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Hesperus oder 45 Hundposttage

Jean Paul Richter: Hesperus oder 45 Hundposttage - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleHesperus oder 45 Hundposttage
pages471-1236
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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14. Hundposttag

Das philosophische Arkadien – Klotildens Brief – Viktors confessions

Ich habe nur vorher zwei Dinge zu erklären, das unbekannte Getön und das Verschließen der Augen. Jenes floß von einer auf die Trauerbirke gelegten Äolsharfe aus; sooft Emanuel zu nachts hieherkam, mischte er in die flüsternden Blätter diese abgehauchten Töne wie Blüten ein, um sich zu erheben, wenn er allein die erhabne Nacht ansah. Die Augen tat er oft vor der Sonne und dem Monde zu, wenn sein innerer, wie ein Cherub geflügelter Mensch gerade die Erlaubnis hatte, sich in weiche Phantasien einzusenken: in die fließenden bunten Licht-Wogen, die durch die Augenlider drangen, tauchte er sich dann wie in einen Zephyr mit süßem Verschwimmen unter, und in diesem Lichtbad sog der höhere Lichtmagnet in ihm Himmellicht aus Erdenlicht. Da es nur wenige Seelen gibt, die wissen, wie weit die Harmonie der äußern Natur mit unserer reicht, und wie sehr das ganze All nur eine Äolsharfe ist, mit längern und kürzern Saiten, mit langsamern und schnellern Bebungen vor einem göttlichen Hauche ruhend: so fodre ich nicht, daß jeder diesem Emanuel vergebe.

Nach dem über ein ganzes Leben hinschimmernden Wiederfinden kamen beide bei dem blinden Jüngling an, und seine Flöte hob das Herz aus dem schlagenden Fieberblut sanft in den beruhigten Äther des Himmels im Traume hinüber.

Da ich so gerne um Emanuel bin: so gönne mir der Leser die Freude, alle Stunden auseinander zu blättern, die wir in seinem Hause verbringen dürfen, und recht Schritt vor Schritt zu gehen.

Der Morgen deckte dem Zöglinge Emanuels wie Kindern erst auf, was die Nacht seinem Herzen für ein Christgeschenk bescheret hatte. Welche Gestalt trat im Morgenglanz vor ihn, da das stille, kindliche, beruhigte Gesicht des Lehrers, über das einmal Stürme gezogen waren, wie auf dem sanften weißen Monde Vulkane gelodert haben, ihn auf eine Weise anlächelte, daß sein Inneres in stummer Wonne zerfloß! Besonders im Profil angeblickt, schien diese hohe Gestalt am Ufer der Erde zu stehen und hinunterzuschauen in die zweite Halbkugel des Himmels, die uns der Stein auf dem Grabe und der fette Trift-Boden dieses Lebens verdeckt. Sein Angesicht verklärte sich, wenn er es zum Himmel aufhob – wenn er Gott nannte oder die Ewigkeit – wenn er vom längsten Tage sprach; in seinem Lichte erblaßte das Glanzgold der Gegenwart zum Mattgold der Vergangenheit, und sein Geist ruhte schwebend auf dem Körper, wie in Arabesken Genien aus Blumen keimen. So leicht stimmte sich Viktor nie aus dem Traum in den neuen Tag als an diesem Morgen durch Emanuels Stimme, die sozusagen die Sphärenmusik zum blauen Himmel seiner Augen war, aus welchem wie aus dem ägyptischen nie ein Tropfe fiel; er konnte aus Unvermögen seiner Tränendrüsen niemals weinen; auch erschütterte dieses Leben seine Seele nicht mehr.

Das reine Morgenzimmer machte gleichsam die Seele rein und still. Er war der größte körperliche Purist, er wusch seinen Körper ebensooft als seine Kleider, und der Schmutz der medizinischen Sprache wurde bis sogar auf Wörter, wie z. B. Zahnstocher etc., von seiner unbefleckten Zunge gemieden. Ebenso blieb sein Herz sogar von den bloßen Bildern großer Sünden unbesudelt; und diese unwissende Unschuld, so wie eine Unbekanntschaft mit unsern listigen Sitten, machte ihn in drei verschiedenen Augen entweder zum Kinde – oder zum Mädchen – oder zum Engel. –

Das Frühstück von Wasser und Früchten – die überhaupt seinen ganzen Küchenzettel besetzten – rückte strafend unserm Viktor den Wein und Kaffeesatz vor, womit er die Blumen seines Geistes, wie irdische, zuweilen düngen mußte. Blumenscherben waren Dahores Dosen und glühten unter dem Lindengrün, das, von zwei zahmen und doch freien Grasmücken durchhüpft, das lebendige wachsende Deckenstück des Zimmers war. Auch seine Seele schien, wie ein Brahmin, von poetischen Blumen zu leben, und seine Sprache war oft, wie seine Sitten, indisch, d. h. poetisch. So war überall, wie bei mehren Menschen-Magnaten, eine auffallende vorherbestimmte Harmonie zwischen der äußern Natur und seinem Herzen – er fand im Körperlichen leicht die Physiognomie des Geistigen und umgekehrt – er sagte: die Materie ist als Gedanke ebenso edel und geistig als irgendein anderer Gedanke, und wir stellen uns in ihr doch nur die göttlichen Vorstellungen von ihr vor: – z. B. unter dem Frühstück vertiefte er sich in den glimmenden Tautropfen in einer Levkoje und spielte durch das Wiegen des Auges das Farbenklavier derselben durch. »Es muß« – sagte er – »irgendeine Harmonie zwischen diesem Wasserstäubchen und meinem Geiste zusammenklingen, wie zwischen der Tugend und mir, weil beide mich sonst nicht entzücken könnten. Und ist denn dieser Einklang, den der Mensch mit der ganzen Schöpfung (nur in verschiedenen Oktaven) macht, nur ein Spiel des Ewigen und kein Nachhall einer nähern, größern Harmonie?« Ebenso blickte er oft eine glimmende Kohle so lange an, bis sie ihm zu einer Flammen-Aue sich ausgebreitet hatte, die er, von sanften Phantasien beleuchtet, auf- und niederwandelte....

Erdulde, Leser, diese blumige Seele; wir wollen beide denken, daß die Menschen leichter eine Religion als eine Philosophie haben können, und daß jedes System sein eignes Gewebe des Herzens voraussetze, und daß das Herz die Knospe des Kopfes sei.

Der einzige Umstand schmerzte den beglückten Viktor an diesem Morgen, daß er den schönen Blinden nicht umfassen und fragen durfte: »Haben wir nicht schon beisammengelebt, und ist dir meine Stimme nicht so bekannt wie mir deine?« Denn er hielt ihn (wie ich auch) aus mehren Gründen für den zurückgebliebnen Sohn des Pfarrers Eymann. Da aber Dahore darüber schwieg – in dessen hellen lichten Himmel man sonst bis zum kleinsten Nebelstern hinabschauen konnte –: so fürchtete er, vor diesen frommen Ohren seinem Eide des Schweigens zu nahe zu reden, wenn er auch nur seine fragenden Vermutungen über den Blinden entdeckte. Dieser Julius schien nur zwei Wurzeläste seines Wesens zu haben, deren einer in die Flöte und der andre in seinen Lehrer ging. Auf seinem weißen Angesicht, worauf die Trunkenheit des musikalischen Genies und die Abgezogenheit des träumenden Blinden sich mit einer fast weiblichen Schönheit verband, stand der Widerschein seines Lehrers, und die Fibern desselben hatten sich wie Lautensaiten nur in harmonischen Bewegungen geregt. Der arme Blinde, der seinen Dahore für seinen Vater ansah, wurde wie eine Flaumfeder bloß von seinem kleinsten Hauch gelenkt. Viktor zog oft den Kopf des lieben Blinden nahe an sein Gesicht, um die zerstörten Augen zu mustern, ob sie wieder herzustellen wären. Aber ob er gleich mit Schmerzen sah, daß der Unglückliche unheilbar in der vollen lichten Erde bleibe: so wiederholt' er doch immer die nahe Erforschung, bloß um die reizende liebe Gestalt näher an seinem Auge und an seiner Seele zu haben.

Emanuel führte am Morgen als Cicerone der Natur seinen Gast durch die Ruinen und Antiken der Erde; denn jeder Baum ist eine ewige Antike. Wie verschieden ist ein Spaziergang mit einem frommen Menschen, und einer mit einer gemeinen Weltseele! Die Erde kam ihm heilig vor, erst aus den Händen des Schöpfers entfallen – ihm war, als ging' er in einem über uns hängenden überblümten Planeten. Emanuel zeigte ihm Gott und die Liebe überall abgespiegelt, aber überall verändert, im Lichte, in den Farben, in der Tonleiter der lebendigen Wesen, in der Blüte und in der Menschenschönheit, in den Freuden der Tiere, in den Gedanken der Menschen und in den Kreisen der Welten – denn entweder ist alles oder nichts sein Schattenbild –; so malt die Sonne ihr Bild auf alle Wesen, groß im Weltmeere, bunt in Tautropfen, klein auf die Menschen-Netzhaut, als Nebensonne in die Wolke, rot auf den Apfel, silbern auf den Strom, siebenfarbig in den fallenden Regen und schimmernd über den ganzen Mond und über ihre Welten.

Viktor fühlte heute zum ersten Male die Vergrößerung und Verklärung seines Ichs vor einem Geiste, der, ihm ähnlich, aber überlegen, gleich einem sphärischen Hohlspiegel alle Züge seines edlern Teils kolossalisch zurückwarf. Der ganze pöbelhafte Teil seiner Natur verkroch sich, als der höhere sich, von Dahore ins Große gemalt, über die liegenden Triebe aufrichtete. Ein Mensch, den die Sonnennähe eines großen Menschen nicht in Flammen und außer sich bringt, ist nichts wert. Er wollte kaum sprechen, um nur immer ihn zu hören, ob er gleich vorhatte, recht viele Tage dazubleiben. Er war wie vor einem höhern Wesen und vor einer Geliebten, vor denen man weder seinen Kopf noch seine Zunge zeigen will, mit Verzicht auf sein Ich in lautere Wahrheit und Liebe versunken. Von den kleinen Verhältnissen des Orts und des bürgerlichen Lebens war aller Firnis so rein abgesprungen, und sie standen ihm alle so vermooset da, daß er nicht einmal die Namen von Göttingen, von Flachsenfingen, oder leere Lebenvorfälle oder fremde Personalien nennen wollte. Viktor hatte überhaupt eine kleine Verachtung für die Menschen, denen die Nachricht an den Buchbinder lieber ist als das Buch, und die Rezension eines Autors lieber als sein System, und für welche die Erde keine Entzifferkanzlei des Buchs der Natur, sondern ein Sprachzimmer, eine Zeitungbude elender Personalien ist, die sie weder benutzen noch behalten noch beurteilen, sondern nur erzählen wollen; und es ekelten ihn die deutschen Gesellschaften, in denen man so wenig philosophiert. – O wie selig war er, einmal einen ganzen Tag mit einem andern denken, und was noch schöner ist, zugleich dichten zu dürfen!

Seine Zweifel über das Größte, was unsern Kopf erdrücken und unser Herz erheben kann, wurden heute zu Fragen – die Fragen zu Hoffnungen – die Hoffnungen zu Ahnungen. Es gibt Wahrheiten, von denen man hofft, große Menschen werden stärker von ihnen überzeugt sein, als man es selber sein kann; und man will daher durch ihre Überzeugung die seinige ergänzen. Dahore hielt die zwei großen Wahrheiten (Gott und Unsterblichkeit), die wie zwei Säulen das Universum tragen, fest an seinem Herzen; aber er fragte wie die seltnern Menschen, denen die Wahrheit nicht bloß das Schaugericht der Eitelkeit und der Nachtisch des Kopfes ist, sondern ein heiliges Abend- und Liebemahl voll Lebengeist für ihr müdes Herz, er fragte wenig darnach, wenn er keine Anhänger machen konnte. Viktor fühlte, daß er den Artillerietrain und die elektrischen Pistolen und Batterien der Disputierkunst besser zu handhaben verstehe als Emanuel; aber er würde seine eigne Zunge verabscheut haben, wenn sie ihre Leichtigkeit gegen diese schöne Seele gerichtet hätte. Er schwieg aus zwei Gründen. »Versuch es,« sagt' er, »von einer großen, dein ganzes Wesen umfassenden leuchtenden Wahrheit auf dem fliegenden Sekundenweiser, worauf man im flüchtigen Gespräche steht, mit den wenigen trocknen Tuschen, womit menschliche Ideen anzufärben sind, und mit der unbehülflichen Menschenzunge, womit du diese Farbenkörner ausbreiten mußt, versuch es, von deiner Wahrheit ein Schmelzbild, ein Altarblatt zu geben – wahrhaftig ein Schattenriß, ein durchsichtiges Sternbild wird alles sein, was du liefern kannst.« Der lichte Himmel gewisser einfacher tieffühlenden Menschen hüllet, wie der äußere, alle seine Sonnen, die wärmste ausgenommen, mit dem Schein eines öden Blaues zu; aber der unreine Himmel anderer voll Witz und Logik ist mit Nebensonnen, Bögen, Nordscheinen, Wolken und Rot geputzt.

Der zweite, bessere Grund, warum er die Opponenten-Ehre verschmähte, war sein Herz, das mehr in sich schloß, als der Kopf beleuchten konnte. Gewisse Ansichten können nicht so leicht wie Mauergemälde in Italien abgelöset werden und aus einem Kopfe in den andern gebracht – das Licht, das dir der andre geben kann, zeigt, aber zimmert nicht den Hausrat deines Innern, und das, was das Licht bei einigen wirklich erschafft, ist Lufterscheinung, optischer Betrug, aber kein KörperAufklärung in einem leeren Herzen ist bloß Gedächtniswerk, sie strenge übrigens den Scharfsinn noch so sehr an; die meisten Menschen unserertage gleichen den neuen Häusern in Potsdam, in die (nach Reichard) Friedrich II. zu nachts Lichter setzen ließ, damit jeder und selber Reichard denken sollte, sie seien – bewohnt.. – Daher kommt es nicht auf das Zeigen und Ersehen einer Wahrheit, d. h. eines Gegenstandes an, sondern auf die Wirkungen, die er durch dein ganzes Inneres macht. Warum gibt es denn Menschen, die uns, wie Sokrates den Aristides, heiligen, bloß wenn wir bei ihnen sind? – Wie vermögen es große Schriftsteller, daß ihr unsichtbarer Geist in ihren Werken uns ergreift und festhält, ohne daß wir die Worte und Stellen angeben können, womit sie es tun, wie ein vollbelaubter Wald immer brauset, ohne sich mit einzelnen Ästen zu bewegen? – Warum überwältigte Emanuel seinen geliebten Horion – mehr als durch breite Thesesbilder, rationes decidendi und sententiae magistrales – bloß durch die Verklärung in seinem Angesicht, durch den leisen Echoton seiner Stimme, durch den Glanz in seinem Blick und durch die Andacht in seiner Brust, wenn er Wahrheiten, die der Sprache alt und dem Herzen neu waren, feierlich sagte, wie folgende:

Der Mensch geht wie die Erde von Westen nach Osten, aber es kommt ihm vor, er gehe mit ihr von Osten nach Westen, vom Leben ins Grab.

Das Höchste und Edelste im Menschen verbirgt sich und ist ohne Nutzen für die tätige Welt (wie die höchsten Berge keine Gewächse tragen), und aus der Kette schöner Gedanken können sich nur einige Glieder als Taten ablösenDie meisten Menschen haben vielleicht nur eine gleiche Zahl guter Ge danken und Taten; aber es ist noch nicht bestimmt, wie lange der Tugendhafte die guten Gedanken, die weniger als gute Handlungen der äußern Welt bedürfen, durch gleichgültige unterbrechen darf. .

Unsere zwecklose Tätigkeit, unsere Griffe nach Luft müssen höheren Wesen vorkommen wie das Fangen der Sterbenden nach dem Deckbette.

Der Geist erwacht und wird erwachen, wenn das Sinnenlicht auslöscht, wie Schlafende erwachen, wenn das Nachtlicht auslöscht. – –

Warum blieben diese Gedanken als Schauder in der Seele? Weil Horion etwas Höheres fühlte, als je die Sprache, die nur für die Alltag-Empfindungen erfunden ist, wiedergeben kann – weil er schon in seiner Kindheit die Systeme haßte, die alles Unerklärliche verstecken, und weil der Menschengeist sich im Erklärlichen und Endlichen so erdrückt empfindet, als er es in einem Bergwerk oder durch den Gedanken ist, daß sich oben irgendwo der Himmelraum zuspünde.

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