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Hesperus oder 45 Hundposttage

Jean Paul Richter: Hesperus oder 45 Hundposttage - Kapitel 51
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleHesperus oder 45 Hundposttage
pages471-1236
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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Endlich fing Stamitz zu stimmen an, um welchen die zähe Obristkämmerei sich gewiß nichts bekümmert hätte, weil heute keine Fremde da waren, hätte sich nicht Klotilde dieses Gartenkonzert als die einzige Feier ihrer Geburtnacht erbeten gehabt. Stamitz und sein Orchester füllten eine erleuchtete Laube – der adelige Hörsaal saß in der nächsten hellsten Nische und wünschte, es wäre schon aus – der bürgerliche saß entfernter, und der Kaplan flocht aus Furcht vor dem katarrhalischen Tau-Fußboden ein Bein ums andre über die Schenkel – Klotilde und ihre Agathe ruhten in der dunkelsten Blätterloge. Viktor schlich sich nicht eher ein, als bis ihm die Ouvertüre den Sitz und das Sitzen der Gesellschaft ansagte; in der fernsten Laube, in der wahren Sonnenferne nahm dieser Bartstern Platz. Die Ouvertüre bestand aus jenem musikalischen Gekritzel und Geschnörkel – aus jener harmonischen Phraseologie – aus jenem Feuerwerkgeprassel widereinander tönender Stellen, welches ich so erhebe, wenn es nirgends ist als in der Ouvertüre. Dahin passet es; es ist der Staubregen, der das Herz für die großen Tropfen der einfachern Töne aufweicht. Alle Empfindungen in der Welt bedürfen Exordien; und die Musik bahnet der Musik den Weg – oder die Tränenwege.

Stamitz stieg – nach einem dramatischen Plan, den sich nicht jeder Kapellmeister entwirft – allmählich aus den Ohren in das Herz, wie aus Allegros in Adagios; dieser große Komponist geht in immer engern Kreisen um die Brust, in der ein Herz ist, bis er sie endlich erreicht und unter Entzückungen umschlingt.

Horion zitterte einsam, ohne seine Geliebten zu sehen, in einer finstern Laube, in welche ein einziger verdorrter Zweig das Licht des Mondes und seiner jagenden Wolken einließ. Nichts rührte ihn unter einer Musik allezeit mehr, als in die laufenden Wolken zu sehen. Wenn er diese Nebelströme in ihrer ewigen Flucht um unser Schatten-Rund begleitete mit seinen Augen und mit den Tönen, und wenn er ihnen mitgab alle seine Freuden und seine Wünsche: dann dacht' er, wie in allen seinen Freuden und Leiden, an andre Wolken, an eine andre Flucht, an andre Schatten als an die über ihm, dann lechzete und schmachtete seine ganze Seele; aber die Saiten stillten das Lechzen, wie die kalte Bleikugel im Mund den Durst ablöscht, und die Töne löseten die drückenden Tränen von der vollen Seele los.

Teurer Viktor! im Menschen ist ein großer Wunsch, der nie erfüllt wurde: er hat keinen Namen, er sucht seinen Gegenstand, aber alles, was du ihm nennest, und alle Freuden sind es nicht; allein er kömmt wieder, wenn du in einer Sommernacht nach Norden siehst oder nach fernen Gebirgen, oder wenn Mondlicht auf der Erde ist, oder der Himmel gestirnt, oder wenn du sehr glücklich bist. Dieser große ungeheure Wunsch hebt unsern Geist empor, aber mit Schmerzen: ach! wir werden hienieden liegend in die Höhe geworfen gleich Fallsüchtigen. Aber diesen Wunsch, dem nichts einen Namen geben kann, nennen unsre Saiten und Töne dem Menschengeiste – der sehnsüchtige Geist weint dann stärker und kann sich nicht mehr fassen und ruft in jammerndem Entzücken zwischen die Töne hinein: ja alles, was ihr nennt, das fehlet mir....

Der rätselhafte Sterbliche hat auch eine namenlose ungeheure Furcht, die keinen Gegenstand hat, die bei gehörten Geistererscheinungen erwacht, und die man zuweilen fühlt, wenn man nur von ihr spricht....

Horion übergab sein zerstoßenes Herz mit stillen Tränen, die niemand fließen sah, den hohen Adagios, die sich mit warmen Eiderdunen-Flügeln über alle seine Wunden legten. Alles, was er liebte, trat jetzt in seine Schatten-Laube, sein ältester Freund und sein jüngster – er hört die Gewitterstürmer des Lebens läuten, aber die Hände der Freundschaft strecken sich einander entgegen und fassen sich, und noch im zweiten Leben halten sie sich unverweset. –

Alle Töne schienen die überirdischen Echo seines Traumes zu sein, welche Wesen antworteten, die man nicht sah und nicht hörte....

Er konnte unmöglich mehr in dieser finstern Einzäunung mit seinen brennenden Phantasien bleiben und in dieser zu großen Entfernung vom Pianissimo. Er ging – fast zu mutig und zu nahe – durch einen Laubengang den Tönen näher zu und drückte das Angesicht tief durch die Blätter, um endlich Klotilde im fernen grünen Schimmer zu erblicken....

Ach er erblickte sie auch! – Aber zu hold, zu paradiesisch! Er sah nicht das denkende Auge, den kalten Mund, die ruhige Gestalt, die so viel verbot, und so wenig begehrte: sondern er sah zum erstenmal ihren Mund von einem süßen harmonischen Schmerz mit einem unaussprechlich-rührenden Lächeln umzogen – zum erstenmal ihr Auge unter einer vollen Träne niedergesunken, wie ein Vergißmeinnicht sich unter einer Regenzähre beugt. O diese Gute verbarg ja ihre schönsten Gefühle am meisten! Aber die erste Träne in einem geliebten Auge ist zu stark für ein zu weiches Herz... Viktor kniete, überwältigt von Hochachtung und Wonne, vor der edeln Seele nieder und verlor sich in die dämmernde weinende Gestalt und in die weinenden Töne. – Und da er endlich ihre Züge erblasset sah, weil das grüne Laub mit einem totenfarbigen Widerschein der Lampen ihre Lippen und Wangen überdeckte – und da sein Traum und die Klotilde wieder erschien, die darin unter den blumigen Hügel versunken war – und da seine Seele zerrann in Träume, in Schmerzen, in Freuden und in Wünsche für die Gestalt, die ihr Wiegenfest mit andächtigen Tränen heiligte: o war es da zu seinem Zergehen noch nötig, daß die Violine ausklang, und daß die zweite Harmonika, die Viole d'Amour, ihre Sphären-Akkorde an das nackte, entzündete, zuckende Herz absandte? – O! der Schmerz der Wonne befriedigte ihn, und er dankte dem Schöpfer dieses melodischen Edens, daß er mit den höchsten Tönen seiner Harmonika, die das Herz des Menschen mit unbekannten Kräften in Tränen zersplittern, wie hohe Töne Gläser zersprengen, endlich seinen Busen, seine Seufzer und seine Tränen erschöpfte: unter diesen Tönen, nach diesen Tönen gab es keine Worte mehr; die volle Seele wurde von Laub und Nacht und Tränen zugehüllt – das sprachlose Herz sog schwellend die Töne in sich und hielt die äußern für innere – und zuletzt spielten die Töne nur leise wie Zephyre um den Wonneschlaftrunknen, und bloß im sterbenden Innern stammelte noch der überselige Wunsch: »Ach Klotilde, könnt' ich dir heute dieses stumme, glühende Herz hingeben – ach könnt' ich an diesem unvergänglichen Himmelsabend, mit dieser zitternden Seele sterbend vor deine Füße sinken und die Worte sagen: ich liebe dich!« – –

Und als er an ihren Festtag dachte und an ihren Brief nach Maienthal, der ihm das große Lob gegeben, ein Schüler Emanuels zu sein, und an kleine Zeichen ihrer Achtung für ihn und an die schöne Verschwisterung seines Herzens mit ihrem – ja da trat die himmlische Hoffnung, dieses geadelte Herz zu bekommen, zum erstenmal unter Musik nahe an ihn, und die Hoffnung ließ die Harmonikatöne wie verrinnende Echos weit über die ganze Zukunft seines Lebens fließen....

»Viktor!« sagte jemand in langsam gedehntem Ton. Er sprang auf und kehrte seine veredelten Züge gegen den – Bruder seiner Klotilde und umarmte ihn gern. Flamin, in welchen alle Musik Kriegsfeuer und freiere Aufrichtigkeit warf, sah ihn staunend, fragend und unmerklich schüttelnd und mit jener Freundlichkeit an, die wie Hohn aussah, die aber allezeit bloßes Schmerzen empfangener Beleidigungen war. »Warum nahmst du mich heute nicht mit?« sagte freundlich Flamin. Viktor drückte seine Hand und schwieg.

»Nein! rede!« sagte jener. – »Laß es heute, mein Flamin, ich sage dirs noch«, versetzte Viktor.

»Ich will dirs selber sagen« (begann jener schneller und wärmer) – »Du denkst vielleicht, ich werde eifersüchtig. Und siehe, kennt' ich dich nicht, so würd' ichs auch; wahrlich, ein anderer würd' es, wenn er dich hier so angetroffen hätte und alles zusammenrechnete, deine neuliche Entfernung aus unserem Gartenhaus in die Laube – dein Schreiben ohne Licht und dein Singen von Liebe« –

»An Emanuel«, sagte Viktor sanft –

»Dein Abgeben dieses Blattes an sie« –

»Es war ein anderes aus ihrem Stammbuche«, sagt' er –

»Noch schlimmer, das wußt' ich nicht einmal – Dein Zögern in St. Lüne und tausend andre Züge, die mir nicht sogleich einfallen, dein heutiges Alleingehen« –

»O mein Flamin, das geht weit, du siehst mit einem andern Auge als dem der Freundschaft« –

Hier wurde Flamin, der sich in nichts verstellen konnte, ohne es sogleich zu werden, und der keine Beleidigung erzählen konnte, ohne in den alten Zorn zu geraten, wärmer und sagte weniger freundlich: »Es sehens schon andre auch, sogar der Kammerherr und die Kammerherrin.«

Dieses zerriß Viktor das Herz. »Du Teurer, alter Jugendfreund, so sollen wir auseinander gezogen und gerissen werden, wir mögen noch so sehr bluten; es soll also diesem Matthieu gelingen (denn von dem kommt alles, nicht von dir, du Guter), daß du mich marterst, und daß ich dich martere – Nein, es soll ihm nicht gelingen – Du sollst nicht von mir genommen werden – Siehe bei Gott,« (und hier stand in Viktor das Gefühl seiner Unschuld erhaben auf) »und wenn du mich jahrelang verkennst, so kommt doch die Zeit, wo du erschrickst und zu mir sagst: ich habe dir unrecht getan! – Aber ich werde dir gern vergeben.«

Dieses rührte den Eifersüchtigen, der heute überhaupt (wegen einer besondern Ursache) gelassener war. »Sieh,« (sagt' er) »ich glaube dir allemal: sag es, tust du nie etwas gegen mich?« – »Nie, nie, mein Lieber!« antwortete Viktor. – »Jetzt verzeih meiner Hitze,« fuhr jener fort, »so hab' ich schon mit meiner verfluchten Eifersucht einmal Klotilden selber in Maienthal gequält – aber dem Matthieu tue nicht unrecht; er ists vielmehr, der mich beruhigte. Er sagte mir es zwar, was Klotildens Eltern zu merken geglaubt, ja noch mehr – sieh, ich sage dir alles – sie hätten sogar wegen deiner vorgeblichen Neigung und wegen deines jetzigen Einflusses, den der Kammerherr gern zu seiner Wiedererhebung benutzen möchte, von einer möglichen Verbindung mit der Tochter gesprochen, auch gegen diese, und sie ausgeforscht; aber (dir ists doch gleichgültig) meine Geliebte blieb mir treu und sagte Nein.« –

Nun war unserm Freund das vorher so glückliche Herz gebrochen; dieses harte Nein war bisher noch nicht gegen ihn ausgesprochen worden – mit einer unaussprechlichen, niederdrückenden, aber stillen Wehmut sagt' er leise zu Flamin: »Bleib du mir auch treu – denn ich habe ja wenig; und quäle mich nie mehr so wie heute.« Er konnte nicht mehr reden; die erstickten Tränen stürmten flutend auf sein Herz hinan und sammelten sich schmerzlich unter dem Augapfel – er mußte jetzt einen stillen dunkeln Ort haben, wo er sich recht ausweinen konnte, und in seinem aufgerissenen schmerzenden Innern war bloß der Gedanke noch sanft und balsamisch: »Jetzt in der Nacht kann ich weinen, so viel ich will, und niemand sieht mein zerrissenes Angesicht, meine zerrissene Seele, mein zerrissenes Glück.«

Und als er dachte: »Ach Emanuel, wenn du mich heute so sähest« – konnt' er sich kaum mehr halten.

Er floh mit zurückgestemmten Tränen, gleichgültig wer es sehe oder nicht, aus dem Garten, über welchen ein düsterer Engel eine große Trauerfahne fliegen ließ und Leichenmusik. Er stieß sich wund an einer steinernen Gartenwalze, womit man die beregneten Grasspitzen und Blümchen niederquetscht – er weinte noch nicht, aber auf der Warte, da wollt' er sich sättigen und tränken mit reichlichem Schmerz – er wiederholte immer: »Aber sie blieb getreu und sagte Nein, nein, nein« – die Konzerttöne wehten ihm nach wie Feuer dem, der es besprochen – er watete durch nasse entschlummerte Fluren, die ihre Blumen verhüllten, und schneller als er strichen auf der Erde die Schattenrisse des oben vom Winde verfolgten Gewölkes dahin – er stand an der Warte, hielt jede Zähre noch und rannte hinauf – er warf sich auf die Bank, wo er Klotilden zum ersten Male im weißen Gewand von ferne gesehen – »Ruhe du auch, Horion!« hatte sie aus seinem Traum ihm unter dem Blumenhügel zugerufen, und er hörte es wieder. – –

Hier riß er freudig alle seine Wunden auf und ließ sie frei hinbluten in Tränen – sie überzogen mit trüben Strömen das Angesicht, das sanft oft gelächelt hatte, aber immer gutmütig, und das andern keine abgepresset, sondern abgetrocknet hatte – jede Flut war eine weggehobne Last, aber das Herz wurde darauf wieder schwer und vergoß die neue. – Endlich konnt' er die Töne wieder hören, die meisten sanken unter, eh' sie an den Turm geflossen waren, kleine kamen sterbend an und zergingen in seinem dunkeln Herzen – jeder Ton war eine fallende Träne und machte ihn leichter und sprach seinen Kummer aus – der Garten schien aus sanft ertönenden, gebrochen-überdämmerten, dunkelgrünen Schattenwogen zu bestehen – er riß, von Erinnerung gestochen, das Auge davon weg: »Was geht er mich mehr an«, dacht' er. Aber endlich stieg aus diesem Schatten-Eden und aus der Viole d'Amour das Lied »Vergiß mein nicht« zu seinem müden Herzen auf und gab ihm wieder den sanftern Schmerz und die vergangne Liebe: »Nein,« sagt' er, »ich vergesse dein auch nicht, ob du mich gleich nicht geliebt – Deine Gestalt wird mich doch ewig rühren und an meine Träume erinnern – ach du Himmlische, es ist ja jetzt das einzige, was mich nicht schmerzet, wenn ich denke: ich vergesse dein nicht.«

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