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Hesperus oder 45 Hundposttage

Jean Paul Richter: Hesperus oder 45 Hundposttage - Kapitel 57
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleHesperus oder 45 Hundposttage
pages471-1236
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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22. Hundposttag

Stückgießerei der Liebe, z. B. gedruckte Handschuhe, Zank, Zwergflaschen und Schnittwunden – ein Titel aus den Digesten der Liebe – Marie – Courtag – Giulias Sterbebrief

Der Leser wird sich ärgern über diesen Hundposttag; ich meines Orts habe mich schon geärgert. Der Held verstrickt sich zusehends in das Zuggarn zwei weiblicher Schleppen und sogar in die Bande der fürstlichen Freundschaft.... es braucht nur noch, daß gar Klotilde zum Wirrwarr stößet – – Und so etwas muß ein Berghauptmann, ein Eiländer den Leuten auf dem festen Lande hinterbringen!

Chronologisch solls noch dazu gemacht werden: ich will diesen Hundposttag, der vom November bis zum Dezember langt, in Wochen zerlegen. Dadurch wird die Ordnung größer. Denn ich kenne die Deutschen: sie wollen wie die Metaphysiker alles von vorn an wissen, recht genau, in Großoktav, ohne übertriebene Kürze und mit einigen citatis. Sie versehen ein Epigramm mit einer Vorrede und ein Liebemadrigal mit einem Sachregister – sie bestimmen den Zephyr nach einer Windrose – und das Herz eines Mädchens nach dem Kegelschnitt – sie bezeichnen alles mit Fraktur wie Kaufleute und beweisen alles wie Juristen – ihre Gehirnhäute sind lebendige Rechenhäute, ihre Beine geheime Meßstangen und Schrittzähler – sie zerschneiden den Schleier der neun Musen und setzen auf die Herzen dieser Mädchen Tasterzirkel und in ihre Köpfe Visierstäbe – die arme Klio (die Muse der Geschichte) sieht gar aus wie der Konsistorialrat Büsching, der langsam und krumm unter einer Landfracht von Meßketten, von Terzienuhren und von Harrisonschen Längenuhren und durchschossenen Schreibkalendern daherwandelt – so daß ich besonders den armen Büsching beweine, sooft ich ihn nur schreiten sehe, da den guten topographischen Last- und Kreuzträger ganz Deutschland (von dem ich etwas anders erwartet hätte), jeder Amtmann, jeder dumme Schultheiß (bloß wir Scheerauer sattelten ihn nicht) gleich einer Pfänderstatue von der Kniekehle bis ans Nasenloch (der gute Mann ist kaum zu sehen, und mich wunderts nur, wie er auf den Füßen verbleibt) umhangen, besteckt und eingebauet hat mit allen verdammten Teufels-Wischen – mit Dorfinventarien – mit Intelligenzblättern – mit Wappenwerken – mit Flurbüchern und perspektivischen Aufrissen von Schweinställen.

Sie haben sogar den Jean Paul – damit ich nur von mir selber ein Beispiel des deutschen Foliierphlegma erzähle, wiewohl ich eben dadurch eines gebe – angesteckt: ists nicht eine alte Sache, daß er das Blau der schönsten Augen, in die je ein amoroso geblickt, vermittelst eines Saussureschen CyanometersInstrument, das Blau des Himmels zu bestimmen. genauer nach Graden angegeben und die schönsten Tropfen, die aus ihnen während der Messung fielen, richtig genug mit einem Taumesser ausvisiert hat? – Und hat nicht sein Versuch, die weiblichen Seufzer mit dem Stegmannischen Luftreinigkeitmesser einzufangen und zu prüfen, unter uns mehr als zuviel Nachahmer gefunden? – –

Woche des 22. Post-Trinitatis oder vom 3. Nov. bis 11. (exclusive)

Diese Woche versaß er fast ganz beim Minister: manche Menschen kommen, wenn sie nur viermal in einem Hause waren, dann wie das tägliche Fieber täglich wieder, anfangs wie die Lenzsonne jeden Tag früher, dann wie die Herbstsonne jeden Tag später. Er sah wohl, daß er bei dieser Hof- und Ministerialpartie nichts niederlegen könne, weder ein Geheimnis, noch Vermögen, noch ein Herz, weil sie ehrlichen Gerichtstellen gleichen würde, die – so wie die Mönche ihr Eigentum ein Depositum nennen und sagen, nichts gehöre ihnen – umgekehrt jedes Depositum zu einem Eigentum erheben und sagen, alles gehöre ihnen. Aber er machte sich nichts daraus: »Ich komme ja nur zum Spaße,« (dacht' er) »und mir ist nichts anzuhaben.« – Der Minister, dem er bloß über der Tafel begegnete, hatte gegen ihn alle die Höflichkeit, die mit einem persiflierenden Gesicht und mit einem die Welt in Spionen und in Diebe einteilenden Stande zu verbinden ist; aber Sebastian merkte doch, daß er ihn für einen Halbkenner in der Medizin und in den ernsthaften Wissenschaften – als wären nicht alle ernsthaft – ansehe und für einen Eingeweihten bloß im Witz und schönen Wissen. Jedoch war er zu stolz, ihm eine andere als die leere Neumondseite zuzukehren, und verbarg alles, was ihn bekehren konnte. Daher mußte sich Viktor bei dem dümmsten Kanzleiverwandten, ders gesehen hätte, dadurch um alle Achtung bringen, daß er, wenn der Minister mit seinem Bruder, dem Regierpräsidenten, ein interessantes Gespräch über Auflagen, Bündnisse, über die Kammer anspann, entweder nicht aufmerkte, oder fortlief, oder die Weiber aufsuchte. – Auch liebte er am Fürsten nur den Menschen; der Minister nur den Fürsten. Viktor konnte bei Jenner selber über die Vorzüge der Republiken Reden halten, und dieser hätte oft im Enthusiasmus (wenn die Reichgerichte und sein Magen es verstattet hätten) gern Flachsenfingen zum Freistaat erhoben und sich zum Präsidenten des Kongresses darin. Aber der Minister haßte dies tödlich und klebte allen politischen Freidenkern – einem Rousseau – allen Girondisten – allen Feuilants – allen Republikanern – und allen Philosophen den Namen Jakobiner auf, wie die Türken alle Fremde, Briten, Deutsche, Franzosen etc., Franken nennen. Indes war dieses eine Ursache, warum Viktor Matzen, der besser hierüber dachte, jetzo lieber gewann; und warum er von dem Vater zu der Tochter floh.

Bei Joachimen gelangen in dieser Woche seine Gnadenmittel: sie gab dem feinen und wohlriechenden Narren-Dualis, wie wir der Tugend, nur das Akzessit, und meinem Helden, wie wir der Neigung, die Preismedaille. Da er aber bloß eine gewisse Empfindsamkeit am meisten in der Freundschaft und Liebe achtete: so hätt' er, dacht' er, mit dieser Schäkerin durch den Mond reisen können, ohne für sie (aber wohl über sie) zu seufzen – aber diese Lustigen, mein Bastian, haben den Henker gesehen; denn wenn sie etwas anders werden, dann wird mans auch mit. Sie sagte ihm, sie wolle gefallen wie ein lutherisches Heiligengemälde, aber sie wolle nicht angebetet sein wie ein katholisches. Sie nahm ihn am meisten durch die ihrem Geschlecht eigne Gabe ein, zarte Wendungen zu verstehen – die Weiber erraten so leicht, weil sie sich immer nur erraten lassen, und ergänzen und verbergen jede Hälfte mit gleichem Glück –; aber zu ihren Reizen rechn' ich auch den Zwang vor der Fürstin und den vor den Zuhörern mit den – Augen. Übrigens war jetzo sein von Klotilden weggeworfenes Herz in der Lage der Kinder, die gewettet haben, Schläge in ihre Hand ohne Tränen aufzunehmen, und welche noch fortlächeln, wenn diese schon fließen.

Woche des 23. Post-Trinitatis oder 46ste des Jahrs 179*.

Jetzt ist er auch vormittags dort. Es ist bemerkenswert, daß er ihr am Martinitag die gepuderte Stirn mit dem Pudermesser rasierte, und daß er um einige Toiletten-Hofämter bei ihr anhielt: »Ich kann Ihr Schminkdosenträger werden, wie der große Mogul Tabakpfeifen- und Betelträger hat – oder auch Ihr Cravatier ordinaire – oder Ihr Sommier (d. h. Gebetpolsterträger) – ich würde, wenn Sie nicht auf den Polster knieten, es selber tun vor Ihnen. – – Ich kannte in Hannover einen schönen Engländer, der sich das linke Knie füttern und polstern ließ, weil er nicht wußte, wen er heute anzubeten bekomme und wie lange.«

Es ist ebenso wichtig, daß er sie am Jonastag ein Paar feine Handschuhe, worauf ein sehr einfältiges Gesicht getuschet war, anzunehmen zwang – »es wäre sein eignes,« (sagt' er) »sie sollte das Gesicht nur nachts im Bette auf oder an der Hand haben, damit es aussähe, als küßt' er ihr durch die ganze Novembernacht die Hand.« –

Ich fahre in meinem pragmatischen Auszuge aus diesem Belagertagebuch fort und finde am Leopoldstag aufgezeichnet, daß Joachime schon vormittags sagte, sie würde ihrem Papagei, wenn sie ihm einen Sprachmeister hielte, nichts aus dem ganzen Diktionär beibringen lassen als das Wort: perfide! »Jeder Liebhaber«, sagte sie, »sollte sich ein Papchen halten, das ihm unaufhörlich zuriefe: perfide!« – »Die Damen«, sagte mein Held, »sind allein schuld: sie wollen zu lange, oft ganze Wochen, ganze Monden geliebt werden. Dergleichen ist über unsre Kräfte. Haben nicht die Jesuiten sogar die Liebe zu Gott periodisch gemachtDieser freche Unsinn steht wirklich in Pascals Briefen. S. den 10ten.? Skotus schränkt sie auf den Sonntag ein – andre auf die Festtage – Coninch sagt: es ist genug, wenn man ihn alle vier Jahre einmal liebt – Henriquez setzt noch ein Jahr dazu – Suarez sagt gar: wenns nur vor dem Tode ist – – Manchen Damen fielen bisher die Zwischenzeiten anheim; aber die Tag-, die Jahr-, die Festzeiten, die Verlobung-, die Begräbnistage bilden ebensoviel verschiedene Sekten unter den Jesuiten der Liebe.« – Joachime machte den Anfang zu einer zürnenden Miene. Der Hofmedikus hatte nichts lieber mit Schönen als Zank und setzte dazu: »C'est à force de se faire hair qu'elles se font aimer – c'est aimer que de bouder – ah que je Vous prie de Vous facher!d. h. Dadurch, daß sie einen ärgern, machen sie nur, daß man sie mehr liebt – Schmollen ist Lieben – O ich bitte Sie inständig, böse zu werden. « – Seine Laune hatte ihn über das Ziel getrieben – Joachime hatte recht genug, seine Bitte um ihren Zorn zu erfüllen – er wollte den Zank fortsetzen, um ihn beizulegen – da es aber doch Fälle gibt, wo die Vergrößerung einer Beleidigung ebensowenig Vergebung verschafft als die stufenweise Zurücknahme derselben: so tat er klug, daß er ging.

Er wunderte sich, daß er den ganzen Tag an sie dachte: das Gefühl, ihr unrecht getan zu haben, stellte ihr Gesicht in einer leidenden Miene vor seine erweichte Seele, und alle ihre Züge waren auf einmal veredelt. Tacitus sagt: man hasset den andern, wenn man ihn beleidigt hat; aber gute Menschen lieben den andern oft bloß deswegen.

Am Tage darauf, am Ottomars-Tage – Ottomar! großer Name, der auf einmal den langen Leichenzug einer großen Vergangenheit im Finstern vor mir vorüberfährt – sah er sie ernsthaft, ihn weder suchend noch fliehend. Die zwei Narren blieben in ihren Augen die zwei Narren und gewannen durch nichts etwas. Da er also gewiß bemerkte, daß aus einem flüchtigen Grollen wahre Reue über ihre bisherige Offenheit geworden war, von der er einen zu freimütigen Gebrauch und eine zu eigennützige Auslegung gemacht zu haben schien: so war es jetzo seine Pflicht, das, was er bisher aus Scherz getan hatte, im Ernste zu tun, nämlich sie aufzusuchen und auszusöhnen.

Aber sie stand immer an der Fürstin, und es war nichts.

Ich hab' es nicht selber gesagt, weil ich wußte, der Leser seh' es ohne mich, daß der Held glaubt, Joachime halte ihn für den Bilderdiener ihrer Reize und für den von ihr angezognen Mondmann: der Held nahm sich daher längst vor, ihr diesen Irrtum – zu lassen. Einen solchen Irrtum zu benehmen, dazu hat selten ein Mann oder ein Weib Stärke genug – Viktor hatt' aber noch mehr Gründe, ihr den Glauben an seine Liebe (d. h. auch sich den seinigen an ihre) zu gönnen: erstlich, er wollte verstecken, warum er komme – zweitens, er wußte, in der großen Welt und unter den Joachimen wird ein Liebhaber nur wie der dritte Mann zum Spiel gesucht, man stirbt da nicht von der Liebe, man lebt da nicht einmal davon – drittens, er hob sich immer den Notanker auf, aus Spaß Ernst zu machen: »Wenn mir das Messer an der Kehle sitzt,« dacht' er, »so setz' ich mich hin und gewinne sie von Herzen lieb, und damit gut« – viertens, eine Kokette macht einen Koketten... Hier fing ich bekanntlich schon an, mich über den 22sten Posttag zu ärgern, wiewohl ich so gut wie einer weiß, warum alle Menschen, sogar die aufrichtigsten, sogar die Männer, sich zu kleinen Intrigen gegen Geliebte neigen; nicht bloß nämlich, weils kleine und erwiderte sind, sondern weil man mit seinen Intrigen mehr zu schenken als zu stehlen meint. Bloß die edelste höchste Liebe ist ohne wahre Spitzbüberei.

Wochen des 24. und 25. Post-Trinitatis

Am Sonntage war Ball: »Ganz natürlich« (sagte er) »sieht sie mich nicht an; im Ballkleide sind die Schönen unversöhnlicher als in der Morgenkleidung.« – Sie sah ihn kaum, so kam sie ihm wie ein bewegter Himmel mit ihren Brillanten-Fixsternen und ihren Perlen-Planeten entgegen und bat ihn in diesem Glanze um Vergebung ihrer Laune; anfangs habe sie sich zornig gestellt, sagte sie, dann sei sie es geworden, und am andern Tage habe sie erst gesehen, daß sie unrecht gehabt, es zu scheinen, und recht, es zu sein. Diese Bitte um Vergebung machte unsern Medikus demütiger, als es nötig war. Sie bat ihn scherzhaft, sie um Vergebung zu bitten, und machte ihn mit ihrem Platzgolde von Jähzorn bekannt.

Zwei Tage lang wurde der Westfälische Friede gehalten.

Aber eine Zänkerei mit einem Mädchen macht, wie ein Narr, zehen; und zum Unglück hat man die Zornige nur lieber (wenigstens mehr als die Gleichgültige), so wie das Volk den methodistischen Predigern am meisten zuläuft, die es am stärksten verdammen. Joachime wurde täglich zornfähiger – welches er größerer Liebe zuschrieb –, aber er auch. Sie konnten den ganzen Besuch im schönsten Reichs- und Hausfrieden verbracht haben: beim Abschiede wurde alles auf den Kriegsetat gesetzt, die Gesandten zurückberufen und die Beurlaubten, wenn mir diese poetischen Ausdrücke erlaubt sind. Mit dem zornigen Bodensatz im Herzen zog er dann ab und konnte kaum den Augenblick des Wiedersehens – d. h. seiner oder ihrer Rechtfertigung – erwarten. So brachten sie ihre Stunden mit dem Schreiben der Friedeinstrumente und der Manifeste zu. Die streitige Sache war so sonderbar wie der Streit: es betraf ihre Foderungen der Freundschaft; jedes bewies, das andre wäre der Schuldner und fodere zu viel. Was unsern Medikus am meisten erboste, war, daß sie dem feinen und dem wohlriechenden Narren, ihr die Hand zu küssen, erlaubte, ihm aber verbot, und zwar ohne alle Entscheidgründe. »Wenn sie nur löge und mir sagte: darum, oder darum! so wär's doch was«, sagt' er; aber sie tat ihm den Gefallen nicht. Für mein Geschlecht ist Abschlagen ohne Gründe, sogar ohne erratene, ein Schwefelpfuhl, ein dreifacher Tod; auf Joachime wirkten Gründe und Kabinettpredigten gleichviel.

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