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Hesperus oder 45 Hundposttage

Jean Paul Richter: Hesperus oder 45 Hundposttage - Kapitel 61
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleHesperus oder 45 Hundposttage
pages471-1236
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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Jetzo ging eine Zeit für ihn an, die gerade das Gegenteil der Sabbatwochen war – man kann sie die Renn-Wochen oder die Tarantel-Tanzstunden der Besuche nennen. Es ist eine verdammte Zeit, der Mensch weiß nicht, wo er steht. Sie fiel bei Viktor gerade in die Wintermonate, wo ohnehin die sausenden Butterwochen der Städte und Höfe sind. Ich will sie jetzt ordentlich schildern.

Viktor suchte nämlich sein uneiniges unglückliches Herz zu überschreien und zu betäuben – nicht mit den Trommelwirbeln der Lustbarkeiten; unter diesen verblutete es vielmehr, so wie unter dem Trommeln die Wunden stärker fließen: sondern – mit Menschen; diese waren die blutstillenden Schrauben, die er um seine Seele legte. Sein Leib war jetzt wie der katholische Reliquienleib eines Apostels an allen Orten; er verlief den ganzen Tag, bald mit, bald ohne den Fürsten.

In Flachsenfingen war zuletzt keine Dame mehr, der er nicht die Hand geküsset hatte – und kein Nachttisch mehr, wo ers dabei hätte bewenden lassen.

Er machte in den Rennwochen doppelte Schleifen – französische Pas – Tupfdesseins – kleine Komödien – Scharaden – Rezepte für Kanarienvögel – Verse für Fächer – tausend Besuche – und noch mehr Morgen-Briefchen....

Letzte, die er bekam und schickte, waren französisch geschrieben und französisch gebrochen – nämlich zu Haarwickeln gequetscht: »Es sind«, sagt' er, »die Haarwickel weiblicher Gehirnfibern – die Patronen voll Amors-Pulver – die Kokons der liebenden Schmetterlinge« – er sprach vom Steigen und Fallen dieser weiblichen Papiere und nennte sie noch die Aushängebogen des weiblichen Herzens und die Schmutztitelblätter der koketten Edikte von Nantes. »Ich behaupte dies,« – setzt' er hinzu – »um mich vom Hofjunker Matthieu zu unterscheiden, ders leugnet, weil er gar verficht, anfangs dringe man den Schönen Briefe auf, dann Dinge von mehr Kubikinhalt, z. B. Fächer, Juwelen, Hände, dann endlich sich selber, so wie die Posten anfangs nur Briefe aufnahmen, dann Pakete, endlich Passagiere.« –

Er fand diejenigen Weiber täglich amüsanter, die uns Leuten von Verstand das Herz aus der Brust und das Gehirn aus dem Kopf entwenden, und zwar (wie jener Edelmann anderes Zeug) nicht aus Liebe zum gestohlnen Gute, sondern aus Liebe zum Rauben – sie schicken wie der Edelmann den andern Morgen das Gut dem Eigner redlich wieder zu. Ihre Feinheiten – die seinigen – seine Wendungen, um ihren auszuweichen – die Aufmerksamkeit, die man auf sich wenden muß – die Gelegenheit, alle Empfindungen unter die feinsten Trennmesser zu bringen, oder unter Sonnen- und Mondmikroskope – die Leichtigkeit, den aufrichtigsten Wahrheiten den sauern Geschmack und den angenehmsten den süßlichten zu benehmen – – dieses machte ihm die Nachttische der Weiber, besonders der koketten, zu Lektisternien und Göttertischen: »Beim Himmel,« sagte der Nacht-Tischgänger oder Toiletten-Panist, »ein Mann ist bloß ein Holländer, höchstens ein Deutscher, aber eine Frau ist eine geborne Französin oder gar eine Pariserin – der Mann verbirgt seine moralische wie seine physische Brust – Gedanken und Blumen, die nicht durch die Raufen der vier Fakultäten durchfallen, Empfindungen, die nicht in den Akten oder in einem ärztlichen Befundzettel können beschrieben werden, muß man wahrlich nur einer Frau und keinem Manne sagen, zumal einem flachsenfingischen«... oder einem scheerauischen. –

Um sich zu entschuldigen, daß er mit den Koketten auf dem Fuß eines Sammliebhabers umging, berief er sich auf seine Absicht – sie bloß kennen lernen zu wollen – und auf den vortrefflichen Forster, der in Antwerpen vor Rubens' Maria, die auf dem Altarblatt gen Himmel fährt, so gut wie ein geborner Katholik hinkniete, bloß um sie näher zu beschauen.

Er hatte noch eine gefährlichere Entschuldigung: »Der Mensch«, sagte er, »sollte alles sein, alles lernen, alles versuchen – er sollte an der Vereinigung der beiden Kirchen in seiner Seele arbeiten – er sollte, wenn nur auf ein paar Monate, ein Stadtmusikus, Totengräber, Galgenpater, ein Ingenieur, Tragödiensteller, Oberhofmarschall, ein Reichsvikarius, Vizelandrichter, ein Rezensent, eine Frau, kurz alles sollte der Mensch auf einige Tage gewesen sein, damit aus dem Farbenprisma zuletzt die weiße vollkommne Farbe zusammenflösse.« –

Die Grundsätze werden desto gefährlicher bei einem wie er, der, mit den hochgespannten Saiten der unähnlichsten Kräfte bezogen, leicht den Ton eines jeden angab, nicht aus Verstellung, sondern weil sich seine Umgangs-Dichtkraft tief in die Seele des andern versetzen konnte – daher gewann, ertrug und kopierte er die unähnlichsten Menschen, ungeachtet seiner Aufrichtigkeit. Ich bedaure ihn aber, daß er überall so viel zu verschweigen hatte, sein Erraten des Fürsten, sein Herz gegen Klotilde, seine Versöhn-Intrigen gegen Agnola, seine Wissenschaft von Flamins Verhältnissen u. s. w. Ach Verschweigen und Verstellen fließen leicht zusammen, und müssen nicht Tropfen in den festesten Charakter, sobald er immer unter der Traufe steht, endlich Narben graben?

Nichts erkältet mehr die edelsten Teile des innern Menschen als Umgang mit Personen, an denen man keinen Anteil nehmen kann. Dieses Gastwirtleben am Hofe, täglich Leute zu sehen, die nicht einmal Ich sagen, deren Verhältnisse man so gleichgültig unkennt wie deren Talente, wenn sie nicht ein Bedürfnis sucht – dieses Haschen nur nach dem nächsten Augenblick – dieses Vorüberrennen der feinsten und geistreichsten Fremden und Besuchameisen, die in drei Tagen vergessen sind – alles dieses, was die Paläste zu russischen Eispalästen macht, wo sogar der Ofen voll Naphthaflammen eine Eisscholle ist, wozu ich das komische Salz gar nicht zu setzen brauche, das ohnehin alles warme Blut, wie glauberisches das heiße Wasser, erkältet, alles dieses machte sein Herz öde, seine Tage kahl und lästig, seine Nächte beklommen, sein Betragen zu kalt gegen Gute, zu duldend gegen Schlimme.

Noch dazu schwieg sein Emanuel und schloß, wie die Natur, seine Blumen in sich ein. – Wen die Natur ernährt und erhebt, der ist im Winter nicht so gut als im Sommer. Die Erde hatte ihren Pudermantel von Schnee um und den ganzen Tag die Nachtkleidung an, die Bäume hatten ihre Knospen in die Flocken-Papilloten gewickelt, und die Äste sahen wie Haarnadeln aus – Viktors Seele war wie die Natur; o! der Himmel wärme bald in beiden die Blumen des Frühlings an!

Da die Krankheitgeschichte meines Viktor mich zu schmerzhaft an die versteckten Gifte im menschlichen Körper erinnert: so soll sie bald zu Ende sein. Es gefiel ihm, daß er durch das Herumflattern immer galanter und kälter gegen alle weibliche Personen wurde – das Seil der Liebe schneidet weniger tief in den Busen ein, wenn es, in Fäden und Flocken ausgezupft, um alle flattert. Er, der, wie sein Namenvetter, der heilige Sebastian, ganz mit (Amors) Pfeilen vollgeschossen aussah, ließ Pfeile anderer Art gegen das ganze Geschlecht, wiewohl nie gegen Einzelwesen, fliegen. In diesem letzten Umstand war seine Bitterkeit von Matthieus seiner unterschieden, der z. B. von seiner eignen Base, die ihre Schönheit durch späte Blattern verloren, sagen konnte: »Ihre Schönheit hielt sich recht tapfer gegen die Blattern und trug aus diesem Siege die herrlichsten Narben davon, und zwar alle, wie Pompejus' Ritter, von vornen im Gesicht.«

Wie Teufelsdreck zum haut-gout gebracht wird, so würzet man das feinste savoir vivre durch einige kühne Unhöflichkeiten. Bastian war in der Tarantelzeit durch nichts verlegen zu machen – er ging und kam wie ein Pariser ohne Umstände – er suchte oft kühne, aber vorteilhafte Stellungen seines Körpers – unter dem Schauspiel tat er Reisen durch die Logen, wie der Fürst durch die Kulissen – er brachte es (obwohl mit Mühe, und nur indem er sich immer das Muster der Hofleute vorhielt) fünfmal dahin, daß er gleichgültig zuhörte oder gar wegschauete, wenn ihm der andere erzählte; welches alles, wenn nicht wesentliche, doch Nebenstücke der wahren Höflichkeit sind.

Auch will ich zu seinem Ruhm nicht unbemerkt lassen, daß er sich die ordentlichen erotischen und satirischen Freiheiten der gallikanischen Kirche gegen mehre Weiber auf einmal nahm; denn vor einer einsamen hatt' er noch die alte Ehrerbietung eines edlen Herzens. Ich will von jenem doch ein Beispiel geben. Einmal war er unter fünf Verleumderinnen (die Gesellschaft bestand aus sechs Frauenzimmern und einer Mannsperson); die häßlichste schwärzte alle, sogar gedruckte Mädchen an, z. B. die verstorbene Klarisse, der sie vorrückte, sie habe gegen Lovelace nicht genug gewußt sauver les dehors de la vertu. Man muß es gewärtig sein, wie die Königsberger Schule es in ihren Rezensionen aufnimmt, daß er sich vor der Verleumderin auf ein Knie hinließ und mit einigem Ernst sagte: »O Clarisse! Voici Votre Lovelace, retranchons quatre tomes et commençons comme les faiseurs d'Epopées par le reste.d. h. O Klarisse! Da haben Sie Ihren Lovelace, wollen wir die vier ersten Bände überspringen und wie Epopöendichter gleich beim Überrest anfangen. «

Freilich warf er sich die Tarantelzeit häufig unter der Tarantelzeit vor; und da der Heidenvorhof seines Herzens so voll Weiber wurde, indes im Allerheiligsten desselben nichts war als ein stummes Dunkel, und da sein Kopf ein Insektenkabinett von Hofkleinigkeiten wurde: so seufzete er freilich oft in seinem Erker: »O! komme bald, guter Vater, damit dein sinkender Sohn aus diesem schmutzigen Märznebel in ein helleres Leben steige, eh' er sich ganz befleckt hat, daß er nicht einmal diesen Wunsch mehr tut« – und sooft er in Joachimens Zimmer die Prospekte von Maienthal – welche Giulia vom Porträtmaler Klotildens machen lassen – zu Gesichte bekam: so zog er mitten im Scherzen das Auge von ihnen mit einem Seufzer weg – – Aber geheilt wurd' er nicht, als bis das Schicksal sagte: jetzt! Da klopfte der Theaterschlüssel auf einmal, der die Menschen in der Schauspielerprobe des Lebens – das Schauspiel selber wird erst im zweiten gegeben – kommen und handeln heißet; und es trug sich etwas zu, was ich sogleich im folgenden Kapitel berichten werde, wenn ich in diesem auserzählet habe, wie Viktor mit allen Leuten um sich her stand.

Mit manchen eigentlich schlecht – erstlich mit Klotilden. Sie wohnte zwar bei dem Minister – als Hofdame hätte sie ins Paulinum gehört, allein der Fürst hatte es wegen der Leichtigkeit, sie zu sehen, so karten lassen –, aber sie war immer um die Fürstin, mit der sie bald ein ähnlicher Ernst und eine ähnliche Zurückhaltung verknüpfte. Ihre Gleichgültigkeit gegen einen, der mit ihr einen gemeinschaftlichen Freund und Lehrer hatte, gab diesem Viktor eine noch größere, zumal da er wußte, sie müßte fühlen, daß in dieser kalten Berg- und Hofluft nur ein einziger, obwohl falber Nelken-Absenker ihrer schönen Seele blühe, er selber nämlich. Auch mußte ihm der Zwang des Wohlstandes, sie kalt anzuschauen, zur Gewohnheit werden. Am schlimmsten wars für ihn, daß sie gleichgültig war ohne Empfindlichkeit und kalt mit Achtung für ihn. Andere waren ganz toll über das »tugendhafte Phlegma dieser Pygmalions-Bildsäule.« Der edle Matz nannte sie oft die heilige Jungfrau oder die Demoiselle Mutter Gottes. Es konstiert und erhellet ganz deutlich aus den vor mir aufgeschlagenen Hunds-Manualakten, daß einige Herren vom Hofe nach verschiedenen verdorbnen Versuchen, sich die mit so vieler Schönheit unverträgliche Tugend zu erklären, bald aus Temperament, bald aus verhehlter Liebe, bald aus einer koketten Sprödigkeit, die sich wie das Wasser bei St. Clermont endlich zur eignen Brücke über sich selber versteinert, daß diese listigen Herren recht glücklich auf die Vermutung verfielen, Klotilde nehme diese Maske als eine Kopie des Gesichts der Fürstin vor ihres, um in der Gunst zu bleiben. Daher wurde Klotildens züchtige Tugend von den meisten mit größerer Schonung beurteilt, indem man sie als eine absichtliche Nachahmung des ähnlichen Fehlers der Fürstin schon entschuldigen konnte durch das Beispiel ähnlicher Nachahmungen, da Hofleute oft die größten äußern Naturfehler, ja die Tugenden eines Regenten nachäfften. – So dachte wenigstens der billigere Teil des Hofes.

Agnola war unserem Helden einen immer größern Dank für die Besuche Jenners zu zeigen beflissen, ob sie gleich, denk' ich, die untreue Absicht des Fürsten in der Gegenwart Klotildens ebensogut entdecken konnte, als sie zuweilen in Viktors Seele bei der Gegenwart Joachimens blicken mochte... Überhaupt hätt' ich den Leser längst bitten sollen aufzupassen: ich trage die Sachen mit erlaubter Dummheit vor, obwohl mit historischer Treue; sind nun feine, spitzbübische, wichtige, intrigante Züge und Winke darin, so ists ohne mein Wissen, und ich kann sie also dem Leser nicht anweisen mit einer Zeigerstange, oder ansagen mit einer Feuertrommel, sondern er selber – weil er Hofgeschichten versteht – muß wissen, was ich mit meinen Winken haben will, nicht ich.

Mit Joachimen wäre Viktor recht gut gefahren – da er alle Fehler, die er bei andern Weibern und nicht bei ihr antraf, ihr als Tugenden in Rechnung brachte, und da er sich mit ihrem Ich mehr verflocht; denn die Fehler der Mädchen kommen wie Schokolade und Tabak dem Gaumen anfangs desto toller vor, je besser sie ihm nachher schmecken – er wäre gut gefahren, ohne zwei Ecksteine; aber die waren da. Der erste war – denn ich will seine kleine Ärgernis über die kurze Dauer ihrer schönen Weihnacht-Empfindsamkeit nicht rechnen –, daß sie immer Klotilden tadelte, besonders ihre »affektierte« Tugend. Der zweite war, daß Klotilde sie ebensowenig suchte: Viktor konnte niemand lieben, den Klotilde nicht liebte. – Und jetzt sind die Rennwochen und Visiten-Taranteltanzstunden eines Menschen zu Ende; aber ach die ganze Nachwelt muß noch dieselbe heiße Linie der Narrheit und Jugend passieren.

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