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Hesperus oder 45 Hundposttage

Jean Paul Richter: Hesperus oder 45 Hundposttage - Kapitel 65
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleHesperus oder 45 Hundposttage
pages471-1236
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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Sechster Schalttag

Über die Wüste und das gelobte Land des Menschengeschlechts

Es gibt Pflanzenmenschen, Tiermenschen und Gottmenschen. – Als wir geträumt werden sollten: wurde ein Engel düster und entschlief und träumte. Es kam PhantasusDer Gott des Schlafes wurde von drei Wesen umgeben, von Phantasus, der sich nur in leblose Dinge verwandeln konnte, von Phobetor, der alle Tiergestalten, und von Morpheus, der alle Menschengestalten annehmen und vorgaukeln konnte. Metamorph. L. II. Fab. 10. und bewegte gebrochne Lufterscheinungen, Dinge wie Nächte, Chaosstücke, zusammengeworfne Pflanzen vor ihm und verschwand damit.

Es kam Phobetor und trieb tierische Herden, die unter dem Gehen würgten und graseten, vor ihm vorüber und verschwand damit.

Es kam Morpheus und spielte mit seligen Kindern, mit bekränzten Müttern, mit küssenden Gestalten und mit fliegenden Menschen vor ihm, und als die Entzückung den Engel weckte, war Morpheus und das Menschengeschlecht und die Weltgeschichte verschwunden...

– Jetzo schläft und träumt der Engel noch – wir sind noch in seinem Traum – erst Phobetor ist bei ihm, und Morpheus wartet noch darauf, daß Phobetor mit seinen Tieren verschwinde...

Aber lasset uns, statt zu träumen, denken und hoffen; und jetzt fragen: werden auf Pflanzenmenschen, auf Tiermenschen endlich Gottmenschen kommen? Verrät der Gang der Welt-Uhr so viel Zweck wie der Bau derselben, und hat sie ein Zifferblatt-Rad und einen Zeiger!

Man kann nicht (wie ein bekannter Philosoph) von Endabsichten in der Physik sofort auf Endabsichten in der Geschichte schließen – so wenig als ich, im einzelnen, aus dem teleologischen (absichtvollen) Bau eines Menschen eine teleologische Lebensgeschichte desselben folgern kann, oder so wenig als ich aus dem weisen Bau der Tiere auf einen fortlaufenden Plan in der Weltgeschichte derselben schließen darf. Die Natur ist eisern, immer dieselbe, und die Weisheit in ihrem Bau bleibt unverdunkelt; das Menschengeschlecht ist frei und nimmt wie das Aufgußtier, die vielgestaltete Vortizelle, in jedem Augenblick bald regelmäßige, bald regellose Figuren an. Jede physische Unordnung ist nur die Hülse einer Ordnung, jeder trübe Frühling die Hülse eines heitern Herbstes; aber sind denn unsere Laster die Blüteknospen unserer Tugenden, und ist der Erdfall eines fortsinkenden Bösewichts denn nichts als eine verborgne Himmelfahrt desselben? – Und ist im Leben eines Nero ein Zweck? Dann könnt' ich ebensogut alles zurückgeben und umkehren und Tugenden zu Herzblättern versteckter Laster machen. Wenn man aber, wie mancher, den Sprachmißbrauch so weit treibt, daß man moralische Höhe und Tiefe, wie die geometrische, nach dem Standort umkehret, wie positive und negative Größen; wenn also alle Gichtknoten, Fleckfieber und Blei- oder Silberkoliken des Menschengeschlechts nichts sind als eine andere Art von Wohlbefinden: so brauchen wir ja nicht zu fragen, ob es je genesen werde – es könnte ja dann in allen möglichen Krankheiten doch nichts sein als gesund.

Wenn sich ein Mönch des zehnten Jahrhunderts schwermütig eingeschlossen und über die Erde, aber nicht über ihr Ende, sondern über ihre Zukunft, nachgedacht hätte: wäre nicht in seinen Träumen das dreizehnte Jahrhundert schon ein helleres gewesen und das achtzehnte bloß ein verklärtes zehntes?

Unsere Wetterprophezeiungen aus der gegenwärtigen Temperatur sind logisch richtig und historisch falsch, weil neue Zufälle, ein Erdbeben, ein Komet, die Ströme des ganzen Dunstkreises umwenden. Kann der gedachte Mönch richtig berechnen, wenn er solche künftige Größen wie Amerika, Schießpulver und Druckerschwärze nicht ansetzt? – Eine neue Religion – ein neuer Alexander – eine neue Krankheit – ein neuer Franklin kann den Waldstrom, dessen Weg und Inhalt wir auf unserer Rechenhaut verjüngen wollen, brechen, verschlucken, dämmen, umlenken. – Noch liegen vier Weltteile voll angeketteter wilder Völker – ihre Kette wird täglich dünner – die Zeit schließet sie los – welche Verwüstung, wenigstens Veränderungen müssen diese nicht auf dem kleinen bowling-green unserer kultivierten Länder anrichten! – Gleichwohl müssen alle Völker der Erde einmal zusammengegossen werden und sich in gemeinschaftlicher Gärung abklären, wenn einmal dieser Lebens-Dunstkreis heiter werden soll.

Können wir von einigen mit Eisenfeile und Scheidewasser (hier Lettern und Druckschwärze) selbst angelegten Miniatur-Erdbeben und Vulkanen auf die Ätnas-Ausbrüche schließen, d. h. von den Umwälzungen der wenigen gebildeten Völker auf die der ungebildeten? Da wir setzen dürfen, daß das Menschengeschlecht so viele Jahrtausende lebt als der Mensch Jahre: dürfen wir schon aus dem sechsten Jahre dem Jünglings- und Mannsalter die Nativität stellen? Dazu kömmt, daß die Lebensbeschreibung dieses Kindes-Alters gerade am magersten ist, und daß aufgewachte Völker – fast alle Weltteile liegen voll schlafender – in einem Jahre mehr historischen Stoff und folglich mehr Historiker erzeugen als ein eingeschlafnes Afrika in einem Jahrhundert. Wir werden also aus der allgemeinen Welthistorie dann am besten prophezeien können, wenn die erwachenden Völker ihre paar Millionen Nachtragbände gar dazugebunden haben werden. – Alle wilde Völker scheinen nur unter einem Prägstock gewesen zu sein; hingegen die Rändelmaschine der Kultur münzet jedes anders aus. Der Nordamerikaner und der alte Deutsche gleichen sich stärker als Deutsche einander aus benachbarten Jahrhunderten. Weder die Goldne Bulle, noch die Magna charta, noch den Code noir konnte Aristoteles in seine Regier- und Gehorch-Formen hineinlegen: sonst hätt' er sie weiter gemacht; aber getrauen wir uns denn, den künftigen Nationalkonvent in der Mungalei oder die Dekretalbriefe und Extravaganten des aufgeklärten Dalai Lama oder die Rezesse der arabischen Reichs-Ritterschaft besser vorherzusehen? Da die Natur kein Volk mit einem Münzstempel und einer Hand allein ausprägt, sondern mit tausenden auf einmal – daher auf dem deutschen ein größeres Gedränge von Abdrücken ist als auf Achilles' Schild –: wie wollen wir, die wir nicht einmal die vergangnen, aber einfacheren Umwälzungen des Erdballs nachrechnen können, in die moralischen seiner Bewohner schauen? – –

Von allem, was aus diesen Prämissen folgt, glaub' ich – das Gegenteil, ausgenommen die Notwendigkeit der prophetischen Demut. Der Skeptizismus, der uns, statt hartglaubig, unglaubig macht und statt der Augen das Licht reinigen will, wird zum Unsinn und zur fürchterlichsten philosophischen Kraft- und Tonlosigkeit.

Der Mensch hält sein Jahrhundert oder sein Jahrfunfzig für die Kulmination des Lichts, für einen Festtag, zu welchem alle andre Jahrhunderte nur als Wochentage führen. Er kennt nur zwei goldne Zeitalter, das am Anfang der Erde, das am Ende derselben, worunter er nur seines denkt; die Geschichte findet er den großen Wäldern ähnlich, in deren Mitte Schweigen, Nacht und Raubvögel sind, und deren Rand bloß Licht und Gesang erfüllen. – Allerdings dienet mir alles; aber ich diene auch allem. Da es für die Natur, die bei ihrer Ewigkeit keinen Zeitverlust, bei ihrer Unerschöpflichkeit keinen Kraftverlust kennt, kein anderes Gesetz der Sparsamkeit gibt als das der Verschwendung – da sie mit Eiern und Samenkörnern ebensogut der Ernährung als der Fortpflanzung dient und mit einer unentwickelten Keim-Welt eine halbe entwickelte erhält – da ihr Weg über keine glatte Kegelbahn, sondern über Alpen und Meere geht: so muß unser kleines Herz sie mißverstehen, es mag hoffen oder fürchten; es muß in der Aufklärung Morgen- und Abendröte gegenseitig verwechseln; es muß im Vergnügen bald den Nachsommer für den Frühling, bald den Nachwinter für den Herbst ansehen. Die moralischen Revolutionen machen uns mehr irre als die physischen, weil jene ihrer Natur nach einen größern Spiel- und Zeitraum einnehmen als diese – und doch sind die finstern Jahrhunderte nichts als eine Eintauchung in den Schatten des Saturns oder eine Sonnenfinsternis ohne Verweilen. Ein Mensch, der sechstausend Jahre alt wäre, würde zu den sechs Schöpfungtagen der Weltgeschichte sagen: sie sind gut.

Man sollte aber niemals moralische und physische Revolutionen und Entwickelungen zu nahe aneinander stellen. Die ganze Natur hat keine andere Bewegungen als vorige, der Zirkel ist ihre Bahn, sie hat keine andere Jahre als platonische – aber der Mensch allein ist veränderlich, und die gerade Linie oder der Zickzack führen ihn. Eine Sonne hat so gut wie der Mond ihre Finsternisse, so gut wie eine Blume ihre Blüte und Abblüte, aber auch ihre Palingenesie und Erneuerung. Allein im Menschengeschlecht liegt die Notwendigkeit einer ewigen Veränderung; jedoch hier gibts nur auf- und niedersteigende Zeichen, keine Kulmination; jene ziehen nicht einander notwendig nach sich, wie in der Physik, und haben keine äußerste Stufe. Kein Volk, kein Zeitalter kommt wieder; in der Physik muß alles wiederkommen. Es ist nur zufällig, nicht notwendig, daß Völker in einem gewissen Stufenalter, auf einer gewissen mürben Sprosse wieder herunterstürzen – man verwechselt nur die letzte Stufe, von welcher Völker fallen, mit der höchsten; die Römer, bei denen keine Sprosse, sondern die ganze Leiter brach, mußten nicht notwendig durch eine Kultur sinkenAuch nicht durch den Luxus, dessen Größe man – indem man ihre Ausgabe mit unserer Einnahme vergleicht – übertreibt, und der ihnen nur dadurch schadete, daß sie die Völker gleichsam wie ostindische Vettern beerbten. Es war der eines Schusters, der das große Los gewonnen; es war die Verschwendung eines Soldaten nach der Plünderung. Daher hatten sie Luxus ohne Verfeinerung. Es konnte sich ihre Größe nur durch Vergrößerung erhalten. Hätte man ihnen Amerika mit seinen Goldstangen vorgeworfen, sie hätten bei größerm Luxus noch einige Jahrhunderte länger an dieser Krücke gehen können., die nicht einmal an unsere reicht. Völker haben kein Alter, oder oft geht das Greisenalter vor dem Jünglingalter. Schon bei dem Einzelwesen ist der Krebsgang des Geistes im Alter nur zufällig; noch weniger hat die Tugend darin eine Sommer-Sonnenwende. – Die Menschheit hat also zu einer ewigen Verbesserung Fähigkeit; aber auch Hoffnung? –

Das gestörte Gleichgewicht der eignen Kräfte macht den einzelnen Menschen elend, die Ungleichheit der Bürger, die Ungleichheit der Völker macht die Erde elend; so wie alle Blitze aus der Nachbarschaft der Ebbe und Flut des Äthers entstehen und alle Stürme aus ungleichen Luftverteilungen. Aber zum Glück liegts in der Natur der Berge, die Täler zu füllen.

Nicht die Ungleichheit der Güter am meisten – denn dem Reichen hält die Stimmen- und Fäuste-Mehrheit der Armen die Waage –, sondern die Ungleichheit der Kultur macht und verteilt die politischen Druckwerke und Druckpumpen. Die lex agraria in Feldern der Wissenschaften geht zuletzt auch auf die physischen Felder über. Seitdem der Baum des Erkenntnisses seine Äste aus den philosophischen Schulfenstern und priesterlichen Kirchenfenstern hinausdrängt in den allgemeinen Garten: so werden alle Völker gestärkt. – Die ungleiche Ausbildung kettet Westindien an den Fuß Europas, Heloten an Sparter, und der eiserne HohlkopfBekanntlich wird der Kopf des armen Negers in einen hohlen von Eisen gesperrt, der seine Zunge niederdrückt. mit dem Drücker auf der Neger-Zunge setzt einen Hohlkopf anderer Art voraus.

Bei der fürchterlichen Ungleichheit der Völker in Macht, Reichtum, Kultur kann nur ein allgemeines Stürmen aus allen Kompaß-Ecken sich mit einer dauerhaften Windstille beschließen. Ein ewiges Gleichgewicht von Europa setzt ein Gleichgewicht der vier übrigen Weltteile voraus, welches man, kleine Librationen abgerechnet, unserer Kugel versprechen kann. Man wird künftig ebensowenig einen Wilden als eine Insel entdecken. Ein Volk muß das andere aus seinen Tölpeljahren ziehen. Die gleichere Kultur wird die Kommerzientraktate mit gleichern Vorteilen abschließen. Die längsten Regenmonate der Menschheit – in welche die Völkerverpflanzungen allzeit fielen, so wie man Blumen allzeit an trüben Tagen versetzt – haben ausgewittert. Noch steht ein Gespenst aus der Mitternacht da, das weit in die Zeiten des Lichts hereinreicht – der Krieg. Aber den Wappen-Adlern wachsen Krallen und Schnabel so lange, bis sie sich, wie Eberhauer, krümmen und sich selber unbrauchbar machen. Wie man vom Vesuv berechnete, daß er nur zu 43 Entzündungen noch Stoff verschließe: so könnte man auch die künftigen Kriege zählen. Dieses lange Gewitter, das schon seit sechs Jahrtausenden über unserer Kugel steht, stürmt fort, bis Wolken und Erde einander mit einem gleichen Maß von Blitzmaterie vollgeschlagen haben.

Alle Völker werden nur in gemeinschaftlicher Aufbrausung hell; und der Niederschlag ist Blut und Totenknochen. Wäre die Erde um die Hälfte verengert: so wäre auch die Zeit ihrer moralischen – und physischen – Entwickelung um die Hälfte verkürzt.

Mit den Kriegen sind die stärksten Hemmketten der Wissenschaften abgeschnitten. Sonst waren Kriegsmaschinen die Säemaschinen neuer Kenntnisse, indes sie alte Ernten unterdrückten; jetzo ists die Presse, die den Samenstaub weiter und sanfter wirft. Statt eines Alexanders brauchte nun Griechenland nichts nach Asien zu schicken als einen – Setzer; der Eroberer pelzet, der Schriftsteller säet.

Es ist eine Eigenheit der Aufklärung, daß sie, ob sie gleich den Einzelwesen noch die Täuschung und Schwäche des Lasters möglich lässet, doch Völker von Kompagnie-Lastern und von National-Täuschungen – z. B. von Strandrecht, Seeraub – erlöset. Die besten und schlimmsten Taten begehen wir in Gesellschaft; ein Beispiel ist der Krieg. Der Negerhandel muß in unsern Tagen, es müßte denn der Untertanenhandel anfangen, aufhören.Im Jahr 1792 geschrieben.

Die höchsten steilsten Thronen stehen wie die höchsten Berge in den wärmsten Ländern. Die politischen Berge werden wie die physischen täglich kürzer (zumal wenn sie Feuer speien) und müssen endlich mit den Tälern in einer – Ebene liegen.

Aus allem diesem folgt:

Es kommt einmal ein goldnes Zeitalter, das jeder Weise und Tugendhafte schon jetzo genießet, und wo die Menschen es leichter haben, gut zu leben, weil sie es leichter haben, überhaupt zu leben – wo einzelne, aber nicht Völker sündigen – wo die Menschen nicht mehr Freude (denn diesen Honig ziehen sie aus jeder Blume und Blattlaus), sondern mehr Tugend haben – wo das Volk am Denken, und der Denker am ArbeitenDer Millionär setzt Bettler, der Gelehrte Heloten voraus; die höhere Bildung der Einzelnen wird mit der Verwilderung der Menge erkauft. Anteil nimmt, damit er sich die Heloten erspare – wo man den kriegerischen und juristischen Mord verdammt und nur zuweilen mit dem Pfluge Kanonenkugeln aufackert – – Wenn diese Zeit da ist: so stockt beim Übergewicht des Guten die Maschine nicht mehr durch Reibungen – Wenn sie da ist: so liegt nicht notwendig in der menschlichen Natur, daß sie wieder ausarte und wieder Gewitter aufziehe (denn bisher lag das Edle bloß im fliehenden Kampfe mit dem übermächtigen Schlimmen), so wie es, nach Forster, auch auf der heißen St. Helenen-Insel1792 geschrieben. Jetzo liegt sogar das Gewitter, das sonst am Himmel über ganz Europa stand, dort auf platter Erde. kein Gewitter gibt. –

Wenn diese Festzeit kömmt, dann sind unsre Kindeskinder – nicht mehr. Wir stehen jetzo am Abend und sehen nach unserm dunkeln Tag die Sonne durchglühend untergehen und uns den heitern stillen Sabbattag der Menschheit hinter der letzten Wolke versprechen; aber unsre Nachkommenschaft geht noch durch eine Nacht voll Wind und durch einen Nebel voll Gift, bis endlich über eine glücklichere Erde ein ewiger Morgenwind voll Blütengeister, vor der Sonne ziehend, alle Wolken verdrängend, an Menschen ohne Seufzer weht. Die Astronomie verspricht der Erde eine ewige Frühling-Tag- und NachtgleicheDenn nach 400 000 Jahren steht die Erdachse, wie Jupiter jetzt, senkrecht auf ihrer Bahn. ; und die Geschichte verspricht ihr eine höhere; vielleicht fallen beide ewige Frühlinge ineinander. –

Wir Niedergesenkte, da der Mensch unter den Menschen verschwindet, müssen uns vor der Menschheit erheben. Wenn ich an die Griechen denke: so seh' ich, daß unsere Hoffnungen schneller gehen als das Schicksal. – Wie man mit Lichtern nachts über die Alpen von Eis reiset, um nicht vor den Abgründen und vor dem langen Wege zu erschrecken: so legt das Schicksal Nacht um uns und reicht uns nur Fackeln für den nächsten Weg, damit wir uns nicht betrüben über die Klüfte der Zukunft und über die Entfernung des Ziels. – Es gab Jahrhunderte, wo die Menschheit mit verbundnen Augen geführt wurde – von einem Gefängnis ins andere; – es gab andere Jahrhunderte, wo Gespenster die ganze Nacht polterten und umstürzten, und am Morgen war nichts verrückt; es kann keine andern Jahrhunderte geben als solche, wo Einzelwesen sterben, wenn Völker steigen, wo Völker zerfallen, wenn das Menschengeschlecht steigt; wo dieses selber sinkt und stürzt und endigt mit der verstiebenden Kugel... Was tröstet uns? –

Ein verschleiertes Auge hinter der Zeit, ein unendliches Herz jenseits der Welt. Es gibt eine höhere Ordnung der Dinge, als wir erweisen können – es gibt eine Vorsehung in der Weltgeschichte und in eines jeden Leben, welche die Vernunft aus Kühnheit leugnet, und die das Herz aus Kühnheit glaubt – es muß eine Vorsehung geben, die nach andern Regeln, als wir bisher zum Grunde legten, diese verwirrte Erde verknüpft als Tochterland mit einer höhern Stadt Gottes – es muß einen Gott, eine Tugend und eine Ewigkeit geben.

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