Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Jean Paul Richter >

Hesperus oder 45 Hundposttage

Jean Paul Richter: Hesperus oder 45 Hundposttage - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleHesperus oder 45 Hundposttage
pages471-1236
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
Schließen

Navigation:

»Also muß«, antwortete er, »die pantomimische Sprache gerade so viel bezeichnen wie die Ohrensprache. – Sooft ich einen Taubstummen zum Abendmahl gehen sehe, denk' ich daran, daß aller Unterricht nichts in den Menschen bringe, sondern nur das Dagewesene bezeichne und ordne. – Die Kindesseele ist ihr eigner Zeichenmeister, der Sprachlehrer der Kolorist derselben.« – »Wie,« fuhr sie fort, »wenn dieser schöne Abend einmal wieder vor die Erinnerung dieses Kleinen käme? Warum sieht das sechste Jahr schöner in der Erinnerung aus als das zwölfte, und das dritte noch schöner?« – Eine schöne Frau unterbricht man nicht so leicht wie einen Exdekan; sie durfte also darauf kommen: »Herr Emanuel sagte einmal, man sollte den Kindern in jedem Jahre ihre vergangnen erzählen, damit sie einmal durch alle Jahre durchblicken könnten bis ins zweite neblichte hinein.« Mir ist, als hört' ich die oben gedachte Hofdame leibhaftig sprechen, unter deren dünnen Blonden mehr Philosophie blieb als unter manchem Doktor-Filzhut, wie Quecksilber im Flor beklebt und durch Leder rinnt. – Viktor antwortete mit der gewöhnlichen Teilnahme seines guten Herzens: »Emanuel steht nahe am Menschen und kennt ihn – Den umgaukelten Menschen führen zwei Prospektmalerinnen durch das ganze Theater, die Erinnerung und die Hoffnung – in der Gegenwart ist er ängstlich, das Vergnügen wird ihm nur in tausend lilliputische Augenblicke eingeschenkt wie dem Gulliver; wie soll das berauschen oder sättigen? – Wenn wir uns einen vergnügten Tag vorstellen, so drängen wir ihn in einen einzigen freudigen Gedanken; kommen wir hinan, so wird dieser Gedanke unter den ganzen Tag verdünnt.« –

»Daran denk' ich,« versetzte sie, »sooft ich durch Wiesen gehe: in der Ferne stehen Blumen an Blumen – aber in der Nähe sind sie alle durch Gras auseinander gerückt. – Aber am Ende wird doch auch die Erinnerung bloß in der Gegenwart genossen.«... Viktor dachte bloß über die Blumen nach und sagte vertieft: »Und in der Nacht sehen die Blumen selber wie Gras aus« – als es plötzlich zu tropfen anfing.

Sie traten alle feierlich in das Gartenhaus, auf dessen Dache der Regen aufschlug, indes in die offnen Fenster der auf- und zugedeckte Mond wie ein Gletscher seine Schneeblitze hineinwarf – der laue Blüten-Atem der ganzen leuchtenden Landschaft hauchte jeden menschlichen Seufzer, jeden schweren Busen heilend an. – In dieser engen Nähe, durch die mit dem Monde abwechselnde Nacht abgeschieden von der Natur, mußte man zur Nachbarschaft, zum alten Klaviere flüchten. Klotildens Stimme konnte die Flöten-Begleitung des äußern Regen-Gelispels sein. Die Pfarrerin bat sie darum, und zwar um ihre Lieblingarie aus Bendas Romeo: »Vielleicht, verlorne Ruh'! vielleicht find' ich dich im Grabe wieder« etc., ein Lied, dessen Töne wie feine auflösende Düfte in das Herz durch tausend Öffnungen dringen und darin beben und immer stärker beben, bis sie es endlich zerzittern und nichts von ihm in der harmonischen Vernichtung übrig lassen als Tränen.

Klotilde willigte ohne zögernde Eitelkeit in das Singen ein. Aber für Sebastian, in welchem alle Töne an nackte zitternde Fühlfäden schlugen, und der sich schon mit den Gesängen der Hirten auf dem Felde traurig machen konnte, war dieses an einem solchen Abend für sein Herz zu viel: während der musikalischen Aufmerksamkeit der andern mußt' er zur Türe hinausgehen...

Aber hier unter dem großen Nachthimmel können unter höhere Tropfen ungesehen seine fallen – Welche Nacht! – Hier schlägt ein Glanz über ihn zusammen, der Nacht und Himmel und Erde aneinanderreiht, die magische Natur drängt sich mit Strömen ein ins Herz und macht es gewaltsam größer. – Oben füllet Luna die wehenden Wolken-Flocken mit flüssigem Silber an, und die getränkte Silberwolle zittert herab, und Glanzperlen rinnen über glattes Laub und stocken in Blüten, und das himmlische Gefilde perlt und glimmt – – Durch dieses Eden, worüber ein doppeltes Schneegestöber von Funken und von Tropfen zwischen einem Staubregen von Blütendüften spielte und wirbelte, und worin Klotildens Töne wie verirrte Engel sinkend und steigend umherflogen, durch dieses Zauber-Gewimmel wankte Viktor geblendet – überströmt – zitternd – und weinend hin und sank müde in die Laube nieder, wo er heute am Herzen seines Vaters gewesen war. Er überdachte das Winterleben dieses guten Vaters unter lauter Fremdlingen des Herzens und dessen bange Feier des heutigen Tages und den kalten leeren Raum in der väterlichen Brust, den sonst die verlorne Gestalt der Geliebten bewohnet hatte – und er sehnte sich schmerzlich an das Herz der unsichtbaren Mutter. Er hob das angelehnte Haupt in den Regen auf, und aus den weiten offnen Augen fielen fremde Tropfen nicht allein. Er glühte durch sein ganzes Ich, und Nachtwolken sollten es kühlen. Seine Fingerspitzen hingen leise ineinander gefaltet nieder. Klotildens Töne tropften bald wie geschmolzene Silberpunkte auf seinen Busen, bald flossen sie wie verirrte Echo aus fernen Hainen in diesen stillen Garten herein. Er nannte nichts – er dachte nichts – er sprach sich nicht los, er klagte sich nicht an – er sah es wie im Traume, wenn bald eine dicke Nacht über den Garten rannte, bald ein Lichtmeer ihr nachschoß.

Aber ihm war, als wollte seine Brust aufspringen, als wär' er selig, wenn er jetzt geliebte Menschen umschlingen und an ihnen im seligen Wahnsinn seinen Busen und sein Herz zerquetschen könnte. Ihm war, als wär' er überselig, wenn er jetzo vor irgendeinem Wesen, vor einem bloßen Gedankenschatten hingießen könnte all sein Blut, sein Leben, sein Wesen. Ihm war, als müßt' er in Klotildens Töne schreien und die Arme um Felsen drücken, um nur das peinliche Sehnen zu betäuben. – –

Er hörte die Blätter tropfen und hielt es noch für Regen. Aber der Himmels-Staubbach hatte sich versprungen, und bloß Lunens Lichtfall übersprengte noch die Gegend. Der Himmel war tief blau. Agathe hatt' ihn unter dem Regen gesucht, und jetzt erst gefunden. Er wachte auf, ging folgsam und schweigend mit ihr hinaus und begegnete lauter ausgeheiterten Himmels-Gesichtern – da zuckten alle seine Nerven, und er mußte sich mit einer stummen Verbeugung schmerzhaft-freundlich entfernen. Jeder hatte andere Gedanken darüber. Aber die Pfarrerin sagte der Gesellschaft, er höre die Musik gern von ferne, nur mache sie ihn allemal zu melancholisch.

Ach in seinem Zimmer umfing ein glücklicher tröstender Gedanke seine Seele. Klotildens Grablied und alles befestigte die Gestalt des erhabnen Emanuels vor sein Auge – diese schien zu sagen: »In einem Jahre bin ich schon unter der Erde, komme nur zu mir, Armer, ich will dich so lange lieben, bis ich sterbe!« Ohne ein Licht zu begehren, schrieb er mit strömenden Augen, denen ohnehin keines geholfen hätte, dieses Blatt an Emanuel:

»Emanuel!

Sage nicht zu mir: ich kenne dich nicht! – Warum kann der Mensch auf dem schmalen Sonnenstäubchen Erde, auf dem er warm wird, und während der schnellen Augenblicke, die er am Pulse abzählt, zwischen dem Blitze des Lebens und dem Schlage des Todes, noch einen Unterschied machen unter Bekannten und Unbekannten? Warum fallen die kleinen Wesen, die einerlei Wunden haben, und von denen die Zeit das nämliche Maß zum Sarge nimmt, nicht einander ohne Zögern mit dem Seufzer in die Arme: ›Ach wohl sind wir einander ähnlich und bekannt‹? – Warum müssen erst die Fleischstatuen, worein unsre Geister eingekettet sind, zusammenrücken und einander betasten, damit die darin vermummten Wesen sich einander denken und lieben? – Und doch ists so menschlich und wahr: was nimmt uns denn der Tod anders als Fleischstatuen – als das geliebte Angesicht unsern Augen – als die teuere Stimme unsern Ohren und die warme Brust der unsrigen?... Ach Emanuel! sei für mich kein Toter! Nimm mich an! Gib mir dein Herz! Ich will es lieben! – Ich bin nicht sehr glücklich, mein Emanuel! – Da mein großer Lehrer Dahore – dieser glänzende Schwan des Himmels, der, vom zerknickten Flügelgelenk ans Leben befestigt, sehnend zu andern Schwänen aufsah, wenn sie nach den wärmern Zonen des zweiten Lebens zogen – aufhörte an mich zu schreiben: so tat ers mit den Worten: ›Suche mein Ebenbild! Deine Brust wird so lange bluten, bis du mit einer andern die Narben bedeckst, und die Erde wird dich immer stärker schütteln, wenn du allein stehst – und nur um den Einsamen schleichen Gespenster.‹ – – Emanuel, bist du nicht ruhig und sanft und nachsichtig? – Sehnet sich deine Seele nicht, alle Menschen zu lieben, und ist ihr nicht ein einziges Herz zu enge, in das sie mit ihrer Liebe wie eine Biene in eine eingeschlafene Tulpe eingeschlossen ist? – Hast du nicht satt das Repetierwerk unseres Freuden- und Trauergeläutes, die Familienähnlichkeit aller Abende und Zeiten? – Schauest du nicht von dieser dahingerissenen Erde hinaus auf deinen langen Weg über dir, damit dich nicht ekle und schwindle, wie man eben deswegen aus dem Wagen auf die Straße sieht? – Glaubst du nicht an Menschen, um welche die Bergluft einer höhern Stellung geht, und die oben auf ihrem Berge mitten in einem stillen Himmel stehen und herunterschauen in die Donner und Regenbogen an der Erde? – Glaubst du nicht an Gott und suchst seine Gedanken auf in den Lineamenten der Natur und seine ewige Liebe in deiner Brust? – – – Wenn du das alles bist und denkst, so bist du mein; denn du bist besser als ich, und meine Seele will sich heben an einem höhern Freund. Baum des höhern Lebens, ich umfasse dich, ich umstricke dich mit tausend Kräften und Zweigen, damit ich aufsteige aus dem zertretenen Kot um mich! – Ach von einem großen Menschen könnte ich geheilt, gestillet, erquickt, erhoben werden – ich Armer, nur an Wünschen reich – zerrüttet vom Kriege zwischen meinen Träumen und meinen Sinnen – wund hin- und hergeschlagen zwischen Systemen, Tränen und Narrheiten – anekelnd die Erde, die ich mir nicht ersetzen kann, lachend über die weinerliche Komödie bloß aus Jammer, und der widersprechendste, betrübteste und lustigste Schatten unter den Schatten in der weiten Nacht.... O! schöne, gute Seele, liebe mich!

Horion.«

Den Kopf auf die Hand gestützt, ließ er so lange seine Tränen, ohne zu denken und ohne zu sehen, rinnen, bis die Natur ein Ende machte. Dann trat er ans Klavier und sang unter dessen Begleitung die heftigsten Stellen seines Briefes ab; was ihn stark bewegte, trieb ihn allezeit zum Singen an, besonders der Affekt der Sehnsucht. Was kann es uns verschlagen, daß es Prose war?

Bei der letzten Zeile seines Briefgesanges ging langsam die Türe auf: »Du bists?« sagte eine Stimme. »Ach komm herein, Flamin!« antwortete er. »Ich wollte nur sehen, ob du zurück wärest«, sagte Flamin und ging. –

– Ich denke, es ist nötig, daß ich wenigstens folgendes dazwischenwerfe: – daß nämlich Viktor zu viel Phantasie, Laune und Besonnenheit besaß, um nicht, wenn diese drei Saiten zugleich erschüttert wurden, lauter Dissonanzen anzugeben, die bei mehr harmonischen Intervallen dieser KräfteGerade der Besitz ungleichartiger Kräfte in gleichem Grade macht inkonsequent und widersprechend; Menschen mit einer vorherrschenden Kraft handeln gleicher nur nach ihr. In Despotien ist mehr Ruhe als in Republiken; am heißen Äquator ist ein gleicherer Barometerstand als in den Zonen mit vier Jahrzeiten. weggeblieben wären – daß er daher mehr Neigung zu Schwärmereien und zu Schwärmern hatte als Ansatz dazu – daß seine negativ-elektrische Philosophie mit seinem positiv-elektrischen Enthusiasmus immer um das Gleichgewicht zu kämpfen hatte – und daß aus dem Aufbrausen beider Spiritus nichts wurde als Humor – daß er alle Freuden-Nelken auf dem nämlichen Beete haben wollte, obgleich eine die Farbe der andern verfälschte (z. B. Feinheit und Enthusiasmus, Erhebung über die Welt und Ton der Welt) – daß daraus außer der Laune und höchsten Toleranz auch ein unbewegliches schweres Gefühl der Nichtigkeit unserer vorüberstreichenden und mit einer solchen Kontrarietät der Farben entworfnen innern Zustände werden mußte – und daß er, den der Schlimme für doppelseitig und der Gutmütige für veränderlich hält, nichts zum Schmücken und Ründen seines in so viel Holz versteckten neuen Adams oder Palladiums bedürfe als die Sense der Zeit – Zeit also.

 << Kapitel 18  Kapitel 20 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.