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Hesperus oder 45 Hundposttage

Jean Paul Richter: Hesperus oder 45 Hundposttage - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleHesperus oder 45 Hundposttage
pages471-1236
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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Ich laure hier längst der Welt auf, um sie zur Untersuchung zu nötigen, warum ein Maus-Sterbefall sie mehr interessiert als eine erschossene Armee in der allgemeinen Weltgeschichte, ein verlorner fremder Haarpüster mehr als Christinens verlegte Krone... Daher kömmt dieses Interesse, woher es bei denen kömmt, denen die Sache wirklich begegnet: weil ich sie weitläuftig erzähle, d. h. weil die Leser gleich den dabei interessierten Helden mühsam einen Augenblick der kindischen Historie um den andern überleben. Viele kleine Schläge durchlöchern den festesten Menschen so sicher als ein großer, und es ist einerlei, ob sie das Schicksal oder ein Autor tut. So ist also der hiesige Mensch so nahe an den Zeiger der Zeit gestellt, daß er ihn rücken sehen kann; darum wird uns eine Kleinigkeit, wenn sie viele Augenblicke einnimmt, so groß, und das kurze Leben, das, wie unsre gemalte Seele im orbis pictus, aus Punkten besteht, aus schwarzen und goldnen, so lang. Und darum steht überall, wie auf diesem Blatte, unser Ernst so nahe an unserem Lachen!

Flamin ausgenommen, rückten sie alle in die Kirche, Pat' und Patchen: es war eine sogenannte Wochen-Betstunde, die in jedem vernünftigen Herzogtum und Markgraftum wird beibehalten werden, wo man noch darauf sieht, daß der Pfarrer wöchentlich ein paarmal erfriert, und daß er, so wie Novizen zur Übung der Obedienz verdorrte Stecken begießen müssen, den Samen des göttlichen Wortes in leere Kirchenstühle wirft, wie Melanchthon in leere Töpfe. In den deutschen Ländern – meines und wenige ausgenommen – gehören zwei Jahrhunderte dazu, um eine vollständige Narrheit abzuschaffen – eines, um sie einzusehen – noch eines, um sie abzuschaffen. Die Einsichten eines Konsistoriums werden allemal ein Jahrhundert früher vernünftig als die Befehle (Cirkularia) desselben.

Im Eymannischen Gitterstuhle, dessen Türe mit der Sakristei ihrer fast einen rechten Winkel machte, fand Sebastian alle Blumen, wenigstens die Blätterskelette derselben wieder, die um seine schönen Kindertage geblühet hatten – uneigentliche und eigentliche –, und die eigentlichen, die beschmutzt unter dem Fußschemel des Chorstuhls sich verkrochen, schlugen zu Blumen der Erinnerung wieder aus. Er dachte an seine kindischen Leiden darin – worunter die Länge der Predigt – und an seine kindischen Freuden, unter welche die Länge des Präludiums und Eymanns Knien auf der Mitte der Kanzeltreppe gehörte. Er schob das hölzerne Gitterfenster zurück und fand in dessen hölzernem Gleise seinen Namenzug V.S.H. von eignen Händen eingesägt. Vom Kinde zum Jüngling ist so weit! Und der Mensch verwundert sich über die Ferne. »Ach damals« – sagte Horion, und wir wollens mit ihm sagen – »war dir noch alles unendlich, und nichts klein als dein Herz – ach in jener warmen erquickenden Zeit, wo der Vater uns noch Gott der Vater und die Mutter die Mutter Gottes ist, drückte sich noch die von Geistern, Gräbern und Stürmen beklemmte Brust getröstet an eine menschliche – alle vier Weltteile waren in diese Kirche eingepfarret, alle Ströme hießen Rhein und alle Fürsten Jenner – ach! diesen schönen stillen Tag faßte ein goldner Horizont der unendlichen Hoffnung ein und ein Ring aus Morgenrot. – Jetzo ist der Tag dahin und der Horizont hinab und bloß das Gerippe noch da: der Gitterstuhl.«

Aber wenn wir schon jetzt in den Mittagstunden des Lebens so denken und seufzen: wie wird uns nicht am Abend, wo der Mensch seine Blumenblätter zusammenlegt und unkenntlich wird wie andre Blumen, am Abend, wo wir unten am Horizont in Westen stehen und auslöschen, wird uns da nicht, wenn wir uns umwenden und den kurzen, mit ertretenen Hoffnungen bedeckten Weg überschauen, wird dann uns der Garten der Kindheit, der in Osten, tief an unserm Aufgange, und noch unter einem alten blassen Rote liegt, nicht noch holder anblicken, noch magischer anschimmern, aber auch noch weicher machen? – Und darauf legt sich der Mensch nicht weit vom Grabe nieder auf die Erde und hofft hienieden nicht mehr.

Für Eymann mußt' es rührend sein, daß er, da er jahrelang fremde Kindbetterinnen in der Kirche einsegnete, einmal einer nähern seine Wünsche geben konnte. Viktor kroch in alle Knabensonntage und ihre Täuschungen dadurch zurück, daß er heute – wie im zehnten Jahr – unter dem Singen der ganzen Gemeinde in die Sakristei zum Pfarrer ging und ihn fragte um die Blattseite des Lieds. Es labte ihn als Kind, daß es vier gehende Wesen im Tempel gab, den Pfarrer, den Schulmeister und den Renteimeister des Gotteskastens und ihn: gibt es etwas Erhabeners, dacht' er, als einen Klingelbeutelvater mit einer langen waagrechten Balancierstange allein einherwandelnd durch lauter befestigte Statuen?

Nach der Kirche fing sich das Fest an mit bloßen Vorarbeiten dazu, wie ein Friedenschluß mit den Schlüssen über den neutralen Ort, über den Rang u. s. w. Die Welt muß nur nicht denken, daß eher als um fünf Uhr nachmittags etwas angehe, oder daß jemand früher aus der prosaischen Wochen-Einkleidung in die poetische festliche wischen oder sich ruhig neben einen Nachbar niederlassen könne – sondern nach der Prozeßordnung der Lust muß jetzt alles hinauf-, hinabrennen – Apollonien, dieser Majorin domus, gehorchen – die Bohnenstangen und Samen-Düten aus dem Gartenhause tragen – entpuppte Schmetterlinge daraus fächeln und aufgewachte Brummfliegen – das vorgeschossene Gezweig von den Fenstern zurückbinden – die Orangerie, die aus hundert Blüten eines Pomeranzenbaums bestand, aus dem Pfarrhause in die Garten-Straße herunterheben, desgleichen ein invalides Klavier, dessen Sangboden nicht so oft als sein Saitenbezug gesprungen war... Der ernsthafte Flamin wurde vom lärmenden Sebastian zu diesen Haupt- und Staatsaktionen mit gezwungen, und zwischen ihnen mußte in dieser Vorjagd der Freude das gequälte Eymannische Gesicht arbeiten, an das Viktor die nötigsten Ermahnungen hielt: »Herr Gevatter, wir können nicht ernsthaft und fleißig genug sein – es kann von diesem Feste noch an Orten gesprochen werden, wo es Einfluß hat – aber ein Mittelweg zwischen Fürstenpracht und belgischer Knauserei wird, denk' ich, das vorteilhafteste Licht auf uns werfen.« – Es ging alles gut – sogar das Gewölk zerwarf sich – Klotilde wollte kommen – der Primas des Festes, dem zu Ehren der Kirchgang war, der kleine Sechswöchner, memorierte laut an seiner Rolle, die er nach fünf Uhr zu machen hatte, und die, wie bei mehren Helden von Festlichkeiten, in nichts bestehen sollte als in Schlafen. – –

Das Memorieren bestand darin, daß er in einem fort wachte und schrie nach dem Busen, in dem der Schöpfer ihm das erste Manna in der Lebenswüste bereit gelegt. Aber nicht eher als um fünf Uhr stillte die Mutter ihn mit dem mütterlichen Schlaftrunk und ließ den kleinen Sprecher Kehldeckel und Augendeckel miteinander schließen. Anfangs hätt' ichs beinahe – aus Achtung gegen die Pfarrerin – unterdrückt, daß sie säugte und so, gleichsam wie ein Walfisch noch unter die Säugetiere gehörig, an ihrem Busen ein andres Kind ernährte als den Amor; aber ich schmeichelte mir nachher, eine Person, die weder eine Theater- noch eine Kronprinzessin ist, werde nicht so strenge als andre beurteilt werden, wenn sie Kinder hat oder Milch....

Eh ich sage, daß Klotilde kam, will ich sie, da sie acht Quartiere hat – wiewohl mancher Magnat, der sechzehn adlige Quartiere hat, doch noch ein siebzehntes gemauertes sucht, wo er schläft –, ein wenig entschuldigen, daß sie in ein bürgerliches ging; es kömmt ihr aber in der Tat nichts zustatten, als daß sie auf dem Lande war, wo oft das älteste Blut keinen bessern Umgang habhaft wird als bürgerlichen, wenns nicht etwan Vieh ist, das auch einige nicht unkluge Kavaliere wirklich vorziehen....

Es schlägt fünf Uhr – die Schönste tritt herein – der Mond hängt wie ein weißes Blütenblatt aus dem Himmel auf sie herab – das freudige schuldlose Blut in St. Lüne steigt wie die Flut unter ihm auf – alles ist umgekleidet....

Aber das sechste Kapitel ist aus....

– Und da der Spitz mit dem siebenten noch nicht da ist: so können ich und der Leser ein vernünftiges Wort miteinander reden. Ich gestehe, er schätzt mich und mein Tun lange, er sieht ein, alles ist im schönsten biographischen Gange, der Hund, meine Wenigkeit und die Helden dieser Hundtage. – Ich habe auch nie abgeleugnet, daß er immer mehr von dem Glanz und Blitze dieser Fußgeburt werde geblendet werden; da ich so sehr daran wichse, reibe und bohne, mehr als an einem Menschenstiefel oder militärischen Roßhuf in Berlin – Ja ich brauche aus keiner Tasse voll Kaffeesatz es mir erst wahrsagen zu lassen (denn ich erseh' es schon aus der menschlichen Natur und aus dem Kaffee, den ich trinke), daß das noch das Geringste ist, und daß die eigentliche Lesewut den guten Schelm erst dann befallen wird, wenn in diesem Werke, woran wie an der Basselisse zwei Arbeiter auf einem Stuhle seßhaft weben, die historischen Figuren dieser Basselisse samt ihrer Gruppierung von dem Fußballen bis zur Wirbelnaht hervorsteigen werden – – Jetzt ist ja kaum noch eine Ferse, ein Schienbein, ein Strumpf fertig gewürkt...

Aber wenn zwanzig bis dreißig Ellen am Werke werden abgewoben sein: dann können ich und mein Beisitzer das erwarten, was ich hier schildern will: des Teufels völlig wird der Leser sein mit Eilen – einen Hundposttag hinauszubringen, lässet er sechs Schüsseln kalt werden und den Nachtisch warm – Doch was will dies sagen: ein leibhafter römischer König reite durch die Straße, und ein Kanonendonner fahre hinterdrein, er hörts nicht – seine Ehehälfte gebe in seinem Lesekabinett einem ehelichen Überbein das beste Abendessen, er siehts nicht – das Überbein selber halte ihm Teufelsdreck unter die Nase, es gebe ihm scherzend mit einem Waldhammer leichte Hiebe, er spürts nicht... so außer sich ist er über mich, ordentlich nicht recht bei Sinnen. – –

Das ist nun das Unglück, dessen Gewißheit ich mir vergeblich zu verbergen suche. Ists einmal da, und bring' ich ihn unglücklicherweise in jene historische Hellseherei, wo er nichts mehr hört und sieht als meine mit ihm in Rapport gesetzte Personen, weder seinen Vater noch Vetter: so kann ich versichert sein, daß er einen Berghauptmann noch weniger hört – denn Geschichte will er, und von mir weiß er gar nichts mehr – ja ich will setzen, ich brennte die buntesten Feuerwerke des Witzes ab, ja es hingen aus meinem Maul philosophische Schlußketten, wie aus eines Taschenspielers seinem Bänder, in Zaspeln heraus: hülf's mir was? –

Dennoch müssen Bänder heraushängen und Feuerwerke abbrennen; es soll aber so werden: Wie von jedem Jahre so viel Stunden übrigbleiben, daß aus den Überbleibseln von vier Jahren ein Schalttag zu machen ist – und wie mir selber nach vier Hundposttagen allezeit so viel Nachschriften, so viel Witz und Scharfsinn ganz unnütz als Ladenhüter liegen bleiben, daß daraus recht gut ein eigner Schalttag zu machen wäre: so soll er auch gemacht werden, sooft vier Hund-Dynastien vorüber sind; nur dies braucht es noch, daß ich vorher mit dem Leser folgenden Grenz- und Hausvertrag abschließe und ratifiziere, also und dergestalt:

I. Daß von seiten des Lesers dem Berghauptmann auf St. Johannis für ihn und seine Erben zugestanden und bewilligt werde, von nun an nach jedem vierten Hundposttage einen witzigen und gelehrten Schalttag, in dem keine Historie ist, zu verfertigen und drucken zu lassen.

II. Daß von seiten des Berghauptmanns dem Leser bewilligt wird, jeden Schalttag zu überschlagen und nur die Geschichttage zu lesen – wofür beide Mächte entsagen allen beneficiis juris – restitutioni in integrum – exceptioni laesionis enormis et enormissimae – dispensationi – absolutioni etc. Auf dem Kongreß zu St. Johannis den 4ten Mai 1793.

So lautet das echte Instrument des so bekannten Hund-Vertrags zwischen dem Berghauptmann und Leser, und diese Renunziationsakte kann und muß in zukünftigen Mißhelligkeiten beider Mächte von einem Mediateur oder einem Austrägalgericht einzig zum Grunde gelegt werden.

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