Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Jean Paul Richter >

Hesperus oder 45 Hundposttage

Jean Paul Richter: Hesperus oder 45 Hundposttage - Kapitel 71
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleHesperus oder 45 Hundposttage
pages471-1236
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
Schließen

Navigation:

Viktor stattete also bei seinem Hausherrn zugleich einen freundschaftlichen und einen ärztlichen Besuch mit seiner teilnehmenden Seele ab. Diese Gesinnung griff herrlich in den Plan des Apothekers ein, den Doktor anzuwerben, damit er gegen Matzen diene. »Dazu brauche ich nichts,« (sagte Zeusel zu Zeusel) »als daß ich ihn die Intrigen, die das Schleunessche Haus gegen ihn spielet, sehen lasse, denn er ist ohne mich nicht raffiniert genug dazu.« Denn er hält überhaupt den Helden der Hundposttage – ders auch willig litt – ein wenig für dumm, bloß weil dieser gutmütig, humoristisch und gegen alle Menschen vertraulich war. In der Tat gab ihm das Leben in der großen Welt zwar geistige und körperliche Gewandtheit und Freiheit, wenigstens größere; aber eine gewisse äußere Würde, die er an seinem Vater, am Minister und sogar oft an Matthieu wahrnahm, konnt' er niemals recht oder lange nachmachen; er war zufrieden, daß er eine höhere in seinem Innern hatte, und fand es fast lächerlich, auf der Erde ernsthaft zu sein, und zu gering, stolz auszusehen. Vielleicht konnten sich eben darum Viktor und Schleunes nicht leiden; ein Mensch von Talenten und ein Bürger von Talenten hassen einander gegenseitig.

Eh' ich dem Apotheker erlaube, alle Fäden des Schleunesschen Kanker-Gespinstes vorzuzeichnen: will ich nur erklären, warum Zeusel hierüber so allwissend war, und doch Viktor so blind. Dieser aber war es, weil er sich unter seinen Freuden auf das Erraten gleichgültiger oder schlimmer Leute gar nicht legte; er schwebte überhaupt wie ein Paradiesvogel immer in der Himmelluft, vom Schmutzboden abgetrennt, und flog, wie alle Paradiesvögel, der losen Federn wegen immer gegen den Wind; daher bekam er, aus Mangel an Verbindungen, die mündlichen Hofzeitungen erst, wenn alle Heiducken, die Lakaien der Pagen und die Einheizer sie schon schwarz gelesen hatten; – oft gar nicht. – Der Apotheker ist im entgegengesetzten Falle, weil er zwar die schlechten Augen, aber auch die guten Ohren eines Maulwurfs hat, und weil in der camera obscura seines ähnlichern Herzens sich leichter die Bilder der verwandten Kniffe malen; noch dazu setzt er zwei lange Hörröhre – zwei Töchter – an die Kabinette oder vielmehr an ihre Liebhaber an, die daraus kommen, und horcht durch die Röhre manches weg, was ich in dieser Lebensbeschreibung recht herrlich schon im dritten Heftlein nutzen kann. Es gibt Menschen – der war so –, die nur Nachrichten, ohne Interesse für den Inhalt, erhetzen wollen und Personalien ohne Realien, und die alle große Gelehrte, aber keine Gelehrsamkeit – alle große Staatsmänner, aber keine Politik – alle Generale, ohne Liebe zum Kriege – zu kennen suchen persönlich und schriftlich.

Es kann sein, daß mancher feine Leser schon aus dem vorigen von dem, was Zeusel jetzt entdecken will, Wind hat. Ich gebe des Apothekers Darstellung in folgender verjüngten:

»Der Minister habe den Fürsten sonst niemals in sein Interesse ziehen können, selten in sein Haus; zwar hab' er zuweilen eine Tochter, die ihm gefallen konnte, zu vermählen nicht unterlassen; aber entweder das verschiedene Interesse des Tochtermanns war allemal dem seinigen ungünstig, oder auch der Einfluß Sr. Herrlichkeit (des Lords). Daher sei er mehr zu entschuldigen als zu verdammen, daß er die Partei des Schwächern ergriffen, nämlich die der verlassenen Fürstin, die doch allemal etwas sei, und welche ihre italienischen Künste vielleicht nur noch verdecke. Im ganzen genommen sei es also nicht unrecht, daß man die Fürstin, die viel Temperament habe, durch Matthieu an Schleunes' Haus zu knüpfen suche, worin man sich nach ihrer äußern Tugend-Grandezza geniere, indes man sie durch den Hofjunker über die Kälte ihres Gemahls beruhige.«...

Wenn sich der Leser das Schlimmste vorstellt: so begreift er Viktors ungläubiges Erstarren und Verfluchen; er ließ aber Zeuseln erst ausreden.

»Zum Glück habe Herr Hofmedikus dem Hause die Ehre erwiesen, oft hinzukommen; und die Schleunesschen werden ihn wahrscheinlich auf alle Weise zum öftern Geschenk seiner Besuche ermuntert haben, da er zumal dadurch auch den Fürsten eingewöhne. Er wisse hierüber allerlei von guter Hand.«...

Viktor erriet, was Zeusel aus Höflichkeit verschwieg – den Wink auf Joachime. »Sonderbar ists doch,« dacht' er, »daß mir mein Vater fast dasselbe schreibt! – Aber ein hübsches Gewirre von Absichten! ich machte bei meinen Absichten auf die Fürstin den Minister zu meinem Deckmantel, und er mich bei seinen auf den Fürsten zu dem seinigen.« – Das hätt' er ohne mich wissen sollen, daß böse Menschen die guten nie aus Liebe suchen, und daß Joachimens Herz nichts ist als ein Köder in der Hand des Ministers; aber dichterische Menschen, die immer die Flügel der Phantasie aufspannen, werden, wie die Lerchen wegen ihrer ausgespreizten Flügel, sogar in Netzen festgehalten, welche die weitesten Maschen haben, wodurch sonst leicht ein glatter Vogelkörper glitte. – Nur noch ein Wort: warum betrug sich Viktor gegen die besten Menschen, gegen Klotilde, seinen Vater etc., feiner, anständiger und schöner als der beste Weltmann; und gegen mittelmäßige und schlimme benahm er sich doch so links: warum? – Weil er alles aus Neigung und Achtung tat, und nichts aus Eigennutz und Nachahmung; die Weltleute hingegen behaupten ein immer gleiches Betragen, weil sie es nie nach fremden Verdiensten, sondern nach eignen Absichten abformen. Daher gab ihm sein Vater auf der Insel unter den Lebenregeln – die überhaupt eine feine versteckte Weissagung von seinen Fehlern und Begebenheiten waren – diese mit: man begeht die meisten Torheiten unter Leuten, die man nicht achtet.

»Da nun Klotilde dem Fürsten gefalle: so werde dieser Matthieu, der um sie schon vor einigen Jahren geworben, sie zu seinen Eroberungen zu machen suchen, um durch sie viel wichtigere zu machen.«

Pfui! rief Viktors ganze Seele, jetzt seh' ich erst alle Stacheln der Dornenkrone, die auf dein Herz gedrücket wird, du arme Klotilde!

»Matthieu wäre längst mit seinen Heuratsanträgen weiter herausgegangen, hätt' er die gegenwärtigen Aussichten (eines – Ehebruchs) näher gehabt. Vielleicht sei auch Matthieu noch über die Zurückkunft ihres Bruders (Flamins, wegen ihrer verkleinerten Erbschaft) in Sorge, ob ihn gleich der Tod seiner Schwester (der beerbten Giulia) ein wenig entschädige. Daher liebe die Fürstin Klotilden, da deren Heurat mit Matthieu nur eine Sache des Interesse sei. Käm' es aber wirklich zu einer Vermählung, wie wahrscheinlich sei, da Matthieu sie schon durch Grobheit dem Kammerherrn abnötigen würde«.... (Es ist ein eigner Zug des Evangelisten, daß er gegen Schwache grob und oft gegen dieselbe Person rauh und wieder fein war) – »so könnte jener und Jenner sich im wechselseitigen Vergeben üben; und das Band der Freundschaft würde sich auf einmal um vier Personen in verschiedenen Schleifen wickeln. Diese vierfache Verkettung risse dann keiner mehr auseinander, und alles ginge zum Teufel. Der einzige Maschinengott, der die Knüpfung dieses Knotens noch verhüten könnte, sei der – Herr Hofmedikus. Ihm versage Herr Le Baut vielleicht die Tochter nicht, da er ihr zum Hofdamenamt verholfen – ›welches damals, da ich mich Ihnen nicht deutlich erklären durfte, gerade meine wahre Absicht war, die Sie ebensogut errieten als ausführten‹ – und da das Schicksal des Sohns (Flamins, der nach der allgemeinen Meinung noch verschollen war) ja in den Händen Sr. Herrlichkeit stehe. Auch zweifle er am Gewinnen der Fürstin nicht, da er (der Doktor) bisher ihre Gunst besessen, und sie ihn dem Doktor Kuhlpepper vorgezogen. Durch den Verlust Klotildens und Agnolas wären den Schleunesschen die Flügel beschnitten.«...

Schurke! hätte hier Flamin geflucht; aber Viktor, der glaubte, diesen moralischen Staubbesen verdiene nur ein ganzes Leben, nie eine Handlung, und der mit der größten Unduldung der Laster eine zu große Duldung der Lasterhaften verband, dieser sagte, aber mit mehr Hitze, als man nun vermuten wird: »O du gute Fürstin! die deutschen Skorpionen sitzen um dein Herz und stechen es zur Wunde und gießen als Balsam Gift in die Wunde, damit sie niemals heile! – Abscheuliche, abscheuliche Verleumdung!« Viktor lobte und verfocht gern seine Freunde zu lebhaft – und zwar aus Neigung zum Gegenteil; denn da er bei seiner eignen Ehre die Belobbriefe seines Gewissens den Schandgemälden der Welt ruhig und stumm entgegensetzte, so wär's zwar seine Neigung gewesen, die Ehre seiner Freunde so kalt zu verteidigen wie seine eigne, aber es war Gehorsam gegen sein Gewissen, es (trotz dem Gefühle der Entbehrlichkeit) mit der größten Wärme zu tun.

Das höfische und triumphierende Lächeln Zeusels war eine zweite Verleumdung; der Tropf hielt Viktor für ein Zifferblatt- oder Stundenrad bei der Sache und sich für den Perpendikel. Daher sagte Viktor mit einem aus Wehmut und Stolz gemischten Unwillen: »Meine Seele erhebt sich zu weit über eure Hof-Kleinigkeiten, über eure Hof-Spitzbübereien, mich ekelt euer Kram unaussprechlich. – O du edler Geist in Maienthal!« – –

Er ging mit durchschnittenem Herzen weg – der Nachtwächter, der ihn allemal im höhern Sinne an die Zeit und an die Ewigkeit dazu erinnerte, rief seines Lehrers Gestalt vor seine weinende Seele und – Klotilde mit ihren blassen Mienen kam mit und sagte: »Siehst du noch nicht ein, warum ich so bleiche Wangen habe und so schnell in das fromme Tal Emanuels ziehe?« – und Joachime tanzte vorüber und sagte: »Ich lache Sie aus, mon cher!« – und die Fürstin verhüllte ihr unschuldiges Gesicht und sagte aus Stolz: »Verteidige mich nicht!« –

Der Leser kann sich leicht denken, daß Viktor den Namen Klotilde für zu groß hielt, um ihn nur in einer solchen Nachbarschaft über die Lippen zu bringen – wie die Juden den Namen Jehova nur in der heiligen Stadt, nicht in den Provinzen auf die Zunge nahmen. Seine Seele heftete sich nun an den Nachflor seiner Liebe, an die von Zeuseln besprützte Agnola. Es war ihm erwünscht, daß gerade jetzo der Kaufmann Tostato aus Kussewitz ankommen mußte, um seine katholische Osterbeichte in der Stadt abzutun: er konnte bei ihm doch auf Verschwiegenheit über die Maskopei-Rolle in der Bude dringen, damit er der gemißhandelten Fürstin wenigstens den Schmerz über eine gutgemeinte Beleidigung, über die in die Uhr eingeklebte Lieberklärung, ersparte.

 << Kapitel 70  Kapitel 72 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.