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Hesperus oder 45 Hundposttage

Jean Paul Richter: Hesperus oder 45 Hundposttage - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleHesperus oder 45 Hundposttage
pages471-1236
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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Erbetteltes Extrablättchen über die größere Freiheit in Despotien

Nicht nur in Gymnasien und Republiken, sondern auch (wie man auf der vorigen Seite sieht) in Monarchien werden Reden genug gehalten – ans Volk nicht, aber doch an dessen curatores absentis. Ebenso ist in Monarchien Freiheit genug, obgleich in Despotien deren noch mehr sein mag als in jenen und in Republiken. Ein wahrer despotischer Staat hat, wie ein erfrornes Faß Wein, nicht seinen (Freiheit-) Geist verloren, sondern ihn nur aus dem wässerigen Umkreis in einen Feuerpunkt gedrängt; in einem solchen glücklichen Staate ist die Freiheit bloß unter die wenigen, die dazu reif sind, unter den Sultan und seine Bassen, verteilt, und diese Göttin (die noch öfter als der Vogel Phönix abgebildet wird) hält sich für die Menge der Anbeter desto besser durch den Wert und Eifer derselben schadlos, da ihre wenigen Epopten oder Eingeweihten – die Bassen – ihren Einfluß in einem Maß genießen, dessen ein ganzes Volk nie habhaft wird. Die Freiheit wird gleich den Erbschaftmassen durch die Menge der Erbnehmer kleiner; und ich bin überzeugt, der wäre am meisten frei, der allein frei wäre. Eine Demokratie und ein Ölgemälde sind nur auf eine Leinwand ohne Knoten (Ungleichheiten) aufzutragen, aber eine Despotie ist eine erhobene Arbeit – oder noch sonderbarer: die despotische Freiheit wohnt wie Kanarienvögel nur in hohen Vogelbauern, die republikanische wie Emmerlinge nur in langen. –

Ein Despot ist die praktische Vernunft eines ganzen Landes; die Untertanen sind ebenso viele dagegen kämpfende Triebe, die überwunden werden müssen. Ihm gehört daher die gesetzgebende Gewalt allein (die ausübende seinen Günstlingen); – schon bloße gescheite Männer (wie Solon, Lykurg) hatten die gesetzgebende Gewalt allein und waren die Magnetnadel, die das Staatschiff führte; ein Despot besteht, als Thronfolger von jenen, fast aus lauter Gesetzen, aus fremden und eignen zugleich, und ist der Magnetberg, der das Staatschiff zu sich bewegt. – »Sein eigner Sklave sein, ist die härteste Sklaverei«, sagt ein Alter, wenigstens ein Lateiner; der Despot fodert aber von andern nur die leichtere und nimmt auf sich die schwerere. – Ein anderer sagt: parere scire par imperio gloria est; Ruhm und Ehre erbeutet also ein Negersklave so viel wie ein Negerkönig. – Servi pro nullis habentur; daher fühlen auch politische Nullitäten den Druck der Hofluft so wenig wie wir den der andern Luft; despotische Realitäten aber verdienen schon darum ihre Freiheit, weil sie den Wert derselben so sehr zu fühlen und zu schätzen wissen. – Ein Republikaner im edlern Sinn, z. B. der Kaiser in Persien, dessen Freiheitmütze ein Turban und dessen Freiheitbaum ein Thron ist, ficht hinter seiner militärischen Propaganda und hinter seinen Ohnehosen mit einer Wärme für die Freiheit, wie sie die alten Autores in den Gymnasien fodern und schildern. Ja wir sind nie berechtigt, solchen Thron-Republikanern Brutus-Seelengröße früher abzusprechen, als man sie auf die Probe gesetzt; und wenn in der Geschichte das Gute mehr aufgezeichnet würde als das Schlimme, so müßte man schon jetzt unter so vielen Schachs, Khans, Rajahs, Kalifen manchen Harmodion, Aristogiton, Brutus etc. aufzuweisen haben, der imstande war, seine Freiheit (Sklaven kämpfen für eine fremde) sogar mit dem Tode sonst guter Menschen und Freunde zu bezahlen. –

Ende des erbettelten Extrablättchens über die größere Freiheit in Despotien

Das Extrablättchen und der dritte Akt sind aus, aber dieser war ernsthafter und kürzer als jenes.

Vierter Akt. Indem ich den Vorhang herab und wieder hinauf warf: setzte ich die Welt aus dem kürzesten Akt in den längsten. Zur Prinzessin – die jetzt, wie die deutsche Reichsgeschichte meldet, sitzt – trat ihre LandsmannschaftDer flachsenfingische Hofstaat küßte zwar die Hand eher; aber man wird schon sehen, warum ichs umkehre. , die weder sehr ehrlich, noch sehr dumm aussah, die Oberhofmeisterin, der Hof-Beichtvater, der Hof-Äskulap, Damen und Bedienten und alles. Dieser Hofstaat nimmt nicht Abschied – der ist schon ingeheim genommen –, sondern rekapituliert ihn bloß durch eine stille Verbeugung. Der nächste Schritt aller Welschen war aus dem Mittelzimmer nach – Italien.

Die Italiener gingen vor Sebastians Warenlager vorbei und wischten aus ihrem Gesicht, dessen feste Teile en haut-relief waren – die deutschen waren en bas-relief –, einen edlern Schimmer weg, als jener ist, den Höfe geben; – Viktor sah unter so vielen akzentuierten Augenknochen die Zeichen seiner eignen Wehmut vervielfältigt, die ihn für das willige fremde Herz beklemmte, das allein zurückblieb unter dem frostigen Thron- und Wolkenhimmel der Deutschen, von allen geliebten Sitten und Szenen weggerissen, mikroskopischen Augen vorgeführt, deren Brennpunkt in weiche Gefühle sengt, und an eine Brust von Eis gebunden....

Als er alles dieses dachte und die Landsleute sah, wie sie einpackten, weil sie kein Wort mehr mit der Fürstin sprechen durften – und als er die stumme gelenkte Gestalt drinnen ansah, die keine andere Perlen zeigen durfte als orientalische (obgleich der Traum und der Besitz der letztern abendländische bedeutet: Tränen mein' ich), so wünscht' er: »Ach du Gute, könnt' ich nur einen dreifachen Schleier so lange über dein Auge ziehen, bis es eine Träne vergossen hätte! – Dürft' ich dir nur die versteigerte Hand küssen, wie deine Hofdamen jetzt tun, um mit meinen Tränen die Nähe eines gerührten Herzens auf die verkaufte Hand zu schreiben...«

Seid weich und erweitert nicht Fürstenhaß zu Fürstinnen-Haß! Soll uns ein gebeugtes weibliches Haupt nicht rühren, weil es sich auf einen Tisch von Mahagoni stützt, und große Tränen nicht, weil sie in Seide fallen? »Es ist zu hart,« – sagte Viktor im Hannöverschen – »daß Dichter und magistri legentes, wenn sie neben einem Lustschloß vorbeigehen, mit einer neidischen Schadenfreude die Bemerkung machen, darin werde vielleicht ebensoviel Tränenbrot gebacken wie in Fischerhütten. O wohl größeres und härteres! Aber ist das Auge, aus dem im Dachsbau eines Schotten nichts Tränen presset als der Stubenrauch, eines größern Mitleids wert als jenes zarte, das gleich dem eines Albinos schon von Freudenstrahlen schmerzt und das der gequälte Geist mit geistigen Zähren erfüllt? Ach unten in den Tälern wird nur die Haut, aber oben auf den Höhen der Stände das Herz durchstochen; und die Zeigerstange der Dorfuhr rückt bloß um Stunden des Hungers und des Schweißes, aber der mit Brillanten besetzte Sekundenzeiger fliegt um öde, durchweinte, verzagende, blutige Minuten.« –

Aber zum Glück wird uns die Leidengeschichte jener weiblichen Opfer nie vorgelesen, deren Herzen zum Schlagschatz und, wie andre Juwelen, zu den Throninsignien geworfen werden, die als beseelte Blumen, gesteckt an ein mit Hermelin umgebnes Totenherz, ungenossen zerfallen auf dem Paradebett, von niemand betrauert als von einer entfernten weichen Seele, die im Staatskalender nicht steht...

Dieser Akt besteht fast aus lauter Gängen: überhaupt gleicht diese Komödie dem Leben eines Kindes – im ersten Akt war Hausrat-Besorgung für das künftige Dasein – im zweiten Ankommen – im dritten Reden – im vierten Gehenlernen u. s. w.

Als Deutschland an Welschland und dieses an jenes Reden genug gehalten hatte: so nahm Deutschland oder vielmehr Flachsenfingen oder eigentlich ein Stück davon, der Minister Schleunes, die Fürstin bei der Hand und führte sie aus dem heißen Erdgürtel in den kalten – ich meine nicht aus dem Brautbette ins Ehebette, sondern – aus dem italienischen Territorium der Stube ins flachsenfingische über den seidnen Rubikon hinweg. Der flachsenfingische Hofstaat steht als rechter Flügel drüben und ist gar noch nicht zum Gefechte gekommen. Sobald sie die seidne Linie passiert war: so wars gut, wenn das erste, was sie in ihrem neuen Lande tat, etwas Merkwürdiges war; und in der Tat tat sie vor den Augen ihres neuen Hofs 4½ Schritte und – setzte sich in den flachsenfingischen Sessel, den ich schon im ersten Akt vakant dazu hingestellt. Jetzo rückte endlich der rechte Flügel ins Feuer, zum Hand- und Rockkuß. Jeder im rechten Flügel – der linke gar nicht – fühlte die Würde dessen, was er anhob, und dieses Gefühl, das sich mit persönlichem Stolz verschmolz, kam – da nach Platner der Stolz mit dem Erhabnen verwandt ist – meiner Benefizfarce recht zupasse, in der ich nicht erhaben genug ausfallen kann. Groß und still, in seidne Fischreusen eingeschifft, in einen Roben-Golf versenkt, segeln die Hofdamen mit ihren Lippen an die stille Hand, die mit Ehe-Handschellen an eine fremde geschlossen wird. Weniger erhaben, aber erhaben wird auch das adamitische Personale herangetrieben, worunter ich leider den Apotheker Zeusel mit sehe.

Wir kennen unter ihnen niemand als den Minister, seinen Sohn Matz, der unsern Helden gar nicht bemerkt, den Leibarzt der Prinzessin Kuhlpepper, der, vom Fette und Doktorhut in eine schwere Lots-Salzsäule verwandelt, sich wie eine Schildkröte vor die Regentin und Patientin schiebt. –

Kein Mensch weiß, wie mich Zeusel ängstigt. Gegen alle Rangordnung stell' ich lieber früher als ihn die feisten, in schelmische Dummheit verquollenen Livreebedienten vor, deren Röcke weniger aus Fäden als aus Borten bestehen, und die sich als gelbe Bänder-Präparate vor müden, an schönere Gestalten gewöhnten Augen bücken. Viktor fand durch seine britische Brille die italienischen glasierten Hofgesichter wenigstens malerisch-schön, hingegen die deutschen Parade-Larven so abgegriffen und doch so gesteift, so matt und doch so gespannt, die Blicke so verraucht und doch so geschwefelt!..... Ich halte Zeuseln noch durch einige Osterlämmer oder agnus dei von Pagengesichtern auf, so weich und so weiß wie Maden; eine Amme möchte sie mit ihrer Milchpumpe von Mund an den Busen legen.

Länger war Zeusel nicht mehr zu halten, er ist hereingebrochen und hat die Fürstin beim Flügel – der ganze Spaß dieser Komödie, ich meine der Ernst, ist uns nunmehr verdorben. Dieser graue Narr hat sich in seinen alten Tagen – seine Nächte sind noch älter – in einen ganzen historischen Kupferstich geknöpft, das will sagen, in eine zoologische Modeweste, worin er samt seinen vier bunten Ringen ordentlich aussieht wie ein grüner Pürschwagen, an dem die Tierstücke der ganzen Jagd angemalet und vier Ringe zum Anketten der Sauen in natura sind. Ich muß es jetzt sehen und leiden – da er alles in der Vergangenheit tut –, daß er nun, besoffen von Eitelkeit und kaum vermögend, Uhrketten von Galaröcken zu unterscheiden, hinläuft und sich etwas Seidenzeug herausfängt zum Kusse. Es war leicht vorauszusehen, daß mir der Mensch mein ganzes Altarblatt verhunzen würde mit seiner historischen Figur; und ich hätte den Hasen gar unterdrückt und mit dem Rahmen des Gemäldes überdeckt, wenn er nicht mit seinen Löffeln und Läufen zu weit herausstände und -klaffte; auch ist er vom Korrespondenten ausdrücklich unter den Benefiz-Konföderierten mit aufgeführt und angezeichnet. – – Es lohnt kaum der Mühe zu schreiben:

Fünfter Akt; da nun alles versalzen ist und die Lesewelt lacht. Im fünften Akt, den ich ohne alle Lust mache, wurd' auch weiter nichts getan – anstatt daß Tragödiensteller und Christen die Bekehrung und alles Wichtige in den letzten Akt verlegen, wie nach Bako ein Hofmann seine Bittschriften in die Nachschrift verschob –, als daß die Prinzessin ihre neuen Hofdamen das erste Rechen- oder Abziehexempel ihres Erzamtes machen ließ: das nämlich, sie auszukleiden.... Und da mit dem Auskleiden sich die fünften Akte der Trauerspiele – der Tod tuts – und der Lustspiele – die Liebe tuts – beschließen: so mag sich auch dieses Benefizding, das wie unser Leben zwischen Lust- und Trauerspiel schwankt, matt mit Entkleidung enden.

Ende der Benefizakte

– Ich war gestern zu aufgebracht. Der Apotheker ist zwar der Hund und die Katze in meinem Gemälde, die einander unter dem Tische des Abendmahls beißen; aber im ganzen ist die Posse schon erhaben. Man bedenke nur, daß alles in einer monarchischen Regierungform abgetan wird – daß diese nach Beattie dem Komischen mehr als die republikanische aufhilft – daß nach Addison und Sulzer gerade die spaßhaftesten Menschen (z. B. Cicero) am ernsthaftesten sind, und daß folglich das nämliche auch von dem Zeug, das sie machen, gelten müsse: so sieht man schon aus dem Komischen, das meine Akte haben, daß sie ernsthaft sind. – –

Mein Held hielt im Laden eine heftige Pater Merzische Kontroverspredigt gegen etwas, wofür die Reichsstädter und Reichsdörfer predigen – dagegen: »daß die Menschen ohne alles weiße und graue Gehirn und ohne Geschmack und Geschmackwärzchen in dem Grade handeln können, daß sie sich nicht schämen, die paar Jahre, wo sie der Schmerz noch nicht auf seinem Pürschzettel und der Tod noch nicht auf seinem Nachtzettel hat, sündlich und hundmäßig zu verzetteln, nicht etwa mit Garnichtstun, oder mit den halben Takt-Pausen der Kanzleiferien, oder den ganzen Takt-Pausen der Komitialferien, oder mit den Narrheiten der Freude – was wäre rühmlicher? –, sondern mit den Narrheiten der Qual, mit zwölf herkulischen Nichts-Arbeiten, in den Raspelhäusern der Vorzimmer, auf dem tratto di corda des gespannten Zeremoniells.... Mein lieber Hofmarschall, meine schönste Oberhofmeisterin, ich billige alles; aber das Leben ist so kurz, daß es nicht die Mühe lohnt, sich einen langen Zopf darin zu machen. – Könnten wir nicht das Haar aufbinden und über alle Vorsäle, d. h. Vorhöllen, über alle Vorfechter und Vortänzer hinwegsetzen gleich mitten in die Maiblumen unsrer Tage hinein und in ihre Blumenkelche... Ich will mich nicht abstrakt und scholastisch ausdrücken: sonst müßt' ich sagen: wie Hunde werden Zeremonien durchs Alter toll; wie Tanzhandschuhe taugt jede nur einmal und muß dann weggeworfen werden; aber der Mensch ist so ein verdammt zeremonielles Tier, daß man schwören sollte, er kenne keinen größern und längern Tag als den Regensburger Reichstag.«

Solange er aß, war Tostato nicht da, sondern im Laden. Nun hatt' er schon am vorigen Abend einen Entwurf zum Kusse der schönen Dunsin nicht aus dem Kopfe bringen können: »Eine viehdumme Huldin küss' ich einmal,« sagt' er, »dann hab' ich Ruh' auf Lebenlang.« Aber zum Unglück mußte um die Dunsin die sogenannte Kleinste (die Schwester), deren Verstand und deren Nase zu groß waren, als Senkfeder der Angel schwimmen, und die Feder würde sich, hätt' er nur eine Lippe an den Köder gesetzt, sogleich gereget haben. Er war aber doch pfiffig: er nahm die Kleinste auf die Schenkel und schaukelte sie wie Zeusels Kutscher und sagte dieser Klugen süße Namen über den Kopf hinüber, die er alle mit den Augen der Dummen zueignete (am Hofe wird er mit umgekehrtem Scheine zueignen). Er drückte der Kleinsten zweimal zum Spaße die Spionenaugen zu, bloß um es im Ernst zum dritten Male zu tun, wo er die Dunsin an sich zog und sie mit der rechten Hand in eine Stellung brachte, daß er ihr – zumal da sie es litt, weil Mädchen der List ungern abschlagen, oft aus bloßer Freude, sie zu erraten – unter den Hofdiensten gegen die Blinde den schleunigen Kuß hinreichen konnte, für den er schon so viele avant propos und Marschrouten verfertigt hatte. Jetzo war er satt und heil; hätt' er noch zwei Abende dem Kuß nachstellen müssen, er hätte sich sehr verliebt.

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