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Hesperus oder 45 Hundposttage

Jean Paul Richter: Hesperus oder 45 Hundposttage - Kapitel 63
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleHesperus oder 45 Hundposttage
pages471-1236
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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Zu Hause machte er seine Gehirnfibern zu Ariadnes Fäden, um aus dem Labyrinth der Ursachen ihres Kummers und besonders des neuen zu kommen, der sie bei seiner Eröffnung zu befallen geschienen. Aber er blieb im Labyrinth; freilich erzeugte Gram die Krankheit, aber wer erzeugte den Gram? – Es wäre schlimm für diese armen zarten Schmetterlinge, wenn es mehr als einen tödlichen Kummer gäbe; in jeder Gasse, in jedem Hause findest du eine Frau oder eine Tochter, die in die Kirche oder ins Trauerspiel gehen muß, um zu seufzen, und die ins obere Stockwerk steigen muß, um zu weinen; aber dieser aufgehäufte Kummer wird lächelnd verschmerzt, und die Jahre nehmen lange neben den Tränen zu. Hingegen einen gibts, der sie abbricht – denke daran, lieber Viktor, in den freudigen Stunden deiner Viel-Liebe, und denket ihr alle daran, die ihr einem solchen weichen Geschöpf das schlagende Herz aus der Brust mit warmen liebenden Händen ziehet, um es in eure neben eurem eignen Herzen aufzunehmen und ewig zu erwärmen! – Wenn ihr dann dieses heiße Herz, wie einen Schmetterlinghonigrüssel, ausgerissen hinwerfet: so zuckt es noch wie dieser fort, aber es erkaltet dann und schlägt nicht lange mehr. –

Unglückliche Liebe war also der nagende Honigtau auf dieser Blume, schloß Sebastian. Natürlich dacht' er an sich zuerst; aber schon längst hatten ihn alle seine feinsten Beobachtungen, seine ihm jetzt geläufigern Rikoschet-Blicke aus dem Augenwinkel überwiesen, daß er die Auszeichnung, die sie ihm nicht versagte, mehr ihrer Unparteilichkeit als ihrer Neigung zuzuschreiben habe. Wer es sonst am Hofe sei – das herauszubringen, stellt' er vergeblich einen Elektrizitätzeiger nach dem andern auf. Auch wußt' er voraus, daß er vergeblich aufstellen werde, da Klotilde alles Aushorchen ihres Innern vereiteln würde, wenn sie eine unerwiderte Neigung hätte; die Vernunft war bei ihr das Wachs, das man auf das eine Ende der magnetischen Nadel klebt, um das Niedersinken (die Inklination) des andern aufzuheben oder zu verbergen. Gleichwohl nahm er sich vor, das nächstemal einige Wünschelruten an ihre Seele zu halten. – –

Ich muß hier einen Gedanken äußern, der einigen Verstand verrät und mein Berechnen überhaupt. Mein Hund-Postmeister Knef sah wahrscheinlich nicht voraus, daß ich das Jahr und die Länge dieser ganzen Geschichte bloß aus der Mondfinsternis des 25. Febr. herausrechnen würde, deren er Meldung tat, so wie überhaupt große Astronomen durch die Mondphasen sehr hinter die geographische Länge der Erde kamen. 1793 fiel das in diesem Kapitel Erzählte vor: ich bin Mann dafür; denn da sich überhaupt die ganze Geschichte, wie bekannt, im 9ten Jahrzehend des 18ten Jahrhunderts begibt, und da darin keine Mondfinsternis von einem 25sten Febr. überall zu finden ist als im Jahre 1793, d. h. im jetzigen: so ist mein Satz gewiß. Zur Sicherheit hielt ich alle in diesem Buche einfallende Mond- und Wetterveränderungen mit denen von 1792 und 1793 zusammen; und alles passete schön ineinander – der Leser sollt' es auch nachrechnen. Ungemein ergötzend ist es für mich, daß sonach, da ich im Julius schreibe, die Geschichte in einem halben Jahre meiner Beschreibung nachkommt. –

Viktor zauderte mit seinem Gange zur Fürstin nicht, um bei ihr die schweigende Klotilde für eine vollständige Nervenpatientin zu erklären. Er lachte selber innerlich über den Ausdruck – und über die Ärzte – und über ihre Nervenkuren – und sagte: wie sonst die französischen Könige bei ihren Heilanstalten gegen die Kröpfe sagen mußten: »Der König berührt dich, aber Gott heilt dich«, so sollten die Ärzte sagen: der Stadt- und Landphysikus greift dir an den Puls, aber Gott macht die Kur. – Hier indessen gab er sie aus drei guten Absichten für eine Nervenleidende aus: erstlich um für sie die Aufhebung der Hof-Leibeigenschaft, wenigstens die Befreiung vom genauen Hofdamen-Amt zu erlangen, weil in seinem Herzen immer der hineingestochene Splitter des Vorwurfs eiterte: »Du bist schuld, daß sie hier sein muß« – ferner um ihr die Erlaubnis der Land- und Frühlingsluft, falls sie einmal darum nachsuchte, im voraus auszuwirken – endlich um sie von der befohlnen Ähnlichkeit mit denen Damen zu erlösen, an deren bleifarbigen Gesichtern, wie an den Bleisoldaten der Kinder, sich das Rote täglich abfärbt, so wie täglich ansetzt. Da sich aber Agnola selber schminkte, so mußt' er aus Höflichkeit es beiden auf einmal verbieten, als Arzt. Die Fürstin untersiegelte alle seine Bittschriften recht gütig; nur über den Schmink-Artikel gab sie in Rücksicht ihrer selbst gar keine Resolution, und in Rücksicht Klotildens diese: sie habe nichts dagegen, wenn sie bei ihr, ausgenommen an Courtagen und im Schauspiel, ohne Rot erscheine; und von der Anwesenheit bei beiden sei sie gerne dispensiert, bis sie wieder genesen sei.

Er konnte kaum den Abschied erwarten, um diesen Reichsabschied oder -schluß der geliebten Kranken zu bringen. Ihn selber nahm diese Willfährigkeit der Fürstin wunder, bei der sonst Bitten Sünden waren, und die nichts versagte, als was man erbat. Seine Verlegenheit war jetzo nur die, Klotilden die Bewilligungen der Fürstin ohne das beleidigende Geständnis ihrer vorgeschützten Kränklichkeit beizubringen. Aber aus diesem kleinen Übel zog ihn ein großes: als er bei ihr vorkam, sah sie noch zehnmal siecher aus als vorgestern bei der Entdeckung ihrer Verwandtschaft; ihre Blüten hingen zugedrückt und kalt betauet zur Erde nieder.

Gang und Stellung waren unverändert, die äußere Fröhlichkeit dieselbe; aber der Blick war oft zu flatternd, oft zu stehend; durch die Lilienwangen flog ein Fieberrot, durch die untere Lippe einmal ein zerdrückter Krampf... Hier hob das Mitleid den erschrocknen Freund über die Höflichkeit hinaus, und er sagte ihr geradezu die Einwilligungen der Fürstin. Er rief seinem beschwerten Herzen seine bisherige Hof-Kühnheit zu Hülfe und befahl ihr, den nahen Frühling zu ihrer Apotheke zu machen und die Blumen zu ihren offizinellen Kräutern und ihre – Phantasie zu ihrer Arzenei. »Sie scheinen mich« (sagte sie lächelnd) »zu den Lerchen zu rechnen, die in ihrem Bauer immer grünen Rasen haben müssen. Damit aber meine Fürstin und Sie nicht umsonst gütig waren: so werd' ichs am Ende tun. – Ich gesteh' es Ihnen, ich bin wenigstens eine eingebildete – Gesunde: ich fühle mich wohl.«.... Sie brach es ab, um ihn mit der Freimütigkeit der Tugend und mit einem in schwesterlicher Liebe schwimmenden Auge über ihren Bruder auszufragen: ob er glücklich und zufrieden sei, wie er arbeite, wie er sich in seinen Posten schicke? Sie sagte ihm, wie weh ihr bisher diese tief in ihre Seele eingesperrten Fragen getan; und sie dankte ihm für das Geschenk seines Vertrauens mit einer Wärme, die er für einen feinen Tadel seines bisherigen Schweigens hielt. – Sie stand von jeher gern in einem Blumenkranz von Kindern; aber in Flachsenfingen hatte sie dieser Nebelsternchen noch mehre und zwar aus einem besondern Grunde um ihren Glanz versammelt, nämlich um es zu verbergen, daß sie Julia, eine kleine fünfjährige Enkelin des Stadtseniors, bei welchem ihr Bruder wohnte, als die unwillkürliche Lebensbeschreiberin und Zeitungträgerin desselben an sich ziehe. Mehr als dreimal war ihm, als müßt' er diesem lilienweißen Engel, den seine Wolke immer höher trug, zu Füßen fallen und mit ausgebreiteten Armen sagen: »Klotilde, werde meine Freundin, eh' du stirbst – meine alte Liebe gegen dich ist längst zerquetscht, denn du bist zu gut für mich und für uns alle – aber dein Freund will ich sein, mein Herz will ich überwinden für dich, meinen Himmel will ich hingeben für dich – ach du wirst ohnehin den Abendtau des Alters nicht erleben und die Augen bald zumachen, und der Morgentau hängt noch darin!« Denn er hielt ihre Seele für eine Perle, deren Körper-Muschel geöffnet in der auflösenden Sonne liegt, damit sich die Perle früher scheide. – Beim Abschiede konnt' er ihr mit der Freimütigkeit des Freundes, die an die Stelle der Zurückhaltung des Liebhabers gekommen war, die Wiederholung seiner Besuche anbieten. Überhaupt behandelte er sie jetzo wärmer und unbefangner; erstlich, weil er auf ihr erhabnes Herz so ganz Verzicht getan, daß er sich über seine frühern kühnen Ansprüche darauf wunderte; zweitens, weil ihm das Gefühl seiner uneigennützigen aufopfernden Rechtschaffenheit gegen sie Wundbalsam auf seine bisherigen Gewissensbisse goß.

An diese Kränklichkeit schloß sich ein Abend oder ein Ereignis an, worein der Leser, glaub' ich, sich nicht finden wird. – Viktor sollte abends Joachimen ins Schauspiel abholen, und ihr Bruder mußte vorher ihn abholen. Ich hab' es schon zweimal niedergeschrieben, daß ihm seit einigen Wochen Matthieu nicht mehr so zuwider war wie einem Elefanten eine Maus; er hatte doch eine einzige gute Seite, doch einigen moralischen Goldglimmer an ihm ausgegraben, nämlich die größte Anhänglichkeit an seine Schwester Joachime, die allein sein ganzes, seinen Eltern zugeschlossenes Herz, seine Mysterien und seine Dienste innehatte – zweitens liebte er an Matthieu, was der Minister verdammte, den Salzgeist der Freiheit – drittens sind wir alle so, daß, wenn wir unser Herz für irgendein weibliches aus einer Familie eingeheizet haben, daß wir Einheizer nachher die Ofen-Wärme auf die ganze Sipp- und Magenschaft ausdehnen, auf Brüder, Neffen, Väter – viertens wurde Matthieu immer von seiner Schwester gelobt und entschuldigt. – Als Viktor kam zu Joachime: hatte sie Kopfschmerzen und Putzjungfern bei sich – der Putz und der Schmerz nahm zu – endlich schickte sie die lebendigen Appreturmaschinen fort und setzte sich, sobald sie aus dem Schaum der Puder- und Schmuckkästen, der Schminklappen und mouchoirs de Venus, der poudres d'odeur und der Lippenpomaden zu einer Venus erhärtet war, da setzte sie sich nieder und sagte, sie bleibe zu Hause wegen Kopfschmerzen. Viktor blieb mit da und recht gern. Wer nicht das Sparrwerk und Zellenwerk des Menschenherzens kennt, den nimmt es wunder, daß Viktors Freundschaft gegen Klotilde ein ganzes Honiggewirke von Liebe für Joachime in seine Zellen eintrug; es war ihm lieb, wenn sie einander besuchten oder umarmten, er suchte in den Segenfingern des Papstes nicht so viele Heilkraft als in Klotildens ihren; die Freundschaft derselben schien ihm eine Entschuldigung der seinigen zu sein und Joachimen auf das Postament des Werts zu heben, auf welches er sie mit allen Wagenwinden noch nicht stellen können. Sogar das Gefühl seines steigenden Wertes gab ihm neue Rechte zu lieben; und heute würde sogar Klotildens Flor- und Fürstenhut seine Helmkleinodien auf Joachimens kränklichem, geduldigem Kopfe behauptet haben. In ihre fortgesetzte Koketterie gegen das Narrenpaar hatt' er sich längst gefügt, weil er recht gut wußte, wen sie unter drei Weisen aus Morgenland nicht zum Narren habe, sondern zum Anbeter. Aber zurück!

Matthieu, der der Schwester zu Gefallen auch zu Hause blieb, und Viktor und sie machten die ganze Bande dieses concert spirituel. Joachime lehnte auf dem Kanapee ihren sanftern siechen Kopf an die Wand zurück und blickte auf das Fuß-Getäfel und sah mit den herübergezognen Augenlidern schöner aus – der Evangelist ging ab und zu – Viktor setzte, wie allemal, im Zimmer herum – Es war ein recht hübscher Abend, und ich wollt', meiner würde heute so. Das Gespräch wendete sich auf die Liebe; und Viktor behauptete das Dasein einer doppelten, der bürgerlichen und der stiftfähigen oder französischen. Er liebte die französische in Büchern und als Gesamtliebe, aber er haßte sie, sobald sie die einzige sein sollte; er beschrieb sie heute so: »Nimm ein wenig Eis – ein wenig Herz – ein wenig Witz – ein wenig Papier – ein wenig Zeit – ein wenig Weihrauch – und gieß es zusammen und tu es in zwei Personen von Stande: so hast du eine rechte gute französische fontenellische Liebe.« – »Sie vergaßen«, setzte Matz dazu, »noch ein wenig Sinne, wenigstens ein Fünftel oder Sechstel, das als adjuvans oder constituensAdjuvans ist das Ingredienz, das die Kräfte der Hauptingredienzien stärkt; constituens ist, was der Arzenei die Form einer Pille oder Latwerge oder Mixtur erteilt. zur Arznei kommen muß. – Indessen hat sie doch das Verdienst der Kürze; die Liebe sollte, wie die Tragödie, auf Einheit der Zeit, nämlich auf den Zeitraum eines Tages, eingeschränket sein, damit sie nicht noch mehre Ähnlichkeit mit ihr bekäme. Schildern Sie aber die bürgerliche!« – Viktor: »Die zieh' ich vor.« – Matthieu: »Ich nicht. Sie ist bloß ein längerer Wahnsinn als der Zorn. On y pleure, on y crie, on y soupire, on y ment, on y enrage, on y tue, on y meurt – enfin on se donne à tous les diables, pour avoir son ange. – Unsere Gespräche sind heute einmal voll Arabesken und à la grécque: ich will ein Kochbuchrezept zu einer guten bürgerlichen Liebe machen: Nimm zwei junge große Herzen – wasche sie sauber ab in Taufwasser oder Druckerschwärze von deutschen Romanen – gieße heißes Blut und Tränen darüber – setze sie ans Feuer und an den Vollmond und lasse sie aufwallen – rühre sie fleißig um mit einem Dolche – nimm sie heraus und garniere sie wie Krebse mit Vergißmeinnicht oder andern Feldblumen und trage sie warm auf: so hast du einen schmackhaften bürgerlichen HerzenskochWie man sagt: Erbsenkoch, Nudelkoch.«

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