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Hesperus oder 45 Hundposttage

Jean Paul Richter: Hesperus oder 45 Hundposttage - Kapitel 59
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleHesperus oder 45 Hundposttage
pages471-1236
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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Ich will den Courtag beschreiben.

Die hauptsächliche Absicht, warum der Hof um sechs Uhr abends vorgefahren kam, war die, um zehn Uhr recht ärgerlich wieder heimzufahren. Ich kanns aber zehnmal weitläuftiger vortragen:

Um sechs Uhr fuhr Viktor mit der übrigen befehligten Brüder- und Schwestergemeine ins Paulinum. Er beneidete oder segnete vielmehr den Zeugmacher, den Stiefelwichser, den Holzhacker, der abends seinen Krug Bier, seine Andacht, seine Stollen und seine trompetenden Kinder hatte; desgleichen ihre Weiber, die heute schon den Morgen anbissen, nämlich die marmorierte gesprenkelte Kleiderrinde für den zweiten Feiertag. Im bunten Dunst- und Tierkreis stand die Fürstin als Sonne, ebenso unglücklich wie ihre Unglücklichen; nur der Traum (dacht' er) kann einen König glücklich machen, oder einen Armen unglücklich. Als er sah, wie sie alle nach einem sparsamen Froschregen von Worten und nach Erfrischungen, d. h. Erhitzungen und Ermattungen, ein Postzug um den andern nach dem Hof- und Adreßkalender an die Spieltische eingeschirret wurden – an jedes Brett kam das nämliche Bunterie-Gespann alter Gesichter –, so wunderte er sich zu allererst über die allgemeine Geduld; an einem Schwarzen der Hof-Goldküste sind sicher, schwur er, wenn man nur bedenkt, was er anzuhören und auszustehen hat, die Ohren und die Haut, wie an gebratnen Milchferkeln, die besten Stücke. Hier muß der Löwe dem Tiere die Haut zum Domino abbetteln, das ihm sonst seine abgeborgt. Hier unter diesen von kleinen Seelen gebückten Gestalten (wie auch Blätter sich krümmen, wenn Blattläuse daran wohnen) kann kein großer, kein kühner Gedanke getragen werden, sie können wie Getreide, das sich lagert, nur taube Körner geben.

Vor der Tafel fuhr der Teil oder Bogen des um die italienische Sonne laufenden Hofs, der nicht dazu eingeladen war, nach Hause, mißvergnügt über die Langeweile des Spieles, und noch mißvergnügter, daß gerade gewisse Personen der Langeweile der Tafel gewürdigt waren.

Joachime, an welcher die zurückhaltende Agnola wenig Vergnügen fand, ging mit ab, aber der Doktor nicht und ihr Bruder Matz gleichfalls nicht, der die Ehre hatte, hinter der Fürstin Stuhl in der Marschsäule, die sie, ihr Kammerherr, ein Page und ein Hoflakai machten, gerade den Mittelpunkt zu bilden; er stand bekanntlich sogleich hinter dem Kammerherrn und war der einzige, der aussah wie ein leserliches Pasquill auf alles zusammen. Über die Tafel, worüber wenig gesprochen wurde, höchstens sehr leise von zwei Nachbarn, soll auch hier nichts gesprochen werden.

Nach dem Essen kam der Fürst und störte das steife Zeremoniell, das er aus Bequemlichkeit haßte, so wie es Viktor aus Philosophie verachtete: »Wahrlich, ein Erzengel,« – sagte Viktor oft – »der die menschliche, in allen Kleinigkeiten beobachtete Tugend und Weisheit bemerkte an Sessiontischen, an Altären, in Besuchzimmern, müßte seinen Himmel und seine Flügel verwetten, daß wir einen Heller oder doch etwas taugten – in größern Dingen; wir wissen aber sämtlich, wo es hinkt; und eben dieser Ekel an der steifen altklugen dezenten Mikrologie und Maschinerie der Menschen ist die Laune des Satirikers. Die moralische Verschlimmerung entspinnt sich zwar aus Geringfügigkeiten, aber nicht die Besserung; Satanas kriecht durch Jalousieläden und Sphinkter in uns, der gute Engel zieht durch das Haupttor ein.« – Agnola belohnte heute unsern Helden für seine bisherige, es so treumeinende Beflissenheit mit einer wärmern Aufmerksamkeit, die in seinen Augen durch ihren Schmuck – sie trug den der vorigen Fürstin, ihren eignen und den vorigen mütterlichen – und durch ihren ganzen Prachtanzug noch schöner wurde; denn er liebte Putz an Weibern und haßte ihn an Männern. Seine Achtung nahm durch den Schmerz, daß sie Jenners eigennützige Absichten bei seinen Besuchen (wegen der künftigen Klotilde) mit schönern vermenge, und daß man es ihr doch nicht sagen könne, eine gerührte Wärme an. Wie kams, daß ihn dann Agnola an Joachime erinnerte; daß diese der Ableiter der Achtung für jene wurde; und daß alle liebende Gefühle, die ihm die Fürstin gab, zu Wünschen gerieten, Joachime möchte sie verdienen und empfangen?

Mit dieser Seele voll Sehnsucht fuhr er heute ohne Umstände zu dieser Joachime zurück, in deren Hand er bekanntlich eine kleine Wunde gelassen. Er sagte bei ihr: »er müsse als Mörder und Medikus noch heute nach der Wunde sehen«; aber wie Sonnenschein fiel ein schöner neuer Kummer auf Joachimens Angesicht wärmend in seine Seele. Er konnt' es kaum erwarten, mit ihr auf den Balkon hinauszukommen, um darüber zu reden. Draußen machte er in wenig Minuten die Schnittwunde und die Dezemberkälte zum Vorwand, die Hand und den Schnitt in seine zu nehmen, um sie zu wärmen: »Wunden schadet Kälte«, sagte er; aber der feine Narr hätte hier das Seinige dabei gedacht. Der leere Abend, die Erinnerungen an die Weihnacht-Kinderfreuden, der herunterblickende Sternenhimmel, der alle dunkeln Wünsche des Menschen wie Blumen in der Nacht magisch beleuchtet, und die Stille überfüllten und beklemmten seine verlassene Seele, und er drückte die einzige Hand, die ihm jetzt das Menschengeschlecht reichte. Er fragte sie geradezu über ihren Kummer. Joachime antwortete sanfter als sonst: »Ich wollte Sie dasselbe fragen; aber bei mir ists natürlich.« Denn sie habe, erzählte sie, bei ihrer Zurückkehr das Gepäcke Klotildens und die Nachricht der Ankunft und – was eben der Punkt ist – die Kleider ihrer Schwester Giulia, denen Klotilde bisher eine Stelle unter ihren gegeben, angetroffen. Diese Giulia war bekanntlich an Klotildens Herzen verschieden, einen Tag vorher, eh' diese aus Maienthal nach St. Lüne zog.

Ein Chaos durchschoß sein Herz; aber aus dem Chaos setzte sich bloß die umgesunkne Giulia zusammen – denn Klotilde wich täglich in ein dunkleres Heiligtum seiner Seele zurück –; ihr blasses Luna-Bild liebkosete mit Strahlen einer andern Welt seinen wunden Nerven, und er ließ sich willig glauben, Joachime habe ihre Gestalt. In seiner dichterischen, den Weibern so selten verständlichen Erhebung warf die Erblaßte den Heiligenschein, den ihr Klotilde zustrahlte, wieder auf ihre Schwester zurück. Joachime hatte heute wieder den Brief gelesen, den Giulia an sie in der Todesstunde durch Klotilde schreiben lassen, und trug ihn noch bei sich. Wahrscheinlich hatte ein Herz voll vergeblicher Liebe die schöne Schwärmerin unter die Erde gezogen. Viktor bat sie mit schimmernden Augen um den Brief; er schlug ihn auf im Mondlicht, und als er die geliebten Züge seiner verlornen Klotilde erblickte, weinte sein ganzes Herz.

»Gute Schwester!

Leb auf immer wohl! Laß mich das zuerst sagen, weil ich nicht weiß, welche Minute mir den Mund verschließt. Die Gewitter meines Lebens ziehen heim. Es wird schon kühl um meine Seele. Ich sage diesen Abschied und meinen herzlichsten Wunsch für dein Wohlergehen meiner Freundin Klotilde in die Feder. Gib den Einschluß meinen lieben Eltern und füge deine Bitte an meine, mich in meinem schönen Maienthal zu lassen, wenn ich vorüber bin. Ich sehe jetzt durch das Fenster die Rosenstaude, die neben dem Gärtchen des Küsters auf dem Kirchhofe stehet – dort wird mir eine Stelle gegeben, die wie eine Narbe bezeuget, daß ich dagewesen, und ein schwarzes Kreuz mit den sechs weißen Buchstaben Giulia – mehr nicht. Liebe Schwester, laß es ja nicht zu, daß sie meinen Staub in ein Erbbegräbnis sperren – O nein, er soll aus Maienthals Rosen flattern, die ich bisher so gern begossen – dieses Herz, wenn es sich zerlegt hat in den Blütenstaub eines neuen ewigen Herzens, spiele und schwebe im Strahle des Mondes, der mir es in meinem Leben so oft schwer und weich gemacht. Fährest du einmal, liebe Schwester, bei Maienthal vorüber: so blickt bis zur Straße das Kreuz durch die Rosen hindurch, und wenn es dich nicht zu traurig macht, so schaue hinüber zu mir.

Mir war jetzt einige Minuten, als holte ich in Äther Atem – in kleinen dünnen Zügen – Es wird bald aus sein. Sag aber meinen Gespielinnen, wenn sie nach mir fragen, ich bin gern gegangen, ob ich wohl jung war. Recht gern. Unser Lehrer sagt, die Sterbenden sind fliegendes Gewölk, die Lebenden sind stehendes, unter welchem jenes hinzieht, aber abends ist ja beides dahin. Ach ich dachte, ich würde mich noch recht lange, von einem Trauerjahr zum andern, nach dem Sterben sehnen müssen, ach ich besorgte, diese erblaßten Wangen, diese hineingeweinten Augen würden den Tod nicht erbitten, er würde mich veralten lassen und mir das verblühte Herz erst abnehmen, wenn es sich müde geschlagen – aber siehe, er kömmt eher – In wenig Tagen, vielleicht in wenig Stunden wird ein Engel vor mich treten und lächeln, und ich werd' es sehen, daß es der Tod ist, und auch lächeln und recht freudig sagen: Nimm immer mein schlagendes Herz in deine Hand, du Abgesandter der Ewigkeit, und sorge für meine Seele.

›Bist du aber nicht jung,‹ (wird der Engel sagen) ›hast du nicht erst diese Erde betreten? Soll ich dich schon zurückführen, eh' sie ihren Frühling hat?‹

Aber ich werde antworten: Schau diese untergegangnen Wangen an und diese ermüdeten Augen und drücke sie nur zu – o lege den LeichensteinDer Schlangenstein saugt sich so lange an die Wunde an, bis er ihren Gift weggezogen. an meine Brust, damit er alle Wunden aussauge und nicht eher abfalle, als bis sie ausgeheilet sind – Ach ich habe wohl nichts Gutes in der Welt getan, aber auch nichts Böses.

Dann sagt der Engel: ›Wenn ich dich berühre, so erstarrest du – der Frühling und die Menschen und die ganze Erde verschwinden, und ich allein stehe neben dir – Ist denn deine junge Seele schon so müde und so wund? Welche Leiden sind denn schon in deiner Brust?‹

Berühre mich nur, guter Engel! Jetzt sagt er: ›Wenn ich dich berühre, so zerstäubst du, und alle deine Geliebten sehen nichts mehr von dir –‹

O berühre mich!...«

*

Der Tod berührte das blutige Herz, und ein Mensch war vorüber...

Während Viktor das Trauerblatt las, hatte die Schwester der Toten einige Male, weil sie sich das dachte, was er las, die Augen abgetrocknet, und als er sie ansah, schimmerten darin die Samenperlen einer weichen Seele. Aber er wünschte sich jetzo die Unsichtbarkeit seines Gesichts oder den Erker seines Zimmers, um allen Seufzern und Gefühlen ungesehen nachzuhängen. Wär' er in einem bürgerlichen Hause gewesen: so hätte er unverspottet jetzt zu den ausgepackten Kleidern und in die künftigen Zimmer Klotildens gehen können – und er hätte gleichsam die grünen Fluren von Maienthal wieder erblickt, wenn er die romantischen Gewänder, worin Giulia sie durchstreifet hatte, unter den letzten Küssen der Schwester hätte verschließen sehen – – Aber in einem solchen Hause wars eine Unmöglichkeit.

Er verzieh jetzt, da er seltener den Genuß der fremden Empfindsamkeit hatte, sogar das Übertreiben derselben leicht. Daß sie den Körper zerrütte, war ihm der elendeste Einwand, weil ihn ja alles Edlere, jede Anstrengung, alles Denken aufreibe; der Körper und das Leben wären ja nur Mittel, aber kein Zweck. »Giulias Herz in Giulias Körper«, sagte er, »ist ein reiner Tautropfe in einem weichen Blumenkelch, den alles zerdrückt, verschüttet, aussaugt, und der noch vor der Mittagsonne entflohen ist; solche für eine Welt voll Sturm zu biegsame Seelen, die zu viel Nerven und zu wenig Muskeln haben, verdienen ihrer Empfindsamkeit wegen das einfressende Salz der Satire nicht, das sie wie Schnecken zernagt – die Erde und wir können ihnen wenig Freuden geben, warum wollen wir ihnen die andern nehmen?«

Aber die Trauerzüge, die jetzt das Mitleid durch Joachimens Lächeln zog, drückten sich deutlich in Viktors Herzen ab, und das, was sie hier verbergen wollte, machte sie reizender als alles, was sie je zu zeigen gesucht.

Nichts ist gefährlicher – wie er vor einigen Wochen getan –, als sich verliebt zu stellen: man wirds sogleich darauf. So war der Weichling Baron einige Tage, wenn er einen Helden von Corneille gespielet hatte, selber einer. So starb Moliere am eingebildeten Kranken und Karl V. am Probe-Begräbnis. So machte die papierne Krone, die Cromwell in einem Schuldrama aufbekommen hatte, ihn auf eine härtere begierig. – Die zweite Lehre, die daraus zu lernen ist (diese setzt aber freilich voraus, Joachime war eine Kokette), ist die: daß ein Held die Koketterie wahrnehmen und doch hineintappen könne; ein Poet sitzt wie die Nachtigall (der er an Gefieder, Kehle und Einfalt ähnelt) oben auf dem Baume und sieht die Falle stellen und hüpft hinunter und – hinein.

Nach einigen Tagen – als in Viktor die Frage über Joachimens Wert und über seine Liebe wie eine Woge auf- und ablief; als er schlecht mit Flamin, gut mit der Fürstin und besser mit dem Fürsten stand, der jeden Tag nachfragte, wenn Klotilde käme – kam sie.

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