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Hesperus oder 45 Hundposttage

Jean Paul Richter: Hesperus oder 45 Hundposttage - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleHesperus oder 45 Hundposttage
pages471-1236
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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8. Hundposttag

Gewissens-Examinatorium und Dehortatorium – die Studier-Flitterwochen eines Gelehrten – das Naturalienkabinett – eingepacktes Kinn – Antwort von Emanuel – Ankunft des Fürsten

Ich wollte, die Historie wäre aus, damit ich sie könnte drucken lassen; denn ich habe schon zu viele Pränumeranten darauf unter dem gemeinen Volk. Ein Schriftsteller nimmt in unsern Tagen Vorausbezahlung auf sein Buch vom schlechtesten Kerl an – der Schneider tut seinen Vorschuß in Kleidern, der Friseur in Puder, der Hauswirt in Studierstuben. –

Jeden Morgen hunzte sich Viktor unter der Bettdecke aus wegen des Abends; das Bette ist ein guter Beichtstuhl und die Audienza des Gewissens. Er wünschte, der gestrige Garten-Verein hielte ihn für einen wahren Narren anstatt für einen – Liebhaber. »Ach wenn gar Flamin selber sich mit Mißtrauen kränkte, und wenn unsre Herzen, die so lange geschieden waren, schon jetzo wieder es würden!« Hier wurde die Bettlade aus einem Beichtstuhl ein feuriger Ofen. Aber ein Engel legte sich zu ihm hinein und blies die Lohe weg: »Was hab' ich denn aber getan? Hab' ich nicht für ihn mit tausend Freuden gesprochen, gehandelt, geschwiegen? Kein Blick, kein Wort ist mir vorzuwerfen – was denn noch sonst?«

Der Engel des Lichts oder Feuers mußte jetzt entsetzlich gegen die vorwedelnde Flamme blasen.

»Sonst noch? Gedanken vielleicht, die aber, wie Feldmäuse, der Seele unter die Füße springen und sich wie Ottern anlegen. – Aber dürfen mir denn die Kantianer ansinnen, daß ich das kleine Bild der schönsten und besten Gestalt, die ich in dreier Herren Landen bisher vergeblich zitierte, einen solchen Raffaels-Kopf, eine solche Paradieses-Antike zum Fenster hinauswerfe aus der Villa meines Kopfes wie Äpfelschalen und Pflaumenkerne? Mich würd' es von den Kantianern wundern. – Und wenns drinnen stehen bleiben soll, soll ich denn ein Vieh sein, ihr Katecheten, und es kalt anglotzen? – Ich mag nicht! Ja ich will mir selber trauen und von dem schönsten Herzen sogar die Freundschaft fodern und ihm doch die Liebe lassen.« – Lieber Leser, unter diesem ganzen summarischen Prozeß vor der Gesetzkommission des Gewissens hab' ich über dreißigmal zu mir gesagt: »Ihr beide, du und der Leser, seid um kein Haar ehrlicher gegen das Gewissen!«

Er zog sich langsam am Bettzopf aus dem Bette, das er sonst mit einem Sprunge verließ: es stockte ein Ideenrad in ihm. Er las seinen gestrigen Brief und fand ihn zu stürmisch: »Das ist eben«, sagte er, »unsre Nichtigkeit, daß alles, was der Mensch für ewig hält, in einer Nacht erfriert; über unser Gesicht laufen die heftigsten Züge nicht schneller und spurloser als über unser Herz – Warum bin ich denn heute nicht, was ich gestern war und vielleicht morgen sein werde? – Was gewinnt der Mensch durch dieses Auf- und Unterkochen? Und auf was kann er in sich denn bauen?«

Unterdessen hatte sich das Feuerrad der Erdenzeit, die Sonne, gießend heraufgedreht und brannte am Ufer der Erde. – Er riß das Fenster auf und wollte die unbedeckte Brust im frischen Morgenwinde baden, und das heiße Auge im roten Meer Aurorens; aber etwas in ihm drängte sich wie ein Nachgeschmack zwischen den Genuß des Morgenlandes. Ein guter Mensch ist unter den Gewissensbissen künftiger Handlungen durchaus zum Genusse verdorben.

Es stieg in ihm eine übermannende Rührung langsam auf – die gestrige Nacht trug wieder ihren leuchtenden Regen, sein brausendes Herz und Emanuels Schatten vorüber – er lief immer stärker und zwar in die Quere durchs Zimmer – strickte den Schlafrock knapper an – schüttelte etwas aus dem Auge – tat einen steilrechten Sprung – schnellte ein »Nein!« hervor und sagte mit einem unaussprechlich-heitern Lächeln: »Nein! ich will meinen Flamin nicht betrügen! Ich will sie weder suchen noch meiden und ihre Freundschaft nicht eher begehren als zur Zeit seines höchsten Glücks. Wie dich daDie Büste des Vatikanischen Apollo, an der er keine andre Gestalt bilden lernen wollte als seine eigne., so will ich die himmlische Glanzbüste anschauen, und nicht begehren, daß sie Wärme annehme und das kalte Gipsauge auf mich wende. Aber du, mein Freund, sei glücklich und ganz selig und merke nicht einmal meinen Kampf!«

Jetzt erst erheiterte ihn der Kirchenschmuck des Morgens, und die Morgenluft floß wie ein kühles Halsgehenk auf seinem heißen Busen umher und legte spielend Haar und Busenstreif zurück. Er fühlte, nun sei er wert, an Emanuel geschrieben und an den Himmel geschauet zu haben...

Flamin trat ein mit einiger Kälte, die vom erblickten Brief noch etwas stieg. Viktor war nicht kalt zu machen; bloß als man unten ihn mit keinem Wort an seine gestrigen Dithyramben erinnerte: tat er aus Besorgnis, erraten zu sein, einen zornigen versteckten Schwur, wenn sie käme, nicht zu kommen – welches auch zu machen war, denn sie kam nicht. Sie hatte in Maienthal noch Gepäck abzuholen, Freundschaften zu begießen und noch einmal in den Zauberkreis ihres geliebten Lehrers zu treten; und war also dahin abgegangen.

Die nächsten Wochen tanzten jetzt wie ebenso viele Horen in Anglaisen und Kotillons vor Sebastian vorbei. Seine Vormittage hingen voll Früchte, seine Nachmittage voll Blumen; denn am Morgen wohnte seine Seele mit ihren Anstrengungen in seinem Kopfe, gegen Abend in seinem Herzen. Abends liebt man Karten – Gedichte – Aufrichtigkeit – Weiber – Musik recht sehr, morgens recht wenig; in der Geisterstunde ist jene Liebe am allerstärksten.

Zwei Sorgen ausgenommen – die erste war, ob sein Emanuel ihm bald genug schreiben würde, damit er ihn vielleicht noch besuchen könnte, eh' er an die Deichsel des Hof- und Staatswagens geschirrt wäre; die zweite war: letztes zu bald zu werden – hatt' er jetzt fast nichts zu tun, als glücklich zu sein oder glücklich zu machen; denn in diese Wochen fielen gerade seine stillen oder Sabbatwochen ein...

Ich weiß nicht, ob sie der Leser schon kennt: sie stehen nicht im verbesserten Kalender; aber sie fallen regelmäßig (bei einigen Menschen) entweder gleich nach der Frühling-Tag- und Nachtgleiche oder in den Nachsommer.

Bei Viktor war das erste, gerade mitten im Frühling. Ich brauch' es nicht auszumitteln, ob der Körper, das Wetter, oder wer diesen Gottesfrieden in unserer Brust einläute: sondern schreiben soll ichs, wie sie aussehen, die Sabbatwochen. Ihre Gestalt ist genau diese: in einer stillen oder Sabbatwoche (manche, z. B. ich, werden gar nur mit Sabbattagen oder -stunden abgefertigt) schlummert man erstlich leicht wie auf gewiegten Wolken – Man erwacht wie ein heiterer Tag – Man hatte sich abends vorher gewiß vorgenommen und es deswegen in Chiffern an die Türe geschrieben, sich zu bessern und das Jätemesser alle Tage wenigstens an ein Unkraut-Beet anzusetzen – Beim Erwachen will mans noch und setzet es wirklich durch – Die Galle, dieser aufbrausende Spiritus, der sonst, wenn er, statt in den Zwölffingerdarm, in das Herz oder Herzblut gegossen wird, mit Wolken aufsiedet und zischt, wird in wenigen Sekunden eingezogen oder niedergeschlagen, und der erhöhte Geist fühlt ruhig das körperliche Aufwallen ohne seines – In dieser Windstille unserer Lungenflügel spricht man nur sanfte, leise Worte, man fasset liebend die Hand eines jeden, mit dem man spricht, und man denkt mit zerfließendem Herzen: ach ich gönnte euchs allen wohl, wenn ihr noch glücklicher wäret als ich – Am reinen gesunden stillen Herzen schließen sich, wie an den homerischen Göttern, leichte Wunden sogleich zu – »Nein!« (sagst du immerfort in der Sabbatwoche) »ich muß mich noch einige Tage so ruhig erhalten.« – Du verlangst zum Stoff der Freude fast nichts als Dasein, ja der Sonnenstich einer Entzückung würde diesen kühlen magischen durchsichtigen Morgen-Nebel in ein Gewitter verdichten – Du siehst immerfort hinauf ins Blaue, als möchtest du danken und weinen, und umher auf der Erde, als wolltest du sagen: »Wo ich auch heute wäre, da wäre ich glücklich!« und das Herz voll schlafender Stürme trägst du, wie die Mutter das entschlummerte Kind, scheu und behutsam über die weichen Blumen der Freude. – – – Aber die Stürme fahren doch auf und greifen nach dem Herzen!...

Ach was müssen wir nicht alle schon verloren haben, wenn uns die Gemälde seliger Tage nichts abgewinnen als Seufzer! O Ruhe, Ruhe, du Abend der Seele, du stiller Hesperus des müden Herzens, der allezeit neben der Sonne der Tugend bleibt – wenn unser Inneres schon vor deinem sanften Namen in Tränen zerrinnt: ach ist das nicht ein Zeichen, daß wir dich suchen, aber nicht haben? –

Viktor verdankte die Sieste seines Herzens den – Wissenschaften, besonders der Dichtkunst und der Philosophie, die beide sich wie Kometen und Planeten um dieselbe Sonne (der Wahrheit) bewegen und sich nur in der Figur ihres Umlaufs unterscheiden, da Kometen und Dichter bloß die größere Ellipse haben. Seine Erziehung und Anlage hatte ihn an die Lebens- und Feuerluft der Studierstube gewöhnt, die noch die einzige Schlafkammer (Dormitorium) unserer Leidenschaften und das einzige Profeß-Haus und der Glückhafen der Menschen ist, die dem breiten Strudel der Sinne und Sitten entgehen wollen. Die Wissenschaften sind mehr als die Tugend ihr eigner Lohn, und jene machen der Glückseligkeit teilhaftig, diese nur würdig; und die Preismedaillen, Pensionen und positiven Belohnungen und der Inventiondank, die viele Gelehrte für ihr Studieren haben wollen, gehören höchstens den literarischen dienenden Brüdern, die sich dabei abmartern, aber nicht den Meistern vom Stuhle, die sich dabei entzücken. Ein Gelehrter hat keine lange Weile; nur ein Thron-Insaß lässet sich gegen diese Nervenschwindsucht hundert Hof-Feste verschreiben, Gesellschaftkavaliere, ganze Länder und Menschenblut.

Du lieber Himmel! ein Leser, der in Viktors Sabbatwochen eine Leiter genommen hätte und an sein Fenster gestiegen wäre: hätte der etwas anders darin erblickt als ein jubelndes Ding, das auf den wissenschaftlichen Feldern wie unter seligen Inseln umherglitt? – Ein Ding, das entzückt nicht wußte, sollt' es denken oder dichten oder lesen, besonders was? oder wen? aus dem ganzen vor ihm stehenden hohen Adel der Bücher. – In dieser Brautkammer des Geistes (das sind unsere Studierstuben), in diesem Konzertsaal der schönsten aus allen Zeiten und Plätzen versammelten Stimmen hinderten ihn die ästhetischen und philosophischen Lustbarkeiten fast an ihrer Wahl; das Lesen riß ihn ins Schreiben, das Schreiben ins Lesen, das Nachdenken in die Empfindung, diese in jenes –

Ich könnte in dieser Schilderung vergnügter fortfahren, wenn ichs vorher hätte geschrieben gehabt, wie er studierte: daß er nämlich nie schrieb, ohne sich über dieselbe Sache voll gelesen zu haben, und umgekehrt, daß er nie las, ohne sich vorher darüber hungrig gedacht zu haben. Man sollte, sagte er, ohne einen heftigen äußern, d. h. innern Anlaß und Drang nicht bloß keine Verse machen, sondern auch keine philosophischen Paragraphen, und keiner sollte sich hinsetzen und sagen: »Jetzt um drei Uhr am Bartholomäustag will ich doch drüber her sein und folgenden Satz geschickt prüfen.« – Ich kann jetzo fortfahren.

Wenn er nun in diesem geistigen Laboratorium, das weniger der Scheidekunst als der Vereinkunst diente, vom Turmalin an, der Aschestäubchen zieht, bis zur Sonne, die Erden zieht, und bis zur unbekannten Sonne, an welche Sonnensysteme anfliegen, aufstieg – oder wenn ihm die anatomischen Tabellen der perspektivische Aufriß einer göttlichen Bauart waren, und das anatomische Messer zum Sonnenweiser seiner Lieblingwahrheit wurde: daß es, um einen Gott zu glauben, nicht mehr bedürfe als zweier Menschen, wovon noch dazu einer tot sein könnte, damit ihn der lebende studiere und durchblättereEin Sonnensystem ist nur ein punktiertes Profil des Weltgenius, aber ein Menschenauge ist sein Miniaturbild. Die Mechanik der Weltkörper können die mathematischen Rechenmeister berechnen; aber die Dioptrik des unter lauter trüben Feuchtigkeiten helle gewordnen Auges übersteigt unsre algebraischen Rechenkammern, die daher von den nachgeäfften Augen (von den Gläsern) den Diffusionraum und das enge Feld nicht wegzurechnen vermögen. – oder wenn ihn die Dichtkunst als eine zweite Natur, als eine zweite Musik sanft emporwehte auf ihrem unsichtbaren Äther, und er unentschlossen wählte zwischen der Feder und der Taste, sobald er in der Höhe reden wollte – – kurz, wenn in seiner Himmelkugel, die auf einem Menschen-Halswirbel steht, der Ideen-Nebel allmählich zu hellen und dunkeln Partien zerfiel und sich unter einer ungesehenen Sonne immer mehr mit Äther füllte, wenn eine Wolke der Funkenzieher der andern wurde, wenn endlich das leuchtende Gewölk zusammenrückte: dann wurde vormittags um 11 Uhr der innere Himmel (wie oft draußen der äußere) aus allen Blitzen eine Sonne, aus allen Tropfen wurde ein Guß, und der ganze Himmel der obern Kräfte kam zur Erde der untern nieder, und... einige blaue Stellen der zweiten Welt waren flüchtig offen.

– Unsere innern Zustände können wir nicht philosophischer und klarer nachzeichnen als durch Metaphern, d. h. durch die Farben verwandter Zustände. Die engen Injurianten der Metaphern, die uns statt des Pinsels lieber die Reißkohle gäben, schreiben der Farbengebung die Unkenntlichkeit der Zeichnung zu; sie solltens aber bloß ihrer Unbekanntschaft mit dem Urbilde schuldgeben. Wahrlich der Unsinn spielt Versteckens leichter in den geräumigen abgezognen Kunstwörtern der Philosophen – da die Worte, wie die sinesischen Schatten, mit ihrem Umfange zugleich die Unsichtbarkeit und die Leerheit ihres Inhalts vermehren – als in den engen grünen Hülsen der Dichter. Von der Stoa und dem Portikus des Denkens muß man eine Aussicht haben in die epikurischen Gärten des Dichtens.

– In drei Minuten bin ich wieder bei der Geschichte. – Er müßte, sagte Viktor, Berg-, Garten- und Sumpfwiesen haben, weil er drei verschiedne närrische Seelen besäße, die er auf verschiedene Ländereien zur Weide treiben müßte. Er meinte damit nicht, wie die Scholastiker, die vegetative, sensitive und intellektuelle Seele – noch, wie die Fanatiker, die drei Teile des Menschen: sondern etwas recht Ähnliches, seine humoristische, empfindsame und philosophische Seele. Wer ihm eine davon wegnähme, sagt' er, der möchte ihm immer auch die restierenden gar ausziehen. Ja zuweilen, wenn gerade die humoristische auf der umwechselnden Querbank obenan saß, trieb er den Leichtsinn so weit, daß er den Wunsch äußerte, in Abrahä Schoß würde Spaß gemacht, und er könnte sich auf die zwölf Stühle mit seinen drei Seelen zugleich niederlassen. – –

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