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Hesperus oder 45 Hundposttage

Jean Paul Richter: Hesperus oder 45 Hundposttage - Kapitel 75
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleHesperus oder 45 Hundposttage
pages471-1236
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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Nach einer solchen Gradualdisputation machte er nichts lieber als etwas recht Tolles, Galantes, Kindisches – damals wars ein Weg in die Küche. Catinat sagte: der nur sei ein Held, qui jouerait une partie de quilles au sortie d'une bataille gagnée ou perdue – oder der nach einer gewonnenen Disputation in die Küche gehen kann. Entweder nichts oder alles ist in diesem Täusch-Leben wichtig, sagt' er. In die Küche, die nicht so schmutzig war wie ein französisches Schlafzimmer, sondern so rein wie ein belgischer Viehstall, war schon ein anderer Festhase und außerordentlicher Gesandter eingelaufen, der Hofkaplan, der da seinem Berufe oblag. Er mußte zusehen, ob sein Karpfen-Vierpfünder – aus dem Pastoralteich gebürtig und für den Adoptivsohn Bastian ausdrücklich ausgewintert – nicht sowohl recht abgeschuppet (darüber setzt' er mit wenig Philosophie sich hinweg) als recht geschwänzet wurde. Es konnt' ihm doch wahrhaftig nicht gleichgültig sein, sondern als Mensch mußt' er den Schmerz zugleich empfinden und bekämpfen, wenn ein Karpfe von soviel Pfunden, als ein Sterblicher Gehirn hat, so jämmerlich hinausgeschlitzet wird, daß das eine Schwanzquotum nicht kleiner ist wie ein Haarbeutel, und das andre nicht größer als eine Floßfeder. – Und doch ist diese ganze Nominalterrition von geringem Belang gegen eine ganz andere Realterrition (so sehr verschwindet erheblicher Kummer vor größerem), die den Pfarrer mit der Drohung ängstigte, daß man die Gallenblase des Vierpfünders zerdrücke – – Seine hätte sich der andern sofort nachergossen –: »Um Gottes Willen bedächtiger, Appel! verbitter' mir den ersten Ostertag nicht«, sagt' er. Galle ist nach Boerhaave wahre Seife; daher wäschet die satirische die halbe Lesewelt gleißend und rein, und die Leber eines solchen Menschen ist die Seifenkugel eines Weltteils und seiner Kolonien.

Es lief indes herrlich ab. – Aber beim Himmel! die Welt sollte nach dem Abdruck dieses Buchs einmal einsehen, daß ein Karpfen von vier Pfund – so lange gefüttert im Fischkasten, so geschickt ausgeweidet – mehr wiege auf der Fischwaage der Zufriedenheit als die goldnen Fischgräten in rotem Felde des Wappens der Grafen von Windischgrätz! –

Konnt' er denn lange in der Küche – diesem Witwensitz seiner alten geschiednen Jugend – unter so vielen Freundinnen Klotildens, die ihm alle das Niedersinken und Weggehen derselben (im doppelten Sinne) vorklagten, stehen, ohne daß der Honigessig zurückgewünschter Freuden über seinen Gaumen lief und die Zuckung des Mitleidens durch sein Herz; ob er heute gleich im zweiten Stockwerk die Disputation über die Freiheit als ein wahres zerteilendes Mittel, als ein Schußwasser, wenigstens als eine Aderlaßbinde über seine offne Adern übergeschlagen hatte? Ich fragte, ob er an die Gute lange nicht denken konnte. – Aber ich würde die Antwort gar nicht geben und aus Mitleiden mit dem unschuldigen Viktor es vor so viel überrindeten Seelen – die in ihrer leeren Brusthöhle die poetischen Freuden der Liebe gutheißen und doch die poetischen Leiden derselben nicht – gar nicht offenbaren, wie oft er jeden Milchzucker des Schicksals mit dem giftigen Bleizucker der Erinnerung versetzte, wenn ich nicht deswegen müßte:...

– weil die kleine Julia wiederkam aus dem Schlosse und das Versprechen mitbrachte, morgen komme Tante schon (Klotilde). Dieses versprach also, daß die Ministers-Tochter morgen abfahre. – Man verarge den Pfarrleuten die Zudringlichkeit um Klotilden nicht: denn am dritten Feiertag geht sie zum Balle, am Tage darauf nach Maienthal – sie hatten ja nur noch morgen und heute.... Die kleine Julia hatte unser Flamin, dem ihr Penny-Postamt wohlgefiel, mitgebracht. – Ich bin moralisch gewiß, die Kaplänin sah meinem Helden soviel an, als ich von ihm schreibe, und sie liebte ihn so sehr, daß, wenn sie statt des Schicksals hätte dekretieren müssen, sie vor Kummer gestorben wäre, eh' sie es über sich gewonnen hätte, den Sohn auf Kosten des Freundes zu beglücken. – So sehr gewann er durch eine schöne Vereinigung von Feinheit, Empfindung und Phantasie die schönsten und weichsten Herzen, ich meine die weiblichen.

Diese winzige Julia, der Nachflor der untergegangnen Giulia, band in Viktors Seele Rosen mit Nesseln zusammen; und alle seine heutigen Blumen der Freude hatten ihre Wurzeln in tiefen Tränen, die seine Brust verdeckte. Ihn rührte sogar der Kuß von Klotildens Freundin, von Agathen. Er dachte an das Stamitzische Konzert und an ihr Nebeneinandersein und an den Florhut, der den Schmerz von zwei geliebten Augen verhing. Er bat Agathen, sie sollte von Klotilden diesen Hut entlehnen und ihm ein genaues Ebenbild darnach machen, weil ers verschenken wolle. – »Wenn sie fort ist« (sagte er zu sich) – – »nein, aber wenn sie tot ist: dann wein' ich unverhüllt und sage allen Menschen frei heraus, daß ich sie geliebet habe.« – Du Lieber, über dem Souper – ein Pfarrer kann eines geben – wird man den Glanz deiner Augen mehr dem sich selber entladenden Witze zuschreiben als dem zurückgepreßten Tränenwasser, und ich könnte dich, wenn ich mitäße, vor Rührung nicht ansehen, wenn du unter dem Aufhammern und »Härten« der roten Eier dein überquellendes Auge starr und halbzugedeckt auf einen roten Eierpol niederzuheften suchtest und schweigend deinen Eier-Giebel dem Fallbocke des Eymannschen Eies unterstelltest, um Zeit zum Siege über die Stimme und Augenhöhle zu gewinnen! – Und doch kann ich nicht sehen, was du aus dieser Maske für einen erheblichen Vorteil dann zu ziehen gedenkst, wenn dir die alte Appel durch die kleine Iris und Expressin Julia – sie selber kann sichs nie unterfangen – ein geflecktes tätowiertes Ei, ein wahres gekochtes allegorisches Gemälde, zuschickt, und wenn du die mit Scheidewasser darauf eingebeizten Blumenstücke und deinen Namen, mit Vergißmeinnicht umgraset, auf der zerbrechlichen Schale überliesest; ich sagte, was konnte dir deine vorige Verstellung helfen, wenn du jetzt, um den Gedanken »Vergißmeinnicht« nicht hinauszudenken, eilig hinausgehest und den doppelten Vorwand nimmst, du müssest Apollonien danken und wegen der Ermüdung schon zur Ruhe gehen? – O danken wirst du wohl, aber ruhen nicht!...

Zweiter Osterfeiertag

Leichenrede auf sich selber – zweierlei entgegengesetzte Schicksale der Wachsstatue

Der niedergefallene Schneehimmel lag auf der Gegend. Der Schnee machte traurig und erinnerte an das winterliche Nestelknüpfen der Natur. Es war der erste April, wo die Natur sozusagen die Jahrzeit selber in den April schickte. – Viktor hatte soviel mores längst gelernt, daß man, wenn man bei einem Hofkaplan im Hause ist, auch mit ihm in seine Predigt gehen müsse. Auch schritt er in Sakristeien aus demselben Grunde, warum er gern in Schäfer-, Jagd- und Vogelhütten kroch. Er fand es nicht übertrieben, daß der Kaplan (wie er zuletzt selber) sein Ersteigen der Kanzel – bloß weil er eine Menge Zurüstungen dazu machte – dem Ersteigen eines Walles in Hinsicht der Wichtigkeit an die Seite setzte. Ja er disputierte unter dem Hauptliede mit ihm über die Stolgebühren eines totgebornen Fötus und tat mit wenigem dar, daß ein Pfarrer von jedem Fötus – und wär' er fünf Nächte alt – die gehörigen Begräbnisgebühren, die filzigen Eltern möchten immerhin für das Ding keinen Leichensermon bestellen, fodern könnte. Der Kaplan machte einen wichtigen Einwurf; aber Viktor hob ihn durch den wichtigen Vorschlag, daß ein Geistlicher sich (weil sonst die besten Fötus unterschlagen würden) so oft Leichengebühren von jedem Paare zahlen ließe, als es Taufgelder entrichten könnte. Der Kaplan versetzte: »Es ist dumm, daß die besten Pastoraltheologien über diesen Punkt so hurtig weg sind wie Schnupftabak.«

Bei soviel Laune meines Helden und bei soviel Lustigkeit meines Pfarrers – der an jedem heiligen Abend keifte und urtelte wie ein Revolutionstribunal, und der sich an jedem ersten Feiertag milderte, bis er am dritten gar ein Engel wurde – sollte sich die Welt etwas anders versprechen, als was doch kömmt: daß nämlich Viktor aus jeder Stunde des kommenden Abends, welcher Klotilden zum vorletzten Male in seine Gesellschaft brachte, ein vorragendes Opfermesser blinken sah, in das er seinen wunden Busen drücken muß. Sie war auf heute gleichsam zu einem Valet-Abendmahl geladen – die Drillinge ohnehin.

Endlich kam sie abends am Arme des verkannten Matthieu. – Wenn Ruska behauptet, daß die Zahl von 44 435 556 Teufeln, die nach der Behauptung des Guliermus Parisiensis um eine sterbende Äbtissin flankieren, viel zu schwach angegeben seiVoetii select. disputat. theol. P. I. p. 918. : so kann man leicht denken, wieviel Teufel um eine lebende, um eine blühende schwadronieren mögen; ich meines Ortes nehme um eine Schöne so viele Teufel an, als es Mannspersonen gibt.

Als Klotilde erschien mit dem ins Abblühen hineinlächelnden Angesicht, mit der erschöpften Lautenstimme, die der Schmerz als eine eigne Fortepianos-Veränderung durch den Drücker aus uns bringt – aber ists nicht mit den Menschen wie mit den Orgeln, deren Menschenstimme am schönsten mit dem Tremulanten geht? – als sie so erschien: so hatte ihr schönster Freund die Wahl, entweder vor ihr niederzusinken mit den Worten: »Laß mich früher sterben«, oder recht scherzhaft heute zu sein.

Das letzte wählt' er (ausgenommen gegen sie), um seine Träume zu übertäuben. Daher warf er mit Historien und gesunden Anmerkungen um sich – Daher schenkte er in die Reichsoperationskasse gegen die Empfindsamkeit auch diese Satire mit, daß sie die März- oder Naßgalle am menschlichen Acker sei, d. h. eine immer naßbleibende Stelle, auf der alles verfault. – Als das nichts verfing: trat er mit ganzen Staaten in Allianz und versprach sich, es würde helfen, wenn er von ihnen anmerkte, daß die Gipfel derselben wie Waldbäume ineinander verwachsen wären, und daß es nichts wirkte, unten einen durchzusägen – daß die Gleichheit der Reiche die Gleichheit der Stände ersetzte oder vorbereitete – und daß das Schießpulver, das bisher Heftpulver der Mächte war, die wasserscheuen Wunden des Menschengeschlechts endlich ausbrennen und heilen werde. – Endlich als er offenbar merkte, daß es ihm geringen Vorschub tat, da er vermutete, Europa werde einmal zum Nordindien werden und derselbe Norden, der einmal das Brech- und Bauzeug der Erde war, werd' es noch einmal sein, aber der Norden auf der andern Halbkugel: so schlug er bei seinem chymischen Prozesse den nassen Weg ein und nahm (wie ein Gesandschaftsekretär) statt der Politik – Punsch vor.

Aber nur Sorgen, nicht Wehmut oder Liebe lassen sich vertrinken. Die in Nervengeist aufgelösten andern Geister ziehen sich mit einem magisch-schimmernden Zirkel um jede Idee, um jede Empfindung, die du darin hast, wie in Brauhäusern die Lichter wegen des Dunstes in einem farbigen Kreise brennen. Das Glas mit seinem heißen Nebel ist ein papinischer Topf sogar des dichtesten Herzens und zersetzt die ganze Seele; der Trunk macht jeden zugleich weicher und kühner. Ein weiches Herz war von jeher neben einer tapfern gehärteten Faust. Da es noch fortschneiete: so bot er Klotilden auf morgen seinen Muschel-Schlitten und sich (da er ohnehin zum Balle geladen war) zum fahrenden Ritter an – wodurch er den Evangelisten nötigte, sich als Schlitten-Gondelierer der Stiefmutter anzutragen.

Klotilde entfernte sich jetzt von der männlichen lustigen Gesellschaft ins Nebenzimmer, wo ihre Agathe und alles war – es geschah nicht aus Mißbilligung der anständigen männlichen Fröhlichkeit – noch weniger aus Verlegenheit, da es überhaupt ihrem Geschlechte leichter ist und leichter gemacht wird, sich unter vierzig Augen unbefangen zu benehmen als unter vier – noch weniger aus Unvermögen der Verstellung ihrer Schwesterliebe gegen Flamin; denn ihre fliegende Seele hatte längst die Flügel zusammenzulegen, die Tränen und Wünsche zu verhüllen gelernt, unter Fremden erwachsen, in schwierigen Verhältnissen und unter uneinigen Eltern erzogen – sie tat es bloß, wie die Pfarrerin, weil es britische Sitte ist, daß sich die Damen von Männern und ihrem Punsch-Weihkessel wegbegeben.

Da sie aus Viktors Augen war – und da er aus ihrem jetzigen noch bleichern Aussehen den Schluß zog, daß ihr das Tal Emanuels schwerlich die Lenzfarben wiedergeben werde, weil die Aussicht der Abreise nichts geheilet habe; und da ihm diese kleine Abwesenheit gleichsam in einem Taschenspiegel die Totenerscheinung einer ewigen vorhielt – und da das schwellende Herz doch endlich den Damm der Verstellung überwältigt –: so eilte er in den Winter hinaus – deckte die entzündete Brust den kühlenden Flocken auf – und riß den Spalt weiter, in den das Schicksal seine Schmerzen impfte – und lief durch die weiße Nacht auf den Wartturm hinauf; – und hier, übergossen von der still aus dem Himmel steigenden Schneelawine, sah er in die graue, wühlende, zitternde, flackernde Landschaft hinaus und in die weite, von Schnee durchbrochne Nacht – und alle Tränen seines Herzens fielen, und alle Gedanken seiner Seele riefen: »So sieht die Zukunft aus! So schimmernd sinken die Freuden des Menschen vom Himmel und zerfließen schon unter dem Sinken! So rinnt alles dahin! Ach welche Luftschlösser sah ich von dieser Höhe um mich glänzen, und Abendrot glimmte an ihnen! Ach alle sind unter Schnee verschüttet und unter Nacht!« Er sah in den Garten Klotildens hinab, in dessen finstern, vom Schnee überflatterten Lauben er das Eden seines Herzens gefunden und wieder verloren hatte. »Die Töne, die über diesen Garten flossen, sind versiegt, aber nicht die Tränen, die ihnen nachrinnen«, dacht' er. Er sah in den Garten ihres Bruders hinab, wo das Tulpen-K zerblättert und die grünenden Namen vergangen und verhüllet waren.

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