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Hesperus oder 45 Hundposttage

Jean Paul Richter: Hesperus oder 45 Hundposttage - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleHesperus oder 45 Hundposttage
pages471-1236
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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Ein allerhöchstes Handbillet ist das Tetragrammaton und Gnadenmittel, das die übernatürlichen Wirkungen und Staats-Wunder tut; und der durchlauchtige Schreib-Daumen ist gleichsam ein zauberischer Diebs-Daumen, der die verschiedenen Räder der Staats-Repetieruhr, das Heberad, das Zifferblattrad, oft bloß den Zeiger voraus- oder zurückstößet, je nachdem er eine Stunde früher oder später begehrt. Daher steigen oft Minister hinauf und schneiden sich einen solchen Diebs-Daumen für ihre Taschen ab.

Sebastian wird von der Freude wie von Habakuks Engel beim Schopfe erfaßt und durch den Garten geführt und mit seiner Novelle an den ersten besten getrieben – an den Kaplan, welcher mit einem närrischen Gesicht beschwor, es wären nur Finten von Viktor; aber der verhaltene Jubel sprengte ihm fast die zugebundene Ader auf. Viktor hatte keine Zeit, zu widerlegen; sondern eilte mit einer solchen Botschaft an das rechte Herz, in das sie gehörte – ans mütterliche. Die Mutter konnte ihren Mund zu nichts als einem seligen Lächeln öffnen, in das die Augen ihre Freudentropfen gossen. In der Natur ist keine Freude so erhaben rührend als die Freude einer Mutter über das Glück eines Kindes. Aber der Sohn, in dessen heutiger Seele dieser Sonnenblick des Schicksals nötig war, wurde in der Überraschung nicht sogleich gefunden.

Der Lord sprach unterdessen mit Klotilden wie mit seiner Tochter und gab ihr einen Brief von ihrer Mutter und die Nachricht seiner nahen Abreise. Sein von Achtung geleitetes und von Feinheit verschönertes männliches Wohlwollen veredelte ihre Aufmerksamkeit auf seine Mienen, und als sie aus dem warmen leisen Gespräch mit glänzenden Augen ging, war ihre hohe Gestalt, die sich sonst ein wenig bückte, von einer Begeisterung zum erhabnen Wuchse aufgerichtet, und sie stand unendlich schön in dem Tempel der Natur, wie eine Priesterin dieses Tempels. – Der Lord entfernte sich von ihr. – Sie fand Flamin am Tulpen-K, und die Göttin des Glücks erschien ihm in der holdesten menschgewordnen Gestalt, um ihm ihr Geschenk zu liefern. Freilich setzte ihn hier die Zeitung und die Zeitungträgerin in gleiches Entzücken.

Die Freude hatte den ganzen Bienen-Garten in einem Schwarmsack zum Chaos zusammengerüttelt. Die schäumende Weingärung mußte sich erst zum hellen stillen Entzücken abarbeiten. Der Lord ging der mit so vielen Ripienstimmen besetzten Dankbarkeit aus dem Wege und an seinen Wagen, als ihn die Mutter mit ihrer stummen Herzensfülle erreichte; aber sie konnte nichts aus der froh beschwerten Brust auf die Lippen heben als die demütigen Worte: »heute sei sein Geburttag, und sein Sohn wiss' es nicht und habe auch mit einer Entzückung überrascht werden sollen.« Er wollte ihr mit einem dankbaren Lächeln entfliehen und sagte, daß er zum Fürsten zurückzueilen habe, der vielleicht auf eben diesen Tag eine so gütige Rücksicht genommen wie sie; allein Sebastian holte mit dem gefundnen Freund ihn an der Gartenschwelle ein, und der eilende Lord verspätete sich noch durch eine schnelle Umarmung seines Sohnes. Erst als er weg war, faßte die Mutter, die ihre Liebe zu entladen suchte, Viktors Hand zärtlich an und vergaß die Abrede und fragte: »O Teuerster! warum haben Sie ihm denn nicht Glück gewünscht zu seinem Geburttage? Denn ich konnte ja nicht.« Jetzo verstand und fühlte er erst die schnelle Umarmung des Vaters und breitete die Arme nach ihm aus und wollte sie erwidern.

Darüber traf auch der alte Pfarrer aus dem Garten ein und sagte wie närrisch: »Ich wollt', er wäre Regierungrat«; aber die Frau sagte, ohne darauf zu antworten, mit überfließender Stimme und Liebe zu ihm: »So ein Wiegenfest hast du noch nicht erlebt wie heute, Peter!« Agathe sah sie fragend und zurechtweisend an. »Fahre nur damit heraus« – sagte sie und umfing die zwei Kinder und zog beide in die väterliche Umarmung hinein – »und wünscht eurem guten Vater lange Tage und noch drei beglückte Kinder.« –

Der Vater konnte nichts sagen und streckte die Hand nach der Mutter entgegen, um die Gruppe des liebenden Edens zu ründen. Viktors sympathetisches Blut häufte sich in sein Herz, um es in Liebe aufzulösen, und er dachte das stille Gebet: »Reiße nie diese verschlungnen Arme, du Allgütiger, durch ein Unglück auseinander!« – Aber Flamin zog sich bald aus der Verkettung und sagte zu Viktor mit dem dankbarsten Händedruck: »Du weißt nicht, wie unrecht ich dir immer tue.« Der Kaplan dachte, er werde allen seine Rührung verstecken, wenn er sage: »Ich wollt', ich hätt' euch nicht betrogen. – Ich habe zur Ader gelassen, es ist aber dumm – hätt' ichs nur gewußt! – hätt' ichs nur nicht! – Wahrlich, da sehts selber!« – Und als diese Maske nicht hinreichte, seine ganze gerührte Seele zu bedecken, rief er der armen vergessenen Apollonia, die an der Haustür den erwachten Bastian schwenkte, überlaut zu, herzukommen. Allein diese Arme, deren bloß entfernte freudige Teilnahme an der allgemeinen Annäherung unsern Viktor im Innersten rührte, zögerte scheu, bis die Mutter kam und sie schadlos hielt durch alles, was den Müttern nie vergolten wird. Aber erst als die Pfarrerin ihr Kind in ihren Armen und an ihren Lippen hatte, fühlte sie, daß die gefangnen Flammen ihrer Gefühle ihre Öffnung fanden und ihr Herz seine Erleichterung. –

O! daß der Mensch gerade zu der Zeit die schönste Liebe empfängt, wo er sie noch nicht versteht – O, daß er erst spät im Lebensjahre, wenn er seufzend einer fremden Eltern- und Kinderliebe zusieht, hoffend zu sich sagt: »Ach meine haben mich gewiß auch so geliebt« – ach daß alsdann der Busen, zu dem du mit dem Danke für ein halbes Leben, für tausend verkannte Sorgen, für eine unaussprechliche, nie wiederkehrende Liebe eilen willst, schon zerdrückt liegt unter einem alten Grabe und das warme Herz verloren hat, das dich so lange geliebt!...

In der häuslichen Glückseligkeit sind die windstillen, zwischen vier engen Wänden vorgetriebnen bequemen Freuden nur der zufälligste Bestandteil: ihr Nerven- und Lebensgeist sind die lodernden Feuerquellen der Liebe, die aus den verwandten Herzen ineinander springen. –

Die unwillkürliche Überraschung hatte die willkürlichen vereitelt. Aber die Freudenflut hatte alle Personen zusammengeströmt; und sie blieben noch in der vertraulichen Nähe, als jene wieder verlaufen war. Man setzte sich zum Gastmahl im Gartenhaus. Selten sind Schmäuse so wie dieser durch zwei außerordentliche Vorzüge gewürzt, durch Mangel an Essen und Mangel an Platz. Nichts reizt den Appetit so sehr als die Besorgnis, er finde nicht satt. Es war von Sebastian ausgesonnen, daß für jeden Gast nur das Leibgericht besorgt wurde – für den Pfarrer farcierte Krebse und Erdäpfelkäse – für Flamin Schinken – für den Helden das Gemüse vom guten Heinrich. – Jeder wollte jetzo das Leibgericht des andern, und jeder subhastierte seines. Sogar die Damen, die sonst wie die Fische essen und nicht essen, bissen an. Der zweite berauschende Bestandteil, den sie in ihren Freudenbecher geworfen hatten, war der Tisch samt Gartenstube, wovon jener die Kost, diese die Kostgänger nicht faßte. Sebastian hatte sich samt Agathen an ein Filialtischchen, das man außen ans Fenster des Speisesaales gestoßen, begeben, bloß um draußen mehr hineinzulärmen und zu klagen als zu essen. Dieser Mutwille war im Grunde die verdeckte Bescheidenheit, welche befürchtete, drinnen auf Kosten der andern Gäste, des Lords wegen, gefeiert zu werden. Sein eignes Alleinsein – vielleicht in einem schmerzlichen Sinn – malte ihm die blöde Appel vor, die als Herd-Vestalin erst von zurückgehenden Speisen den Rückzoll aß, bloß um zu versuchen, wie es andern geschmeckt. Er konnte den Gedanken dieser Abtrennung nicht länger erdulden, sondern nahm Wein und das Beste vom Nachtisch und trug es ihr in ihr Küchen-Winterquartier hinein. Da er dabei auf seinem Gesicht statt seiner Munterkeit gegen Mädchen, von der sie eine zu demütige Auslegung hätte machen können, den größten höflichen Ernst ausspannte: so war er so glücklich, einer von der Natur selber zusammengedrückten Seele – die hier in keinem andern Blumentopf ihre Wurzeln herumtreibt als in einem Kochtopf, und deren Konzertsaal in der Küche, und deren Sphärenmusik im Bratenwender ist – einen goldnen Abend gegeben zu haben und ein gelüftetes Herz und eine frohe lange Erinnerung. Kein Boshafter werfe einer solchen guten Schneckenseele seine Faust in den Weg und lache dazu, wie sie sich hinüberquält – und der Aufgerichtete bücke sich gern und hebe sie sanft über ihre Steinchen weg....

Klotilden anlangend, so gings vor dem Essen recht gut; aber nachher recht schlecht. Ich rede von Sebastian, der nach der beim Lord eingelegten Bittschrift froher und leichter war und mit Klotilden wahrhaftig so freimütig sprach, als wäre sie eine – Braut. Denn er hatt' es schon im Hannöverischen gesagt: »es gebe kein langweiligeres und heiligeres Ding als eine Braut, besonders eines Freundes seine; lieber woll' er an die mürben Pandekten in Florenz oder an einen Wiener heiligen Leib im Glasschrank streifen und tippen als an sie.« – Überhaupt wars schwer, sich in Klotilde zu verlieben; ich weiß, der Leser hätt' es nicht getan, sondern sich kalt wieder fortgemacht. »Ihre griechische Nase unter der fast männlich breiten Stirne«, hätt' er gesagt, »- diese Schwester-Nase aller Madonnen und dieses seltne Grenzwildpret auf deutschen Gesichtern –, ihre stillen, aber hellen Augen, die außer sich nichts suchen, dieser britische Ernst, diese harmonische denkende Seele erheben sie über die Rechte der Liebe. – Wenn diese majestätische Gestalt auch lieben wollte: wer hätte den Mut, ihr seine darauf zu bieten, und wer wäre so eigennützig, um das Geschenk eines ganzen Himmels einzustecken, oder so stolz, um sein Herz als Dampfkugel in ihres zu schießen und damit diese stille sinnende Heiterkeit zu benebeln?« – Der Leser lieset sich selber gern. –

Aber nach dem Essen gings anders. Unter Viktors Gehirnhäuten hatte irgendein Poltergeist im innern Schriftkasten alle Lettern seiner Ideen so untereinander geworfen, daß er bisher lustig, aber unzufrieden war – er hatte versucht, Agathens Haare auf- und abzulocken, ihre Doppelschleifen in ungleiche und eben darum wieder in gleiche Hälften zu zerren – aber es hatt' ihm nicht wie sonst gefallen – die heutigen Zwischenspiele der häuslichen Liebe hatten seine ganze scherzende Seele aus den Fugen gezogen, und es war ihm, als wenn er, entfernt von der jetzigen Freude, wenigstens auf einige Minuten froher sein würde in irgendeiner stillen Ecke, und besonders sehnt' er sich, die Sonne untergehen zu sehen. – –

Dazu kam noch mehr: der Anblick von Klotildens wärmerer Liebe gegen Agathe – der Anblick seines Freundes, der durch seine schweigende Zärtlichkeit, durch seine mildere Stimme, durch eine an heftigen Menschen so unwiderstehliche Ergebenheit jedem Herzen befahl: liebe mich! – und endlich der Anblick der Nacht...

Er war schon längst traurig, als er noch lustig schien. Jetzo brachte die Mutter den kleinen Held des heutigen Vormittags in den lauen Abendhimmel heraus. Sie standen alle außerhalb der Garten-Stiftshütte, im ersten Tempel des andächtigen Menschen. In die Wolken floß das Abend-Blut der versinkenden Sonne, wie ins Meer das Blut seiner in der Tiefe sterbenden Riesen. Das lockere Gewölke langte nicht zu, den Himmel zu decken; es schwamm um den Mond herum und ließ sein bleiches Silber aus den Schlacken blicken.

Das rote Gewölke schminkte den Säugling. Jeder fassete leise seine weichen Hände, die schon aus der Kissen-Knospe und Wickelbänder-Verpuppung brachen. Klotilde – anstatt an den Kleinen körperliche kokette Liebkosungen zu verschwenden, wie manche Mädchen vor oder für Mannspersonen tun – goß einen fortströmenden Blick voll herzlicher Liebe auf den neuen Menschen nieder, band seine schneidenden Hemd-Ärmel auf, verbauete ihm den angeschielten Mond und sagte spielend: »Lächle her und liebe mich, Sebastian!« Sie konnte unmöglich metaphorische Rikoschet-Schüsse in diese Zeile laden; auch wußte der große uneingewickelte Sebastian recht gut, daß sie keinen Doppelsinn vorausgesehen; ja er kannte die Regel, daß man aus der Ängstlichkeit, womit einige gewisse Gedanken aus ihrem Sprechen bannen, die Gegenwart derselben in ihrem Kopfe errate. Gleichwohl hatt' er doch nicht den Mut, zu lächeln wie die andern, oder das von ihr berührte Händchen in seines zu nehmen. Sie kehrte sich zu ihm und sagte: »Aber wie lernt das Kind unsere Sprache, wenn es nicht schon eine kann?«

.. Ich hab' es bloß aus Liebe zu den Weltweisen mit Schwabacher drucken lassen.

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