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Hesperus oder 45 Hundposttage

Jean Paul Richter: Hesperus oder 45 Hundposttage - Kapitel 56
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleHesperus oder 45 Hundposttage
pages471-1236
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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Einige Tage darauf gab die Fürstin dem Fürsten ein Auge en medaillon mit der schönen Wendung: sie gebe diese Votivtafel dem Heiligen (das paßte um so mehr, da der Fürst Januar hieß), der ihr seinen Wundertäter zugeschickt, und der das bekommt, was er heilen lassen. Jenner sagte zu Viktor, dem er das Auge zeigte: »Der heilige Januar wird mit Ihnen, mit der heiligen Ottilia, verwechselt« – die bekanntlich die Patronin der Augen ist.

Viktor war froh, daß Matthieu zu ihm kam, um mit ihm nach St. Lüne zu gehen; denn dieser bat ihn, weil dieses ohne ihn geschehen, mit zu seiner Mutter zu gehen, »weil heute bei der Fürstin großes Souper sei, bei seiner Mutter aber kein Mensch«, d. h. kaum über neun Personen. Viktor zog also – es tat heute nichts, daß die fürstliche Augendulderin fehlte – gern in die Schleunessche Nürnbergische Konvertitenbibliothek von Töchtern hinein hinter dem zärtlichen Jonathan-Orest-Matz, den er überhaupt jetzt aus Schonung für ihren allgemeinen Freund Flamin toleranter behandelte. Die Menschen vergesellschaften sich wie die Ideen ebensooft nach der Gleichzeitigkeit als nach der Ähnlichkeit; und aus der Wahl der Bekannten ist ebensowenig etwas auf den Charakter des Jünglings zu schließen, als auf einer Frau ihren aus der Wahl des Gatten. Matthieu stellte ihn seiner Mutter im Lesekabinette, da ihr gerade aus einem englischen Autor vorgelesen wurde, mit den Worten vor: »Hier bring' ich Ihnen einen ganz lebendigen Engländer.« Joachime las in einem Verzeichnisse – es war kein Bücher-, sondern ein Nelkenblätterverzeichnis –, um sich einige Nelken auszusuchen, nicht um sie zu pflanzen, sondern sie nachzumachen – in Seide. Sie haßte Blumen, die wuchsen. Ihr Bruder sagte aus Ironie: »sie haßte die Veränderlichkeit sogar an einer Blume.« Denn sie liebte sie sogar an Liebhabern; und unterschied sich ganz vom April, der wie die Weiber in unserem Klima weit beständiger ist, als man vorgibt. Im Kabinett waren noch zwei Narren da, die mir mein Korrespondent nicht einmal nennt, weil sie, glaubt er, hinlänglich bezeichnet und geschieden wären, wenn ich den einen den wohlriechenden Narren nennte, und den andern den feinen.

Beide Narren umsummten die Schöne. Überhaupt, sooft ich Narren in großen Partien studieren wollte, sah ich mich ordentlicherweise nach einer großen Schönheit um; – diese umsaßen sie wie Wespen eine Obstfrau. Und wenn ich sonst keine Ursache hätte – ich habe sie aber –, um die schönste Frau zu ehelichen: so tät' ichs schon darum, damit ich immer die Bienenkönigin in der hohlen Hand sitzend hielte, der der ganze närrische Immenschwarm nachbrauste. Ich und meine Frau würden dann den Kerlen in Lissabon gleichen, die, in den Händen mit einem Stänglein angeketteter Papageien, an den Füßen mit einer Kuppel nachhüpfender Affen, durch die Gassen ziehen und ihr tolles Personale feilbieten.

Der wohlriechende Narr, der heute in der Sonnenseite Joachimens war, las der Mutter vor – der feine, der in der Wetterseite war, stand neben Joachime und schien sich nichts um ihr Wetterkühlen zu scheren. Viktor stand als Übergang von der heißen Zone in die kalte da und stellte die gemäßigte vor; Joachime spielte drei Rollen mit einem Gesicht. Der wohlriechende Narr schoß mit der linken Hand die Drehbasse eines silbernen Joujou: dieses hängende Siegel eines Toren bewegte er entweder wie der Grönländer einen Block mit seinen Füßen, der Erwärmung wegen – oder er tats, wie der Großsultan aus gleichem Grund immer ein Schnitzmesser handhaben muß, um nicht immer jemand sterben zu lassen vor Liebe – oder um, wie der Storch immer einen Stein in den Krallen hält, allezeit ein Ixions-Rad in den Händen, wie ein Spornrad an den Fersen, zu haben – oder der Gesundheit wegen, um den globulus hystericusHysterische Kugel, d. h. die hysterische Krankenempfindung, als rolle sich eine Kugel die Kehle herauf. durch die Bewegung eines äußern zu bestreiten – oder als Paternosterkügelchen – oder weil er nicht wußte, warum.

Jeder war mit sich zufrieden. Als die Mutter unsern Engländer gebeten, mit seinem Akzent ihr vorzulesen, so sagte der feine Narr: »Das Englische ist wie gewisse Gesinnungen leichter zu verstehen als auszusprechen.« Dieses feine Schaf hatte nämlich überall die Gewohnheit, metaphorisch zu sein – wenn ihm ein Mädchen sagte: »Ich kann mich heute der Kälte nicht erwehren«, so macht' er die des Herzens daraus – man konnte nicht sagen: »Es ist trübe, warm, die Nadel hat mich gestochen etc.«, ohne daß er dies für einen Kugelzieher nahm, der sein Herz aus dem Gewehre der Brust vorzog und vorwies – es war vor seinen Ohren unmöglich, daß man nicht fein war, und aus eurem Gutenmorgen drehte er ein Bonmot – hätt' er das Alte Testament gelesen, er hätte sich über die feinen Wendungen darin nicht satt wundern können. Dafür schränkte der wohlriechende Narr seinen ganzen Witz auf ein lebhaftes Gesicht ein – er schlug diesen Fracht- und Assekuranzbrief von tausend Einfällen vor euch auf und hielt ihn vor, aber es kam nichts – ihr hättet auf den Ansagezettel von Witz in seinem feurigen Auge geschworen, jetzo brenn' er los – aber nicht im geringsten! Er handhabte die satirische Waffe wie die Grenadiere die Handgranaten, die sie nicht mehr werfen, sondern nur abgebildet auf den Mützen führen.

Als der Feine sein erotisches Bonmot gesagt hatte: sah Joachime unsern Helden an und sagte mit einer ironischen Miene wider den Feinen: »J'aime les Sages à la folie

Der Stolz des wohlriechenden auf seinen heutigen Vorzug und die scheinbare Gleichgültigkeit des feinen Narren gegen seine Hintansetzung bewiesen, daß alle beide selten im heutigen Falle waren; – und daß Joachime auf eine eigne Weise kokettierte. Sie lachte uns erhabne Mannspersonen allemal aus, wenn zwei auf einmal bei ihr waren – eine allein weniger – ihre Augen überließen es unserer Eigenliebe, das Feuer darin der Liebe mehr als dem Witze zuzuschreiben – sie schien alles herauszuplaudern, was ihr einfiel, aber manches schien ihr nicht einzufallen – sie war voll Widersprüche und Torheiten, aber ihre Absichten und ihre Zuneigung bleiben doch jedem zweifelhaft – sie antwortete schnell, aber sie fragte noch schneller. Heute trat sie in Beisein der drei Herren – zu andern Zeiten im Beisein des ganzen bureau d'esprit – vor den Spiegel, zog ihre Schminkdose heraus und retuschierte das bunte Dosenstück ihrer Wangen. Man konnte sich gar nicht denken, wie sie aussähe, wenn sie verlegen wäre oder beschämt.

Die Tugend mancher Damen ist ein Donnerhaus, das der elektrische Funken der Liebe zerschlägt, und das man wieder zusammenstellt für neue Versuche; unserm an die höchste weibliche Vollkommenheit verwöhnten Helden kam es vor, als gehöre Joachime unter jene Donnerhäuser. Koketterie wird immer mit Koketterie beantwortet. Entweder letzte war es, oder zu schwache Achtung für Joachime, daß Viktor die beiden Anbeter in den Augen der Göttin lächerlich machte. Sein Sieg war ebenso leicht als groß – er lagerte sich auf der Stelle des Feindes: mit andern Worten, Joachime gewann ihn lieber. Denn die Weiber können den nicht leiden, der vor ihren Augen einem andern Geschlechte unterliegt als dem ihrigen. Sie lieben alles, was sie bewundern; und man würde von ihrer Vorliebe für körperliche Tapferkeit weniger satirische Auslegungen gemacht haben, wenn man bedacht hätte, daß sie diese Vorliebe für alles Ausgezeichnete, für ausgezeichnete Reiche, Berühmte, Gelehrte, empfinden. Der dürre und runzlige Voltaire hatte so viel Ruhm und Witz, daß wenige Pariser Herzen sein satirisches ausgeschlagen hätten. Noch dazu drückte mein Held seine Achtung für das ganze Geschlecht mit einer Wärme aus, die sich das Einzelwesen zueignete; – auch brachte seine beliebte Gesamtliebe, ferner sein in der Trauer über ein verlornes Herz schwimmendes Auge und endlich seine wärmende Menschenfreundlichkeit ihm eine Aufmerksamkeit von Joachimen zuwege, welche die seinige in dem Grade erregte, daß er sich das nächstemal zu untersuchen vornahm, was dran wäre. – –

Das nächste Mal war bald da. Sobald ihm die Ankunft der Fürstin vom Apotheker geweissagt war – denn der war für die kleine Zukunft des Hofs ihm seine Hexe zu Endor und Kumä und seine Delphische Höhle –, so ging er hin; denn er fuhr nicht hin. »Solang' es noch einen Schuhabputzer und ein Stein-Pflaster gibt,« sagt' er, »fahr' ich nicht. Aber von vornehmern Leuten wunderts mich, daß sie noch zu Fuß reisen von einem Flügel des Palasts in den andern. Könnte man nicht, so wie die Pennypost für eine Stadt, ein Fuhrwerk für seinen Palast einführen? Könnte nicht jeder Sessel ein Tragsessel sein, wenn eine Dame die Alpenreise von einem Zimmer ins andere weniger scheuete? Und verschiedene Weltumseglerinnen würden es wagen, eine Lustreise durch einen großen Garten zu machen in einer zugesperrten Sänfte.« – Viktor reisete gerade durch einen, nämlich den Schleunesschen: es war noch zu hell und zu schön, um sich wie Nähkissen an die Spieltische zu schrauben. Er sah darin eine kleine bunte Reihe gehen und Joachimen darunter. Er schlug sich zu ihnen. Joachime bezeugte eine malerische Freude über die Wolken-Gruppierung, und es stand ihren schönen Augen gut, wenn sie sie dahin hob. Da man nichts Gescheites zu reden hatte: suchte man etwas Gescheites zu tun, sobald man ans Karussell ankam. Man setzte sich darauf und ließ es drehen. Viele Damen hatten gar den Mut nicht, diese Drehscheibe zu besteigen – einige wagten sich in die Sessel – bloß Joachime, die ebenso verwegen als furchtsam war, beschritt das hölzerne Turnierroß und nahm die Lanze in die Hand, um die Ringe mit einer Grazie wegzuspießen, die schönerer Ringe würdig war. Aber um sich nicht dem Abwerfen des Dreh-Rosinante bloßzugeben, hatte Joachime meinen Helden wie ein Treppengeländer an sich gestellt, um sich an ihn in der Zeit der Not anzuhalten. Die Achsebewegung wurde schneller und ihre Furcht größer; sie hielt sich immer fester an, und er faßte sie fester an, um ihrer Anstrengung zuvorzukommen. Viktor, der sich auf die Taschenspielerkünste und den Hokuspokus der Weiber recht gut verstand, fand sich leicht in Joachimens Wieglebische natürliche Magie und »Trunkus Plempsum Schallalei«; noch dazu war das wechselseitige Andrücken so schnell hin- und hergegangen, daß man nicht wußte, hatt' es einen Erfinder oder eine Erfinderin....

Da sie jetzt alle im Zimmer sind und ich allein im Garten stehe neben der Roßmühle: so will ich darüber geschickt reflektieren und anmerken, daß die Großen, gleich den Weibern, den Franzosen und den Griechen, große – Kinder sind. Alle große Philosophen sind das nämliche und leben, wenn sie sich durch Denken fast umgebracht haben, durch Kindereien wieder auf, wie z. B. Malebranche tat; ebenso holen Große zu ihren ernstern edeln Lustbarkeiten durch wahre kindische aus; daher die Steckenpferd-Ritterschaft, die Schaukel, die Kartenhäuser (in Hamiltons mémoires), das Bilderausschneiden, das Joujou. Mit dieser Sucht, sich zu amüsieren, steckt sie zum Teil die Gewohnheit an, ihre Obern zu amüsieren, weil diese den alten Göttern gleichen, die man (nach Moritz) nicht durch Bußen, sondern durch fröhliche Feste besänftigte.

Da er mit der ganzen Theatergesellschaft des Ministers bekannt war, und zweitens, da er kein Liebhaber mehr war – denn dieser hat tausend Augen für eine Person und tausend Augenlider für die andern –: so war er beim Minister nicht verlegen, sondern gar vergnügt. Denn er hatte da doch seinen Plan durchzusetzen – und ein Plan macht ein Leben unterhaltend, man mag es lesen oder führen.

Es mißlang ihm heute nicht, ziemlich lange mit der Fürstin zu sprechen, und zwar nicht vom Fürsten – sie mied es –, sondern von ihrem Augenübel. Das war alles. Er fühlte, es sei leichter, eine übertriebene Achtung vorzuspiegeln, als eine wahre auszudrücken. Die Besorgnis, falsch zu scheinen, macht, daß man es scheint. Daher sieht bei einem Argwöhnischen ein Aufrichtiger halb wie ein Falscher aus. Indessen war bei Agnola, die ihres Temperaments ungeachtet spröde war – ein eigner zurückgestimmter Ton herrschte daher in ihrer Gegenwart bei Schleunes –, jeder Schritt genug, den er nicht zurück tat.

Aber gegen die lebhafte Joachime tat er einen halben vorwärts. Nicht sowohl sie als das Haus schien ihm kokett zu sein; und die Töchter darin fand er – dies macht das Haus – den alten Litonen oder Leuten der Sachsen ähnlich, die ⅓ frei waren und ⅔ leibeigen, und die also ein Drittel ihres Guts verschulden konnten. Jede hatte noch ein Drittel, ein Neuntel, ein Kugelsegment von ihrem Herzen übrig zur freien Verfügung. Überhaupt wer noch kein Kabeljau- oder Stockfischangeln gesehen: der kann es hier lernen aus Metaphern – die drei Töchter halten lange Angelruten übers Wasser (Vater und Mutter plätschern die Stockfische her) und haben an die Angelhaken gespießet Staatsuniformen oder ihre eigne Gesichter – Herzen – ganze Männer (als anködernde Nebenbuhler) – Herzen, die schon einmal aus dem Magen eines andern gefangnen Kabeljaus herausgenommen worden –: ich sage, daraus kann man ungefähr ersehen, womit man die andern Kabeljaus in der See fängt, völlig wie die Stockfische zu Lande, nämlich auch (jetzt lese man wieder zurück) mit roten Tuchlappen – mit Glasperlen – mit Vogelherzen – mit eingesalzenen Heringen und blutenden Fischen – mit kleinen Kabeljaus selber – mit Fischen, die man halb verdauet aus gefangnen Stockfischen gezogen. – –

Viktor dachte: »Meinetwegen sei Joachime nur lebhaft oder kokett, ich laufe leicht über Mardereisen hinüber, die ich ja mir vor der Nase stellen sehe.« Laufe nur, Viktor! das sichtbare Eisen soll dich eben in das bedeckte treiben. Man kann an derselben Person die Koketterie gegen jeden bemerken, und doch ihre gegen sich übersehen, wie die Schöne dem Schmeichler glaubt, den sie für den ausgemachten Schmeichler aller andern hält. – Er bemerkte, daß Joachime das neue Deckenstück diesen Abend öfters angeschauet hatte; und wußte nicht recht, warum es ihr gefalle: endlich sah er, daß sie nur sich gefalle, und daß diese Erhebung ihren Augen schöner lasse als das Niederblicken. Er wollt' es übermütig untersuchen und sagte zu ihr: »Es ist schade, daß es nicht der Maler des Vatikans gemacht hat, damit Sie es öfter ansähen.« – »O,« sagte sie leichtsinnig, »ich würde niemals mit andern hinaufsehen – ich liebe das Bewundern nicht.« Später sagte sie: »Die Männer verstellen sich, wenn sie wollen, besser als wir; aber ich sage ihnen ebensowenig Wahrheiten, als ich von ihnen höre.« Sie gestand geradezu, Koketterie sei das beste Mittel gegen Liebe; und mit der Bemerkung, »seine Freimütigkeit gefall' ihr, aber die ihrige müss' ihm auch gefallen«, endigte sie den Besuch und den Posttag.

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