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Hesperus oder 45 Hundposttage

Jean Paul Richter: Hesperus oder 45 Hundposttage - Kapitel 69
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleHesperus oder 45 Hundposttage
pages471-1236
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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Drittes Heftlein

26. Hundposttag

Drillinge – Zeusel und sein Zwillingbruder – die aufsteigende Perücke – Entdeckung von Spitzbübereien

Wenn ich in Coventgarden über das Trauerspiel geweint hätte: so würd' ich doch im Epiloge bleiben, den sie nachher halten, ob ich gleich über ihn lachen müßte. Allein nur aus dem Trauerspiele führt ein Quergäßchen in das Lustspiel, aber nicht aus dem Heldengedicht; kurz der Mensch kann nach dem Erweichen, aber nicht nach dem Erheben lachen. Ich darf es daher nie verstatten, daß ein Vielleser sogleich nach dem 25sten Kapitel dieses anfange. Wenn man überhaupt selber zusieht, wie sie einen lesen – nämlich noch fünfmal elender, gedankenloser, abgerissener, als man schreibt – (ich rede bloß von Fleiß: Kenntnisse fallen von selber beim Lesen weg, und die Autorfeder kann die Lebengeister des Lesers, wie der Pumpenstiefel das Wasser, doch nur auf eine gewisse Höhe ziehen) – wie sie bei den besten Stellen zwei Blätter auf einmal umwenden, bald zwei ungleichartige Kapitel entern lassen, bald in vier Wochen erst ein Kapitel gar hinauslesen, das in einer Sitzung hätte durchsein sollen – wie solche klassische Leser oft kurz vor einem Besuche oder unter dem Andrehen oder gar Ansengen der Haarwickel oder unter dem Auskämmen der Haare (die gar das erhabenste Kapitel einpudern) letztes lesen oder ein rührendes unter dem Keifen mit der ganzen Stube – wenn man bedenkt, daß unter solche Leser die meisten Scheerauer und Flachsenfinger gehören, und bloß die Leserinnen nicht, die sich in alle Bücher und Männer einzuschießen wissen, und denen einerlei ist, was sie lesen oder heiraten – und wenn man gar die traurige Betrachtung macht, daß, wenn über diese Leser nicht einmal der Lesegroschen, den sie fürs Buch bezahlen müssen, so viel Gewalt besitzt, um sie zum Genusse rührender und erhabner Blätter zu vermögen, daß es dieser lange Periode noch weniger erzwingen werde: so preiset man das deutsche Publikum glücklich, das doch solche Werke nähren, an denen wie an Truthühnern das Weiße das beste ist.

Da ein solcher Truthahn auch die Wiener Zeitschrift ist, und ich vorige Woche im Traume dachte, mein Hund schreibe daran: so wirds hierher passen, daß ich meinen Irrsal widerrufe. Mir fällt der Traum nicht auf – (da die Korrespondenzbestie gleichfalls HofmannDer Professor Hoffmann und seine Zeitschrift, worin er im Anfange der Revolution jeden freien Geist als Thronenstürmer gefangen nahm, ist freilich längst vergessen; aber man kann ja den nächsten neuesten deutschen Ultra statt seiner setzen. heißt) –, daß diese gar der in eine Hundshaut eingewindelte und verpuppte Professor sei. Ich wäre gar nicht darauf verfallen, daß ein Professor der » praktischen Eloquenz« in der Form eines Hundes der Welt Drucksachen apportierte, hätte nicht einmal in Paris ein Kerl sich mit konterbanden Waren in eine Pudelhaut einnähen lassen, um so verkappt durchs Tor zu kommen. Schon aus der ungleichen Größe beider Wesen hätt' ich wissen können, welche Zeit es sei; aber ich ging im tollen Traume so weit, daß ich den Hund wirklich examinierend zwickte und befühlte, als der Professor, den ich hinter dieser Charaktermaske suchte, selber lebendig zur Tür eintrat. Er hob zwar sofort alle Verwechslung; ich legte mir aber, gleichsam um ihm Genugtuung zu geben, die Strafe auf, das ganze Ding bekannt zu machen und noch dazu sein Mitarbeiter, d. h. seine Monattaube zu werden, die monatlich heckt... Es sollen daher viele wirklich in der Wiener Zeitschrift (denn in der ersten Auflage vergaß ich das zu sagen, daß ich nur geträumt) nach Arbeiten von mir geforschet haben: ist das möglich, ich bitte? – –

Wir haben unsern Viktor unter lauter trüben Vermutungen stehen lassen: jetzo finden wir ihn wieder vor einem Begegnis, das sie alle bestätigt.

Wer den Apotheker Zeusel, um den sich der ganze Vorfall dreht, nur von Hörensagen kennt, weiß, daß er ein Hasenfuß ist. Besagter Fuß – ein Hase und der Teufel behalten, wenn auch das ganze Fell abgestreift ist, noch den Fuß – sah es gern, wenn ihn ein Herr von Hofe ausschmausete und -auslachte; er konnte nicht bescheiden verbleiben, sobald ihn ein Vornehmer zum Narren hatte. Der edle Matz benahm ihm daher seine Bescheidenheit oft. Von diesem vertrug er wie die Flachsenfinger alles, von Viktor nichts. Ich erklär' es nur daraus, weil Viktors Satiren allgemein und passend und für das Bessern waren; die Menschen aber vergeben lieber Pasquill als Satire, lieber Verleumdung als Ermahnung, lieber Spotten über Orthodoxe und Aristokraten als Vernünfteln darüberDaher war es in Athen erlaubt, die Götter zu verspotten, aber nicht zu verneinen.. – Demungeachtet, ob Zeusel gleich von Matthieu diesesmal wieder gehänselt und geprellet wurde, wollt' ers ihm nicht recht vergeben, sondern bekam das Chiragra darüber.

Es war nämlich kurz vor dem ersten April – manche haben jährlich 365 erste Aprile –, als der Junker den Apotheker in jenen April schickte. In St. Lüne waren schon drei Bad- und Trinkgäste angekommen, drei junge wilde Engländer, die sich für Drillinge ausgaben, aber wahrscheinlich nur nacheinander, nicht miteinander geborne Brüder waren. Bloß ihre Seelen schienen Drillinge des Gemein- und Freiheitgeistes zu sein; sie waren so republikanisch, daß sie nicht einmal an dem Hofe erschienen, und hielten wie jeder Engländer uns alle (mich und den Leser und den Eloquenz-Professor) für Christensklaven und die Freigelassenen für Steckenknechte. Die Zauberkraft eines ähnlichen Herzens trieb bald den Regierrat Flamin in ihre kartesischen Wirbel; sie waren kaum acht Tage da, so hatten sie mit ihm schon einen Klub beim Kaplan gehalten. Er versprach ihnen auf Ostern das Gesicht ihres Landsmanns Sebastian; und den edlen Matthieu hatt' er gleich anfangs mitgebracht. Matzens Freiheitbaum war bloß ein satirischer Dornstrauch; seine Satiren ersetzten die Grundsätze. Nur ein einziger Drilling, den selber der Böse mit Hörnern und Bocksfüßen, nämlich der Satyr, ritt, konnte den beißenden Evangelisten und falschen Freiheit- Apostel recht leiden; denn in einem heitern lichten Kopf nimmt jedes fremde Witz- und Blitzwort einen größern Schimmer an, wie Johanniswürmchen in dephlogistisierter Luftart heller glimmen.

Als Matthieu den Pfarrkutscher und den Lohnlakai der Engländer, den Blasbalgtreter Zeusel – den Zwillingbruder des Apothekers –, erblickte: erfand er etwas, das ich eben erzählen werde. Der Apotheker mußte sich bekanntlich seines leiblichen Bruders schämen, weil er ein bloßer Balgtreter war und keinen andern Wind machte als musikalischen – und weil er ferner schlechte innere Ohren und außen gar keine hatte. Jedoch hatt' er sich wegen der letzten mit einem gerichtlichen Zeugnis gedeckt, das ihm nachrühmte, daß er seine Schallmuscheln auf eine ehrliche Art durch einen Bader verloren, der ihm von seiner Schwerhörigkeit helfen wollen. Aber sein Kopf war sein Ohr. Wenn er einen Stab an den Redner oder an seinen Sessel hielt, oder wenn man gerade über seinem Kopfe predigte: so hörte er recht gut. Haller erzählt ähnliche Beispiele, z. B. von einem Tauben, der allemal einen langen Stock an die Kanzel als Leiter und Steg der Andacht stieß. Seine Taubheit, die ihn eher zu einem höchsten Staatsbedienten, als zu einem Lehnbedienten berief, wendete ihm gerade den Sieg über andere Wahlkandidaten zu, weil dem Kato dem Ältern – so hieß sich der lustige Engländer – seine närrische Stellung gefiel.

Der edle Matthieu, dessen Herz eine ebenso dunkle Farbe hatte wie seine Haare und Augen, hing die Drillinge als Köder-Würmchen an die Angel, um den Apotheker zwischen seinem und Flamins Arm nach St. Lüne zu bringen. Zeusel ging freudig mit und ahnete das Unglück nicht, das ihn erwartete, nämlich seinen Bruder, mit dem ers schon seit vielen Jahren gegen etwas Gewisses ausgemacht hatte, daß sie einander in Gesellschaften gar nicht kennen wollten. Der Balgtreter begriff ohnehin aus Einfalt gar nicht, wie ein so vornehmer Mann wie Zeusel sein Bruder sein könnte, und verehrte ihn im stillen von weitem; nur eine Sache vertrug er nicht, trotz seiner blödsinnigen Geduld, die, daß sich der Apotheker für den Erstgebornen ausgab: »Bin ich nicht«, sagt' er, »um eine Viertelelle länger und eine Viertelstunde älter als er?« Er schwur, in der Bibel sei es verboten, seine Erstgeburt zu verkaufen – und er war dann wie alle, denen eine dumme Geduld ausreißet, nicht mehr zu bändigen.

Der Apotheker bemerkte nach dem ersten Schrecken über den dastehenden Bruder mit Vergnügen, daß niemand seine Verbrüderung kenne; er wollte es daher auch nachtun und foderte vom Bruder-Bedienten so kalt wie jeder, zu trinken. Der Balgtreter besah, indem er den Kopf niederbog, damit der Bruder oben darüber die Befehle gäbe, mit Erstaunen und wahrer Achtung die silbernen Gattertore und Beinschellen auf den Füßen seines Verwandten und dessen Hüftgehenk von Stahl-Girlanden der Uhren. Zeusel hätte sich gern – wäre dem Junker zu trauen gewesen – gegen die Briten angestellt, als betrög' er sich und hielte des Tauben Bücken für übertriebene Kriecherei gegen Hofleute; er wäre dann imstande gewesen, dazuzusetzen, der Opisthotonus gegen Niedere sei derselbe Krampf wie der EmprosthotonusEmprosthotonus ist der Krampf, der den Menschen vorwärts krümmt – der Opisthotonus beugt ihn rückwärts. gegen Höhere – aber wie gesagt, der Henker traue Hofjunkern!

Die Briten indessen nahmen den Narren samt seiner Geldbörse am Hintern kaum wahr und wunderten sich bloß, was er da wolle. Ihre republikanischen Flammen schlugen mit Flamins seinen zusammen, und zwar so, daß der Hofjunker sie für Franzosen und für Reisediener und Zirkularboten der französischen Propaganda würde genommen haben, wenn er nicht geglaubt hätte, nur ein Narr könne eine versuchen und eine glauben. Matthieu hatte Scharfsinn, aber keine Grundsätze – Wahrheiten, aber keine Wahrheitliebe – Scharfsinn ohne Gefühl – Witz ohne Zweck. Er war heute nur darauf aus, durch losgezündete Streifschüsse den Apotheker immer in der Angst zu befestigen, irgendeine Ideenverbindung werde ihn den Augenblick auf den dastehenden Bruder lenken. So legt' er recht glücklich nebenher den armen Hasenfuß auf die Folter des »gespickten Hasens«, als er ironisch für den Nepotismus focht. »Die Päpste, die Minister« (sagt' er) »geben wichtige Posten nicht dem ersten besten, sondern einem Manne, den sie genau geprüft haben, weil sie mit ihm fast auferzogen wurden, nämlich einem Blutfreund. Sie denken zu moralisch, als daß sie nach ihrer Erhebung ihre Verwandten nicht mehr kennen sollten, und sie halten den Hof für keinen Himmel, wo man nach seiner in die Hölle verdammten Magenschaft nichts fragt. Weil ein Minister so viel verdauen kann wie ein Strauß: so wundert man sich, daß er nicht auch wie ein Strauß seine Eier voll Anverwandten in den Sand und vor die Sonne wirft und ihr Aufkommen nicht dem Zufall anvertrauet. Aber nichts verträgt sich weniger mit dem echten Nepotismus als dies; ja selber der Strauß brütet zu Nacht und in kältern Orten persönlich und unterlässet es nur dann, wo die Sonne besser brütet: so sorgt auch der Mann von Einfluß nur in solchen Fällen für seine Vettern, wenn großer Mangel von Verdiensten es fodert. Ich gesteh' es, die Moral kann so wenig Nepotismus wie Freundschaften gebieten; aber das Verdienst ist desto größer, wenn man ohne alle moralische Verbindlichkeit mit seinem Stammbaum gleichsam die halben Thronstufen überdeckt.« – Dieser satirische Hüttenrauch und Schwaden nahm die Briten für ihn ein, zumal da der Rauch edle Metalle voraussetzte, nämlich die höchste Unparteilichkeit bei einem Sohne, dessen Vater Minister war.

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