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Hesperus oder 45 Hundposttage

Jean Paul Richter: Hesperus oder 45 Hundposttage - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleHesperus oder 45 Hundposttage
pages471-1236
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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Dritter Schalttag

Wetterbeobachtungen über den Menschen

Da ich im vorigen Kapitel die Kernsprüche des Lords niederschrieb: so sah' ich, daß mir selber eigne einfielen, die für Schalttage zu brauchen wären. Ich habe niemals eine Bemerkung allein gemacht, sondern allemal zwanzig, dreißig hintereinander – und gerade diese erste ist ein Beweis davon.

*

Wenn jemand bescheiden bleibt, nicht beim Lobe, sondern beim Tadel, dann ist ers.

*

Das Gespräch des Volks und noch mehr die Briefe der Mädchen haben einen eignen Wohlklang durch einen steten Wechsel mit langen und kurzen Silben (Trochäen oder Jamben).

*

Zwei Dinge vergisset ein Mädchen am leichtesten, erstlich wie sie aussieht – daher die Spiegel erfunden wurden –, und zweitens, worin sich das von daß unterscheidet. Ich besorg' aber, daß sie den Unterschied, bloß um meinen Satz umzustoßen, von heute an behalten werden. Und dann geht mir einer von den beiden Probiersteinen verlorenEs lief glücklicher und ohne Verlust der Steine ab; und ich hatte die Genugtuung, daß keine, welche die erste Auflage dieses Werks gelesen, im weiblichen Rochieren oder Chargentausche des das und daß etwas geändert hat. – ja sogar die Leserinnen der zweiten Auflage sind sich gleich geblieben. , an die ich bisher gelehrte Frauenzimmer strich – der zweite, den ich behalte, ist ihr linker Daumennagel, welchen das Federmesser zuweilen voll Narben geschnitten, aber selten, weil sie die Feder leichter führen als schneiden.

*

Einer, der viele Wohltaten empfangen, hört auf, sie zu zählen, und fängt an, sie zu wägen – als wärens Stimmen.

*

Die Versetzung in gute Charaktere tut einem Dichter und Schauspieler, der seinen behält, mehr Schaden als die Versetzung in schlimme. Ein Geistlicher, der noch dazu nur die erstere Versetzung frei hat, ist der moralischen Atonie mehr bloßgestellet als der Vers- und Rollenmacher, der eine heilige Rolle wieder durch eine unheilige gutzumachen vermag.

*

Die Leidenschaft macht die besten Beobachtungen und die elendesten Schlüsse. Sie ist ein Fernrohr, dessen Feld desto heller, je enger es ist.

*

Die Menschen fodern von einem neuen Fürsten – Bischof – Haushofmeister – Kinderstuben-Hofmeister – Kapaunenstopfer – Stadtmusikus und Stadtsyndikus nur in der ersten Woche ganz besondere Vorzüge, die dem Vorfahr fehlten: – denn in der zweiten haben sie vergessen, was sie gefodert und was sie verfehlet haben.

*

Solche Sentenzen gefallen und bleiben den Weibern am meisten.

*

Daher will ich zur Belohnung mehr als eine über sie selber verfertigen. Sie halten andere nur für jünger, nicht für schöner als sich.

*

Sie sind noch zehnmal listiger und falscher gegen einander als gegen uns; wir aber sind gegen uns fast noch redlicher als gegen sie.

*

Sie sehen nur darauf, daß man sich bei ihnen entschuldige, nicht wie.

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Sie vergeben dem Geliebten mehre Flecken als wir der Geliebten. Daher die Romanschreiber die Helden ihres Kiels saufen, toben, duellieren und überall übernachten lassen, ohne den geringsten Nachteil der Helden. – Die Heldin hingegen muß zu Hause neben der Mutter sitzen und ein Engelein sein.

*

Überhaupt sind sie so weich, so mild, so teilnehmend, so fein, so liebevoll und liebesehnsüchtig, daß es mir gar nicht in den Kopf will, warum sie – einander selbst nicht recht leiden können, – wenns nicht etwa darum ist, weil sie gegen einander zu höflich sind, um sich förmlich auszusöhnen oder förmlich zu entzweien. Ihr Lieben! ihr liebt zuweilen einen Menschen, weil er einen Freund hat und einer ist – o, wie gut würde euch erst eine Freundin kleiden.

*

Man lernt Verschwiegenheit am meisten unter Menschen, die keine haben – und Plauderhaftigkeit unter Verschwiegenen.

*

Wenn Selbkenntnis der Weg zur Tugend ist: so ist Tugend noch mehr der Weg zur Selbkenntnis. Eine gebesserte gereinigte Seele wird von der kleinsten moralischen Giftart wie gewisse Edelsteine von jeder andern trübe, und jetzo nach der Besserung merkt sie erst, wie viele Unreinigkeiten sich noch in allen Winkeln aufhalten.

*

Ich will mit einigen Regeln der Besserung schließen: Stelle keinem, sobald deine Brust den Seitenstich des Zorns befürchten muß, beredt seine Fehler vor; denn indem du ihn von seiner Sträflichkeit überreden willst, so überredest du dich selber davon und wirst also erbost. – Male dir an jedem Morgen die ungefähren Lagen und Leidenschaften vor, worin du am Tage kommen kannst: du beträgst dich dann besser, denn man ist selten in einer wiederholten Lage zum zweitenmal schlecht. – Zürnet dein Freund mit dir: so verschaff ihm eine Gelegenheit, dir einen großen Gefallen zu erweisen; darüber muß sein Herz zerfließen, und er wird dich wieder lieben. – Keine Entschlüsse sind groß als die, welche man mehr als einmal auszuführen hat. Daher ist Unterlassen schwerer als Unternehmen; denn jenes muß länger fortgesetzet werden, und dieses ist noch mit dem Gefühle einer doppelten Kraftäußerung verknüpft, einer psychologischen und einer moralischen. – Verzage nur nicht, wenn du einmal fehlest; und deine ganze Reue sei eine schönere Tat. – Mache dich (durch Stoizismus oder womit du kannst) nur ruhig, dann hast du wenig Mühe, dich auch tugendhaft zu machen. – Fange deine Herzausbildung nicht mit dem Anbau der edeln Triebe, sondern mit dem Ausschneiden der schlechten an. Ist einmal das Unkraut verwelkt oder ausgezogen: dann richtet sich der edlere Blumenflor von selber kräftig in die Höhe. – Das tugendhafte Herz wird, wie der Körper, mehr durch Arbeit als durch gute Nahrung gesund und stark. Daher kann ich aufhören.

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