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Hesperus oder 45 Hundposttage

Jean Paul Richter: Hesperus oder 45 Hundposttage - Kapitel 67
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleHesperus oder 45 Hundposttage
pages471-1236
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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Ich wollt' einen Folioband mit den Beweisen davon vollbringen: Viktor zählte sie sich an seinen fünf Fingern ab. Beim Daumen sagt' er: »Des Julius wegen sucht sie die kleine Julia, so ists auch mit Giulia« – beim Schreibfinger sagte er: »Das französische Anfang-J sieht wie ein S ohne Querstrich aus« – beim Mittelfinger: »Die Minerva hat ihm ja nicht bloß die Flöte, sondern auch Minervens schönes Gesicht beschert, und in dieses blinde Amors-Gesicht konnte Klotilde sich ohne Erröten vertiefen; schon aus Liebe gegen seinen Freund Emanuel hätte sie ihn geliebt« – beim Ringfinger: »Daher ihre Verteidigung der Mißheiraten, da sein bürgerlicher Ringfinger an ihren adeligen kommen soll« – beim Ohrfinger: »Beim Himmel! das alles beweiset nicht das geringste.«

Denn nun überströmten ihn erst die ganzen Beweise: im ersten Bande dieses Buchs kam oft ein unbekannter Engel zu Julius und sagte: »Sei fromm, ich schweb' um dich, ich beschirme deine eingehüllte Seele – ich gehe in den Himmel zurück.« –

Zweitens: dieser Engel gab einmal Julius ein Blatt und sagte: »Verbirg es, und nach einem Jahr, wenn die Birken im Tempel grünen, laß es dir von Klotilden vorlesen: ich entfliehe, und du hörst mich nicht eher als über ein Jahr.« – – Alles das lag ja Klotilden wie angegossen an: sie konnte dem Blinden nie ihr sterbendes Herz aufdecken – sie ging gerade jetzt (wie lange ist noch auf Pfingsten?) nach Maienthal, um das Blatt, das sie ihm in der Charaktermaske eines Engels gereicht, selber vorzulesen – endlich ging sie ja gerade damals nach St. Lüne ab – – kurz, aufs Haar trifft alles zu.

Wenn der Lebensbeschreiber ein Wort dareinsprechen dürfte: so wär' es dieses: Der Berghauptmann, der Lebensbeschreiber, glaubt seines Orts alles recht gern; aber Klotilden, die bisher aus jedem Schmutznebel weiß strahlend herausging, und an der man, wie an der Sonne, so oft Wolken mit Sonnenflecken vermengte, kann er so lange nicht tadeln, bis sie es selber vorher tut. Viktor hat sogar, wie ich in der ersten Auflage, manche Beweise vergessen, die für Klotildens Liebe gegen Julius reden: z. B. den warmen Anteil an dessen Blindheit und ihren Wunsch seiner Heilung (im Briefe an Emanuel), Flamins veraltete Eifersucht in Maienthal, sogar die Wonne, mit der sie im Schauspielhaus das Tal ein Eden nennt und die Lethe ausschlägt.

Viktor riß das Paket entzwei, und zwei Blättchen fielen aus einem großen Blatte heraus. Das eine Blättchen und das große Blatt waren von Emanuel, das zweite vom Lord. Er studierte das letzte, in doppelten Chiffern geschriebne zuerst; folgendes:

 

»Im Herbst komm' ich, wenn die Äpfel reifen. – Die Dreieinigkeit« (der Lord meint des Fürsten drei Söhne) »ist gefunden; aber die vierte Person in der Gottheit« (der vierte lustige Sohn) »fehlet. – Fliehe aus dem Palaste der Kaiserin aller Reußen,« (- mit dieser Chiffer hatten beide den Minister Schleunes zu bezeichnen verabredet –) »aber die Großfürstin (Joachime) meide noch mehr: sie will nicht lieben, sondern herrschen, sie will kein Herz, sondern einen Fürstenhut. – In Rom« (er meint Agnola) »hüte dich vor dem Kruzifix, aus dem ein Stilett springt! Denk an die Insel, eh' du fehlest.«

 

Viktor erstaunte anfangs über die zufällige Angemessenheit dieser Verbote; aber da er sich bedachte, daß er sie ihm schon auf der Insel gegeben haben würde, wenn sie sich nicht auf seine neuern Begebenheiten bezögen: so erstaunt' er noch mehr über die Kanäle, durch welche seinem Vater die Spionen-Depeschen von seinen jetzigen Verhältnissen zugekommen sein mögen (- könnte denn mein Korrespondent und Spion nicht auch des Vaters seiner sein? –), und am meisten über die Warnung vor Joachimen. »O! wenn diese gegen mich falsch wäre!« sagte er seufzend und mochte das trübe Bild und den Seufzer nicht vollenden. – – Sondern er vertrieb beide durch das kleine Blatt von Emanuel, das so klang:

 

»Mein Sohn!

Die Morgenröte des Neujahrs schien über den Schnee an mein Angesicht, als ich das Papier hinlegte,« (Emanuels zweiten, sogleich folgenden Brief) »auf das ich zum letzten Male meine Seele mit allen ihren über diese Kugel hinausreichenden Bildern abzudrücken suchte. Aber die Flammen meiner Seele wehen bis zum Körper und sengen den mürben Lebensfaden ab; ich mußte oft die zu leicht blutende Brust vom Papier und von der Entzückung wegwenden.

Ich habe, mein Sohn, mit meinem Blut an dich geschrieben. – Julius denkt jetzo Gott. – Der Lenz glüht unter dem Schnee und richtet sich bald auf aus dem Grünen und blüht bis an die Wolken. – Meine Tochter (Klotilde) führt den Frühling an der Hand und kömmt zu mir – Sie nehme meinen Sohn an die andre Hand und lege ihn an meine Brust, worin ein zerlaufender Atem ist und ein ewiges Herz... O wie tönen die Abendglocken des Lebens so melodisch um mich! – Ja wenn du und deine Klotilde und unser Julius, wenn wir alle, die wir uns lieben, beisammen stehen; wenn ich eure Stimmen höre: so werd' ich gen Himmel blicken und sagen: die Abendglocken des Lebens umtönen mich zu wehmütig, ich werde vor Entzückung noch früher sterben als vor dem längsten Tage, und ehe mir mein verewigter Vater erschienen ist.

Emanuel.«

*

Lieber Emanuel, das wirst du leider! Der Freuden-Himmel dringt an deinen Mund, und unter Wehen, unter Tönen, unter Küssen saugt er dir den flackernden Atem aus; denn der Erdenleib, der nur grasen, nicht pflücken will, verdauet nur niedrige Freuden, und erkaltet unter dem Strahl einer höhern Sonne! – –

Mit Rührung zieh' ich von Viktors entzweigedrücktem unkenntlichen Angesicht den Schleier weg, der seine Schmerzen bedeckt. Laß dich anschauen, trostloser Mensch, der einem Frühling entgegengeht, wo sein Herz alles verlieren soll, Emanuel durch den Tod, Klotilde durch Liebe, Flamin durch Eifersucht, sogar Joachime durch Argwohn! Laß dich anschauen, Verarmter, ich weiß, warum dein Auge noch trocken ist, und warum du gebrochen und den Kopf schüttelnd sagst: »Nein, mein teurer Emanuel, ich komme nicht, denn ich kann ja nicht.« – Es ätzte sich in dein Herz am tiefsten, daß gerade dein treuer Emanuel noch glaubte, du würdest von seiner Freundin geliebt. – Der unentwickelte Schmerz ist ohne Träne und ohne Zeichen; aber wenn der Mensch das Herz voll zusammenfließender Wunden durch Phantasie aus dem eignen Busen zieht und die Stiche zählt und dann vergisset, daß es sein eignes ist: so weint er mitleidig über das, was so schmerzhaft in seinen Händen schlägt, und dann besinnt er sich und weint noch mehr. – Viktor wollte gleichsam die starre Seele aus den gefrornen Tränen wärmend lösen und ging ans Erkerfenster und malte sich, indes die verhaltene Abendglut des Märzes aus dem Gewölke über den maienthalischen Bergen brannte, Klotildens Vermähltag mit Julius vor – O, er zog, um sich recht wehe zu tun, einen Frühlingtag über das Tal, der Genius der Liebe schlug über den Traualtar den blauen Himmel auf und trug die Sonne als Brautfackel ohne Wolkendampf durch die reine Unermeßlichkeit. – Da ging an jenem Tage Emanuel verklärt, Julius blind, aber selig, Klotilde errötend und längst genesen, und jeder war glücklich – Da sah er nur einen einzigen Unglücklichen in den Blumen stehen, sich nämlich; da sah er, wie dieser Betrübte wortkarg vor Schmerzen, fröhlich aus Tugend, näher und vertrauter mit der Braut aus Kälte, so ungekannt, eigentlich so entbehrlich mit herumgeht, wie ihm das schuldlose Paar mit jedem Zeichen der Liebe alles vorrechnet, was er verloren, oder gar aus Schonung diese Zeichen verhehlt, weil es seinen Gram errät – dieser Gedanke fuhr gleich einer Lohe wider ihn –, und wie er endlich, weil die beladene Vergangenheit alle seine getöteten Hoffnungen und seine entfärbten Wünsche vor ihn trägt, sich umwendet, wenn das geliebte Paar von ihm zum Altar und zum ewigen Bunde geht, wie er sich trostlos umwendet nach den stillen leeren Fluren, um unendlich viel zu weinen, und wie er dann so allein und dunkel in der schönen Gegend bleibt und zu sich sagt: »Deiner nimmt sich heute kein Mensch an – niemand drückt deine Hand, und niemand sagt: Viktor, warum weinst du so? – O dieses Herz ist so voll unaussprechlicher Liebe wie eines, aber es zerfällt ungeliebt und ungekannt, und niemand stört sein Sterben und sein Weinen – Doch, doch, o Julius, o Klotilde, wünsch' ich euch ewiges Glück und lauter zufriedne Tage«.... Dann konnt' er nicht mehr; er legte die Augen in die Hand und an den Fensterrahmen und erlaubte ihnen alles und dachte nichts mehr; der Schmerz, der wie eine Klapperschlange mit aufgerissenem Rachen ihn und sein Entgegentaumeln angeschauet hatte, drückte ihn jetzt, ergriffen und hineingeschlungen, auseinander...

Weiche Herzen, ihr quälet euch auf dieser felsichten Erde so sehr wie harte den andern – den Funken, der nur eine Brandwunde macht, schwinget ihr zum Feuerrade um, und unter den Blüten ist euch ein spitzes Blatt ein Dorn!... Aber warum, sag' ich zu mir, zeigst du deines Freundes seines und öffnest entfernte ähnliche Wunden an geheilten Menschen? O antwortet für mich, ihr, die ihr ihm gleicht: möchtet ihr eine einzige Träne entbehren? Und da die Leiden der Phantasie unter die Freuden der Phantasie gehören: so ist ja ein nasses Auge und ein schwerer Atemzug das geringste, womit wir eine schöne Stunde kaufen....

– Der Stolz – die beste Widerlage gegen weichliche Tränen – wischte sie meinem Helden ab und sagte ihm vor: »Du bist so viel wert wie die, welche glücklicher sind; und wenn unglückliche Liebe dich bisher schlimm machte, wie gut könnte dich nicht die glückliche machen!« – Es war Stille in ihm und außer ihm; die Nacht war am Himmel; er las Emanuels Brief.

 

»Mein Horion!

Vor einigen Stunden hat die Zeit ihre Sanduhr umgekehrt, und jetzo rieselt der Staub eines neuen Jahres nieder. – Der Uranus schlägt unserer kleinen Erde die Jahrhunderte, die Sonne schlägt die Jahre, der Mond die Monate; und an dieser aus Welten zusammengesetzten Konzertuhr treten die Menschen als Bilder heraus, die freudig rufen und tönen, wenn es schlägt.

Auch ich trete froh heraus unter das schöne Neujahrmorgenrot, das durch alle Wolken glimmt und den hohen halben Himmel heraufbrennt. In einem Jahre seh' ich aus einer andern Welt in die Sonne: o wie wallet dieses letzte Mal mein Herz unter dem Erdengewölk von Liebe über, gegen den Vater dieser schönen Erde, gegen seine Kinder und meine Geschwister, gegen diese Blumenwiege, worin wir nur einmal erwachen, und unter ihrem Wiegen an der Sonne nur einmal entschlafen!

Ich erlebe keinen Sommertag mehr, darum will ich den schönsten, wo ich mit deinem JuliusJulius wurde erst im zwölften Jahre blind und hatte also Vorstellungen des Gesichts. zum ersten Male betend durch Lichtwolken und durch Harmonien drang und mit ihm vor einem donnernden Throne niederfiel und zu ihm sagte: ›Oben in der unermeßlichen Wolke, die man die Ewigkeit nennt, wohnt der, der uns geschaffen hat und liebt‹ – diesen Tag will ich heute in meiner Seele wiederholen; und nie erlösche er auch in meinem Julius und Horion!

Ich habe oft zu meinem Julius gesagt: ›Ich habe dir den größten Gedanken des Menschen, der seine Seele zusammenbeugt und doch wieder aufrichtet auf ewig, noch nicht gegeben; aber ich sage dir ihn an dem Tage, wo dein und mein Geist am reinsten ist, oder wo ich sterbe.‹ Daher bat er mich oft, wenn sein Engel bei ihm gewesen war, oder wenn die Flöte und die schauernde Nacht oder der Sturm ihn erhoben hatte: ›Sage mir, Emanuel, den größten Gedanken des Menschen!‹ –

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