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Hesperus oder 45 Hundposttage

Jean Paul Richter: Hesperus oder 45 Hundposttage - Kapitel 40
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleHesperus oder 45 Hundposttage
pages471-1236
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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Viktor tat dies nicht; er wollte jetzt gar nicht aus dem Hause, d. h. aus dem Dorfe. Die Sommertage schienen ihm in St. Lüne wie in einem Arkadien zu ruhen, wehend, duftend, selig; und er sollte aus dieser sanft irrenden Gondel hinausgeworfen werden ins Sklavenschiff des Hofs – aus der pfarrherrlichen Milchhütte in die fürstliche Arsenikhütte, aus dem Philanthropistenwäldchen der häuslichen Liebe auf das Eisfeld der höfischen. Das war ihm in der Laube so hart! – und in Tostatos Bude so lieb! – Wenn die Wünsche und die Lagen des Menschen sich miteinander umkehren: so klagt er doch wieder die Lagen, nicht die Wünsche an. »Er wolle sich selber«, sagt' er, »auslachen, aber er habe doch hundert Gründe, in St. Lüne zu zögern, von einem Tage zum andern – es ekle ihn so sehr seine Absicht an, einem Menschen (dem Fürsten) aus andern Beweggründen zu gefallen als aus Liebe – es sei noch unwahrscheinlicher, daß er selber gefalle, als daß es ihm gefalle – er wolle lieber seinen eignen Launen als gekrönten schmeicheln, und er wisse gewiß, im ersten Monat sag' er dem Minister von Schleunes Satiren ins Gesicht, und im zweiten dem Fürsten – und überhaupt werd' er jetzt mitten im Sommer einen vollständigen Hof-Schelm schlecht zu machen wissen, im Winter eher, u. s. w.«

Außer diesen hundert Gründen hatt' er noch schwächere, die er gar nicht erwähnte, wie etwan solche: er wollte gern um Klotilden sein, weil er ihr notwendig, gleichsam um sein Betragen zu rechtfertigen – aber welches denn, mein Trauter, das vergangne oder künftige? –, seine Wissenschaft um ihre Blutverwandtschaft mit seinem Freund eröffnen mußte. Zu dieser Eröffnung fehlte, was in Paris das Teuerste ist, der Platz; das Exordium auch. Klotilde war nirgends allein zu treffen. Kenner sagen, jedes Geheimnis, das man einer Schönen sage, sei ein Heftpflaster, das mit ihr zusammenleime, und das oft ein zweites Geheimnis gebäre: sollte Viktor etwan darum Klotilden seine Kenntnisse von ihrer Geschwisterschaft so begierig zu zeigen getrachtet haben? –

Er blieb einen Tag um den andern, da ohnehin die Butterwoche der Vermählung erst vorübergehen mußte. – Er hatte schon Vermählmünzen in der Tasche. Aber er sah Klotilde immer nur in Sekunden; und eine halbe Sekunde braucht man nach Bonnet zu einer klaren Idee, nach Hooke gar eine ganze: eh' er also eine ganze Vorstellung von dieser stillen Göttin zusammengebracht hatte, war sie schon fortgelaufen.

Endlich wurden ernsthaftere Anstalten gemacht – nicht zur Abreise, sondern zum Vorsatz derselben... Die schönsten Minuten in einem Besuche sind die, die sein Ende wieder verschieben; die allerschönsten, wenn man schon den Stock oder den Fächer in der Hand hat und doch nicht geht. Solche Minuten umgaben unsern Fabius der Liebe jetzt: sanftere Augen sagten ihm: »Eile nicht«, wärmere Hände zogen ihn zurück, und die mütterliche Träne fragte ihn: »Willst du mir meinen Flamin schon morgen rauben?«

»Ganz und gar nicht!« antwortet' er und blieb sitzen. Ich frage: steckte nicht seinetwegen die Kaplänin ihr Zungen-Richtschwert in die Scheide, weil er nichts so haßte als laute und stille Verleumdungen eines Geschlechts, das, unglücklicher als das männliche, sich von zwei Geschlechtern zugleich gemißhandelt erblickt? – Denn er nahm oft Mädchen bei der Hand und sagte: »Die weiblichen Fehler, besonders böse Nachrede, Launen und Empfindelei, sind Astlöcher, die am grünen Holz bis in die Flitterwochen als schöne marmorierte Kreise gefallen; die aber am dürren, am ehelichen Hausrat, wenn der Zapfen ausgedorret ist, als fatale Löcher aufklaffen.« – Agathe schraubte jetzt ihr Nähküssen an seinen Schreibtisch und küßte ihn, er mochte zu lustig oder zu mürrisch aussehen. Selber der Kaplan suchte ihm, wenn nicht die letzten Tage, die er bei ihm verträumte, süß zu machen, doch die letzten Nächte, wozu nichts nötig war als eine Trommel und ein Fuß. Die feurigsten nächtlichen Hexentänze der Mäuse untersagte der Kaplan mit seinem Fuß, damit sie den Gast nicht aufweckten; er tat nämlich damit an das untere Bettbrett von Zeit zu Zeit einen mäßigen Kanonen-Stoß, der um so mehr ins Hörrohr der Tänzer einknallte, da er schon die Ohren der Menschen erschreckte. Gegen den Eulerschen Rösselsprung der Ratten zog er nur mit einem Schlegel zu Felde, womit er, wie ein Jüngster Tag in ihre Lust- und Jagdpartien einbrechend, bloß ein- oder zweimal auf eine ans Bettuch gestellte Trommel puffte.

Matthieu war unsichtbar und feierte, da Höflinge den Fürsten alles nachäffen, die Hochzeittage des seinigen wenigstens in kleinen Hochzeitstunden nach. Das Pulver, das aus Kanonen und aus Feuerwerker-Düten fuhr, das Vivat, das aus Kanzeln gebetet und aus Schenken geschrien wurde, und die Schulden, die man dabei machte, waren, denk' ich, so ansehnlich, daß der größte Fürst sich nicht schämen durfte, damit seine Vermählung und – Langweile anzuzeigen. – Die Kälte hat ewig ein Sprachrohr und die Empfindung ein Hörrohr. Die Ankunft einer ungeliebten fürstlichen Leiche oder dergleichen Braut hört man an den Polarzirkeln; hingegen wenn wir Niedere unsre Gräber oder unsre Arme mit Geliebten füllen: so fallen bloß einige ungehörte Tränen, trostlose oder selige.

Flamin lechzete nach dem Sessiontisch, dessen Arbeiten jetzo bald angingen, und begriff das Zögern nicht.... Endlich wurd' einmal im ganzen Ernste der Abschiedtag festgesetzt, auf den 10ten August; und ich bin gewiß, Viktor wäre am 14ten nicht mehr in St. Lüne gewesen, hätte nicht der Henker am 8ten einen Tiroler hingeführt.

Es ist der nämliche, der vorgestern bei uns Scheerauern mit einer wächsernen Dienerschaft, die er halb aus Reichsständen, halb aus Gelehrten zusammengesetzt hatte, seinen Einzug hielt und mit den Wachshänden dieser Zwillingbrüder des Menschen uns die Gelder aus dem Beutel zog. Es ist dumm, daß mir der Spitz den heutigen Hundtag nicht vorgestern gebracht: ich hätte den Kerl, der in St. Lüne Viktor und den Kaplan in Wachs bossierte, selber ausgefragt, wie Viktor heiße und Eymann und St. Lüne selbst. Am Ende reis' ich aus erlaubter und biographischer Neugierde diesem Menschen-Zimmermeister, der uns mit schauerlichen Widerscheinen unsers kleinen Wesens umringt, noch nach. –

Viktor mußte also wieder verharren; denn er ließ sich und den Kaplan in Wachs nachbacken, um erstlich diesem, der alle Abgüsse, Puppen und Marionetten kindisch liebte, und zweitens um der Familie, die gern in sein erledigtes Zimmer den wächsernen Nach-Viktor einquartieren wollte, einen größern Gefallen zu tun als sich selbst. Denn ihn schauerte vor diesen fleischfarbnen Schatten seines Ich. Schon in der Kindheit streiften unter allen Gespenstergeschichten solche von Leuten, die sich selber gesehen, mit der kältesten Hand über seine Brust. Oft besah er abends vor dem Bettegehen seinen bebenden Körper so lange, daß er ihn von sich abtrennte und ihn als eine fremde Gestalt so allein neben seinem Ich stehen und gestikulieren sah: dann legte er sich zitternd mit dieser fremden Gestalt in die Gruft des Schlafes hinein, und die verdunkelte Seele fühlte sich wie eine Hamadryade von der biegsamen Fleisch-Rinde überwachsen. Daher empfand er die Verschiedenheit und den langen Zwischenraum zwischen seinem Ich und dessen Rinde tief, wenn er lange einen fremden Körper, und noch tiefer, wenn er seinen eignen anblickte.

Er saß dem Bossierstuhl und den Bossiergriffeln gegenüber, aber seine Augen heftete er nieder in ein Buch, um die Körpergestalt, in der er sich selber herumtrug, nicht entfernt und verdoppelt zu sehen. Die Ursache, warum er aber doch die weggestellte Verdoppelung seines Gesichts im Spiegel aushielt, kann nur die sein, weil er entweder den Figuranten im Spiegel bloß für ein Porträt ohne Kubikinhalt oder für das einzige Urbild ansah, mit dem wir andre Doubletten unsers Wesens zusammenhalten.... Über diese Punkte kann ich selber nie ohne ein gewisses Beben reden...

Dem Wachsabdruck Viktors wurde nach seiner Volljährigkeit eine toga virilis, ein Überrock, den das Urbild abgelegt hatte, umgetan, desgleichen das Zimmer eingeräumt, woraus der lebendige zog. Der Kaplan wollte diese wohlfeile Ausgabe von Horion so ans Fenster lagern, wenn die bessere fort wäre, daß die ganze Schul-Jugend, die vom Kantor Sitten und mores lernte, die Hüte abrisse, wenn sie aus dem Schulhause heimtobte. –

Endlich! – Denn Matz kam. Des letzten ausgekelterte Wangen und sein ganzer Körper, der unter den Zitronendrückern der Nachtfeste gewesen war, bewiesen, daß er nicht log, da er sagte, der fürstliche Bräutigam sehe noch achtmal elender aus und liege darnieder am Podagra. Er setzte in seiner bittern Weise, die Viktor wenig liebte, hinzu: »Die bleichen Großen haben überhaupt kein Blut, das wenige ausgenommen, was sie den Untertanen abschröpfen oder was ihnen an den Händen klebt, wie die Insekten kein rotes Blut bei sich führen als das den andern Tieren abgesogne.« Dieses erinnerte Viktor an seine medizinischen Pflichten gegen den Fürsten. Entweder Matzens verwüstete Gestalt – denn unmoralisches Nachtleben macht Züge und Farbe noch widerlicher als das längste Krankenlager –, oder die Erinnerung an des Lords Warnungen, oder beides machte ihn unserem Hofmedikus ebenso verhaßt, als dieser wieder jenem durch das Hofphysikat geworden war; dieses verhehlte Gift Matthäi aber offenbarte sich nicht durch kleinere, sondern durch größere, fast ironische Höflichkeit. Hingegen Matz und Flamin schienen vertraulicher als je zusammen zu sein.

Vormittags nach dem Rasieren sprang, ohne sich noch einmal zu überwaschen, Viktor auf und packte sogleich den Stiefelknecht ein und riß die Hangriemen der Kleider entzwei und bestellte Meßhelfer, damit sie seinen Lebens-Ballast – ausschifften (wegen seiner elenden Packerei) und dann einschifften. Denn er überließ die ganze Kuratel des Gerümpels unserer kleinlichen Lebensgerätschaften immer fremden Händen, und das mit einer solchen Verachtung dieses Gerümpels und mit einer solchen sorglosen Verschwendung – ich werde zwar meinen Helden nie verleumden; aber es ist doch durch den Spitz erwiesen, daß er nie das Kurrentgeld eines versilberten Goldstücks kollationierte und nie einem Juden, Römer und Herrnhuter etwas im Handel abbrach – so sehr, sag' ich, daß die ganze weibliche Hanse in St. Lüne schrie: ei der Narr! und daß die Kaplänin sich immer an seine Stelle auf den Handelplatz einschob. Er war aber nicht zu bessern, weil er die Lebensreise und also den Reisebündel mit so philosophischen Augen verkleinerte, und weil er vor nichts so errötete als vor jedem Scheine des Eigennutzes: er lief vor allen Anstalten, Vorreitern und Probekomödien davon, wenn sie seinetwegen auftraten – er schämte sich jeder Freude, die nicht wenigstens in zwei Bissen, in einen für einen Mitesser, zu teilen war – er sagte, die Stirne eines Hospodars müßte die Härte seiner Krone angenommen haben, weils sonst ein solcher Mensch unmöglich ertrüge, was oft bloß seinetwegen gemacht würde von einem ganzen Lande, die Musik – die Ehrenbogen – die Carmina – das Freudengeschrei in Prose und die entsetzlichen Kanonaden. – –

Er hatte jetzt in St. Lüne nichts mehr abzutun als eine bloße platte – Höflichkeit; denn so viel darf ich wohl ohne Eitelkeit behaupten, daß ein Held, den ich zu meinem erkiese, schon hoffentlich so viel Lebensart habe, daß er hingeht zum Kammerherrn Le Baut und sagt: à rèvoir! – An solche Staatsvisiten muß er sich ohnehin jetzt gewöhnen.

Matz saß auch drüben, dieser mit struppichten abgezauseten hängenden Flügeln hingeworfene Amor der Kammerherrin – letzte scherzte über die eitlen Blicke mit ihm, die den nachlassenden Puls seiner Liebe bekannten – Le Baut spielte Schach mit Matzen – Klotilde saß an ihrem Arbeittischchen voll seidner Blumen, mitten unter diesen edlen Drillingen.... Ihr armen Töchter! was für Leute müsset ihr nicht oft bewillkommen und aushören! – Doch für Klotilde war dieser Hausfreund nichts als eine ausgepolsterte Mumie, und sie wußte nicht, kam er oder ging er.

Sebastian wurde als Adoptivsohn des Glücks, als Erbe des väterlichen Günstling-Postens, heute von der Kammerherrschaft ungemein verbindlich empfangen. Wahrhaftig, wenn der Hofmann Unglückliche flieht, weil ihm das Mitleiden zu heftig zusetzt, so drängt er sich gern um Glückliche, weil er Mitfreude genießen will. Der Kammerherr, der sich noch vor dem verbeugte, der in seinem Sturze vom Thron mitten in der Luft hing, bückte sich natürlicherweise vor dem noch tiefer nieder, der in der entgegengesetzten Fahrt begriffen war.

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