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Hesperus oder 45 Hundposttage

Jean Paul Richter: Hesperus oder 45 Hundposttage - Kapitel 43
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleHesperus oder 45 Hundposttage
pages471-1236
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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17. Hundposttag

Die Kur – das Schloß des Fürsten – Viktors Visiten – Joachime – Kupferstich des Hofs – Prügel

Ich sagte in Breslau: »Ich wollt', ich wäre der Fetspopel!« da ich gerade das Porträt dieser Person verzehrte. Der Fetspopel ist eine Närrin, deren Gesicht den breslauischen Pfefferkuchen aufgepresset ist. Ich sage folgendes nicht bloß meinetwegen, um etwan bloß mich auf eine solche Pfefferkuchen-Paste zu bringen, sondern auch anderer Gelehrten wegen, die Deutschland ebensowenig mit Denkmälern ehrt, z. B. Lessing, Leibniz. Da es einem in den deutschen Kreisen so sauer wird, bis man nur eine halbe Rute Steine zum Grabmal eines Lessings oder sonstigen Großen zusammenbringt – das, was von Steinen gute Rezensenten auf einen Literatus schon bei Lebzeiten werfen, wie die Alten auf Gräber, ist noch das meiste –: so erklärt' ich mich frei auf dem breslauischen Markt, eh' ich noch den Fetspopel angebissen: »Entweder hier auf diesem Pfefferkuchen ist der Tempel des Ruhms und das Bette der Ehren für deutsche Schriftsteller, oder es gibt gar keinen Ruhm. Wann ist es Zeit, sobald es nicht jetzt ist, es von den Deutschen zu erwarten, daß sie die Gesichter ihrer größten Männer nehmen und bossieren in Eßwaren, weil doch der Magen das größte deutsche Glied ist? Wenn der Grieche unter lauter Statuen großer Männer wohnte und dadurch auch einer wurde: so würde der Wiener, wenn er die größten Köpfe immer vor Augen und auf dem Teller hätte, in Enthusiasmus geraten und wetteifern, um sich und sein Gesicht auch auf Pfeffer- und andern Kuchen, Pasteten und Krapfen zu schwingen. Meusels gelehrtes Deutschland wäre in Backwerk nachzudrucken – man könnte große Helden auf Kommißbrot nachbosseln, um die gemeine Soldateska in Feuer zu setzen und in Hunger nach Ruhm – große Dichter würd' ich auf Brautkuchen abreißen in eingelegtem Bildwerk, und Heraldiker von Genie auf Haferbrot – von Autoren für Weiber wären süße Dosenstücke in Zuckerwerk zu entwerfen. – Geschähe das, so würden Köpfe wie Hamann oder Liscow allgemeiner von den Deutschen geschmeckt in solcher Einkleidung; und mancher Gelehrte, der kein Brot zu essen hätte, würde eines doch verzieren; und man hätte außer dem papiernen Adel noch einen gebacknen.« – – Was mich anlangt, der ich mein Gesicht bisher noch nirgends gewahr wurde als im Rasierspiegel: so soll man mich damit – denn in Westfalen bin ich am wenigsten bekannt – auf Pumpernickel pappen. – –

Jetzt wieder zur Geschichte! Ein langer kraushaariger Mensch steht in der Nacht vor dem bunten Hause des Apothekers Zeusel, guckt zum dritten erleuchteten Stockwerk, in das er zieht, empor und macht endlich statt der hölzernen Tür die gläserne der Apotheke auf. O mein guter Sebastian! Segen sei mit deinem Einzug! Ein guter Engel gebe dir seine Hand, um dich über sumpfige Wege und Fußangeln zu heben; und wenn du dir eine Wunde gefallen, so weh' er sie mit seinem Flügel an, und ein guter Mensch decke sie mit seinem Herzen zu! –

In der wie ein Tanzsaal flammenden Apotheke bat sich einer der fettesten Hoflakaien von einem der magersten Provisoren noch einen Manipel und einen kleinen Pugillum Moxa für Seine Durchlaucht aus. Der magere Mann nahm aber hinter seiner Waage eine halboffne Hand voll Moxa und noch vier Fingerspitzen voll – da doch ein kleiner Pugillus nur drei Fingerspitzen beträgt – und schickte alles den Füßen des Fürsten zu: »Wenn wir das gar verbrannt haben,« – sagt' er und wies auf die Moxa – »so wird Seine Durchlaucht schon ein Podagra haben, so gut als eines im Lande ist.«

Die Ursache, warum der Provisor mehr gab, als rezeptieret war, ist, weil er auch seinen Kirchenstuhl im Tempel des Nachruhms haben wollte; daher überdachte er erstlich ein fremdes Rezept so lange, bis ers genehmigte, und wog zweitens immer 1/11, 1/17 Skrupel zu viel oder zu wenig zu, um dem Doktor die Bürgerkrone der Heilung vom Kopf zu nehmen und auf seinen zu setzen: »Bloß mit der Gabe muß ich meine Kuren tun«, sagte er. Viktor gönnte ihm den Irrsal: »Ein Provisor,« sagte er, »der den ganzen Flügel der Wiedergenesenden anführt und dem Doktor bloß den Nachtrab der Leichen zuteilt, hat für dieses Kurzleben schon Lorbeerkränze genug unter der Gehirnschale.«

Der Apotheker Zeusel hat Welt genug, um den Mietmann nicht durch ein aufgenötigtes Empfangs-Essen zu beschweren, und sagte ihm bloß den Zeitungartikel aus dem mündlichen morning chronicle der Stadt, daß der Fürst das Podagra weniger habe als suche und fixiere. Auch gab er ihm den italienischen Bedienten, den der Lord für ihn gemietet hatte, und das Zimmer.

– Und darin sitzt Sebastian jetzt auf der Fensterbrüstung allein und denkt – ohne Blick auf Schönheiten der Stube und der Aussicht – ernsthaft nach, was er denn eigentlich hier vorhabe morgen und übermorgen und länger: »Morgen zünd' ich sonach los« (sagt' er und drehte die Quaste der Fensterschnur) – »ich und das Podagra sollen uns festsetzen beim Fürsten – Arg ists, wenn ein Mensch die gichtische Materie eines Regenten als Wasser braucht, um seine Mühle zu treiben – ein Herz-Polype, eine Kopf-Wassersucht sollte mich weniger ärgern als Hofmann, beides wären anständige Gnadenmittel und Floßfedern zum Steigen. – Nein, ich bleibe gerade und fest, ganz aufrecht, ich gebe gleich anfangs nicht nach, damit sie's nicht anders wissen. – Nicht einmal ans Kantonieren und Ankern im Vorzimmer ist zu denken.« (Auch hatte der Lord dem Selbsprecher schon die Freilassung von der ängstlichen Hofordnung einbedungen.) – »Ach ihr schönen Frühlingjahre! ihr seid nun über mich weggeflattert und mit euch die Ruhe und der Scherz und die Wissenschaften und die Aufrichtigkeit und lauter ähnliche gute Herzen.« – (Er wirbelte die Quastenschnur plötzlich kürzer hinauf.) »Aber du guter Vater, du hast solche gute Jahre nicht einmal gehabt, du durchstreifest die Erde und gibst deine Tage preis für das Glück der Menschen. – Nein, dein Sohn soll dir deine Aufopferungen nicht verderben und nicht verbittern – er soll sich hier gescheit genug aufführen – und wenn du dann wiederkommst und hier am Hofe einen gehorsamen, einen begünstigten und doch unverdorbnen Sohn antriffst....« Als der Sohn gar dachte, daß er, wenn er so in gerader Aufsteigung am Hofe kulminierte, gewinnen könnte das Herz der Kaplanei, das Herz von Le Baut, das seines Vaters, das seiner sämtlichen Verwandten und (dacht' er anders daran) auch das von Klotilde: so hatt' er die abgedrehte Quaste wie eine Tuberose in seiner Hand.... und daher legt' er sich still zu Bette.

– Steh auf, mein Held! Die Morgensonne macht schon deinen Erker rot – springe unter dem Glockengeläute der Wochenpredigt und unter dem Getöse des heutigen Markttages in deine helle Stube! – Dein Vater, von dem du die ganze Nacht geträumt, hat sie voll musikalischen und malerischen Schiff und Geschirr gestellt, und du wirst den ganzen Morgen an ihn denken; – und doch schenkt dir der Erker noch mehr: den Blick auf einen grünen Streif von Feldern und auf Maienthals Anhöhen nach Abend – den ganzen Marktplatz – das Privat-Haus des Stadtseniors gegenüber, dem du in alle Stuben, die er an deinen Flamin vermietet, schauen kannst! – –

Flamin ist jetzo aber nicht darin; denn er hatte meinen Helden schon angefaßt und mit meinen Worten angeredet: steh auf! – Eine neue Lage ist eine Frühlingkur für unser Herz und nimmt das ängstliche Gefühl unserer Vergänglichkeit aus ihm: – und unter einem solchen heitern Himmel des Lebens tanzet heute mein Viktor mit allem – mit den Vormittaghoren – mit dem Regierungrate – mit dem Apotheker – durch die Apotheke hindurch neben dem Provisor vorbei, um oben auf dem Schlosse mit dem podagristischen Jenner einige Gänge zu machen.

– Er ist kaum eine halbe Stunde bei dem Fürsten gewesen, so sieht ihn Zeusel wieder in sein medizinisches Warenlager rennen.... »Ei ei!« denkt der Apotheker.

Aber es war ganz anders: Viktor gelangte durch ein Monturen-Verhau – denn die Gänge zu den Fürstenzimmern sind fast Zeltgassen, und die Regenten lassen sich so ängstlich umwachen, als besorgten sie, die ersten oder die letzten zu sein – ins Krankenzimmer. Vor einem Patienten, der in waagrechter Verfassung liegt, behält man die lotrechte leichter. Die Großen verwechseln oft die Wirkung ihrer Zimmer und Geräte mit ihrer eignen: – wenn sie der Gelehrte auf einem Rain, in einem Walde, an einem Krautfelde überfallen könnte: er wüßte sich zu benehmen. Aber Viktor war selber in gestickten und mit goldnen Eckenbeschlägen versehenen Zimmern erzogen. Da er den Freund seines Vaters in Schmerzen und mit eingepackten Beinen fand: so vertauschte er seine britische Unbefangenheit gegen die medizinische und fing, anstatt stolze fürstliche Fragen zu erwarten, ärztliche vorzulegen an. Als des Doktors ärztliches Beichtsitzen zu Ende war: so legte er die Hand, anstatt auf den Kopf des Beichtkindes, auf die Bibel daneben und wollte schwören und ließ es – bleiben, weil ihm etwas Besseres einfiel, und blätterte – das war ihm eingefallen – das Gichtbrüchigen-Evangelium in der Bibel auf und wies auf den Spruch: Steh auf, hebe dein Bette auf; »denn ans Podagra ist hier gar nicht zu denken«, sagte er. Er tat ihm dar, seine ganze Krankheit sei Wind, figürlich und eigentlich gesprochen – in den erschlafften Gefäßen haus' er und schleiche sich wie die Jesuiten unter allen Gestalten in alle Glieder ein – selber sein Schmerz in der Wade sei solcher versetzter Menschen- oder Gedärm-Äther. Der Leibarzt Kuhlpepper ist mit seinem Irrtum über den Fürsten zu entschuldigen; denn jeder Arzt muß sich eine Universalkrankheit auslesen, wofür er alle andere ansieht, die er con amore behandelt, in der er, wie der Theolog in Adams Sünde oder der Philosoph in seinem Prinzip, den ganzen Rest ertappet – es stand also in dem freien Willen Kuhlpeppers, sich zur Stamm-Krankheit, die das Nest-Ei und die Mutterzwiebel der Pathologie sein konnte, das Podagra – bei Männern, bei Weibern Flüsse – auszuklauben oder nicht. Da ers ausgeklaubt, so hat er auch suchen müssen, es bei Sr. Durchlaucht zu fixieren wie Pastell oder Quecksilber. – Jenner hatte – selber von seiner Kapelle – nie etwas Angenehmers gehöret als Viktors Behauptung, die ihn vom bisherigen Liegen, Medizinieren und Hungern loshalf. Viktor eilte in der Freude über die leichte Krankheit zum Rezeptieren davon, nachdem er an Trostes Statt behauptet hatte: »ein ätherischer Leib sei noch mitzunehmen und diene der Seele zwar zu keinem himmlischen Grahams-, aber doch zu einem Luftbette, das sich selber mache. Nur die armen Weiberseelen lägen – wenn man ihre Körper recht betrachte – auf stechenden Strohsäcken, glatten Husarensatteln und scharfen Wurstschlitten, indes tonsurierte oder tätowierte Geister (Mönche und Wilde) sich mit so hübschen, von geschabtem Fischbein gepolsterten LeibernGeschabtes Fischbein fanden die Briten als das weichste Lager aus. zudeckten.«

– Fort lief er; und ich habe schon berichtet, daß der Apotheker nachher dachte: Ei, ei! – In der Apotheke sagte Viktor zum Provisor, an den er wie Salpeter anflog: »Herr Kollege, was denken Sie dazu, wenn wir bei Sr. Durchlaucht auf nichts kurierten als Wind? Sie sollen mir raten. Ich meines Ortes würde verordnen:

Pulv. Rhei orient.
Sem. Anisi Stellati
– Foeniculi
Cort. Aurant. immat.
Sal. Tart. aa dr. I.
Fol. Senn. Alexandr. sine Stipit. dr. II.
Sacchar. alb. Unc. Sem. –

Fallen Sie mir bei: so hab' ich weiter nichts zu sagen als: C.C.M.f.p.Subt.D. ad Scatulam, S. Blähungpulver, einen Teelöffel voll öfters zu nehmen bei Gelegenheit.«

Da ihn der Provisor ernsthaft ansah: so sah er denselbigen noch ernsthafter an; und die Arzenei wurde ohne geänderte Dosis bereitet. Als er fort war, sagte der Provisor zu seinen zwei stutzenden Pagen: »Ihr zwei dummen Epiglottes, er hat doch so viel Verstand und fragt.«

Im Grunde braucht der Lebensbeschreiber den Umstand gar nicht zu motivieren – da ihn das Pulver und der Held motivieren –, daß Jenner auf die Beine kam noch denselben Tag.

Da Fürsten keinen Druck erfahren als den der Luft, die – in ihrem Leibe ist: so kannte Jenners Dank für die Befreiung von diesem Druck so wenig Grenzen, daß er den ganzen Tag den Doktor – nicht wegließ. Er mußte mit ihm dinieren – soupieren – reiten – spielen. Im Schlosse wars auszuhalten; es war nicht, wie Neros seines, eine Stadt in der Stadt, ein Flachsenfingen in Flachsenfingen, sondern bloß eine Kaserne und eine Küche, voll Krieger und Köche. Denn vor jedes Briefgewölbe voll Schimmel, vor jede Stube, wo acht Demanten lagen, vor jedes Türschloß und vor jede Treppe war ein Bajonett mit dem darangehefteten Schirm- und Schutzherrn gepflanzt. Die überzählige Küchenmannschaft wohnte und heizte im Schloß, weil Seine Durchlaucht beständig aß. Durch dieses beständige Essen wollte er sich das Fasten erleichtern; denn er rührte – weils Kuhlpepper so haben wollte – von den drei Ritual-Mahlzeiten der Menschen blutwenig an und konnte den Hofleuten, die seine strenge Diät erhoben, nicht ganz widersprechen. Ein Uhrmacher aus London war ihm in dieser Mäßigkeit am meisten dadurch beigesprungen, daß er ihm eine Bedientenglocke und ein Federwerk verfertigte, dessen Zeiger auf einer großen Scheibe im Bedientenzimmer stand; das Zifferblatt war statt der Stunden und Monattage mit Eßsachen und Weinen gerändert. Jenner durfte nur klingeln und drücken: so wußte die Dienerschaft sogleich, ob die Zunge und der Viktualienzeiger auf Pasteten oder auf Burgunder weise. Dadurch – daß er wie eine Mühle klingelte, wenn sein innerer Mensch nichts mehr zu mahlen hatte – setzte er sich am leichtesten instand, eine strengere Diät zu halten, als wohl Ärzte und Sittenlehrer fodern könnten, und beschämte mehr als einen Großen, den man nach der Ausweidung im Tode aufs Paradebette legen sollte mit dem hungrigen Magen unter dem einen Arm und mit der durstigen Leber unter dem andern, wie man auch Kapaunen beide Eingeweide als Armhüte zwischen beide Flügel gibt.

Im Schlosse war Viktor zu Hause wie in der Kaplanei; denn der eigentliche Hof, der eigentliche Hof-Wurmstock und Froschlaich war bloß im Palast des wirklichen Ministers von Schleunes ansässig, weil der die Honneurs des Thrones machen mußte, die Gesandten, die Fremden einlud u. s. w. Die Fürstin wohnte im großen alten Schloß, das Paulinum genannt. So verlebte also Jenner seine Tage ohne Prunk, aber bequem, in der wahren Einsamkeit eines Weisen, und brachte sie mit Essen, Trinken, Schlafen zu; daher konnte ihn der flachsenfingische Prorektor ohne Schmeichelei mit den größten alten Römern vergleichen, an denen wir einen ähnlichen Haß des Gepränges bewundern. Jenner hatte im Grunde keinen Hof, sondern ging selber an den Hof seines wirklichen Ministers; aber höchst ungern: er konnte da nichts lieben, weder die Fürstin, die immer da war, noch Schleunes' ehelose Töchter, die noch wider sein Londoner Gelübde waren.

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