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Hesperus oder 45 Hundposttage

Jean Paul Richter: Hesperus oder 45 Hundposttage - Kapitel 64
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleHesperus oder 45 Hundposttage
pages471-1236
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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Matthieu setzte noch hinzu: »in der heißen bürgerlichen Liebe sei mehr Qual als Spaß; in ihr sei, wie in Dantes Gedicht von der Hölle, letzte am besten ausgearbeitet und der Himmel am schlechtesten – Je älter ein Mädchen oder ein eingepökelter Hering sei, desto dunkler sei an beiden das Auge, das durch die Liebe so werde – Jede Frau aus einem höhern Zirkel müsse froh sein, daß sie vom Manne, an den sie gekettet sei, nichts zu behalten brauche als sein Bild im Ring, wie Prometheus, da Jupiter einmal geschworen, ihn 30 000 Jahre am Kaukasus gelötet zu lassen, während derselben bloß ein wenig von dieser Bastille an der Hand getragen in einem Fingerring.« – Dann ging Matthieu eilend hinaus, welches er allemal nach witzigen Entzündungen tat. Viktor liebte die bitterste ungerechteste Satire im fremden Munde, als Kunstwerk; er verzieh alles und blieb heiter.

Joachime sagte dann scherzhaft: »Wenn also keine Manier der Liebe etwas taugt, wie Sie beide bewiesen haben, so bleibt uns nichts übrig, als zu hassen.« – »Doch nicht,« (sagt' er:) »Ihr Herr Bruder hat nur kein wahres Wort gesagt. Stellen Sie sich vor, ich wäre der Armenkatechet und verliebt – in die zweite Tochter des Pastor primarius bin ichs – ihre Rolle ist die einer Hörschwester; denn die bürgerlichen Mädchen wissen nicht zu reden, wenigstens mehr in Haß als in der Liebe – Der Armenkatechet hat wenig bel esprit, aber viel saint esprit, viel Ehrlichkeit, viel Treue, zu viel Weichherzigkeit und unendliche Liebe – der Katechet kann keine galante Intrige anspinnen auf einige Wochen oder Monate, noch weniger kann er die zweite Pastorstochter in die Liebe hineindisputieren, wie ein roué – er schweigt, um zu hoffen; aber mit einem Herzen voll ewiger Liebe, voll opfernder Wünsche begleitet er zagend und still alle Schritte der Geliebten und – Liebenden – aber sie errät ihn nicht, und er sie nicht. Und dann stirbt sie... Aber vorher, eh' sie stirbt, tritt der bleiche Katechet trostlos vor ihr Abschiedlager und drückt die zitternde Hand, eh' sie erschlafft, und gibt dem kalten Auge noch eine Freudenträne, eh' es erstarret, und dringet noch unter die Schmerzen der kämpfenden Seele mit dem sanften Frühlinglaute hinein: ich liebe dich – Wenn ers gesagt hat, stirbt sie an der letzten Freude, und er liebt dann auf der Erde weiter niemand mehr.«...

Die Vergangenheit hatte seine Seele überfallen – Tränen hingen in seinen Augen und mischten Klotildens Krankenbild in einer sonderbaren Verdunklung mit Joachimens ihrem zusammen – er sah und dachte eine Gestalt, die nicht da war – er drückte die Hand derjenigen, die ihn ansah, und dachte nicht daran, daß sie alles auf sich beziehen könnte.

Plötzlich trat lächelnd Matthieu herein, und die Schwester lächelte nach, um alles zu erklären, und sagte: »Der Herr Hofmedikus gab sich bisher die Mühe, dich zu widerlegen.« Viktor, schnell erkaltet, versetzte zweideutig und bitter: »Sie begreifen, Herr v. Schleunes, daß es mir am leichtesten wird, Sie in die Flucht zu schlagen, wenn Sie nicht im Felde sind.« – Matz fixierte ihn; aber Viktor schlug sanft sein Auge nieder und bereuete die Bitterkeit. Die Schwester fuhr gleichgültig fort: »Ich glaube, mein Bruder ist oft im Falle, mit der Façon zu wechseln.« – Er nahm es heiter lachend auf und dachte wie Viktor, sie ziele auf seine galanten Abenteuer und Lusttreffen mit Weibern aus allen Ständen, die auf dem Landtag sitzen. – Aber da sie ihn fortgeschickt hatte, um bei ihrer Mutter anzufragen, wer heute abends zum Cercle komme, so sagte sie dem Medikus: »Sie wissen nicht, was ich meinte. Wir haben am Hofe eine kranke Dame, die Ihre leibhafte Pastorstochter ist – Und mein Bruder hat nicht so viel und nicht so wenig Geist, um den Armenkatecheten zu machen.« Viktor fuhr zurück, brach ab und ging ab.

Warum? Wieso? Weswegen? – Aber merkt man denn nicht, daß die kranke Dame Klotilde sein soll, die Matzens feinen Annäherungen zur Schall- und Schußweite des Herzens zu entfliehen sucht? Überhaupt hatte Viktor wohl gesehen, daß der Evangelist gegen Klotilden bisher eine verbindlichere Rolle spielte, als er vor ihrem Einzuge in sein Eskurial und Raubschloß durchmachte; aber Viktor hatte diese Höflichkeit eben diesem Einquartieren zugeschrieben. Jetzo hingegen lag die Karte von dessen Plane aufgeschlagen da: er hatte einer gegen ihn gleichgültigen Person darum mit dem Scheine der Verachtung (die er aber fein mehr auf ihren künftigen kleinen Kassenbestand als auf ihre Reize fallen ließ) absichtlich begegnet, um dadurch ihre Aufmerksamkeit – diese Türnachbarin der Liebe – und nachher durch den schnellen Wechsel mit Gefälligkeit noch mehr als diese Aufmerksamkeit zu gewinnen. O! du kannst nichts gewinnen! rief in Viktor jeder Seufzer. Aber doch gab es ihm Schmerzen, daß diese Edle, dieser Engel mit seinen Flügeln einen solchen Widersacher schlagen müsse. – Nun wurden ihm dreißig Dinge zugleich verdächtig: Joachimens Eröffnung und Kälte, Matthieus Lächeln und – alles.

So weit dieses Kapitel, dem ich nur noch einige reife Gedanken anhänge. Man sieht doch offenbar, daß der arme Viktor seine Seele für jede weibliche, wie jener Tyrann die Bettgenossen für das Bette, kleiner verstümmelt. Freilich ist Achtung die Mutter der Liebe; aber die Tochter wird oft einige Jahre älter als die Mutter. Er nimmt eine Hoffnung des weiblichen Werts nach der andern zurück. Am spätesten gab er zwar seine Foderung oder Erwartung jenes erhabenen indischen Gefühls für die Ewigkeit auf, das uns, diesen im magischen Rauche von Leben hängenden Schattenfiguren, einen unauslöschlichen Lichtpunkt zum Ich erteilt, und das uns über mehr als eine Erde hebt; aber da er sah, daß die Weiber unter allen Ähnlichkeiten mit Klotilden diese zuletzt erhalten; und da er bedachte, daß das Weltleben alles Große am Menschen wegschleife, wie das Wetter an Statuen und Leichensteinen gerade die erhabnen Teile wegnagt: so fehlte ihm nichts, um Joachimen die schon lange ins reine geschriebene Lieberklärung zu übergeben, nichts als von ihrer Seite ein Unglück – ein nasses Auge – ein Seelensturm – ein Kothurn. Mit deutlichern Worten: er sagte zu sich: »Ich wollte, sie wäre eine empfindsame Närrin und gar nicht auszuhalten. Wenn sie dann einmal die Augen recht voll hätte und das Herz dazu, und wenn ich dann vor Rührung nicht wüßte, wo mir der Kopf stände: so könnt' ich dann anrücken und mein Herz herausbringen und es ihr hinlangen und sagen: es ist des armen Bastians seines, behalt es nur.« Mir ist, als hört' ich ihn leise dazu denken: »Wem will ichs weiter geben?« –

Daß er das erste wirklich gedacht hat, sehen wir daraus, weil ers in sein Tagebuch hineingesetzt, aus dem mein Korrespondent alles zieht, und das er mit der Aufrichtigkeit der freiesten Seele für seinen Vater machte, um gleichsam seine Fehler durch das Protokollieren derselben auszusöhnen. Sein italienischer Lakai tat fast nichts, als es mundieren. – – Hinge ich nicht vom Hunde und seiner Zeitungkapsel ab, so fiele seine Lieberklärung noch heute vor; ich bräche Joachimen etwan einen Arm – oder legte sie ins Krankenbette – oder bliese dem Minister das Lebenslicht aus – oder richtete irgendein Unglück in ihrem Hause an – – und führte dann meinen Helden hin zur leidenden Heldin und sagte: »Wenn ich fort bin, so knie nieder und überreich' ihr dein Herz.« – So aber kann der chymische Prozeß seiner Verliebung noch so lang werden wie ein juristischer, und ich bin auf drei Alphabete gefaßt.

Hier aber will ich etwas bekennen, was der Leser aus Hochmut verheimlicht: daß ich und er bei jeder auftretenden Dame in diesen Posttagen einen Fehlschuß zum Salutieren getan – jede hielten wir für die Heldin des Helden – anfangs Agathen – dann Klotilden – dann, als er in die Uhr der Fürstin seine Lieberklärung sperrte, sagte ich: »Ich weiß schon den ganzen Handel voraus« – dann sagten wir beide: »Wir hatten doch recht mit Klotilden« – dann griff ich aus Not zu Marien und sagte: »Ich will mir aber weiter nichts merken lassen« – endlich wirds eine, an die keiner von uns nur dachte (wenigstens ich nicht), Joachime. – So kann mirs selber ergehen, wenn ich heirate....

Eh' ich zum Schalttage aus dem Posttag übergehe, sind noch folgende Minuten zu passieren: Klotilde legte die Kebs-Wangen, die joues de Paris, die Schminke, ab und setzte jetzt ihr einwelkendes Herz seltener dem Druck der Hof-Serviettenpresse aus. Der Fürst, der ihrentwegen im Hörsaale seiner Gemahlin hospitiert hatte, blieb öfter aus und sprach dann bei Schleunes ein: gleichwohl dachte die Fürstin edel genug, um nicht unsern Viktor durch eine Zurücknahme des Danks die Zurücknahme der Jennerschen Gunst entgelten zu lassen. – In Viktor war ein langer Krieg, ob er Klotildens Bruder die neuen Beweise ihrer Schwesterliebe sagen sollte: – endlich – da Flamins leidendes, verarmtes, von Relationen und Schelmen und Argwohn zerstochenes Herz ihn bewegte, und da er diesem rechtschaffenen Freunde bisher so wenig Freude machen konnte – sagte er ihm (die Verwandtschaft ausgenommen) fast alles.

 

Postskript: Endesunterschriebener soll hiemit auf Verlangen bezeugen, daß Endesunterschriebener seinen 24sten Posttag ordentlich am Letzten des Juliusmonats oder des Messidors zu Ende gebracht hat. Auf der Insel St. Johannis 1793.

Jean Paul,
Scheerauischer Berghauptmann

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