Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Jean Paul Richter >

Hesperus oder 45 Hundposttage

Jean Paul Richter: Hesperus oder 45 Hundposttage - Kapitel 49
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleHesperus oder 45 Hundposttage
pages471-1236
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
Schließen

Navigation:

19. Hundposttag

Der Friseur, der nicht lungen-, sondern singsüchtig ist – Klotilde in Viktors Traum – Extrazeilen über die Kirchenmusik – Gartenkonzert von Stamitz – Zank zwischen Viktor und Flamin – das Herz ohne Trost – Brief an Emanuel

Der Oktober-Sonntag, womit ich diesen Posttag voll mache, war schon um 9½ morgens ein so freudiger glänzender Tag in St. Lüne, daß das ganze Pfarrhaus an den Hofmedikus dachte. – »Ach er sollte abends ins Konzert kommen!« Der Virtuose Stamitz gab eines in Le Bauts Garten. – »O lieber schon zum Mittagessen!« – »Und in meine Frühpredigt, wenn er nicht in die Kinderlehre will.« Eymann hatte dabei seine neu aufgelegte Perücke am meisten im Kopfe, die ihm Herr Meuseler heute darauf gesetzt hatte. Dieser geschickte Perückenmacher bereisete die Diözesanen (Pfarrer), die kein eignes Haar trugen, öfter und mit größern Verdiensten um ihre Köpfe als der Superintendent selber, dieser Beherrscher der Gläubigen, zu welchem die meisten Kapläne sagten: Ihro Exzellenz. Hätt' er sichs abgewöhnen können, daß er zuviel sang, log und soff, der Friseur: so hätten die meisten Geistlichen ihre Toupets – diese artistischen Hahnenkämme – bei ihm machen lassen; – so aber nicht.

Da der Kaplan gern die Konfitüren des Schicksals – worunter falsche Haare gehören – mit etwas versäuerte und hopfte: so suchte er natürlicherweise sich die heutige Perücke, für deren falsche Touren er an Zahlungstatt echte abgeschnittene Haare seiner Leute gab, durch Skrupel zu versalzen, die er sich über das lange Wegbleiben Viktors machte. Er erinnerte: »Wir müssen ihn vor den Kopf gestoßen haben – er schreibt nicht einmal – er ist vielleicht mit meinem Sohne zerfallen – etwas hats gesetzt – und dann sieht uns der alte Lord auch nicht mehr von der Seite an – unsere Ratten halfen ihn auch mit austreiben.«

Durch solche Elegien setzte er anfangs nur sich, und zuletzt selber den Zuhörer in Angst. Er war durch nichts zu widerlegen als dadurch, daß man etwas Neues, was ihn ängstigte, hervorsuchte. Die Wetterscheide seines Gewölkes oder sein Not- und Hülfbüchlein war diesesmal ein wahres Buch, des Zeitzer Tellers »Anekdoten für Prediger«, die er heute durch den Perückenmacher vom geistlichen Lesezirkel empfing. Geistliche, zumal die auf dem Lande, betreiben alles mit einer kleinlichen pünktlichen Ängstlichkeit, worein sie zum Teil ihr regierender Wauwau und Lindwurm von Konsistorium schreckt. In dieser Lesegesellschaft war nun ein Gesetz im Gange – Kommentatoren und Herausgeber halten es –, daß jedes Leseglied die Fett- und Dintenflecke und Risse, die es im Lesebuch anträfe, vorn immatrikulieren sollte in einem Flecken-Verzeichnis und Befundzettel samt der Seitenzahl »wo«. Ganz natürlich leugnete jeder, der nur halbwege ein ehrlicher Lutheraner war, die unbefleckte Empfängnis des Buchs; und die Sommerflecken wurden also alle ordentlich einregistriert, aber keiner bestraft. Bloß der gewissenhafte Hofkaplan lud als Wüstenbock die Strafe fremder Fehler auf, indem er eine ganze Nacht jedesmal nicht schlafen konnte, sooft er im Buche mehre Kleckse als im Sündenregister fand, weil er offenbar sah, er werde zum Adoptivvater des namenlosen Schmutzes gemacht und zum Käufer des Buchs. – – Tellers Anekdoten für Schwarzröcke waren nun gar völlig schwarze Wäsche: war nicht ein Eselohr am andern – Kleckse auf Klecksen – die Blätter ordentliche Korrekturbogen... und zwar unmetaphorisch gesprochen? – Eymann hob an: »Und wenn mirs Geld zum Fenster hereinflög'....«

Da flog Viktors Brief zum Fenster herein und sein – Verfasser zur Tür.

Freilich aber wars so: Viktor hatte vor schönem Wetter schöne Träume, vor elendem erschien ihm der Satan mit seiner Sippschaft. Das schöne Sonnabend-Wetter und der Gedanke an den Geburttag Klotildens und des Nachsommers gaben ihm einen Morgentraum, der ein Theater war, in welchem bloß ihr holdes Bild gespielt. Eine Person, die er hinter dem Schleier des Traums gesehen, stand für ihn den ganzen nächsten Tag in einem zauberischen Widerschein. Bei ihm irrten die Träume – diese Nachtschmetterlinge des Geistes – wie andre über die Nacht und den Schlaf hinaus; wenigstens vormittags liebt' er jede Person im Wachen fort, die er im Traum zu lieben angefangen. Diesesmal floß gar umgekehrt die wachende Liebe in die träumende hinein, und die wirkliche Klotilde fiel mit der idealen in ein so leuchtendes Heiligenbild zusammen, daß einer, der seinen Traum weiß, sich ins übrige leicht findet. Deswegen muß der Traum den Lesern gegeben werden, den poetischen Lesern besonders – für andere möchte ich eine Ausgabe der Hundposttage veranstalten, wo er heraus wäre; denn unpoetische, die selber keine haben, sollten auch keine lesen.

Euch aber, euch guten, selten belohnten weiblichen Seelen, die ihr ein eignes zweites Gewissen neben dem ersten für reine Sitten habt – deren einfache Tugend in der Nähe zu einem Kranze aus allen Tugenden aufblüht, wie Nebel-Sterne durch Gläser in Millionen zerfallen – die ihr, so veränderlich in allen Entschlüssen, so unveränderlich im edelsten, aus der Erde geht mit verkannten Wünschen, mit vergessenem Werte, mit Augen voll Tränen und Liebe, mit Herzen voll Tugend und Gram – euch teuern erzähl' ich gern den kleinen Traum und mein großes Buch!...

»Eine Hand, die Horion nicht sah, faßte ihn an, eine Lippe, die er nicht sah, redete ihn an: Dein Herz sei jetzo heilig und rein, denn der Genius der weiblichen Tugend wohnt in diesem Gefilde. – Siehe, da stand Horion auf einer mit Vergißmeinnicht überzogenen Flur, auf welche der Himmel wie ein blauer Schatten herübersank; denn alle Sterne waren aus ihm genommen, nur der Abendstern stand einsam flimmernd oben an der Stelle der Sonne. Weiße Eis-Pyramiden, gestreift mit herunterrinnenden Abendröten, umrangen wie mit einem Wall aus Gold- und Silberstufen das ganze dunkle Rund – – Darin ging Klotilde, erhaben wie eine Verstorbene, heiter wie ein Mensch in der andern Welt, geführt bald von geflügelten Kindern, bald von einer verschleierten Nonne, bald von einem ernsten Engel, aber sie ging ewig vor Horion vorüber – sie lächelte ihn selig-liebend an unter jedem Vorüberziehen, aber sie zog vorüber. – Blumige Erhöhungen, Gräbern fast gleich, stiegen auf und nieder, denn jede wurde von einem darunter schlummernden Busen durch Atmen geregt; eine weiße Rose stand über dem Herzen, das darunter verhüllet lag, zwei rote wuchsen über den Wangen, deren zartes Erröten sich in die Erde verbarg, und oben am himmlischen Nachtblau wankte der weiße und rote Widerschein der Hügel-Blumen gleitend ineinander, sooft unten die Rosen des Herzens und der Wangen sich mit dem Hügel bewegten – Versiegende Echo, aber von ungehörten Stimmen erregt, gaben einander hinter den Bergen Antwort; jedes Echo hob die kleinen Schlummerhügel höher auf, als wenn sie ein tiefer Seufzer oder ein Busen voll Wonne erhöhte, und Klotilde lächelte seliger, von jedem Widerhalle tiefer in den Blumenboden versenkt – In den Tönen war zu viel Wonne, und das aufgelöste Herz des Menschen wollte darin sterben. Klotilde sank jetzt in die Gräber bis ans Herz; nur das stille Haupt lächelte noch über der Aue – die Vergißmeinnicht ragten endlich an die untergesunkenen Augen voll seliger Tränen und überblühten sie – Da überkroch die Holde plötzlich ein Schlummerhügel, und unter den Blumen stiegen ihre Worte auf: Ruhe du auch, Horion! – Aber die fernern Laute verwandelten sich unter dem Begraben in dunkle Harmonikatöne... Siehe, unter dem Verstummen ging ein großer Schatten wie Emanuel heran und stand vor ihm wie eine kurze Nacht und verdeckte die unbekannte Minute aus einer höhern Welt. Aber als die Minute und der Schatten zerflossen waren: da waren alle Hügel niedergefallen – Da übergüldete der Blumen-Widerschein zusammengeflossen den wallenden Himmel – Da klammerten sich an die Purpurgipfel der Eisberge weiße Schmetterlinge, weiße Tauben, weiße Schwanen mit ausgespannten Flügeln wie mit Armen an, und hinter den Bergen wurden gleichsam von einer übermäßigen Entzückung Blüten emporgeworfen und Sterne und Kränze – Da stand auf dem höchsten, in lichtem Glanz und Purpurlohe ruhenden Eisberg Klotilde verherrlicht, geheiligt, überirdisch entzückt, und an ihrem Herzen flatterte eine Nebelkugel, die aus aufgelösten kleinen Tränen bestand, und auf welche Horions blasses Bild gezeichnet war, und Klotilde breitete die Arme auseinander.« – –

Aber um zu umarmen? oder um sich aufzuschwingen? oder um zu beten?... Ach, er erwachte zu bald und strömte in größern Tränen, als die nebeligen waren, aus, und eine untersinkende Stimme rief unaufhörlich um ihn: Ruhe du auch!

O du weibliche Seele, die du müde und unbelohnt, bekämpft und blutend, aber groß und unbefleckt aus dem rauchenden Schlachtfelde des Lebens gehst, du Engel, den das männliche, von Stürmen erzogne, von Geschäften besudelte Herz achten und lieben, aber nicht belohnen und erreichen kann; wie beugt sich jetzo meine Seele vor dir, wie wünsch' ich dir jetzo des Himmels stillenden Balsam, des Ewigen belohnende Güte! Und du, Philippine, teure Seele, tritt weg in eine verborgne Zelle und lege unter den Tränen, die du schon so oft vergossen hast, deine Hand an dein reines weiches Herz und schwöre: »Ewig bleibe du Gott und der Tugend geweiht, wenn auch nicht der Ruhe!« Dir schwör es; mir nicht, denn ich glaub' es ohne Schwur. – –

Welch' eine Paradenacht voll Sterne und Träume war das! und welch ein Galatag der Natur kam auf sie! In Viktors Kopf stand nichts als St. Lüne, blau überzogen, silbern übertauet und mit dem schönsten Engel geschmückt, der heute nasse frohe Augen in den freundlichen Himmel hob und dachte: »Wie bist du heute gerade an meinem Wiegenfeste so schön!« – Sogar der Stadtsenior und seine Tochter, welche beide Hochzeit machten – jener eine Wieder-Hochzeit mit seiner Seniorin, diese eine erste mit dem Waisenhausprediger –, schoben sich in den Zug seiner freudigen Gedanken als zwei neue Paare ein.

Er wollte nicht nach St. Lüne, sondern er sagte: »Ich ziehe mich nur an zu einem kleinen Spaziergange.« –

»Es ist ganz egal, wo ich heute gehe«, sagt' er draußen und ging also auf den St. Lüner Weg. –

»Umkehren kann ich allemal«, sagt' er auf halbem Wege. – –

»Noch närrischer aber wär's, wenn ich zugleich Briefsteller und Briefträger würde und mein eignes Schreiben einhändigte«, sagte er und zog solches heraus. –

»Und meiner guten Mutter ihres beantwortete ich bei dieser Gelegenheit mündlich«, fuhr er halb im Traume fort und voll größerer Liebe gegen sie, die ihm den holden nächtlichen durch die Nachricht des Geburttages zugeschickt. –

– – Da er aber das Lüner Vorgeläute zum Kirchengeläute vernahm: so sprang er empor und sagte: »Nunmehr versalz' ich mir den Weg nicht länger durch weitere Skrupel, sondern ich marschiere keck und entschlossen ins Dorf.«

Und so zog er an der Hand Fortunens, hinter dem Nachlächeln der ganzen Natur, mit Träumen im Herzen, mit unschuldiger Hoffnung im neu aufblühenden Angesicht, in das Eden seiner Seele ein.

Flamin hatt' er nicht mitgebeten, um dem Stadtsenior den Hochzeitgast nicht zu nehmen, und weil er selber nicht wußte, daß er nach St. Lüne gelangen würde – und vielleicht auch, weil er seine phantasierende Aufmerksamkeit auf den schimmernden Morgen durch keine juristischen Akten-Neuigkeiten wollte stören lassen. Er ging überhaupt lieber mit einer Frau als einem Mann spazieren. Männer schämen sich beinahe nebeneinander anderer als stummer Empfindungen; aber weiblichen Seelen öffnen sich gern die verschämten Gefühle; denn sie decken das nackte Herz mit Mutterwärme zu, damit es nicht unter dem Enthüllen erkalte.

Da Viktor unten ums Pfarrhaus ging, sah er oben selber zum Fenster auf sich herunter, in seiner zweiten Auflage für einige gute Freunde; aber der Wachs-Viktor mußte sogleich hinter eine spanische Wand getrieben werden, damit er den fleischernen nicht erschreckte. Der Empfang des letzten und das Jubelfest dabei braucht nicht lebhafter von mir beschrieben zu werden, als daß ich sage: der Mops wurde fast ertreten, der Gimpel sprang umsonst nach seinem Frühstück herum, die Pfarrerin brachte in ihrer anblickenden Freude auch dem Gaste keines, und die Kirche ging erst nach dem Doppel-Uso von einer halben Stunde an; daher diesesmal mehre Eingepfarrte als sonst betrunken hineinkamen.

Berauscht, aber von Freude, kam Viktor auch hinein. Es ist nichts Angenehmeres, als eine Pfarrfrau zu sein und zum Mann, wenn sie ihm das geistliche Bäffchen umlegt, zu sagen: »Mach es heute länger, die Keule brät sonst nicht gar.« – Die häuslichen Kleinigkeiten ergötzten meinen Helden ebensosehr, als ihn die höfischen erzürnten.

 << Kapitel 48  Kapitel 50 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.