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Hesperus oder 45 Hundposttage

Jean Paul Richter: Hesperus oder 45 Hundposttage - Kapitel 47
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleHesperus oder 45 Hundposttage
pages471-1236
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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Was ist aber vom Konsistorialsportulboten Viktor zu erzählen? – Dieser kirchliche Hebbediente setzte alle Pfarrherren durch seinen Spaß und alle Pfarrfrauen durch seine Gewandtheit in Erstaunen, und bloß sein Blech und seine Papiere konnten die Echtheit eines solchen Botenexemplars hinlänglich verbürgen. Er kassierte alles ein, was der Konsistorialsekretär liquidiert hatte, und entschuldigte sich damit, daß es weder ihm noch dem Sekretär in diesem Falle zukäme, gewissenhaft zu sein. In seiner kurzen Amtführung sackte er ohne Scham ein alle rückständige Ehepfänder vom geringsten Wert – wir im Kollegio, sagte er, sind auf einen halben Batzen erpicht – Gelder, wenn die Ehen geschieden waren – Gelder, wenn diese von den Räten geschlossen waren, es sei durch Indulgenzen für Trauerzeit, für Blutverwandtschaft oder für elterliche Einwilligung – Gelder, wenn die Gelder erst einmal (oder zweimal) bezahlt waren, aber noch nicht zum zweiten (oder dritten) Male, wiewohl das Konsistorium diesen Geld-Nachklang stets nur in dem Falle verlangte, wenn die Leute die Quittung verloren hatten – Gelder, welche die Pfarrherren bloß für Dekrete zu erlegen hatten, worin sie losgesprochen wurden. – –

Darauf schüttete er den Sack vor dem Fürsten aus und plättete die Goldwoge auseinander und fing an:

»Ihro Durchlaucht!

Das Konsistorium ist des Teufels: es könnte über alle Gebote eine lutherische Poenitentiaria sein und ist es nur über das sechste. Was eine ehrliche Konsistorial-Regie – ich nämlich – hat zusammenscharren können, liegt da auf dem Tisch. Der Haufe könnte noch einmal so breit sein, wenn das Konsistorium Verstand hätte und sagte: ›Wer kauft? neue frische Ablaßbriefe für alles!‹ – Es hat gezeigt, daß es über einige Verwandtschaftgrade Dispensationbullen so gut wie der Papst verfertigen könne; warum will es sich denn an keine näheren Grade machen? Es würde von großen so gut als von kleinen dispensieren können, wenn es darüber her wollte, und ebensogut von Bußtag-Fasten als von Trauerzeit und dreimaligem Kanzelausrufe, dieser erotischen Fastenzeit. Beim Himmel, wenn ein einziger Mensch, wie der Papst, die geistliche Waschmaschine ganzer Weltteile zu sein vermag und die Seelen am Jubeljahre bündelweise säubern kann: so werden doch wir alle im Kollegium zur Waschmaschine eines einzigen Landes zu gebrauchen sein? Geschieht das nicht: so nehmen wir – denn wir wollen leben – Sündengeld und Sportuln für das wenige, worin wir gütig nachzusehen haben; und wenn in Sparta die Richter die Göttin der Furcht anbeteten, so verehren bei uns die Parteien dieses schöne ens. – Hätten wir nur wenigstens von fünf oder sechs großen Sünden loszusprechen, nur z. B. von einem Mord: so könnten wir Ehescheidung und Ehe-Beschleunigung – diese ganz entgegengesetzten Operationen gelingen uns, so wie das Karlsbader Wasser zugleich den Stein in der Blase zerteilt und Eingetauchtes im Brunnen versteinert – für halbes Geld erlassen.«.... Nach einer langen Pause: »Ihro Durchlaucht, es ist doch nicht zu machen, weil der Henker die weltlichen Räte mitten unter den geistlichen hat: ein halb profaner Sessiontisch ist zu keinem heiligen Stuhle umzudrechseln; es ist also nichts zu wünschen – außer der gesegneten Mahlzeit – als Verträglichkeit, damit geist- und weltliche Räte die Parteien, um welche sie sitzen, ordentlich aufspeisen können, ein paar Knochen ausgenommen, die uns Schreibern und Boten zufallen; so sah ich oft auf einem toten Pferde zugleich Stare und Raben in bunter Reihe einträchtig wohnen und hacken und zehren.« – –

Mein Korrespondent versichert mich, durch diese Reden richtete der Hofmedikus mehr bei Jenner aus als der Hofprediger durch seine. Viele Parteien bekamen ihr Geld, und einige Richter ein allerungnädigstes Handschreiben.

Eh' ich mit unserem verkleideten Gespann vor St. Lüne ankomme: ist noch eines und das andre zu schreiben. An Jenners Seele waren mehre Kniedrücker als an einem Fortepiano angebracht, die das Favoritenknie, indem es sich zu beugen schien, bewegte, wie es wollte. Er war allemal der Sohn der Gegenwart und der Widerschein der Nachbarschaft. Las er im Sully, so versäumte er eine Woche lang das geheime Regierkollegium nicht und ließ den Kammerpräsidenten kommen. Las er im Friedrich II., so wollt' er das Reichskontingent stellen und selber kommandieren und ging vormittags auf die Parade. Er sah mit Vergnügen das Ideal einer guten Regierung an, es sei im Druck oder in einer Rede, und oft versuchte er die Annäherung dazu, Umbesserungen, Untersuchungen und Belohnungen, ganze Wochen lang – Enthaltungen ausgenommen, die doch das einzige Verdienst sind, das der Fürst ohne fremde Hülfe erwerben kann. – Unter der ganzen Kreuzfahrt war er ein wahrer Antoninus Philosophus und stand in Bereitschaft, überall zu belohnen und zu bestrafen und zu verfügen; – auch fühlte er, er könnt' es tulich machen, wenn man nur nicht von ihm noch gar arbeiten und entbehren heischte; darüber ging das andre auch zum Teufel.

Anfangs gefiel ihm die empfindsame Reise – als sie vorüber war, wieder – aber in der Mitte schmeckte ihm alles, was nach dem Vorlauf ausgekeltert wurde, immer herber, und er wünschte sich statt der Dorfküchenzettel sein Viktualienzifferblatt. Auch hatt' er sich so sehr an Tapferkeit gewöhnt, daß er beim Mangel derselben – d. h. seiner Leibwache – sozusagen furchtsam wurde; daher wollt' er einmal im Finstern einen jungen Weber in der Schenke aus dem Bette heraus mit seinen Stockdegen erstechen, weil der Weber nachts das fürstliche Bette verwechselt hatte mit einem von friedlicherem Inhalt. Übrigens sammelten sich jetzt alle Strahlen seiner Zuneigung im einzigen Menschen von Stande, im einzigen Beherzten und Vertrauten, den er hatte, in Viktor, zum Brennpunkte. Mein Held aber hatte überall zu genießen – wenigstens den Gedanken an St. Lüne –, überall zu essen – wenigstens auf einem Obstbaum –, überall zu lesen – und warens nur Feuersegen an der Türe, alte Kalender an der Wand, Ermahnungen zur Wohltätigkeit über Almosenbüchsen –, überall zu denken – über das Reise-Paar, über die vier Jahrzeiten-Akte der Natur, die jährlich wieder gegeben werden, über die tausend Akte im Menschen, die niemals wiederkehren – und überall zu lieben und zu träumen, denn eben diese Straße hatte Klotilde so oft auf ihren Reisen nach Maienthal und St. Lüne zurückgelegt, und der Freund ihres reichen Herzens fand auf diesem klassischen Wege nichts als große Erinnerungen, Zauber-Stellen und eine stille lange heimliche Seligkeit....

»St. Lüne!« schrie Jenner, erfreuet, daß er nur wieder einen Weltmann, Le Baut, sehen solle. Auf die Emigranten-Maske war er selber verfallen, um den Kammerherrn, bei dem er sich zuletzt für einen Fürsten-Erbfeind ausgeben wollte, besser auszuholen. Wäre in Le Bauts Seele ein höherer Adel als der heraldische gewesen – oder hätte Viktor nicht gewußt, daß der Kammerherr den Fürsten auf den ersten Blick erkennen würde – und daß ers schon darum vermögen würde, weil der wahre suspendierte Konsistorialbote schon der Stadt Flachsenfingen wahrscheinlich die ganze Vermummung werde ins Ohr gesagt haben: so hätt' er ihm die noble Masque ausgeredet.

Sebastian blieb gedachtermaßen weg und im Freien, wahrscheinlich aus Scham seiner Rolle und offenbar aus Sehnsucht, Klotildens Sonnenangesicht, das für ihn so lange nicht aufgegangen war, in einer seinem Herzen bequemern Lage anzuschauen. »Und die Eltern werden mich gern wiedersehen,« dacht' er dazu, »wenn sie mir etwas zu verdanken haben« – Klotildens Hofamt nämlich. Er fuhr, hinter dem Bettschirm der Dunkelheit lauschend, öfters zusammen, als er aus dem Pfarrhause seinen Namen und zwar mit solcher Liebe, mit solchen Wünschen seiner Antwort nennen hörte, daß er beinahe eine gegeben hätte. Aber die Pfarrleute hatten nur mit seinem Patchen gesprochen und zu solchem gesagt: »Guter liebster Sebastian! Sieh doch her, was hab' ich da?« – Wie lag das verhüllete Paradies des heurigen Frühlings in alten Resten um ihn! Wie beneidete er die Schattenköpfe im Schlosse, die er um die Lichter gehen sah, und den alten Pfarrmops, der ihn zu den Pfarrleuten hineinwedeln wollte und drinnen auf dem Schauplatz einer so holden Vergangenheit weiter agierte! Aber als ihn Disteln am Schlosse an die musivische auf dem innern Fußboden desselben erinnerten, so war der Neider zu beneiden, und er ging mit den schönsten Träumen, die je über sein dunkles Leben gezeichnet wurden, zum Apotheker zurück.

Am andern Tage kam Jenner nach, erfreuet über die Eltern, entzückt über die Tochter, weil jene so fein waren und diese so schön. Es kostete meinem Helden nichts als ein Wort, um den Stiefvater zur Bitte für die Anstellung der Stieftochter zu bewegen, die der Held und der Vater so gern öfter sehen wollten – und dem Stiefvater kostete es auch nur ein Wort bei der Fürstin, um seine und die fremde Bitte gewährt zu finden... Klotilde wurde Hofdame.

Sogleich darauf drang der Minister von Schleunes im Glückwunschschreiben den Viertels-Flügel seines Hauses Klotildens Eltern auf und war in der Epistel froh, »daß eine höhere Bitte die seinige mit so vielem Erfolge wiederholet hätte«. – Ich stelle diesen Edeln allen Weltleuten zum Muster auf; wiewohl sich jetzt alles im moralischen Sinne, wie die Wiener im heraldischen, edel schreibt.

Viktor, der mit seinen Seelenaugen den ganzen Tag dem Kammerherrn ins Fenster guckte, konnte es kaum erwarten, Klotilde erstlich in St. Lüne zu sehen, und zweitens am Hofe. Er verschob den Besuch von Tag zu Tag – und machte ihn von Nacht zu Nacht im Traume. Nicht einmal die Besuchkarte – seinen Brief an den Pfarrer – hatt' er fortgeschickt: er wollt' ihn nicht nur selber bringen, sondern auch gar unterschlagen. Aber diesen letzten Gedanken – den Brief zu unterdrücken, weil etwan Klotilde diese boshafte Konduitenliste der Höfe in die Hände und daraus Widerwillen gegen das neue Amt bekommen könnte – schleuderte er, wie Paulus die Schlange, sogleich aus seiner Seele hinaus: wehe dem Herzen, das nicht aufrichtig ist gegen ein aufrichtiges, nicht groß gegen ein großes und warm gegen ein warmes, da es schon alles dieses sein müßte gegen eines, das nichts von allem diesem wäre!

Übrigens bedurft' er eines solchen Besuchs und eines solchen Gegenbesuchs täglich stärker; denn er war nicht glücklich: daran war außer ihm schuld 1) der Fürst, 2) Flamin, 3) neuntausendundsiebenunddreißig Personen. Der Fürst konnte nicht viel dafür; er goß das ganze Füllhorn seiner Liebe über den Doktor aus und nahm diesem alle Freiheit weg, die er anfangs so heilig zu bewahren willens gewesen. Viktor schüttelte den Kopf, sooft er sein Tagebuch oder Schiffjournal der Lebensfahrt (auf Geheiß seines Vaters) weiterschrieb und aus seiner Seekarte ersah, daß er ganz andere Meere und Grade der Länge und Breite passieret war, als er oder sein Vater haben wollte: »Inzwischen land' ich doch richtig«, sagt' er. –

Aber sein Flamin tat seiner Seele weher, die überall zuviel Liebe suchte und gab. Er wollte dem Rate mit der Nachricht von Klotildens Hofamt eine Freude machen, die seiner eigenen glich; aber der empfing sie so kalt wie ihren Überbringer. Der Aktenstaub lag dick auf den Orgelpfeifen seines Gemüts. – Angekettet an den Session- und Schreibetisch, war er jetzt, wie angekettete Hunde, wilder als vorher ungefesselt. – Die Bemühungen seiner Kollegen, den Staats-Körper zu einem Anagramma auszurenken, erhielten von ihm den verdienten Beifall nicht. – Auch setzte sich in seiner Seele der Sauerteig der freundschaftlichen Eifersucht an, der es nicht recht war, daß sein Viktor ihn seltener und andre öfter sah. – Am meisten erboste ihn Viktors Weigern, als er ihn um Begleitung nach St. Lüne ersuchte... Kurz: er war arg.

Die 9037 Mann, die für meinen Helden 9037 Plagegötter waren, sind die Herren Flachsenfinger samt und sonders vermittelst ihres närrischen Charakters, der nicht hier skizzieret zu werden verdient, sondern in einem flüchtigen Extrablättchen.

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