverschleierte Wachsstatue mit sanftem Geiste anschauen und sagte lächelnd: »Ich glaube, ich habe mich darum ganz in Wachs wiederholen lassen, warum es der Katholik mit einzelnen Gliedern tut, um sie an eine Heilige zu hängen und dadurch um Genesung zu danken oder zu bitten; oder wie die römischen Kaiser, deren Wachsstatue die Ärzte nach dem Tode des Originals besuchten.«

Die Gesellschaft ging ab, und er war endlich allein. Der Mond, der um 11 Uhr 57 Minuten aufgegangen war, warf sein noch vertieftes abnehmendes Licht erst oben an die Fenster von Klotildens Wohnzimmer. Viktor löschte das Nachtlicht aus und setzte sich, um mit seinem noch wogenden träumenden Herzen nicht in die Träume des Schlafes zu treten, ans Fenster, beinahe an den gewöhnlichen Standort seiner Wachskopie und in ähnlicher Stellung – – als das Schicksal es fügte, daß er, der heute die Wachsmumie für seine Person ausgegeben hatte, jetzt umgekehrt für das Bild angesehen werden sollte – –

– von Klotilden! Sie stand in einiger Entfernung von ihrem Fenster, an welches kein Licht als das vom Himmel fiel; Viktor war, da das letzte noch nicht zu ihm hineinkonnte, ganz im Schatten und ihr mit Vierfünftel seines Profils zugekehrt. Kaum sah' er, daß sie einen unverwandten fassenden, gleichsam einschlagenden Blick auf ihn hefte: so erriet er, daß sie ihn mit dem wächsernen Menschen vermenge; auch bemerkte er aus dem Augenwinkel, daß etwas Weißes um sie flattere, d. h. daß sie sich die Augen oft trockne. Aber wie wär' es seinem feinen Gefühle möglich gewesen, ihr durch die geringste Bewegung ihren Irrtum zu nehmen und sie für ihr unschuldiges Anblicken verlegen und rot zu machen! – Ein anderer, z. B. der verkannte Matz, hätte sich in einem solchen Vorfalle gelassen in die Höhe gerichtet und gleichgültig zum Fenster hinausgesehen; aber er verknöcherte sich gleichsam in seiner Stellung der Leblosigkeit. Allein nur die Nacht und Entfernung konnten ihr sein Zittern zudecken, da ihre für seine Leiche fallenden Tränen wie ein heißer Strom sein zerstörtes Herz ergriffen und das wenige, was der heutige Abend daran noch fest gelassen, erweichten und auflösten in eine brennende Welle der Liebe. Den Kindern fließen die Tränen stärker, wenn man ihnen Mitleid bezeigt; und in dieser Stunde der Erschöpfung wurde Viktor weicher, der sonst durch fremdes Mitleid mit ihm härter wurde, und als Klotilde sich ans Fenster setzte, um das müde Haupt aufzulehnen: so war ihm, als ermahne ihn etwas, das jetzo wahr zu machen, was er heute zu der Statue gesagt: »Kalte Gestalt, richte dich auf und zeige den Menschen die Tränen, die aus einem weichen Herzen etc.«

Klotilde zog endlich die Vorhänge zu und verschwand. Aber er setzte behutsam noch lange die Rolle seines Bildes fort, und eben, da er sich weniger anstrengte, um eine Statue zu spielen, gelang es ihm besser. Alle seine Gedanken flossen nun wie Balsam über die Narben und aufgerissenen Stellen seines Innern, und er sagte: »Wenn du auch nur meine Freundin bist, so genüget es mir, und du kannst diesen von Sehnsucht empörten Busen stillen. O dieses volle Herz würde ohnehin auseinandergetrieben, wenn es den Gedanken fassen sollte, daß du mich liebtest!« – Übrigens fiel ihm heute zum erstenmal die Unwahrscheinlichkeit seiner neulichen Vermutung ein, daß eine so zurückhaltende Person wie sie sich auf eine so wenig zurückhaltende Art gegen den blinden Julius sollte benommen haben, und er fragte sich: »Ists denn zur Erklärung ihrer Abreise vom Hof nicht genug an Jenners und Matthieus unheiliger Liebe und an Emanuels heiliger?« – Damit sie aber am Morgen nicht ihre irrige Verwechslung entdeckte, so gab er seinem wächsernen Figuranten genau die Stelle, die er selber am Fenster eingenommen.

Dritter Osterfeiertag

F. Kochs doppelte Mundharmonika – die Schlittenfahrt – der Ball – und....

Der Leser wird mit mir wünschen, daß der dritte Ostertag etwas Schlimmers endige als den langen 28sten Hundposttag.

Der Schlitten ging leidlich, soviel vorauszusehen war. – – Ich seh' aber noch etwas anders voraus: daß sich eine halbe Million meiner Lesekunden (für die andre halbe steh' ich) nicht aus meinem Helden finden kann. Es ist daher mein Amt, nur soviel ihnen vorzusagen: Viktor war nie kleinmütig, ihn ekelte die menschliche Unterjochung unter das Glück; der Tod nahm ihn jeden Tag einmal auf den erhabenen Arm und ließ ihn von da herunter bemerken, wie winzig alle Berge und Hügel sind, auch Gräber. Jedes Unglück machte ihn stählern, der Medusenkopf des Totenkopfs machte ihn steinern, und er ärgerte sich nachher über den schmelzenden Sonnenblick der freudigen Rührung. Seine lustige Laune, sein Ideal weiblicher Vollkommenheit, der Mangel an Gelegenheit und das Schild Minervens hatten ihm über die Windmonate des Gefühls hinübergeholfen, und er hatte bisher keine andre Sonne angebetet als die um 21 Millionen Meilen entlegne – bis der Himmel oder der Henker die nähere herführte, gerade im Jahr 1792. – Noch wär' es ganz leidlich gegangen und das Unglück schon auszuhalten gewesen, wenn er gescheut oder kalt gewesen wäre; ich will sagen, wenn er nicht zu sich gesagt hätte: »Es ist schön, nie über sich zu weinen, aber doch über den andern; es ist schön, jeden Verlust zu verbeißen, aber nicht den eines Herzens, und was wird ein geschiedner Freund aus seiner Höhe größer finden, entweder wenn ich mir Trostpredigten über sein Ableben mit wahrer Fassung halte, oder wenn ich dem Geliebten im freiwilligen übermannenden Kummer nachsinke?« – Dadurch – und aus Unbekanntschaft mit der Übermacht edler, aber unbezähmter Gefühle – und weil er seine bisherige zufällige Herzstille mit einer freiwilligen verwechselte – und aus einer überschwenglichen Menschenliebe hatte er absichtlich seinem innern Menschen bis jetzt die Fühlhörner zu groß wachsen lassen – und so war er durch die Wirbel aller bisherigen Einflüsse, der bisherigen Beraubungen, der bisherigen Rührungen, dieser Ostertage, dieses schönen Jugenddorfes so weit verschlagen, daß er ungeachtet seiner Besonnenheit, seines Hoflebens, seiner Laune einiges von seiner alten Unähnlichkeit mit jenen Genies (wenigstens für Ostern) einbüßete, die gleich dem Seekrabben Fühlfäden aufrichten, die kaum ein Mann umklaftert....

Jenes teilnehmende Anblicken Klotildens, das ihm gestern nach der vorigen Hitze kühlender Balsam gewesen, wurd' ihm heute ein sehr heißer; ihr Auge voll Tränen seinetwegen richtete alle Tage seiner Liebe für sie und ihr ganzes Bild in seinem Herzen auf. Ich bin überzeugt, sogar dem Regierrat, der übrigens durch den gestrigen Leichensermon von seinem Argwohn, so wie durch die republikanische Zerstreuung einiges von seiner Liebe gegen Klotilden, hätte verlieren können, entwischte das Trunkne und Träumerische seiner Augen nicht. Das Pfarrhaus selber war heute zum Glück eine Börse oder ein geistliches Intelligenzkomtoir und Werbhaus: der Kaplan registrierte – nicht etwan französische car tel est notre plaisir, sondern – die Katechumenen ein, die auf Pfingsten beichten wollten.

Er wollte nicht eher ins Schloß hinübergehen – sein verkannter Freund Matz hatt' ihm schon um 10 Uhr aus dem Fenster Morgengruß und Glückwunsch zum Schneewetter zugerufen –, als bis sein Schlitten aus der Stadt da war, damit er sogleich abführe, weil er drüben keine lächerliche Rührung zeigen wollte. Seitdem ihm die große Welt zur Werkeltagwelt geworden war, fiel ihm Verstellung vor ihr schwerer; man verbirgt sich vor denen am leichtesten, die man achtet.

Aber die Drillinge und Franz Koch trieben ihn früher hinüber, schon abends um 5½ Uhr. –

Ich fuhr in die Höhe beim Namen Franz Koch in des Hunds Papieren. Wenn einer von meinen Lesern ein Karlsbader Brunnengast ist oder Se. Majestät der König von Preußen Wilhelm II. oder von dessen Hof oder der Kurfürst von Sachsen oder der Herzog von Braunschweig oder eine andre fürstliche Person: so hat er den guten Koch gehört, der ein bescheidner abgedankter Soldat ist und der überall mit seinem Instrument herumreiset und spielet. Das letzte, das er doppelte Mundharmonika nennt, besteht aus einem verbesserten Paar zugleich gespielter – Maultrommeln oder Brummeisen, die er immer nach den Spiel-Stücken umwechselt. Seine Brummeisen-Handhabung verhält sich zur alten wie Harmonikaglocken zu Bedientenglocken. Es ist meine Schuldigkeit, solche von meinen Lesern, deren Phantasie Zaunkönigs-Schwingen hat, oder die wenigstens vom Herzen an Lithopädia (Stein-Fötus) sind, oder die das Ohrentrommelfell zu nichts haben als zum Trommeln darauf, solche Leser mit der wenigen Oratorie, die ich habe, dahin zu bringen, daß sie den besagten Franz aus dem Hause werfen, wenn er kommen und vor ihnen summen will. Denn es ist nichts daran, und die elendste Bratsche und Strohfiedel schreiet meines Bedünkens lauter; ja sein Getöne ist so leise, daß er im Karlsbade vor nicht mehr als 12 Kunden auf einmal aufspielte, weil man nicht nahe genug an ihm sitzen kann, wie er denn sogar bei seinen Hauptliedern das Licht wegtragen lässet, damit weder Aug' noch Ohr die Phantasien störe. – Ist aber freilich ein Leser anders – etwan ein Dichter – oder ein Verliebter – oder sehr zart – oder wie Viktor – oder wie ich: so horch' er ohne Bedenken mit stiller zerfließender Seele dem Franz Koch – oder – denn heute wird er nicht gerade zu haben sein – mir zu.

Der lustige Engländer hatte Viktor diesen Harmonisten mit der Karte geschickt: »Überbringer dieses ist der Überbringer eines Echo, das er in der Tasche führt.« – Viktor nahm ihn daher lieber zur Freundin aller schönen Töne hinüber, damit ihre Abreise sie nicht um diese melodische Stunde bringe. Es war ihm, wie wenn er durch eine lange Kirche ginge, da er in Klotildens Lorettohaus eintrat; ihr einfaches Zimmer war, wie Marias Wohnzimmer, von einem Tempel eingefasset. Sie hatte schon ihre schwarze Putzkleidung vollendet. Die schwarze Tracht ist eine schöne Verfinsterung der Sonne, worin man das Auge von ihr gar nicht wegzubringen vermag. Viktor, der bei seiner sinesischen Achtung für diese Farbe heute dieser schwarzen Magie eine wehrlose Seele, ein entzündetes Auge mitbrachte, wurde blaß und verwirrt über das aufgehellte Angesicht Klotildens, über welches der Zug eines herabgeregneten Kummers so wie ein Regenbogen über den hellen blauen Himmel schwebte. Es war nicht die Heiterkeit der Zerstreuung – die jedes Mädchen durch das Ankleiden bekömmt –, sondern die Heiterkeit der frommen Seele voll Geduld und Liebe. Er besorgte, in zweierlei Disteln zu treten, in die gemalten des Fußbodens, über die er immer wegschritt, und in die satirischen der feinen Beobachter um ihn, an die er sich immer stieß. Ihre Stiefmutter war noch über der Stukkatur und Appretur ihres Madensacks, und der Evangelist war in ihrem Ankleide-Zimmer als Putz-Meßhelfer und Mitarbeiter. Daher hatte Klotilde noch Zeit, den Mundharmonisten zu hören; und der Kammerherr bot sich der Tochter und meinem Helden – denn er war ein Vater von Lebensart gegen seine Tochter – zu einem Teil der Zuhörerschaft an, ob er gleich aus der Musik sich wenig machte, Tafel- und Ball-Musik ausgenommen.

Viktor sah jetzt erst aus Klotildens Freude über den mitgebrachten Musiker, daß ihr harmonisches Herz gern mit den Saiten zittere; überhaupt wurd' er oft über sie irre, weil sie – wie du, teuerster ** – sowohl ihr höchstes Lob durch Schweigen sagte als ihren höchsten Tadel. Sie bat ihren Vater, der die Mundharmonika schon im Karlsbad gehöret hatte, ihr und Viktor eine Idee davon zu geben – er gab sie: »sie drücke nicht sowohl das fortissimo als das piano-dolce meisterhaft aus und sei wie die einfache Harmonika dem Adagio am angemessensten.« Sie antwortete darauf – an Viktors Arm, der sie in ein dazu verfinstertes stilles Zimmer führte –: »die Musik sei vielleicht zu gut für Trinklieder und für lustige Empfindungen. Da der Schmerz den Menschen veredle und ihn durch die kleinen Schnitte, die er ihm gebe, so regelmäßig entfalte, wie man die Knospen der Nelke mit einem Messer aufritze, damit sie ohne Bersten aufblühen: so ersetze die Musik als künstlicher Schmerz den wahren.« – »Ist der wahre so selten?« sagte Viktor in dem dunkeln, von einem Wachslicht beschienenen Zimmer. – Er kam neben Klotilde, und ihr Vater saß ihm gegenüber. –

Selige Stunde! die du einmal mit den Echolauten dieser Harmonika durch meine Seele zogest – fliehe noch einmal vorüber, und der Nachklang jenes Echos klinge wieder um dich! –

Aber als der bescheidne stille Virtuos das Geräte der Entzückung kaum in die Lippen geleget hatte: so fühlte Viktor, daß er es jetzo (bevor das Licht hinauskäme) nicht so machen dürfe wie sonst, wo er sich zu jedem Adagio eigne Szenen vormalte und jedem Stücke besondere Schwärmereien seiner Texte unterlegte. Denn es ist ein unfehlbares Mittel, den Tönen ihre Allmacht zu geben, wenn man sie zu Ripienstimmen unserer Stimmung und so aus Instrumental-Musik gleichsam Vokal-Musik, aus unartikulierten Tönen artikulierte macht, anstatt daß die schönste Reihe Töne, die kein bestimmter Gegenstand zu Alphabet und Sprache ordnet, abgleitet vom bespülten, aber nicht erweichten Herzen. – Als daher die holdesten Laute, die je über Menschenlippen als Mitlauter der Seele flossen, von der bebenden Mundharmonika zu wehen anfingen; als er fühlte, daß diese kleinen Stahlringe gleichsam als Fassung und Griffbrett seines Herzens ihre Erschütterungen zu seinen machen würden: so zwang er sein fieberhaftes Herz, an dem ohnehin heute alle Wunden aufgingen, sich gegen die Töne zusammenzuziehen und sich keine Szenen vorzuzeichnen, bloß damit er – – nicht in Tränen ausbräche, bevor das Licht weg wäre.

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