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Hesperus oder 45 Hundposttage

Jean Paul Richter: Hesperus oder 45 Hundposttage - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleHesperus oder 45 Hundposttage
pages471-1236
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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Viktor stellte sich zu den Weibern, aber mit einem aufs Schachbrett irrenden Auge, um, wenn er verlegen wäre, sogleich einen Vorwand der veränderten Aufmerksamkeit oder des Wegtretens bei der Hand zu haben. Es war gescheit; denn jedes Wort, das er und die Weiber sprachen, war ein Schachzug; er mußte gegen die Le Baut – was wußte diese, daß einer Mutter nichts schöner stehe als eine vollkommene Tochter? – d. h. gegen die Stiefmutter seine Kälte und gegen die Stieftochter seine Wärme verdecken. Der Leser frage nicht: was konnte denn die alte Stiefmutter für Wärme begehren? Denn in den höhern Ständen werden die Ansprüche durch Blutverwandtschaft und Alter nicht geändert – bloß in den niedern werden sie es –; daher befürcht' ich allemal, das, was ich der Tochter vortrage, langweile die Mutter, und ich fange mit Recht, wenn diese kömmt, nach einem bessern Redefaden. – Viktor verbarg seine Kälte leicht aus jener Menschenliebe, die bei ihm so oft in zu gutherzige Schmeichelei unmoralischer Hoffnungen ausartete; und wenn eine haben wollte, er sollte sich in sie verlieben, so sagte er: »Ich kann doch wahrlich zum guten Lämmchen nicht sagen: ich mag nicht.« – Die Wärme gegen Klotilde verbarg er – schlecht, nicht weil sie zu stark, sondern gerade weil sie es noch nicht genug war. Es ist natürlich: ein Jüngling von Erziehung kann, wenn er will, seine erwiderte Liebe ohne Kanzelabkündigung verhüllen und verschweigen, aber eine unerwiderte, eine, die er selber bloß erst Achtung nennt, läßt er aus sich ohne Hüllen lodern. – Übrigens bitt' ich die Welt, sich hinzusetzen und zu bedenken, daß mein Held nicht den Teufel im Leibe oder sechzehn Jahre habe, sondern daß er unmöglich eine Liebe für eine Person empfinden könne, die über ihre Gesinnungen wie über ihre Reize eine Mosis-Decke hängt. Liebe beginnt und steigt durchaus nur an der Gegenliebe und mit ihrem wechselseitigen Erraten. Achtung hat er bloß, aber recht viele, aber eine recht wachsende und bange, kurz seine Achtung ist jener kalte hüpfende Punkt im Dotter des Herzens, dem die kleinste fremde Wärme oft nach Jahren – die Metapher ist aus einem Ei geschlagen – wachsendes Leben und Amors Flügel zuteilt.

Er untersuchte jetzt am Arbeittisch Klotildens Wärme mit dem Feuermesser; aber ich kann weiter nicht außer mir vor Freude sein, daß er die Wärme an der ins kleinste abgeteilten Skala wenigstens um 1/111 Linie gestiegen fand. Denn er schießet wohl fehl; ich will lieber auf den Stirnmesser Lavaters bauen als auf den Herz- und Wärmemesser eines Liebe suchenden Menschen, der seine Auslegungen mit seinen Beobachtungen vermengt und Zufälle mit Absichten. Sein Feuermesser kann aber auch recht haben; denn gegen gute Menschen ist man im Beisein der schlimmen (man bedenke nur Matzen) wärmer als sonst.

Man verdenk' es Herrn Le Baut und Frau Le Baut nicht, daß sie meinem Helden zum Glücke gratulierten, an einen solchen Hof, zu einem solchen Fürsten – es ist der größte in Deutschland, sagte er –, zu einer solchen Fürstin – sie ist die beste in Deutschland, sagte sie – abzureisen. Matz lächelte zwischen Ja und Nein. Der Alte setzte das Schach fort, die Alte das Lob. Viktor sah mit Verachtung, wie wenig zwei solchen Seelen, die die Thronstufen für eine Wesenleiter und den Thron-Eisberg für einen Olymp und ein Empyreum hielten, und die nirgends als an dieser Höhe ihr Glück zu machen wußten, bessere Begriffe vom Glück und schlechtere von der Höhe beizubringen wären. Gleichwohl mußt' er vor Klotilden, die auf ihrem Gesichte mehr als ein Nein gegen die Lobrede hatte, offenbaren, daß er ebenso edel verneine wie sie. Er knetete also Lob und Tadel nach einer horazischen Mischung untereinander, um weder satirische noch schmeichlerische Anspielungen auf zwei abgedankte Hofleute zu machen: »Mir gefällts nicht,« sagt' er, »daß es da nur Vergnügungen und keine Arbeiten gibt – lauter Konfektkörbchen und keinen einzigen Arbeitbeutel, geschweige einen Arbeittisch wie dieser da.« – »Glauben Sie,« fragte Klotilde mit auffallender Innigkeit, »daß alle Hoffeste einen einzigen Hofdienst bezahlen?« – »Nein,« sagt' er, »denn für die Feste selber sollte man bezahlet werden – ich behaupte, es gibt dort lauter Arbeit und kein Vergnügen – alle ihre Lustbarkeiten sind nur die Beleuchtung, die Zwischenmusik und die Dekorationen, die dem Schauspieler, der an seine Rolle denkt, weniger gefallen als dem Zuschauer.« – »Es ist allemal gut, dagewesen zu sein«, sagte die Alte. – »Gewiß;« (sagte er) »denn es ist gut, nicht immer dazubleiben.« – »Aber es gibt Personen,« (sagte Klotilde) »die dort ihr Glück nicht machen können, bloß weil sie nicht gern dort sind.« Das war sehr fein und schonend; aber bloß für Viktors Herz verständlich: »Einem schönen Schwärmer« (sagt' er und fragte wie allemal nach dem scheinbaren Widerspruch zwischen Viktors Leben und Viktors Meinungen nichts) »oder einem feurigen Dichter würd' ich raten, zu Hause zu bleiben – beider Flug statt der Pas wäre im Hofleben, was ein Hexameter in der Prose ist, den die Kunstrichter nicht leiden können – und zur Seele mit dem weichsten gefühlvollsten Herzen würd' ich sagen: entfliehe damit, das Herz wird dort als Überbein genommen, wie in der sechsfingerigen Familie in Anjou der sechste Finger.«.... Die Alte schüttelte den Kopf schnell links. »Und doch«, fuhr er fort, »würd' ich sie alle drei auf einen Monat an den Hof ziehen und sie unglücklich machen, um sie weise zu machen.« Die Kammerherrschaft konnte sich in Viktor nicht so gut wie mein Leser schicken, der zu meinem größten Vergnügen Laune und das Talent, alle Seiten einer Sache zu beschauen, so geschickt von Schmeichelei und Skeptizismus unterscheidet. Klotilde hatte langsam den Kopf zum letzten Satze geschüttelt. Überhaupt stritten heute alle für und wider ihn in jenem teilnehmenden Tone, den Weiber und Verwandte allemal gegen einen Fremden annehmen, wenn sie eine Stunde vorher den nämlichen Prozeß, aber zu praktischer Anwendung, mit den Ihrigen geführet hatten.

Viktor, der schon lange besorgte, verlegen zu werden, ging endlich dahin, wohin er bisher so oft geschauet hatte – zum Schach, das man mit der größten Begierde, zu – verlieren, spielte. Der Kammerherr – wir wissen alle, wie er war: er schrieb nichts als Belobschreiben für die ganze Welt, und der Abendmahlkelch wäre mehr für seinen Geschmack gewesen, hätt' er daraus auf eines wichtigen Mannes Gesundheit toasten können – dieser beförderte, so gut er konnte, mit den dürren Schachstatuen bloß das fremde Wohl auf Kosten des eignen: gern verlor er, falls nur Matthieu gewann. Noch dazu glich er jenen verschämten Seelen, die ihre Wohltaten gern verborgen geben, und er konnt' es nicht über sich erhalten, es seinem Schach-Gegner zu sagen, daß er ihm den Sieg zuschanze; er hatte fast größere Mühe, sich zu verbergen wie ein Hofmann, als sich selber zu besiegen wie ein Christ. Eine solche Liebe hätte, wie es scheint, wärmer vergolten werden sollen als durch offenbare Bosheit; aber Matz hatte das nämliche vor und wich dem Siege, den jener ihm nachtrug, wie ein wahrer Spitzbube aus. Le Baut ersann sich vergeblich die besten Züge, womit man sich selber matt macht – Matz setzte noch bessere entgegen und drohte jede Minute, auch zu ermatten. Uns alle dauert der auf dem Schachboden herumgehetzte Kammerherr, der wie eine Kokette besorgt, nicht besiegt zu werden. Es war für ein weiches Auge, das doch dem Schwachen lieber als dem Schelm vergibt, nicht mehr auszuhalten: Viktor trat unter tausend Entschuldigungen gegen den Schwachen und voll Bosheit gegen den Boshaften in die Heckjagd ein und nötigte den Hofjunker, seinen Rat und seine Karitativsubsidien anzunehmen und zu vorgeschlagenen Kriegsoperationen von solchem Wert zu greifen, daß der Mann mit dem Amte der kammerherrlichen Schlüssel endlich trotz seinen Befürchtungen und trotz den schlimmsten Aussichten – verlor. Alle Anwesende errieten alle Anwesende, wie Fürsten einander in ihren öffentlichen – Komödienzetteln.

Er hatte endlich die Abschiedaudienz, aber geringen Trost. Die Gestalt, unter der alle seine Schönheitideale nur als Schildhalter und Karyatiden standen, war noch kälter als bei dem Empfange und immer bloß das Echo der elterlichen Höflichkeit. Das einzige, was ihn noch aufrecht erhielt und beruhigte, war eine – Distel, nämlich eine optische, auf den musivischen Fußboden gesäete. Er nahm nämlich wahr, daß Klotilde diesem Blumenstück, das sie doch kennen mußte, unter dem Abschiede mit dem Fuße auswich, als wär' es das Urbild. Abends macht' er seine Schlußketten, wie sie auf Universitäten gelehret werden – dieser Vexierdistel impfte er alle Rosen seines Schicksals ein – »zerstreut war sie doch, und weswegen? frag' ich«, sagt' er ins Kopfkissen hinein – »denn erraten haben sie mich drüben ohnehin noch nicht«, behauptete er, indem er sich aufs zweite Kopfkissen legte – »o du holdes Auge, das auf die Distel sank, geh in meinem Schlafe wieder auf und sei der Mond meiner Träume«, sagte er, da er schon halb in beiden war. – Er glaubte bloß aus Bescheidenheit, er werde nicht erraten, weil er sich nicht für merkwürdig genug ansah, um bemerkt zu werden. –

Der 20. August 179* war der große Tag, wo er abmarschierte nach Flachsenfingen: Flamin war schon um vier Uhr abends fortgetrabt, um keinen Abschied zu nehmen, welches er haßte. Aber unser Viktor nahm gern Abschied und zitterte gern im letzten Verstummen der Trennung: »O ihr dürftigen egoistischen Menschen!« (sagt' er) »dieses Polarleben ist ohnehin so kahl und kalt, wir stehen ohnehin Wochen und Jahre nebeneinander, ohne mit dem Herzen etwas Besseres zu bewegen als unser Blut – bloß ein paar glühende Augenblicke zischen und erlöschen auf dem Eisfeld des Lebens – warum meidet ihr doch alles, was euch aus der Alltäglichkeit zieht, und was euch erinnert, wie man liebt – – Nein! und wenn ich zugrunde ginge, und wenn ich mich nachher nicht mehr trösten könnte: so drückte ich mich mit dem unbedeckten Herzen und mit dem Bluten aller Wunden und zerrinnend und erliegend an den geliebten Menschen, der mich verlassen müßte, und sagte doch: es tut mir wohl!« – Kalte selbsüchtige und bequeme Personen vermeiden das Abschiednehmen so wie unpoetische von zu heftigen Empfindungen; weibliche hingegen, die sich alle Schmerzen durch Sprechen, und poetische, die sich alle durch Phantasieren mildern, suchen es.

Um sechs Uhr abends – denn es war nur ein Sprung nach Flachsenfingen –, als das Vieh wiederkam, ging er fort, begleitet von der ganzen Familie. An seinen glücklichern Arm – meiner muß sich bloß zum Besten der Wissenschaften bewegen – war die Britin und an den linken Agathe angeöhrt; an die Schwester hatte sich der arme Hauspudel geschnallet (Apollonia), welcher gleichwohl dachte, er berühre und genieße trotz dem schwesterlichen Einschiebsel und Zwischengeist den Doktor. So fahren die Funken der Liebe, wie die elektrische und magnetische Materie, durch das Mittel von zwanzig dazwischengestellten Leibern hindurch. Ein Philosoph, der sich hinsetzt und erwägt, daß unsre Finger im Grunde der geliebten Seele nicht um einen Daumen näher kommen, es mag zwischen ihnen und ihr bloß die Gehirnkugel oder gar die Erdkugel liegen, wird allezeit sagen: »Ganz natürlich!« Daraus erklärt dieser sitzende Philosoph, warum die Mädchen die männlichen Verwandten ihres Geliebten halb mitlieben – warum der Rohrstuhl Shakespeares, die Kleiderkommode Friedrichs II., die Stutzperücke Rousseaus unser sehnendes Herz befriedigen. – –

Aber niemand wollte, den Weisel dieses Vorschwarms ausgenommen, wieder zurück. »Nur noch an die sechs Bäume«, sagte Agathe. Als man an diese Grenzpfähle und Lochbäume der heutigen Lust gekommen war, waren deren sieben, und man behauptete allgemein, sie wären nicht gemeint und es ginge weiter. Der Begleitete wird gewöhnlich immer ängstlicher und der Begleiter immer froher, je länger es währt. »Doch bis zu jenem Ackermann!« sagte die scharfsehende Britin. Aber endlich merkte unser Held, daß diese Herkules-Säule ihrer Reise selber gehe, und daß der Ackermann nur ein Wandermann sei. »Das beste ist,« – sagt' er und kehrte sich um – »ich kehre mich um und reise erst morgen.« Der Kaplan sagte: »Bis ans alte Schloß« (d. h. es war noch eine Mauer davon da) »geh' ich ohnehin gewöhnlich abends!« – Allein über diese Grenzfestung des schönsten Abends rückte die plaudernde Marschsäule betrügerisch hinaus, und die Augen wurden über die Ohren vergessen. Da sonach bei diesen Grenzstreitigkeiten ein Hauptartikel nach dem andern durch Separatartikel gebrochen wurde: so war wahrhaftig weiter nichts zu machen – als folgender Versuch. »Hieher wollt' ich Sie nur haben« (sagte Viktor) – »jetzt müssen Sie mit mir weitergehen und heute beim Apotheker übernachten.« – »In der Tat,« sagte die Kaplänin kalt, »bis zu Sonnenuntergang wird mitgegangen: wir sollen doch nicht dieser schönen Sonne den Rücken wenden?« Allerdings hatte der Abend lauter Freudenfeuer angezündet auf der Sonne – auf den Wolken – auf der Erde – auf dem Wasser.

Auf dem Hügel sah man schon die Turmspitzen der Stadt; die Sonne, dieses erwählte Drehkreuz der Begleitung, goß aus ihrer Vertiefung über die Schatten-Beete der Täler ihre goldführenden Purpurflüsse. Oben, als sie verging, nahm Viktor die zwei Eheleute in den Arm und sagte: »O macht euch so glücklich wie mich und kommt froh nach Haus!« – und dann nahm er die Schwestern an sein trunknes Herz und sagte: »Gute, gute Nacht, ich bin euch gut« – und dann sah er alle mit ihren verborgnen Seufzern und Tropfen rückwärts gehen – und dann rief er: »Wahrlich, ich komme bald wieder, es ist ja nur ein Sprung daher« – und dann schrie er nach: »Ich bin des Teufels, wenn wir getrennt sind« – und dann zog ihnen sein schweres Auge durch alle Zweige und Tiefen nach, und erst als der liebende Verein ins letzte Tal wie in ein Grab gesunken war, hüllte er sich die Augen zu und dachte an die unaufhörlichen Trennungen des Menschen....

Endlich öffnete er seine Augen gegen die ausgebreitete überwölkte Stadt und dachte: »Zwischen dieser erhobnen Arbeit, in die sich die Menschen mit ihrem kleinen Leben nisten, sperren sich auch deine kleinen Tage ein – dieses ist die verhüllte Geburtstätte deiner künftigen Tränen, deiner künftigen Entzückungen – ach mit welchem Auge werd' ich nach Jahren wieder über diese Nebel-Gehäuse schauen – und.. ein Narr bin ich, sind denn 2300 Häuser nur meinetwegen?«

 

Nachschrift. Diesen sechzehnten Posttag hat der Berghauptmann ordentlich am Ende des Junius abgeschlossen.

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