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Hesperus oder 45 Hundposttage

Jean Paul Richter: Hesperus oder 45 Hundposttage - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleHesperus oder 45 Hundposttage
pages471-1236
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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Ach du dauerst mich! Denn die Wunden, die aufgedeckt werden können, sind nicht tief; der Schmerz, den ein menschenfreundliches Auge finden, eine weiche Hand lindern kann, ist nur klein. – Aber der Gram, den der Freund nicht sehen darf, weil er ihn nicht nehmen kann, dieser Gram, der zuweilen ins beglückte Auge in Gestalt eines plötzlichen Tropfens aufsteigt, den das weggewandte Angesicht vertilgt, hängt überdeckt schwerer und schwerer am Herzen und zieht es endlich los und fällt mit ihm unter die heilende Erde hinab: so werden die Eisenkugeln an den über dem Meer gestorbnen Menschen angeknüpft, und sie sinken mit ihm schneller in sein großes Grab. – –

Er fuhr fort: »Ich werde dir etwas sagen; aber schwöre hier auf dieser teuern Asche, zu schweigen. Es betrifft deinen Flamin, und diesem mußt du es verhehlen.« Das fiel dem von einer Welle auf die andre gestürzten Viktor auf. Er erinnerte sich, daß ihm Flamin das Versprechen auf der Warte abgedrungen, daß sie miteinander, wenn sie sich zu sehr beleidigt hätten, sterben wollten. Er stand mit dem Schwur an – endlich sagt' er: »Aber kurz vor meinem Tode darf ichs ihm sagen?« – »Kannst du ihn wissen?« sagte sein Vater. – »Aber im Fall?« – »Dann!« sagte jener kalt. –

Viktor schwur; und zitterte vor dem künftigen Inhalt des Eides.

Auch mußt' er versprechen, vor der Wiederkehr des Lords diese dunkle Insel nicht zu besuchen.

Sie traten aus dem Laub-Mausoleum und ließen sich auf eine umgestürzte Stalaktite nieder. Zuweilen fiel unter dem Reden ein fremder Harmonika-Ton von Blatt zu Blatt, und in einer weiten Ferne schienen die vier Paradieses-Flüsse unter einem mitbebenden Zephyr hinwegzuhallen.

Der Vater begann: »Flamin ist Klotildens Bruder und des Fürsten Sohn.« – –

Nur ein solcher Gedanken-Blitz konnte noch in Viktors geblendete Seele dringen: eine neue Welt ging in ihm jetzt in die Höhe und riß ihn aus der nahen großen weg. –

»Auch« (fuhr Horion fort) »leben Januars drei andere Kinder in England noch, bloß das vierte auf den sieben Inseln ist unsichtbar.« Viktor begriff nichts; der Lord riß der Vergangenheit alle Schleier ab und führte ihn vor eine neue Aussicht ins nahe Leben und ins verflossene. Ich werde nachher alle Entdeckungen und Geheimnisse des Lords dem Leser geben: jetzt will ich erst den Abschied des Vaters und des Sohns erzählen.

Während der Lord seinen Sohn in die düstern unterirdischen Gänge der vorigen Zeit begleitete und ihm alles sagte, was er der Welt verschwieg: so gingen aus Viktors Augen Tränen über manche Geringfügigkeit, die keine verdienen konnte; aber der Strom dieser weichen Augen wurde nicht durch diese Erzählung, sondern durch das zurückkehrende Andenken an den unglücklichen Vater und durch die Nähe der bedeckten schönen Aschengestalt und des Trauermarmors aus dem fortweinenden Herzen gedrückt. – Endlich hörten alle Töne der Insel auf – das schwarze Tor schien zuzufallen – alles war still – der Lord war mit der Enthüllung und allem zu Ende und sagte: »Geh immer heute noch nach Maienthal – und sei vorsichtig und glücklich!« – Aber ob er gleich den Abschied mit jener zurückhaltenden Feinheit nahm, die in seinem Stande sogar Eltern und Kindern die Hände und die Arme führt: so drückte doch Viktor den kindlichen, von Seufzern und Gefühlen schwangern Busen an den väterlichen mit einer Heftigkeit, als wollt' er sein verarmendes Herz zu den Tränen entzweipressen, die er immer heißer und größer zeigen mußte. Ach der Verlassene! Als die Brücke, welche die väterlichen und die kindlichen Tage auseinanderspaltete, aufgestiegen war, ging Viktor allein darüber, wankend und taub – und als sie ins Wasser wieder eingesunken und der Vater in die Insel verschwunden war, drückte ihn das Mitleiden auf das Ufer darnieder – und als er alle Tränen aus dem leidenden Herzen wie Pfeile gezogen hatte, verließ er langsam und träumend die stille Gegend der Rätsel und Schmerzen und den dunkeln Trauergarten der toten Mutter und des düstern Vaters, und seine ganze erschütterte Seele rief unaufhörlich: ach guter Vater, hoffe wenigstens und kehre wieder und verlaß mich nicht! –

Wir wollen jetzt alles, was in der bisherigen Geschichte Dunkelheiten machte, und was der Lord seinem Sohne aufhellte, uns auch aufklären. Man erinnert sich noch, daß zur Zeit, da er nach Frankreich abging, um die Kinder des Fürsten – den sogenannten Walliser, Brasilier und Asturier und den Monsieur – abzuholen, die finstere Nachricht ihrer Entführung einlief. Diese Entführung hatt' er aber (das gestand er nun) selber veranstaltet, bloß das Verschwinden des Monsieur auf den sieben Inseln war ohne sein Wissen vorgefallen; und in seine Unwahrheit konnt' er also einige Wahrheit als Mundleim mischen. Diese drei Kinder ließ er verborgen nach England bringen und sie in Eton zu Gelehrten und in London zu Semperfreien erziehen, um sie einmal ihrem Vater als blutverwandte Beistände seiner wankenden Regierung wiederzuschenken. Daher hatt' er dem sogenannten Infanten (Flamin) Regierrat werden helfen. Sobald er einmal die ganze Kinderkolonie beisammen hat, so überrascht und beglückt er den Vater mit ihrer frohen Erscheinung. Den jetzt unsichtbaren Sohn des Kaplans, der Blattern und Blindheit vor dem Einschiffen bekam, verheimlicht er darum, weil sonst leicht zu erraten wäre, wem Flamin eigentlich angehöre.

Viktor fragte ihn, wie er den Fürsten von der Verwandtschaft mit vier oder fünf Unbekannten überführe. »Durch mein Wort«, versetzte Horion anfangs; dann fügte er die übrigen Beweismittel hinzu: bei Flamin das Zeugnis der mitkommenden Mutter (der Nichte), bei den übrigen ihre Ähnlichkeit mit ihren Abbildern, die er noch hat, und endlich das Muttermal eines Stettinerapfels.

Viktor hatt' es schon lange von der Pfarrerin gehört, alle Söhne Jenners hätten ein gewisses Mutter- oder Vatermal auf dem linken Schulterblatt, das wie nichts aussähe, ausgenommen im Herbst, wenn die Stettiner reifen: da werd' es auch rot und gleiche dem Urbild. – Dem Leser selber müssen aus den Jahrbüchern der kuriosen und gelehrten Gesellschaften ganze Fruchtkörbe voll Kirschen vorgekommen sein, deren Rötelzeichnung nur matt auf Kindern war, und die sich erst mit den reifenden Urbildern auf den Zweigen höher röteten. Wäre einem Bad-Gesellschafter von mir zu glauben, so hätt' ich selber ein solches Stettiner Fruchtstück auf der Schulter hängen: die Sache ist nicht wahrscheinlich und nicht erheblich; inzwischen dürft' ich doch im künftigen Herbste – denn ich setzte mirs einige Herbste vor, nun aber erinnert mich Knef mit seinem Hunde daran –, sobald die Stettiner zeitigen, einen Spiegel nehmen und mich von hinten besehen. – Und aus demselben Grunde schiebt diese Stettiner Fruchtschnur die Rückkehr des Lords, wenigstens die Übergabe und Erkennung der Kinder, auf die Herbstzeit ihrer Röte auf.

Ich mache mir kein Bedenken, hier ein satirische Note meines Korrespondenten zu übergeben. »Stellen Sie sich« (schreibt er) »bei dieser Nachricht, als täten Sie es auf mein Geheiß, und erzählen Sie des Lords Exposition und Offenbarung, wenn Sie sie einmal erzählet haben, Ihrem Leser ganz ruhig zum zweitenmal; damit er sie nicht vergißt oder verwirrt. Leser kann man nicht genug betrügen, und ein gescheiter Autor wird sie gern an seinem Arm in Mardereisen, Wolfgruben und Prellgarne geleiten.« Ich bekenn' es, zu solchen Pfiffen hatt' ich von jeher schlechten Ansatz – und bringt es überhaupt nicht mir und dem Leser mehr Ehre, wenn ers gleich aufs erstemal behält, daß Flamin Jenners natürlicher und Le Bauts angeblicher Sohn ist – daß des Pfarrers seiner blind und nicht da ist – daß noch drei oder vier andre Jenners-Kinder aus den gallischen Seestädten nachkommen – –, mehr Ehre, sag' ich, als wenn ichs jetzt ihm zum zweiten Male (im Grunde wär's zum dritten Male) vorkäuen müßte, daß Flamin Jenners natürlicher und Le Bauts angeblicher Sohn ist, daß des Pfarrers seiner blind und nicht da ist, und daß noch drei oder vier andre Jenners-Kinder aus den gallischen Seestädten nachkommen? Ich frage.

Der Lord hatte seinem Sohn den Eid des Schweigens gegen Flamin darum abgefodert, weil dieser aus Rechtschaffenheit alle Geheimnisse bewahrte, aber aus Zornhitze alle verriet – weil er in dieser seine Geburt geltend machen würde, bloß um sich mit einem Widersacher herumzuschießen – weil er noch morgen deswegen aus einem Vorfechter mit dem Themis-Schwerte ein Nachfechter mit dem Kriegsdegen werden könnte – und weil sich überhaupt ein Geheimnis gleich der Liebe noch besser unter zwei Teilnehmern befindet als unter dreien. Auch glaubte der Lord, aus einem Menschen, dem man Geld gäbe, damit er etwas würde, würde mehr als aus einem, der etwas wäre, weil er Geld hätte, und der die Münzen für seine Erbschaftwappen und nicht für ausgesetzte Preismedaillen künftiger Auflösungen ansähe.

Nach allen diesen Eröffnungen machte der Lord unserem Viktor noch eine wichtige, auf die er in der übereiseten Laufbahn seines künftigen Hoflebens immer wie auf eine Warntafel zurückzublicken habe.

Als der Lord vor dem Aschen-Hause seiner Geliebten erblindete, wurde seine ganze Korrespondenz mit England, mit der Nichte und mit den Lehrern der Fürstenkinder erschwert, wenigstens verändert. Er mußte sich die einlaufenden Briefe von einem Freunde vorlesen lassen, dem er trauen konnte; er konnt' aber keinem trauen. Allein eine Freundin fand er aus, die den glänzenden Vorzug seines Vertrauens verdiente, und die niemand war als – Klotilde. Er, der seine Geheimnisse nicht wie ein Jüngling verschleuderte, durft' es dennoch wagen, Klotilden in den Besitz seiner größten zu setzen und sie zur Buchhalterin und Vorleserin der Briefe ihrer Mutter zu machen, der sogenannten Nichte. Überhaupt hielt er die weibliche Verschwiegenheit für größer als unsere – wenigstens in wichtigen Dingen und in Sachen geliebter Männer. – – Aber man höre, was der Teufel im letzten Winter tat: mir ists bedenklich.

Der Lord erhielt einen Brief von der Mutter Flamins, worin sie ihre alten Bitten um eine schnellere Erhebung des geliebten Kindes und die Fragen über sein Schicksal im Pfarrhaus wiederholte. Zum Glück machte gerade Klotilde einen Besuch in St. Lüne und ersparte ihm die Reise nach Maienthal. Er besuchte den Kammerherrn, um von seiner Vorleserin den Brief zu hören. Mit Mühe fand er im Zimmer Klotildens eine unbelauschte Stunde aus. Als er sie endlich hatte, und Klotilde den Brief verlas, wird diese durch die Stiefmutter von der Vorlesung weggerufen. Der Lord höret sie sogleich wiederkommen, den Brief nur dunkelmurmelnd überlesen und leise sagen, sie gehe wieder, komme aber gleich zurück. Nach einigen Minuten kömmt Klotilde, und da der Lord fragt, warum sie zum zweitenmal fortgegangen, streitet sie das zweite Gehen ab – der Lord beteuert – sie gleichfalls – endlich fällt Klotilde auf die bittere Vermutung, ob nicht Matthieu dagewesen und mit seiner Theaterkunst und Kehle, worin alle Menschenstimmen steckten, sie selber nachgespielt und travestieret habe, um unter ihrem Kreditiv den wichtigen Brief zu lesen. Ach es war zu viel für die Vermutung, und zu wenig dagegen! Zwar konnte Matthieu jetzt an Flamin, dessen akademische Laufbahn eben ausgelaufen war, die Oktoberprobe der Schulterdevise nicht vornehmen; aber er klebe sich doch (schien es nachher Klotilden und dem Lord) mit seinen Laubfroschfüßen an diese gute Seele an, und unter dem Deckmantel der Liebe gegen Agathe und gegen den Freund häng' er seine Fäden aus, lasse sie vom Winde zwischen dem Fürstenschlosse und Pfarrhause aufspannen, spinne immer einen über den andern, bis endlich sein Vater, der Minister Schleunes, das rechte Netz zum Umwickeln des Fanges zusammengezwirnt hätte.... Ich gesteh' es, durch diese Vermutung geht mir ein Licht über tausend Dinge auf. –

Viktor erstaunte ärger als wir und schlug dem Lord vor, ob er nicht ohne Schaden seines Eides Klotilden seinen Eintritt in diese Mysterien offenbaren könnte, da er zwei Gründe dazu hätte: erstlich werde ihrer Delikatesse die Verlegenheit über den Schein erspart, den ihre schwesterliche Liebe sonst nach ihrer Meinung in seinen Augen haben müßteDaher sie auch, solange Viktor im Pfarrhause war, der Gesellschaft Flamins auswich. – zweitens behalte man ein Geheimnis besser, wenn nur noch einer daran schweigen helfe, wie von Midas' Barbier und dem Schilfrohr bekannt sei – der dritte Grund war, er hatte mehre Gründe. Natürlicherweise schlug es ihm der Lord nicht ab.

Übrigens führte er seinen Viktor mit keinem pedantischen Marschreglement auf die Eisbahn und Stechbahn des Hofes. Er riet ihm bloß, niemand zu absichtlich zu suchen und zu meiden – besonders das Schleunessche Haus – bloß seinen Freund Flamin, den Matthieu lenke, abzuzäumen und ihn, anstatt am Zaume, lieber an der freundschaftlichen Hand zu führen – bloß den Rang eines Doktors zu begehren, und mehr nicht. Er sagte, Regeln vor Erfahrungen wären Geometrie vor dem Starstechen. Sogar nach der Ernte der Erfahrungen wäre Gracians homme de cour und Rochefoucaults Maximen nicht so gut als die mémoires und Geschichte der Höfe, d. h. die Erfahrungen andrer. Endlich berief er sich auf sein eignes Beispiel und sagte, es wären erst wenige Jahre, daß er folgende Regeln seines Vaters begriffe:

Der größte Haß ist, wie die größte Tugend und die schlimmsten Hunde, still. – Die Weiber haben mehr Wallungen und weniger Überwallungen als wir. – Man hasset am andern nichts so sehr als einen neuen Fehler, den er erst nach Jahren zeigt. – Die meisten Narrheiten verübt man unter Leuten, nach denen man nichts fragt. – Es ist die gewöhnlichste und schädlichste Täuschung, daß man sich allzeit für den einzigen hält, der gewisse Dinge bemerkt. – Die Weiber und sanfte Leute sind nur zaghaft in eignen Gefahren, und herzhaft in fremden, wenn sie retten sollen. – Traue keinem (und wär' es ein Heiliger), der in der geringsten Kleinigkeit seine Ehre im Stiche lässet; und einer solchen Frau noch weniger. – Die erste Gefälligkeit gewährt dir jeder gern, die zweite ungern, die dritte gar nicht. – Die meisten verwechseln ihre Eitelkeit mit ihrer Ehrliebe und geben Wunden der einen für Wunden der andern aus, und umgekehrt. – Was wir aus Menschenliebe vorhaben, würden wir allemal erreichen, wenn wir keinen Eigennutz einmischten. – Die Wärme eines Mannes wird von nichts leichter verkannt als von der Wärme eines Jünglings. – –

Die letzte Bemerkung, die sich vielleicht näher bezog, hatt' er schon am Ufer der Insel in der Stellung des Abschieds gemacht, den er mit jener besonnenen Höflichkeit nahm, die in seinem Stande sogar Eltern und Kindern die Hände und Arme führt.

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