Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Jean Paul Richter >

Hesperus oder 45 Hundposttage

Jean Paul Richter: Hesperus oder 45 Hundposttage - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleHesperus oder 45 Hundposttage
pages471-1236
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
Schließen

Navigation:

9. Hundposttag

Himmels-Morgen, Himmels-Nachmittag – Haus ohne Mauer, Bette ohne Haus

Ach der arme Bergmann, der Minierer im Steinsalz und der Insel-Neger haben in ihrem Kalender keinen solchen Tag, als hier beschrieben oder wiederholet wird! Sebastian stand Donnerstags schon um 3 Uhr auf dem Flugbrett seines Bienenstocks, um in Großkussewitz in einem Tage anzulanden und wegzusein, eh' man auf war. Ein Leser, der einen Atlas unten auf dem Fußboden hat, kann unmöglich diesen Marktflecken, wo die Übergabe der Fürstenbraut vorgeht, mit einem Namenvetter von Dorf verwirren, den die Stadt Rostock zu ihrem unbeweglichen Vermögen geschlagen. Das ganze Haus hatte ihn leider so lieb, daß es schon eine halbe Stunde früher aus den Morgenfedern, woraus die größten Flügel der Träume gemacht werden, heraus war. Unter dem Getöse der Wagenketten, der Hunde und Hähne trennte er sein sanftes Herz von lauter liebenden Augen, und indem ihn das Klopfen des einen und das Erweichen der andern verdroß, wurde alles noch ärger; denn der äußere Lärm stillt den innern der Seele.

Draußen schwammen alle Grasebnen und Samenfelder im Tropfbad des Taus und im kalten Luftbad des Morgenwinds. Er wurde darin wie heißes Eisen gehärtet; ein Morgenland voll unübersehlicher Hoffnungen umzog ihn, er entkleidete seine Brust, warf sich brennend ins tropfende Gras, wusch sich (aber aus höhern Absichten als Mädchen) das feste Gesicht mit flüssigem Juniusschnee und trat, mit straffen Fibern bespannt, aus dem Tropfbad in den Anzug zurück – bloß Haar und Brust steckt' er in kein Gefängnis.

Er wäre gewiß eher abgegangen; aber er wollte dem Monde ausweichen, den er so wenig mit der Sonne gatten konnte als die Kinder von beiden, nämlich Nachtgedanken mit Morgengedanken. Denn wenn die Morgenwolken um den Menschen tauen, wenn die liebenden Vögel schreiend durch den Glanznebel schießen, wenn die Sonne aus der Wolkenglut vorschwillt: so drückt der erfrischte Mensch seinen Fuß tiefer in seine Erde ein und wächset mit neuem Lebens-Efeu fester an seinen Planeten an.

Langsam watete er durch einen niedrigen Haselstauden-Gang und streifte ungern ihre erkälteten Käfer ab; er hielt an sich und stand endlich, um sich zu verspäten, damit er nicht im nahen Wäldchen wäre, wenn gerade die Sonne ihr Theater betrat. Er hörte schon den musikalischen Wirrwarr im Wäldchen – Rosenwolken waren als Blumen in die Sonnenbahn gebreitet – die Warte des Pfarrdorfs, dieser Hochaltar, worauf sein erster schöner Abend gebrannt, entflammte sich – die singende Welt der Luft hing jauchzend in den Morgenfarben und im Himmelblau – Funken von Wolken hüpften vom Goldbarren am Horizont empor – endlich wehten die Flammen der Sonne über die Erde herein....

Wahrlich, wenn ich an jedem Abende den Sonnenaufgang malte und an jedem Morgen ihn sähe: ich würde doch wie Kinder rufen: noch einmal, noch einmal!

Mit betäubten Sehnerven und mit vorausschwimmenden Farbenflocken ging er langsam in den Wald wie in einen dunkeln Dom, und sein Herz wurde groß bis zur Andacht...

– Ich will nicht voraussetzen, daß mein Leser ein so prosaisches Gefühl für den Morgen habe, um dieses poetische unverträglich mit Viktors Charakter zu finden – ja ich darf seiner Menschenkenntnis zutrauen, daß sie wenig Mühe habe, zwischen solchen entlegnen Tonarten in Viktor, wie Humor und Empfindsamkeit sind, den Leitton auszufinden; ich will mich also unbesorgt dem frohen Anschauen seiner weichen Seele und dem Vertrauen auf fremden Einklang überlassen. –

Der Venusstern und ein Wald blühen am schönsten am Morgen und Abend; auf beide treffen dann die meisten Strahlen der Sonne. Daher war unserm Viktor im Walde, als ging' er durch die Pforte eines neuen Lebens, da er an diesem feurigen Morgen mit der Sonne, die neben ihm von Zweigen zu Zweigen flog, durch das brausende Gehölze, hinweg unter vollstimmigen Ästen, die ebenso viele bewegte Spiel-Walzen waren, über das im grünen Sonnenfeuer stehende Moos und unter dem ins himmlische Blau getauchten Tannengrün durchwankte. – Und an diesem Morgen erneuerte sich in seinem Herzen die schmerzhafte Ähnlichkeit von vier Dingen – von dem Leben, von einem Tage, einem Jahre, einer Reise, die einander gleichen im frischen Jubel-Anfang – im schwülen Mittelstück – im müden satten Ende. –

Draußen im Anfluge, im Hintergrund des Wäldchens, rollte vor ihm die Natur ihr meilenlanges Altarblatt auf mit den Hügel-Ketten desselben, mit seinen blendenden Landhäusern, die sich mit Gärten wie mit Fruchtschnüren putzten, und mit den Miniaturfarben der Blümchen, die sich an der silbernen Schönheitlinie der Bäche bewegten. Und eine Wolke trunkner, spielender, schwirrender Kleinwesen aus Seidenstaub zog und hing über das wallende Gemälde her. – Welchen Weg sollte Viktor im Labyrinth der Schönheit nehmen? – Alle 64 Strahlen des Kompasses streckten sich als wegweisende Arme aus, und er hatte soviel Verstand, daß er sich keine Stunde versotzte, um anzukommen – er wich daher überall rechts und links aus – er stieg in jedes Tal, das sich hinter einem Hügel versteckte – er besuchte die durchbrochnen Schattenwürfe jeder Baumreihe – er legte sich zu den Füßen einer schönern Blume nieder und erquickte sich mit reiner Liebe an ihrem Geiste, ohne ihren Körper abzuknicken – er war der Reisegefährte des gepuderten Schmetterlings und sah seinem Einwühlen in seine Blume zu, und der Grasmücke folgte er durch Gebüsche in ihre Brutzelle und Kinderstube nach – er ließ sich festmachen durch den Kreis, den eine Biene um ihn zog, und ließ sie ruhig in den Schacht seines eignen Blumenstraußes einschlagen – er übte in jedem Dorfe, das ihm der bunte Grund vorhielt, die Durchganggerechtigkeit und begegnete am liebsten den Kindern, deren Tage noch so spielten wie seine Stunden – –

Aber Menschen vermied er....

Und doch sprang aus seinem Herzen eine hohe Quelle der Liebe, die bis zum entferntesten Bruder drang; und doch war er so sehr ohne Ichsucht, so ohne jene empfindsame Intoleranz, die den Grad und die Quelle mit der herrnhutischen gemein hat. – – Der Grund aber war der: der erste Tag einer Reise war ganz anders als der zweite, dritte, achtzigste. Denn am zweiten, dritten, achtzigsten war er prosaisch, humoristisch, gesellig, d. h. sein Herz hing sich wie gehäkelter Same überall an und schlug die Wurzeln seines Glücks in jedem fremden Schicksal ein. Aber am ersten Tage kamen verhüllte Geister aus alten Stunden in seine Seele, welche verschwanden, wenn ein Dritter sprach – eine sanfte Trunkenheit, die ihm der Dunstkreis der Natur wie der eines Weinlagers mitteilte, legte sich wie eine magische Einsamkeit um seine Seele... Warum will ich aber den ersten Tag schildern, eh' ich ihn schildere?

In den ersten Stunden der Reise war er heute frisch, froh, glücklich, aber nicht selig; er trank noch, allein er war nicht trunken. Aber wenn er so einige Stunden mit schöpfendem Auge und saugendem Herzen gewandelt war durch Perlenschnüre betaueter Gewebe, durch sumsende Täler, über singende Hügel, und wenn der veilchenblaue Himmel sich friedlich an die dampfenden Höhen und an die dunkeln, wie Gartenwände übereinander steigenden Wälder anschloß; wenn die Natur alle Röhren des Lebenstromes öffnete, und wenn alle ihre Springbrunnen aufstiegen und brennend ineinander spielten, von der Sonne übermalt: dann wurde Viktor, der mit einem steigenden und trinkenden Herzen durch diese fliegenden Ströme ging, von ihnen gehoben und erweicht; dann schwamm sein Herz bebend wie das Sonnenbild im unendlichen Ozean, wie der schlagende Punkt des Rädertiers im flatternden Wasserkügelchen des Bergstroms schwimmt. – –

Dann lösete sich in eine dunkle Unermeßlichkeit die Blume auf, die Aue und der Wald; und die Farbenkörner der Natur zergingen in eine einzige weite Flut, und über der dämmernden Flut stand der Unendliche als Sonne, und in ihr das Menschenherz als zurückgespiegelte Sonne. – –

Alles ward eins – alle Herzen wurden ein größtes – ein einziges Leben schlug – die grünenden Bilder, die wachsenden Bildsäulen, der Staubklumpe des Erdballs und die unendliche blaue Wölbung wurden das anblickende Angesicht einer unermeßlichen Seele – –

Er mochte immerhin die Augen zuschließen: in seiner dunkeln Brust ruhte noch diese blühende Unendlichkeit. – –

Ach wenn er sich in die Wolken hätte hinaufstürzen können, um auf ihnen durch den wehenden Himmel über die unübersehliche Erde zu ziehen! – Ach wenn er mit dem Blütendufte hätte über die Blumen hinüberrinnen, mit dem Winde über die Gipfel, durch die Wälder hätte strömen können! – O jetzt wär' er einem großen Menschen lieber an das Herz gefallen und trunken und weinend in seinen Busen versunken, um zu stammeln: »Wie glücklich ist der Mensch!«

Er mußte weinen, ohne zu wissen worüber – er sang Worte ohne Sinn, aber ihr Ton ging in sein Herz – er lief, er stand – er tauchte das glühende Angesicht in die Wolke der Blütenstauden und wollte sich verlieren in die sumsende Welt zwischen den Blättern – er drückte das zerritzte Angesicht ins hohe kühlende Gras und hing sich im Taumel an die Brust der unsterblichen Mutter des Frühlings.

Wer ihn von weitem sah, hielt ihn für wahnsinnig; vielleicht jetzt mancher noch, der es nie selber erfahren hat, daß durch die ausgehellte selige Brust, wie durch den heitersten Himmel, Sturmwinde ziehen können, die in beiden in Regen zerfließen.

In dieser Tagzeit seines Wiedergeburt-Tages gab sein Genius seinem Herzen die Feuertaufe einer Liebe, die alle Menschen und alle Wesen in ihre Flammen fassete. – Es gibt gewisse köstliche Wonne-Minuten – ach warum nicht Jahre? –, wo eine unaussprechliche Liebe gegen alle menschliche Geschöpfe durch dein ganzes Wesen fließet und deine Arme sanft für jeden Bruder auftut. – Das wenigste war, daß Viktor, dessen Herz in der Sonnenseite der Liebe war, jedem, der ihm neben einem Berge aufstieß, gegen die steile Seite auswich – daß er vor keinem, der angelte, vorüberging, um keinen verscheuchenden Schatten ins Wasser zu werfen – daß er langsam durch Schafe wanderte und vor dem Kinde, das ihn scheuete, einen Umweg nahm. – Nichts ging über die sanfte Stimme, womit er jedem Pilgrim mehr als diesen glücklichen Morgen wünschte; nichts über den vorausgerührten Blick, womit er in jedem Dorfe die arme Haut, deren Schwielen und Narben und Schnittwunden einen Blutschwamm oder schmerzenlindernden Tropfen nötig hatten, auskundschaften wollte. »Ach ich weiß es so gut als ein Famulus bei einem Professor der Moral,« (sagt' er zu sich) »daß es keine Tugend, sondern nur eine Wollust ist, die Dornenkrone von einer zerritzten Stirne, den Stachelgürtel von wunden Nerven wegzunehmen; aber diese unschuldige Freude wird man mir doch vergönnen, und da auf so vielen Wegen zersplitterte Menschen liegen, warum streckt auf meinem keiner seine Hand aus, damit ich etwas hineinlegen könnte für diesen unverdienten Himmel in meiner Brust?«

 << Kapitel 24  Kapitel 26 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.