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Hesperus oder 45 Hundposttage

Jean Paul Richter: Hesperus oder 45 Hundposttage - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleHesperus oder 45 Hundposttage
pages471-1236
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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Vorrede, sieben Bitten und Beschluß

Vorrede

Ich wollte mich anfangs ereifern über einige Heere von Lesern, mit denen ich in diesem Buche nichts anzufangen weiß; und wollte mich vorn an den Hesperus als Pförtner stellen und vorzüglich Leute mit der größten Unhöflichkeit fortschicken, die nichts taugen – für welche, wie für einen Prosektor, das Herz nichts ist als der dickeste Muskel, und welche Gehirn und Herz und alles Innere, wie Formen der Gipsstatuen ihr eingefülltes Gemengsel von Scherwolle, Heu und Ton, nur darum tragen, um hohl gegossen auszufallen. – Ich wollte sogar mit ehrlichen Geschäftleuten keifen, die, wie der große Antonin, den Göttern danken, daß sie die Dichtkunst nicht weit getrieben – und mit solchen, vor denen sich der Kapellmeister Apollo auf einer Strohfiedel hören lassen soll, und seine neun Diskantistinnen mit dem Bier- und Strohbaß – ja sogar mit der lesenden Schwesterschaft der Ritterromane, die so lieset, wie sie heiratet, und die sich unter den Büchern, wie unter den Gesichtern der Herren, nicht die schönen weiblichen, sondern die wilden männlichen ausklaubt. – –

Aber ein Autor sollte kein Kind sein und sich seine Vorrede versalzen, da er nicht alle Tage eine zu machen hat. Warum habe ich nicht lieber in der ersten Zeile die Leser angeredet und bei der Hand genommen, denen ich den Hesperus freudig gebe, und die ich mit einem Freiexemplar davon beschenken wollte, wenn ich wüßte, wo sie wohnten? – Komm, liebe müde Seele, die du etwas zu vergessen hast, entweder einen trüben Tag oder ein überwölktes Jahr, oder einen Menschen, der dich kränkt, oder einen, der dich liebt, oder eine entlaubte Jugend, oder ein ganzes schweres Leben; und du, gedrückter Geist, für den die Gegenwart eine Wunde und die Vergangenheit eine Narbe ist, komm in meinen Abendstern und erquicke dich mit seinem kleinen Schimmer, aber schließe, wenn dir die poetische Täuschung flüchtige süße Schmerzen gibt, daraus: »Vielleicht ist das auch eine, was mir die längern tiefern macht.« – Und dich, höherer Mensch, der unser Leben, das nur in einem Spiegel geführet wird, kleiner findet als sich und den Tod, und dessen Herz ein verhüllter großer Geist in dem Totenstaube anderer zerfallener Menschenherzen heller und reiner schleift, wie man den Demant im Staube des Demants poliert, darf ich dich auch in meinen Abend- und Nachtstern auf eine Anhöhe, so wie ich sie aufzuwerfen vermag, herniederrufen, damit du, wenn du um sie, wie um den Vesuv, morganische Feen und Nebel-Gruppierungen und Traum-Welten und Schatten-Länder in der Tiefe ziehen siehest, vielleicht zu dir sagest: »Und so ist alles Traum und Schatten um mich her, aber Träume setzen Geister voraus, und Nebel Länder, und der Erdschatten eine Sonne und eine Welt«? –

Aber zu dir habe ich nicht den Mut, zu dir, edler Geist, der des Jahrhunderts müde ist und des Nachwinters der Menschheit, dem zuweilen, aber nicht immer, das Menschengeschlecht wie der Mond zurückzuwandeln scheint, weil er den Zug der Wolke, die darunter hinfliegt, für den Gang des himmlischen Körpers selber ansieht, und der voll erhabner Seufzer, voll erhabner Wünsche und mit schweigendem Ergeben zwar neben sich eine würgende Hand und das Fallen seiner Brüder hört, aber doch das aufgerichtete, auf dem ewig heitern Sonnenangesicht der Vorsehung ruhende Auge nicht niederschlägt, und den das Unglück, wie der Blitz den Menschen, zwar entseelt, aber nicht entstellt; edler Geist, ich habe freilich nicht den Mut, zu dir zu sagen: »Würdige mich, auf mein Schattenspiel zu schauen, damit du über den Abendstern, den ich vor dir vorüberführe, die Erde vergessest, auf der du stehest, und die sich jetzo mit tausend Gräbern wie ein Vampyr an das Menschengeschlecht anlegt und Opferblut saugt.« – – Und doch hab' ich an dich unter dem ganzen Buche gedacht, und die Hoffnung, mein kleines Nacht- und Abendstück vor nasse, aufgerichtete und feste Augen zu bringen, war der tragende Malerstock der müden Hand gewesen.

Da ich mich jetzt zu ernsthaft geschrieben, so muß ich von den sieben versprochenen Bitten, worunter nur vier es sind, drei weglassen. – Ich tue also nur die

Erste Bitte, den Titel »Hundposttage« so lange zu vergeben, bis ihn das erste Kapitel erklärt und entschuldigt hat – Und die

Zweite, allemal ein ganzes Kapitel zu lesen, und kein halbes, weil das große Ganze aus kleinern Ganzen, wie nach den Homoiomerien des Anaxagoras der Menschenkörper aus unzähligen kleinen Menschenkörpern besteht – Und die

Siebente Bitte, die halb aus der zweiten fließet, aber nur die Kunstrichter angeht, mir in ihren fliegenden Blättern, die sie Rezensionen nennen, mit keiner Publikation meiner Hauptbegebenheiten vorzugreifen, sondern dem Leser einige Überraschungen, die er doch nur einmal hat, zu lassen. – Und endlich die

Fünfte Bitte, die man aus dem Vaterunser schon kennt.

Der Beschluß

Und so werde denn sichtbar, kleiner stiller Hesperus! – Du brauchst eine kleine Wolke, um verdeckt zu sein, und ein kleines Jahr, um deinen Umlauf vollführt zu haben! – Mögest du der Tugend und Wahrheit, wie dein Ebenbild am Himmel der Sonne, näher stehen, als die Erde allen dreien ist, in die du schimmerst, und mögest du wie jenes nur dadurch dich den Menschen entziehen, daß du dich in die Sonne hüllest! Möge dein Einfluß schöner, wärmer und gewisser sein, als der des Kalender-Hesperus ist, den der Aberglaube auf den Dunst-Thron dieses Jahres setzt! – Du würdest mich zum zweitenmal glücklich machen, wenn du für irgendeinen abgeblühten Menschen ein Abendstern, für irgendeinen aufblühenden ein Morgenstern würdest! Gehe unter mit jenem und auf mit diesem; flimmere im Abendhimmel des erstern zwischen seinen Wolken und überziehe seinen zurückgelegten bergaufgehenden Lebenweg mit einem sanften Schimmer, damit er die entfernten Blumen der Jugend wieder erkenne und seine veralteten Erinnerungen zu Hoffnungen verjünge! – Kühle den frischen Jüngling in der Lebenfrühe als ein stillender Morgenstern ab, eh' ihn die Sonne entzündet und der Strudel des Tages einzieht! – Für mich aber, Hesperus, bist du nun wohl untergegangen – du zogest bisher neben dem Erdball wie mein Nebenplanet, wie meine zweite Welt, auf die meine Seele ausstieg, indes sie den Körper den Stößen der Erde ließ – aber heute fällt mein Auge traurig und langsam von dir und dem weißen Blumenflor, den ich um deine Küsten angepflanzet, auf den naßkalten Boden herab, wo ich stehe – und ich sehe uns alle von Kühle und Abend umgeben – weit von den Sternen abgerissen – von Johanniswürmchen belustigt, von Irrwischen beunruhigt – alle einander verhüllt, jeder einsam und sein eignes Leben nur fühlend durch die warme pulsierende Hand eines Freundes, die er im Dunkeln hält. – –

Ja, es wird zwar ein anderes Zeitalter kommen, wo es licht wird, und wo der Mensch aus erhabnen Träumen erwacht und die Träume – wiederfindet, weil er nichts verlor als den Schlaf. –

Die Steine und Felsen, welche zwei eingehüllte Gestalten, Notwendigkeit und Laster, wie Deukalion und Pyrrha hinter sich werfen nach den Guten, werden zu neuen Menschen werden. –

Und auf dem Abendtore dieses Jahrhunderts steht: Hier geht der Weg zur Tugend und Weisheit; so wie auf dem Abendtor zu Cherson die erhabene Inschrift steht: Hier geht der Weg nach Byzanz. – –

Unendliche Vorsicht, du wirst Tag werden lassen. –

Aber noch streitet die zwölfte Stunde der Nacht: die Nachtraubvögel ziehen; die Gespenster poltern; die Toten gaukeln; die Lebendigen träumen.

In der Frühlings-Tag- und Nachtgleiche 1794.

Jean Paul.

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