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Hesperus oder 45 Hundposttage

Jean Paul Richter: Hesperus oder 45 Hundposttage - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleHesperus oder 45 Hundposttage
pages471-1236
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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10. Hundposttag

Zeidler – Oszillieren Zeusels – Ankunft der Prinzessin

Seit einem Posttage schläft der Held. Die deutschen Rezensoren sollten mir den Gefallen tun, ihn aufzuschreien. – –

Aber Schelme sind sie, diese Nachrichter und Maskopeibrüder der Zensoren; sie wecken weder Leser noch Fürsten, nur homerische Schläfer auf. Die Sonne steht schon tief und guckt gerade waagrecht in sein Doktor Grahams-Bette, und er glüht noch von ihr...

– Das Schafvieh mußt' es tun durch Blöken und Glocken. Als in seine aufgehenden Ohren die Turmglocke aus Großkussewitz, unter Begleitung der Schafglocken, mit einem in Musik gesetzten Abendgebet eindrang – als in seine aufgehenden Augen der rote Schattenriß der vergangnen Sonne, die seine heutigen Paradiese beschienen hatte, und das Abendrot einfiel, dessen Goldblättchen der Abendwind den Wolken anhauchte – als die wie sein Blumenstrauß betaute Luft seine Brust erfrischte: so war der heutige schwüle Nachmittag um eine ganze Woche zurückgerollet; Viktor war in eine neue selige Insel herabgefallen; neugeboren und froh kroch er rückwärts aus seiner fahrenden Habe. »O ich tolles Ich!« sagt' er – »ich freue mich aber nicht außerordentlich darüber, daß ein halbes Lot Schlafkörner eine ganze glühende Welt im Menschen wegbeizen kann, ganz weg – und daß das Umlegen des Körpers der Erdfall seines Paradieses und seiner Hölle wird.«

Auf der Landstraße sprangen zwei Sänftenträger in kurzem Galopp zwischen den Tragestangen ihres ledernen Würfels dahin. Er setzte ihnen nach – ihre Last, dacht' er, muß ihnen noch viel leichter sein als ein ganzes Land und dessen Zepter, die beide gleichwohl ein Regent, wie ein Gaukler den Degen, tanzend zu tragen versteht auf der Nase, auf den Zähnen, auf allem. Sie trugen aber das schwerste Ding in der Welt, worunter oft Städte und Thronen und Weltteile einbrachen.

»Womit setzt ihr so herum?« fragt' er. – »Mit unserem allergnädigsten Herrn!« – Januar wars – es ist aber den ästhetischen Kunstgriffen, womit ein Autor die Erwartung seiner Leser so außerordentlich anspannt, ganz gemäß, daß ichs nicht eher eröffne, was von Jenner in der springenden Sänfte saß, als in dem folgenden Wort.

Sein Bild wars. Das Bruststück reisete allemal vor der Braut voraus, um bei Zeiten in ihrem Schlafzimmer anzukommen und sich an die Wand an einen Nagel zu begeben. Auf der ganzen empfindsamen Reise hatte der Kubikinhalt der Braut in lauter Zimmern geschlafen, an denen der Flächeninhalt des Bräutigams wie eine Kreuzspinne die ganze Nacht herunterhing...

Da ich mir durch den Barrieren-Traktat, den ich mit dem Vetter Leser abgeschlossen, das Recht auf keine Weise abgeschnitten haben will, außer den Schalttagen auch noch Extrablätter – Extrablättchen – und Pseudo-Extrablätter zu machen, indem ich mirs vielmehr durch gewisse geheime Separatartikel, die ich bloß im Kopfe gemacht, wie der Papst gewisse Kardinäle, erst erteilt habe: so will ich das Recht, das mir mein von mir gemachter Neben-Rezeß anbeut, auf der Stelle ausüben.

Extrablättchen über obige Bruststücke

»Ich behaupte,« – sagt' ich auf dem Billard in Scheerau, als ich gerade nicht stieß – »daß Herzoge, Mark- und andre Grafen und viele vom hohen Adel dumm wären, wenn sie in unsern Tagen – oder gar in den künftigen –, wo die Scheitelhaare sich fortmachen, eh' die Barthaare ankommen – wo manchem Gesicht zur Brille nichts fehlt als der Sattel dazu – wo besonders der Mann von Stande froh ist, statt eines Abgusses doch ein Abriß von einem Menschen zu sein – nicht weise wären sie,« rekapituliert' ich, »wenn sie kein besseres Beilager hielten als ein wahres, kein gemaltes nämlich; wenn ihre Brustbilder auf nichts Besseres – an keine Brust nämlich – gedrückt würden als auf zinnerne Deckel von Bierkrügen, so daß sie auf keine andre Art berauschten als auf die letzte; und wenn sie, da sie überall durch Bevollmächtigte handeln, auf Reichbänken, in Sessionstühlen, in Brautbetten (bei der Vermählung durch Gesandte), dächten, es gäbe in der Sache einen treuern und unschuldigern Prinzipalkommissarius als eine Elle Leinwand, worauf sie selber hingefärbt sind.« .. Da wir gerade in Menge spielten und ich eben König war und im Feuer so fortfuhr: »Was Teufel! wir Könige wissen die in der Tugend und in der Ehe bildenden Künste gescheit genug durch die zeichnenden zu ersetzen; und nicht bloß im Billard steht ein König ganz müßig da mit seinem Zepter-Queue!« so sollte und konnte das Feuer wenig auffallen.

Ende des Extrablättchens über obige Bruststücke

Beim Grafen von O – so hieß im Siebenjährigen Kriege auch ein berühmter Offizier und bei Shakespeare die Erde; und das ganze Gebet einer alten Frau; und nach Bruce liebten die Hebräer diesen Vokal vorzüglich; das ist aber im Grunde hier unnütze Gelehrsamkeit – stieg die Prinzessin und der gemalte Eheherr ab. Viktor wollte sich mit seinem heutigen Anzug und seinem heutigen Herzen nicht in den Taumel der Welt mischen – und wäre doch gern bei allem gewesen.

Aus Kussewitz drängte sich ein rot und weißes kleines Häuschen hervor, so rot wie ein Eichhornbauer und so fröhlich wie ein Gartenhaus. Er trat hinan und an dessen widerscheinende Fenster – aber wieder davon zurück; er wollte ein altes Menschenpaar, für das die Glocke die Orgel gewesen, gar hinausbeten lassen. Als er mit seinem vom Widerschein der heutigen Verklärung erhöhten Gesichte hineintrat: wandte ein alter Mann einen Silberkopf, der wie ein lichter Mond über dem Abend seines Lebens stand, mit lächelnden Runzeln gegen den Gast. Nur ein Heuchler – der Agioteur der Tugend – ist nach dem Beten nicht sanfter und gefälliger. Die alte Frau legte zuerst die Miene der Andacht ab. Viktor begehrte mit seiner siegenden Unbefangenheit – ein Nachtquartier. Es ihm bewilligen – das konnten nur so zufriedne Leute wie diese; es verlangen – das konnte nur einer, der so wie er die Wirte floh, weil ihre mit jedem Gast ankommende und abgehende eigensüchtige kalte Teilnahme und Liebe seiner warmen Seele zu sehr zuwider war. Zweitens zog ihn die Reinlichkeit an, die sogar der Schmutzfink in fremden Stuben liebt und die darin ein Beweis der Zufriedenheit und der – Kinderlosigkeit ist. Drittens wollt' er im Inkognito und aus dem Gassen-Gewühle heute mit seiner von der Natur geweihten Seele bleiben.

Er wurde bald einheimisch; noch eh' das Essen abgewaschen und abgeblattet und fertig war, hatt' ers heraus oder vielmehr hinein, daß der sanfte Greis – Lind mit Namen – ein Zeidler sei. Letztes glaub' ich; denn sonst wär' er nicht so sanft, wie denn in den meisten Fällen die tierische Gesellschaft weniger verdirbt als menschliche: daher Plato die Langischen Kolloquia mit den Tieren als das Beste aus Saturns goldner Regierung angibt. Es ist nicht einerlei, ob man ein Hunde-, ein Löwen- oder ein Bienenwärter ist; denn unser Tiergarten im Unterleib – nach der platonischen Allegorie – bellt und blökt dem Unisono des äußern nach. – Als Viktor vollends mit dem Alten um das Haus und um die Bienenkörbe ging: so kam er wieder ins Tafelzimmer mit dem Gesichte eines Menschen, der in der Kussewitzer Kirche schon einen Stuhl und im Kirchenbuch eine Blattseite behauptete; wußt' er nicht schon, daß der Bienenvater drei Pfarrer und fünf Amtmänner in Kussewitz zu Grabe begleitet – daß er die erste Hochzeit mit seiner Mutter (so hieß er die Frau) in dem Alter gemacht, in das sonst die Silberhochzeit fällt – daß sein Kopf noch das Gedächtnis und die Haare habe – daß er unter den Sargdeckel schwarze Augenbraunen zu bringen gedenke – daß er, Lind, ganz und gar nicht, wie etwan der alte Gobel und selber der Vogt Stenz, in der Kirche der Augen wegen die Stellung neben dem Kirchenfenster zu nehmen brauche, sondern seinen Vers überall lesen könne, und daß er jährlich nach Maienthal in die Kirche einmal gehe und ein Kopfstück in den kirchlichen Billardsack stoße, weil der Kirchhof da alle seine Verwandten von väterlicher Seite bedecke?

O, diese Zufriedenheit mit den Abendwolken des Lebens erquickt den hypochondrischen Zuhörer und Zuschauer, dessen melancholischer Saitenbezug so leicht in eines alten Menschen Gegenwart gleich einem Todesanzeiger zu zittern anfängt; und ein feuriger Greis scheint uns ein unsterbliches, gegen die Todessense verhärtetes Wesen und ein in die zweite Welt wegweisender Arm! – Viktor besonders sah mit schweren Gedanken in einem alten Menschen eine organisierte Vergangenheit, gebückte verkörperte Jahre, den Gipsabdruck seiner eignen Mumie vor sich stehen. Jeder kindische, vergeßliche, versteinerte Alte erinnerte ihn an die Eisenhammermeister, die in ihrem Alter wie die Menschenseele eine krebsgängige Beförderung erdulden und wegen ihrer gewöhnlichen Erblindung wieder Aufgießer – dann Vorschmiede – dann Hüttenjungen werden. Der gute Newton, Linné, Swift wurden wieder Hüttenjungen der Gelehrsamkeit. Aber so sonderbar furchtsam ist der Mensch, daß er, der die Seele bei der größten vorteilhaften Abhängigkeit von den Organen doch noch für einen Selbstlauter ansieht – und mit Recht –, gleichwohl bei einer nachteiligen besorgt, sie sei bloß der Mitlauter des Körpers – und mit Unrecht – – –

Da ein Spaziergang um einen fremden Ort einem Reisenden die beste Naturalisationakte gibt – und da Viktor nirgends fähig war, ein Fremder zu sein: so ging er – ein wenig hinaus. In manchen Nächten wird es nicht Nacht. Er sah draußen – nicht weit von den Gartenstaketen des Seniors, nicht des adeligen, sondern des geistlichen – ein sehr schönes Mädchen sitzen, in ein lateinisches Pfingstprogramm vertieft und daraus mit gefalteten Händen betend. Einer vereinigten Schön- und Tollheit widerstand er nie; er grüßte sie und wollte sie ihr lateinisches Gebetbuch nicht aufrollen und einstecken lassen. Die gute Seele hatte, da sie ihr Gebetbuch und Paternoster verloren, aus dem Pfingstprogramm »de Chalifis literarum studiosis« ihre Andacht mit Leichtigkeit verrichtet, da sie weder Lateinisch noch Lesen konnte und das Händefalten für die Maurerische Fingersprache ansah, die man höhern Orts schon verstehen würde. Sie wickelte einen sechsten abgeschnittenen Finger aus einem Papier heraus und sagte, den hätte das Marienkloster zu Flachsenfingen, an dessen Mutter Gottes ihr Vater ihn zur Dankbarkeit habe henken wollen, nicht angenommen, weil er nicht von Silber sei. – Da Buffon den Fingern des Menschen die Deutlichkeit seiner Begriffe zuschreibt – so daß sich die Gedanken zugleich mit der Hand zergliedern –: so muß einer, der eine Sexte von Finger hat, um 1/5 oder 1/11 deutlicher denken; und bloß so einer könnte mit einem solchen Supranumerar-Schreibfinger mehr in den Wissenschaften tun als wir mit der ganzen Hand. –

Sie erzählte, daß ihr Vater sie erst in zwei Jahren heiraten werde, und daß sein Sohn ihre Schwester bekommen könnte, wenn diese nicht erst sechs Jahre alt wäre – und daß sie beide wie an Kindes Statt beim Sechsfinger angenommen worden – und daß er seine Bijouteriebude, womit er aus einem gräflichen Schlosse ins andre wanderte, gerade in dem des Grafen von O habe, nebst Tisch und Wohnung – und daß er ein Italiener sei, mit Namen – – Tostato. Himmel! den kannte ja Viktor so gut. Ohne weitere Frage – denn er ging ohnehin gern mit jedem Mädchen und mit jedem Spitzhunde ein paar Sabbaterwege und sagte, zwischen einem neuen und einem schönen Gesichte würd' er gar keinen Unterschied machen, wenn er auch müßte – marschierte er mit ihr gerade hin zum Vater beim Grafen. Er enthülsete immer mehr an seiner kleinen Gesellschaftdame: sie war nicht nur außerordentlich schön, sondern auch ebenso – dumm.

Jetzt aber entlief sie ihm; der flachsenfingische Hofstaat kam gefahren, und sie mußte das Aussteigen der Damen sehen. Er hielt sich nahe an den Schwanz des ganzen Corps, der noch auf der Straße aufstreifte, indes der halbe Rumpf schon im Schlosse steckte. Der nachfahrende Schwanz war etwas kurz und dünn, der Hofapotheker Zeusel, der aus Eitelkeit mit seinen 54 Jahren und Jugendkleidern und mit seiner stoßenden Kutsche bei der Sache war. Das kleinste Männchen von der Welt war im größten Wagen von der Welt so wenig für ein ens zu nehmen, daß ich seinen Wagen für einen leeren Zeremonienwagen anrechne, in welchem ihn der Kutscher wie einen dürren Kern in einer Walnuß schüttelte.

Ich wills weitläuftig beschreiben, wie ihn der Kutscher worfelte und siebte, und mich dafür in unwichtigern Dingen kürzer fassen.

Wenn ichs freilich dem Kutscher zuschreibe und sage, daß er dem Kutschkasten durch Steine und Schnelle jenen harten Pulsschlag zu geben wußte, daß Zeusel mehr auf der Luft aufsaß als auf dem Kutschkissen: so wird Kästner in Göttingen gegen mich schreiben und dartun, daß der Apotheker selber durch die Gegenwirkung, die er dem Kissen durch seinen Hintern tat, an dem Abstoßen des gleichnamigen Poles schuld war; allein hier ist uns hoffentlich weniger um die Wahrheit als um den Apotheker zu tun. Viktor als Hofdoktor nahm von weitem Anteil am Hofapotheker und lachte ihn aus; ja er hätte ihn gern gebeten, sich selber einsetzen zu dürfen, damit ers deutlicher sehen könnte, wie der gewandte Vetturin den Zeuselschen Ball geschickt in die Lüfte schlug. Aber den weichen Nerven Viktors wurden komische Szenen durch das physische Leiden, das sie in der Wirklichkeit bei sich führen, zu hart und grell – und er begnügte sich damit, daß er dem springenden Kasten hinten nachging und sich es bloß dachte, wie drinnen das Ding stieg gleich einem Barometer, um das heitere Wetter des betrunknen Kutschers anzudeuten – er malte sichs bloß aus (daher ichs nicht brauche), wie das gute Hofmännchen bei einem Klimax, wozu es der Kerl trieb, der jede Erhebung mit einer größern endigte, die linke Hand, statt in die Westentasche, bloß in den Kutschriemen stecken, und in der rechten eine Prise Schnupftabak seit einer Stunde wärmen und drücken muß und sie aus Mangel an Ruh' und Rast nicht eher in die öde Nase heben kann, als bis der Spitzbube von Kutscher schreiet: brrrr!

»Fort!« sagte die Dumme zu Viktor und zog ihn zum Vater. Der Italiener machte seine Windmühlen-Gestus und legte sich an Viktors Ohr an und sagte leise hinein: »dio vi salvi«; und dieser dankte ihm noch leiser ins italienische: »gran merce«. Darauf tat Tostato drei oder vier ungemein leise Flüche in Viktors Gehör. Er hatte nicht den Verstand verloren, sondern nur die Stimme, und durch nichts als einen Schnupfen. Er fluchte und kondolierte darüber, daß er gerade morgen so stockfisch-stumm sein müsse, wo so viel zu schneiden wäre. Viktor gratulierte ihm aufrichtig dazu und bat ihn, er möchte ihn bis auf morgen nicht nur zum Doktor annehmen, sondern auch zum Associé und Sprecher; er wolle morgen in der Bude für ihn reden, um besser und inkognito allem zuzusehen; »wenn Ihr mir heute«, versetzte Tostato, »noch eine lustige Historie erzählt.« Da er nun die von Zeusel vorbrachte mit einer italienischen Systole und Diastole der Hände; und da Tostato darüber närrisch wurde vor Spaß – der Italiener und Franzose lachen mit dem ganzen Körper, der Brite nur im Gehirne –: so wars kein Wunder, daß er mit ihm in Handels-Kompagnie trat. Das Doktorat fing er damit an, daß er dem Patienten den Strumpf auszog und damit den verstimmten Hals umringelte, weil ein warmer Strumpf mit gleichem medizinischen Vorteil am Fuß und am Halse getragen wird; – mit einem Strumpfband wär' es anders.

Jetzo kam ihm die Schönheit und Dummheit der Programmen-Beterin noch größer vor; er hätte sie gern geküßt; es war aber nicht zu machen: der Bijoutier setzte überall seinen witzigen Ausleerungen nach und hielt die beiden Ohren unter.

Er hatte bei dieser Gelegenheit, als er an die deutsche Kälte gegen Witz und schöne Künste dachte, den grundfalschen Satz: der Brite, der Gallier und der Italiener sind Menschen – die Deutschen sind Bürger – diese verdienen das Leben – jene genießen es; und die Holländer sind eine wohlfeilere Ausgabe der Deutschen auf bloßem Druckpapier ohne Kupfer.

Er wollte wieder zum Zeidler Lind zurück: als so spät in der Nacht – so, daß der Hoffurier die Erscheinung dieses Haarkometen um eine ganze Stunde zu bald in seinen astronomischen Tabellen angesetzt hatte – die Prinzessin samt ihrem Begleit-Dunstkreis anfuhr. Da er so lange von ihr gesprochen hatte: so brauchte er, um sie zu lieben, nichts als noch das Rollen ihres Wagens und das Seidengeräusch ihres Ganges zu hören. »Eine fürstliche Braut« – sagt' er – »ist viel eher auszustehen als eine andre; man zeige mir zwischen einer Kron-Prinzessin, einer Kron-Braut und einer Kron-Ehefrau einen andern Unterschied, als der Staatskalender angibt.« Wer noch bedenkt, daß er ihre persönliche Abneigung gegen den Fürsten kannte, der bei der ersten Vermählung sie ihrer Schwester nachgesetzt hatte – und wer jetzo lieset, daß ihm Tostato sagte, mit einem Schnupftuch in der Hand sei sie ausgestiegen: der ist schon so gescheit, daß er sich über seine Rede nicht erzürnt: »Ich wollte, diese Krontiere, die einem so schönen Kinde so schöne weiche Hände wegschnappen dürfen, wie Schweine den Kindern die zarten abfressen – – ich wollte... Aber meine Waren sind doch morgen nahe genug an ihr, daß das Schnupftuch zu sehen ist, Herr Associé?« – –

Beim Bienenvater, zu dem er heimkehrte, war eine ruhigere Welt, und sein Haus stand im Grünen, stumm wie ein Kloster des Schlafes und eine heilige Stätte der Träume. Viktor schob auf dem Dachboden sein Bettchen vor eine Mündung des einströmenden Mondes, und so überbauet mit verstummten Schwalben- und Wespennestern, sah er die Ruhe in Lunens Gestalt auf sein eignes Nestchen niederschweben – aber sie lächelte ihn so mächtig an, bis er sich in unschuldige Träume auflösete. Guter Mensch! du verdienst die Freuden- Blumenstücke der Träume, und einen frischen Kopf- und Bruststrauß im Wachen – du hast noch keinen Menschen gequält, noch keinen gestürzt, keine weibliche Ehre bekriegt, deine eigne nie verkauft; und bist bloß ein wenig zu leichtsinnig, zu weich, zu lustig, zu menschlich!

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