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Hesperus oder 45 Hundposttage

Jean Paul Richter: Hesperus oder 45 Hundposttage - Kapitel 73
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleHesperus oder 45 Hundposttage
pages471-1236
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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Es frappierte ihn jetzo, daß er wider alle Hofordnung allein bei der Fürstin sein durfte; aber er sagte sich, sie ist eine Italienerin – eine Patientin – eine kleine schöne Phantastin – (letztes war sogar aus dem ungewöhnlichen Winternegligé und Sizilien-Feuer ersichtlich). – Er konnte bisher (und auch heute vor dem Verbande der Augen) den rechten Ton gar nicht bei ihr treffen; denn da sie zu fein war für eine Deutsche, zu wenig zärtlich für eine Engländerin, zu lebhaft für eine Spanierin: so hätt' er auf sie freilich geschrieben p. p. p. (passé par Paris, welches auf den über Paris gelaufnen Briefen steht), er hätt' es, sag' ich, wäre sie nicht wieder zu innig-leidenschaftlich gewesen für eine Pariserin. Daran stieß sichs. – Aber da zwei Menschen sich mutiger und freier unterreden, wenn einer oder beide im Finstern sitzen – und Agnola saß da –: so war Viktor doch heute nicht ganz und gar so einfältig wie ein Schaf. Noch dazu machte ihn der Kleinodienschrank beherzt, in dem er – sie konnt' es nicht sehen, daß er unhöflich herumsah – zu seiner Freude unter 20 Uhren keine montre à regulateur ausfand. Sie fragte ihn, ob sie bis zum dritten Feiertage so hergestellt sein werde, daß sie zum Vergnügen des Fürsten auf dem Balle etwas beitragen könne. Er bejahete es, ob er gleich wußte, sie trüge noch mehr bei, wenn sie wegbliebe, und ob sie gleich dasselbe wußte. – Hier dauerte sie ihn, und er wollt' ihr alles offenbaren. Er wollte nicht etwan plump sagen: »In Großkussewitz ließ ich mich vom Teufel breitschlagen, daß ich in die Uhr Ew. Durchlaucht einen Liebesantrag eingeschwärzet«; sondern er wollte im schönsten Seelenergusse mit dem pochenden Busen niederfallen und sagen: »Nicht aus Furcht der Strafe, sondern aus Furcht, daß das Geständnis meines Fehlers einige Ähnlichkeit mit der Wiederholung desselben erhalte, hab' ichs bisher verborgen, daß ich einmal eine Hochachtung, in der ich nur Ihren Hof, und nicht den Gebieter desselben nachahmen darf, weniger zu stark als zu kühn ausgedrückt habe; aber die Stärke der Gefühle wird leicht mit der Rechtmäßigkeit derselben verwechselt.«

– Er setzte dieses Niederfallen noch aus, weil er hinter der Gardine einen goldnen Streif wahrnahm, der der Anfang eines Bilderrahmens zu sein schien. Dieses Einfaßgewächs mußte doch um etwas herumlaufen, um ein Bild, mein' ich – und das wollt' er gern wissen.

Der verdammte Hofapotheker samt seiner Verleumdung hatt' es zu verantworten, daß er das wollte; nicht als ob er glaubte, daß Matzens Gesicht umgoldet hinter dem Bette hinge: sondern weil ihm heute allerlei aufgefallen war. Er konnt' es, da ihres Auges Tapetentür und Sprachgitter schwarz verhangen war, recht leicht machen: er durfte nur die linke Hand leis' auf die Bettkante aufstemmen und so, hineingebogen und über ihr mit gehaltenem Atem schwebend, mit der rechten über das Bette (es war schmal und er lang) hinübergreifen und die Gardine ein wenig zupfen – so wußt' er, was dahinter hing. Ich sag' es noch einmal: ohne den Apotheker wär's ihm gar nicht eingefallen. Ein Verleumder macht, daß man wenigstens jede Handlung um ihren Paß befragt – man tuts bloß, um den Verleumder recht augenscheinlich zu widerlegen – und da oft die unschuldigste keinen Gesundheitpaß hat: so schüttelt man den Kopf und sagt: es ist wahre Verleumdung, aber aufpassen will ich denn doch.

Er hatte etlichemal den Versuch gemacht, hinüberzulangen; aber da sie immer zu sprechen und er immer zu antworten hatte, so gings nicht, wenn er nicht seine Annäherung an ihre Ohren verraten wollte. Die Gespräche betrafen den Ball – die Gegenwart und Krankheit ihrer Hofdame Klotilde – die Stellvertreterin der letzten, Joachime, über deren Anstellung sich Viktor herzlich kalt ausdrückte; er konnte es bei Agnola niemals über Hof-Neuigkeiten hinaustreiben; sie schien alles Abstrakte und Metaphysische zu hassen oder zu unkennen; und vollends von Empfindungen mit ihr zu reden – was er sonst bei jeder am liebsten tat, und wozu ihm auch des Gemahls seine Anlaß und Stoff genug gegeben hätten –, kam ihm nicht viel besser vor, als sie gar zu haben.

Als er seine kalte Antwort über die Erhebung Joachimens gegeben hatte – eine Kälte, die mit seiner heutigen schwärmerischen gefühlvollen Wärme für die Fürstin einen schmeichelhaften Abstich machte –: so wollt' er in die halbe Takt-Pause darauf, welche Agnola mit Denken ausfüllte, die Aufhebung des Vorhangs verlegen. Er stemmte die Hand auf, hielt den Atem auf, zog den Vorhang auf – aber der heilige Sebastian war dahinter, den ich schon oben besagt, und der ganz gewiß von Tizian, und nicht von van Dyk war, weil er unserem Viktor so ähnlich sahDenn der Sebastian van Dyks soll diesem Maler selber ähnlich sein., daß es ihm selber glaublich wurde, der Pater habe ihn nach seiner Wachsstatue in St. Lüne dazu kopiert. Der Heilige kam ihm noch schlimmer vor als der Evangelist – nicht weil er dachte, das Porträt sei sein Namenvetter, sondern weil ihm einfiel, warum die Weiber in Italien zuweilen Heiligenbilder verhängen. Die Ursache kann bekanntlich einen Holzschnitt zu den zehn Geboten – Göschen und Unger sollten den Katechismus mit geschmackvollern Schnitten zu den Verboten herausgeben, als die alten sind – ausfüllen. Auch die Maria über dem Bette war mit Federbüschen und allem verschleiert.... Zeusel, Zeusel! hättest du nicht verleumdet, diese ganze Lebensbeschreibung liefe (soviel ich voraussehen kann) wohl anders! –

Er erhielt sich, durch Anstemmung der Rechten an die Wand, über der schönen Blinden schwebend, weil ihn eine kleine Weltkugel bei der Zentripetalkraft anfaßte und ihn aus seinem Zurücklaufe brachte. – Denn weil die Kranke auf der rechten Seite ruhte: so war vom aufgerollten Haar eine Wolke nach der andern über das Herz und über den Lilienhügel, welchen Seufzer tragen, hinübergeflossen, und die zum andern Hügel sinkenden Locken hatten dort nicht so viel überdecken können, als sie hier entkleidet hatten. Den Locken sank langsam das Spitzengewebe nach, und die Herzblätten und die reifen Blüten blätterten sich ab von der aufdringenden Apfel-Frucht... Teurer ästhetischer Held dieser Posttage, wirst du ein moralischer bleiben, jetzt ungesehen hängend über diesem wahren globe de compression von Belidor – über dieser zunehmenden Mondkugel, wovon man nie die andere Hälfte sieht – neben dieser Anhöhe, die man wie andre Anhöhen um keine Festung dulden sollte – und noch dazu an einem Hofe, wo man sonst alles Erhabne durch die Kleiderordnung erdrückt?

Sobald er aus dem Bette und Paulinum ist: will ich mich mit dem Leser weitläuftig über den ganzen Vorfall entzweien – jetzo muß er erst erzählt werden in einem fort und mit vielem Feuer.

Er war gleichsam in die Luft geheftet – Aber endlich wars Zeit, aus dieser heißen Zone aller Gefühle und der Stellung zu weichen. Noch dazu erhöhte ein neuer Umstand Gefahr und Reiz zugleich. – Ein langer Seufzer schien ihren ganzen Busen zu überladen und aufzuheben und wie ein Zephyr durch einen Lilienflor zu wogen, und der überbauende Schneehügel schien vom schwellenden Herzen, das unter ihm glühte, und vom schwellenden Seufzer zu zittern. – Die Hand der zugehüllten Göttin bewegte sich mechanisch nach dem eingekerkerten Auge, als wollte sie eine Träne hinter dem Bande wegdrücken. Viktor, in Sorge, sie verschiebe die Binde, zieht die Rechte ab von der Wand, und die Linke vom Bette, um, auf den Zehen schwebend, ohne Bestreifen sich aus diesem Zauberhimmel herauszubeugen. – –

Zu spät! – Das Band ist herab von ihren Augen – vielleicht war sein Seufzer zu nahe gewesen oder sein Schweigen zu lange. –

Und die enthüllten Augen finden über sich einen begeisterten, in Liebe zerronnenen, im Anfange einer Umarmung schwebenden Jüngling.... Erstarrt hing er in der versteinerten Lage – ihre von Schmerzen entbrannten Augen überquollen schnell vom mildern Lichte der Liebe – sie sagte heiß und leise: »comment?« – Und gelähmt zur Entschuldigung, bebend, sinkend, glühend, sterbend fällt er auf die heißen Lippen nieder und auf den schlagenden Busen. – Er schloß seine Augen vor Entzückung und vor Bestürzung zu, und blind und liebestrunken und kühn und bange wuchs er mit seinen trinkenden Lippen an ihre an.... als plötzlich in sein auf jeden kommenden Laut gespanntes Ohr der Nachtwächter-Ausruf der zwölften Stunde fuhr – und als Agnola wie mit einer fremden hereindringenden Hand ihn abstemmte, um eine blutige Hemdnadel wegzuwerfen – –

Wie ein Weltgericht in Nachtwolken schmetterte des Wächters einfache Ermahnung, an den Tod und an die zwölfte Geisterstunde dieses Mitternachtlebens zu denken, in seine Ohren, vor denen die Blutströme des Herzens vorüberbrausten – Der Ruf auf der Gasse schien von Emanuel zu kommen und zu sagen: »Horion! Beflecke deine Seele nicht und falle nicht ab von deinem Emanuel und von dir! Schau an die Leinwand über ihrem kranken Auge, als verhüllte es der Tod – und sinke nicht!«

»Ich sinke nicht!« sagte sein ganzes Herz: er wand sich mit ehrerbietigem Schonen aus den pulsierenden Armen und fiel, erstarrend vor der Möglichkeit einer Nachahmung des elenden Matthieu, den er so verachtet hatte, außerhalb des Bettes an ihrer hinausgenommenen Hand mit vorströmenden Tränen nieder und sagte:

»Vergeben Sie dem Jüngling – seinem überwältigten Herzen – seinen geblendeten Augen – – ich verdiene alle Strafen, jede ist mir eine Vergebung – aber ich habe niemand vergessen als mich.« – – »Mais c'est moi que j'oublie en Vous pardonnant«Aber ich vergesse hingegen mich, wenn ich verzeihe. , sagte sie mit einem zweideutigen Auge, und er stand auf und suchte sich, da ihm ihre Antwort die Wahl zwischen der angenehmsten und der demütigsten Auslegung anbot, gern selber mit der letzten heim – Agnolas Auge blitzte vor Liebe – dann vor Zorn – dann vor Liebe – dann schloß sie es – er trat in die ehrerbietigste Entfernung zurück – sie öffnete es wieder und kehrte ihr Gesicht kalt gegen die Wand und gab durch einen geheimen Druck an die Wand, der, glaub' ich, eine eigene Klingel im Zimmer der Kammerfrau regierte, der letzten den Befehl zu eilen – und in einigen Minuten kam diese mit der Augen-Gurt. Natürlicherweise spielte man (wie im Leben des Menschen) den fünften Akt so hinaus, als wäre der dritte und vierte gar nicht dagewesen. – Dann zog er höflich ab.

So! – Nun fangen ich und der Leser darüber zu fechten an, und Viktor darüber zu denken. Recht war seine Umarmung nicht – seine Entdeckreise nach der Wand und seine Gemäldeausstellung waren es auch nicht –, aber klug war sie; denn er konnte doch wahrlich nicht zurückpurzeln und sagen: »Ich dachte, Matz hange hinter dem Bette.« – – Darauf antworten mir freilich Leute von Erfahrung: »Wir sind hier nicht darüber mit ihm unzufrieden, daß er die Klugheit der Tugend vorzog, sondern darüber vielmehr, daß ers nach dem Kusse nicht wieder so machte – Dieser Kuß ist ein zu kleiner Fehler, als daß ihn Agnola vergeben könnte.« Ich merke, diese Leute von Erfahrung sind Anhänger von der Sekte, welche in meinem Buche die Fürstin wegen so vieler halben Beweise unter diejenigen Weiber rechnet, die, zu stolz und zu hart für die Liebe des Herzens, die Liebe der Sinne nur flüchtig mit der Liebe zum Herrschen abwechseln lassen, und die es nur tun, um aus Amors Binde ein Leitseil, aus seinen Pfeilen Sporen und Steigeisen zu machen. Es sind mir auch die halben Beweise recht gut bekannt, womit sich diese Sekte deckt – die Bigotterie der Fürstin – ihr Beichtabend – ihre bisherige Aufmerksamkeit für meinen Helden – das Verdecken der gemalten Marie und das Enthüllen der lebendigern – und alle Umstände meiner Erzählung. Aber ich kann so etwas von einer Freundin Klotildens (diese müßte sich denn gerade deswegen von ihr geschieden oder aus Seelengüte diese nur dem männlichen Geschlechte gewöhnlichern Eilboten des Temperaments gar nicht begriffen haben) unmöglich eher denken, als bis mich in der Folge offenbare Spuren eines mehr erbitterten als gekränkten Weibes dazu nötigen. –

Ich komme von meinem Versprechen ganz ab, einiges näher zu legen, was gewiß bei Unparteiischen meinen Helden darüber, wo nicht rechtfertigt, doch entschuldigt, daß er nach dem Kusse sozusagen wieder tugendhaft wurde, und nicht des leibhaften Teufels lebendig. Ich stelle keck unter die Milderunggründe seine Unbekanntschaft mit solchen Weibern, die, gleich den Spartern, mutig nicht nach der Zahl der Feinde ihrer Tugend fragen, sondern nach dem Orte derselben; er war wohl oft bei ihnen und in ihrem Lager, aber seine Tugend hinderte sie, ihm die ihrige zu zeigen. – Nicht so viel wie durch jenes wird er durch die Einwirkung des Nachtwächters und durch das Erinnern an den Tod entschuldigt; denn dieses muß selber entschuldigt werden; – es ist aber auch nur gar zu gewiß, daß gewisse Menschen, die zu Philosophen oder auch zu Dichtern organisiert sind, gerade dann, und zwar allemal, statt ihres Zustandes allgemeine Ideen beschauen, wo es andere gar nicht können und wo sie nichts sind als Ich, nämlich in den größten Gefahren, in den größten Leiden, in den größten Freuden. –

Ein Billiger schiebt alles auf den Apotheker, der Viktors moralischer und mechanischer Bettzopf oder Bettaufhelfer war; denn da der ihm den edlen Matz in einer ähnlichen Lage (aber ohne Bettzopf) vorgemalet hatte: so wurde der Abscheu, welchen Viktor einige Tage vorher gegen des Evangelisten Betragen empfunden hatte, in ihm zum lähmenden Unvermögen, einige Tage darauf im geringsten es zu kopieren. – O wenn wir doch jede Sünde, zu der wir oder andre uns versuchen, ein paar Tage vorher von einem wahren Schuft begehen sähen, den wir anspeien! – Könnten wir dann dem Schufte nacheifern?

Endlich braucht man nur zu Viktor in den Erker, wo er jetzo sitzt in einem sonderbaren Barometerstande, hinzusehen, wenn man den vorigen beurteilen will. Sein jetziger ist nämlich eine Mischung von Leerheit, Unzufriedenheit (mit sich und jedem), von größerer Liebe gegen Agnola, von Rechtfertigungen dieser Agnola, und doch von einem Unvermögen, sie sich als eine nahe Freundin Klotildens zu denken. –

Mich wird das wenige, was ich in der Eile zusammengetragen, niemals reuen, wenn ich dadurch einige glückliche Winke gegeben hätte, wie gut meinen Held bei seinem Betragen nach dem Kusse, das strengen Leuten von Welt auffallen muß, eine unangenehme Vereinigung von moralischen Zwingmitteln vorschützen könne, und wenn es mir also geglückt wäre, ihm die Hochachtung, um die er sich brachte, weil er den für seinen Finger zu weiten Fürstenring nicht mit dem langen Seidenfaden der Liebe überwickelte zum Anpassen, am Ende des 27sten Kapitels wieder zu geben....

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