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Hesperus oder 45 Hundposttage

Jean Paul Richter: Hesperus oder 45 Hundposttage - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleHesperus oder 45 Hundposttage
pages471-1236
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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6. Hundposttag

Der dreifache Betrug der Liebe – verlorne Bibel und Puderquaste – Kirchgang – neue Konkordaten mit dem Leser

Knefs Antwort ist elend: »Aus dem vom 6ten dieses von Ew. Wohlgeboren Erlassenen ersehe, daß das Publikum Geschmack hat und einige Feinheit – welches mich gar nicht wundert, da man solches den Goldplatten, die erst zwischen einem Buch von Pergament und dann zwischen zwei von Rindsblättern dünn und fein geschlagen werden, ähnlich behandelt und es ebenso von einem Buch ins andre tut und darin durch den Druck der Preß-Bengel so fein macht wie Kavalierpapier. Wenns Publikum noch ein paar Jahre so fortlieset, so kanns zuletzt gescheiter werden als Deutschland selber. Anlangend die Unwahrscheinlichkeiten in unserem Werke, so wären dergleichen freilich mehre zu wünschen, weil ohne diese eine Lebensbeschreibung und ein Roman schlecht gefallen, da ihnen der Reiz fehlet, womit uns das deutsche Hospital- und Narrenschiff voll romantischer Originalromane so sehr anzieht – welches Schiff als Absonderungdrüse widerlicher Werke mit Recht die Leber der gelehrten Republik genannt werden mag, und der Buchladen der Gallengang. Aber in Rücksicht der Unwahrscheinlichkeiten besorge selber nur gar zu sehr, daß auch die wenigen, worauf wir fußen, am Ende verschwinden. Der ich u. s. w.«

Der Schäker, merkt man leicht, will nur mich und den Leser gern mit Hasenschwänzen behängen. Für mich aber ists doch ein herrliches Dokument, daß ich das Meinige getan und an den Schelm geschrieben habe. –

Gewisse Menschen sind, wenn sie abends sehr warm und freundschaftlich waren, am Morgen sehr finster und kalt – wie Maupertuis' Halbsonnen, die nur auf der einen Hälfte brennen, und die uns verschwinden, wenn sie die erdige vorkehren –; und waren sie kalt, so werden sie warm. Flamin vergaß am Morgen entweder den warmen Abend oder die Nachtkälte. Heute ist das Kirchgangfest! – Droben bei Sebastian rückt' er, wie ein deutscher Polizei-Puritaner und Purist, mit Speiteufeln und Musketenfeuer aus gegen den Kirchgang – gegen Kindtaufschmäuse – gegen das Holzfällen zu Weihnachten und Pfingsten – gegen Feiertage und gegen allen Spaß der Menschen.

Viktor wurde von unserm Jahrhundert durch nichts so erzürnt als durch dessen stolze Kreuzpredigten gegen unmodische Torheiten, indes es mit unmodischen Lastern in Subsidientraktaten steht. Er holte mit einem weiten Atem aus und bewies, daß das Glück eines Staates, wie eines Menschen, nicht im Reichtum, sondern im Gebrauche des Reichtums, nicht in seinem kaufmännischen, sondern moralischen Werte bestehe – daß die Ausscheurung des altertümlichen Sauerteigs und unsre meisten Institutionen und Novellen und Edikte nur die fürstlichen Gefälle, nicht die Moralität zu erhöhen suchten, und daß man begehre, die Laster und die Untertanen brächten, wie die alten Juden, ihre Opfer nur in einer Stadt, nämlich in der Residenzstadt – daß die Menschheit von jeher sich die Nägel nur an den nackten Händen, nicht an den verhüllten Füßen, die oft darüber selber herunterkamen, beschnitten habe – daß Aufwand- und Prachtgesetze den Fürsten selber noch nötiger wären, wenigstens den höchsten Ständen, als den tiefsten – daß Rom seinen vielen Feiertagen viel von seiner Vaterlandliebe verdanke.... Flamin hatte für die kleine Perlenschrift der häuslichen Freude, für Aufgußblümchen des Vergnügens keine Augen; dafür hielt seine Seele mit einem Brutus gleichen Schritt, wenn er groß ans Bild des Pompejus trat und mit einem Seufzer über das Schicksal die Parzenschere in das größte Herz der Erde trieb, das seinen Wert mit seinem Recht verwechselte. Viktor hatte ein geräumiges Herz für die unähnlichsten Gefühle.

Ich kann es nicht oft genug wiederholen, daß heute der Kirchgang ist. Ich will ihn der Nachwelt abzeichnen, aber nicht mit jener Kürze, womit ein Zeitungschreiber den Leichenzug eines Königs auf drei Bogen bringt, sondern ein wenig umständlicher. Zu den pomphaften Anfangbuchstaben dieses Tages hatte das Pfarrhaus ganz andre Gründe in petto, als man meines Wissens unserem Zeitalter noch zu entdecken beliebte: betrügen wollten drei Teilnehmer einander, allemal zwei einen.

Betrügen wollte erstlich die Pfarrfrau den Helden, der nicht wußte, daß heute der Geburttag seines Vaters war, und daß dieser – freimütig von ihr eingeladen – heute auf fünf Minuten lang komme. Sie ließ am Morgen ihre zwei Töchter Garn sieden, damit sie dem Viktor – nichts beichteten, wenigstens keine Wahrheit; denn es ist ein bekannter Aberglaube, daß das Garn am weißesten gesotten werde, wenn man dabei recht lügt. Daher sollte man auch, wenn die Weiber lügen, behutsamer sein und fragen, ob sie mit ihren poetischen Täuschungen etwas anderes weißbrennen wollen als Garn. Ihr geliebter Viktor sollte – das war ihr Plan – ihrem Manne, dessen Wiegenfest heute auch einfiel, den gewöhnlichen Glückwunsch bringen und ihn nachher halbieren und dem Lord hinlangen müssen, der mit seinem eignen Geburttag ausstieg.

Betrügen wollte zweitens Sebastian und sie den alten Kaplan, der vergessen, daß er geboren worden – welches ihm schon bei seinem ersten Geburttage begegnet war. Die Menschen behalten einen fremden Lebenslauf besser als den eignen: wahrhaftig, wir achten eine Geschichte, die einmal die unsrige war, und welche die Hülse der verflognen Stunden ist, viel zu wenig, und doch werden die Zeittropfen, durch die wir schwimmen, erst in der Ferne der Erinnerung zum Regenbogen des Genusses. Die Männer wissen, wenn alle Kaiser geboren und alle Philosophen gestorben sind – die Weiber wissen aus der Chronologie bloß das, wenn ihre Männer, die ihre Regenten und klassischen Autoren sind, beides taten. Viktor, dessen feines Gefühl von zu großen Aufmerksamkeiten für ihn versehret wurde, war froh, daß Eymanns Schultern die Hälfte der heutigen Ehre tragen mußten.

Betrügen wollte drittens der Pfarrherr so gut als einer, und zwar jeden. Da für ihn dieser Festtag – wie die drei hohen Feste der Klöster – zugleich Rasiertag war, an welchem die gescheitsten Köpfe die dümmsten Gesichter machen: so schnitt der Barbier mit der Rasier-Lanzette in des Seelensorgers Haut wie in eine Birkenrinde sein Andenken; aber dieses wenige Blut, das ausquoll, führte dem Pfarrer einen klügern Gedanken zu als das, was der Bader darin ließ, welches doch den Nervensaft absonderte, der nach den seichtesten Denkern die Gelenkschmiere unsrer geistigen Bewegungen, die Goldauflösung unsrer reichhaltigsten Ideen und der Geist unsers Geistes ist. Dieser klügere Gedanke, den ich so lobe, war der, sich auf dem linken Arm zur Ader zu lassen – es dem ganzen Hause zu verhalten – abends dem Lord Glück zu wünschen und jedem – und am Ende den Ärmel auszuziehen und die Wunde zu zeigen, wie ein Römer, und zu sagen: gratuliert doch zur Aderlaß! – Er setzte es durch, und der Scherer mußte staunend etwas anderes zerhacken als das Kinn. Der Blessierte gab ihm das Geleite bis an die Hoftüre, nicht sowohl aus Höflichkeit, als damit ers nicht der ganzen Hausgenossenschaft vortrüge, sondern den Vorfall überhaupt bei sich behielte, ausgenommen in Häusern, wo ein Bart war und ein Ohr. Denn ein Geschichtschreiber sei immerhin der Monatzeiger der Zeit – und folglich sei der Zeitungsetzer der Stundenzeiger derselben – mithin ein Weib ihr Sekundenzeiger: so ist doch der Bartputzer beides, das Weib und der Sekundenzeiger.

Als Flamin und Viktor hinuntergingen ins Wohn-, Putz-, Sommer- und Winterzimmer, stach unter lauter frohen Gesichtern ein verdrießliches vor, das dem wie besessen umhersetzenden Pfarrer gehörte: er konnte zweierlei unmöglich ausspüren, seine Bibel und seine Puderquaste. Drei Minuten vorher hatt' er so gejammert: »Bin ich und mein elendes Leben denn zu einer wahren Passionhistorie ausersehen? Man gebe mir einen Glücktopf, aus dem jeder andere ganze Königreiche herauskrebsen würde – sobald mich der böse Feind nahe merkt, so legt er seinen Unrat hinein; und diesen heb' ich dann statt der Krebse und Königreiche heraus, und weiter nichts. – Es wär' heute hübsch geworden, sah der Teufel – wir hätten bis abends um vier Uhr keine Lust gehabt, sondern Hundearbeit – dann wär's losgegangen, das Essen im Gartenhaus, das Gratulieren und Salutieren und wahrer Spaß.... Euch ist er auch noch beschert; mir aber schenkt nur, wenn der Püster und die Bibel nicht erscheinen, etwas Ruß und Asche (die etwa vom Abendschmause nachbleiben), damit ich damit dem Fuchs (Pferd) das Gebiß abbürste – und abends kann ich neben dem Gartenhause den Rettich ausjäten.«

Hier mußte er mit der niedergelassenen Flagge seines Kopfes, mit der Trottelmütze, den eintretenden Briten salutieren – als dadurch aus der Mütze ein Haar-Büschel ausfiel, der zwar nicht die gesuchte Bibel, aber der gegebene Püster war. Es muß nämlich die Denk- und Lese-Welt, der man oft die wichtigern Tatsachen nicht hinterbringt, am wenigsten um diese kommen, daß der Hofkaplan – so wie Menschen aus Menschen gerissen werden, um die übrigen zu übertreffen und zu beherrschen – gerade so die Haare, die sein Kamm auszupfte, in einen Pelz-Faszikel oder Haar-Verein zusammenwickelte, um damit die übrigen, die noch standen, einzupudern, welches nun wohl vom erhabensten Geist und Pentameter nicht anders zu benamsen ist als ein Haarpüster. Gleichwohl wurde Eymanns Gesicht länger als die Mütze: er ließ diese Spritze des Farbenpulvers des Kopfes kalt daliegen und sagte: »Mach' ich nicht die Bibel ausfündig: so seh' ich nicht ab, wie mich dieser Schopf allein herausziehen will.«

Wie vor Luther die Bibel, wurde jetzt die Cansteinische mit ihren schwarzen Käfer-Flügeldecken gesucht. Wenn etwas diesen harten Schlag noch herber machen konnte, so wars dies, daß Eymanns Bäffchen – gleich seiner Vernunft – zwischen den verlornen kanonischen Blättern wie zwischen einer Serviettenpresse lag: denn die Geistlichen – besonders der Papst – machen das Bibelwerk gern zur Glanzpresse und zum Schmuckkästchen ihres äußern Menschen. Ob er gleich noch acht Bibeln, sogar die einfältige Seilerische Bibel-Chrestomathie, im Hause hatte und in der Wochenkirche heute gar keine brauchte: so war es doch besser und menschlicher – d. h. närrischer –, daß er den Kopf seines Sakristei-Pedells, des Schulmeisters, aus dem Fenster pfiff und den Gottesdienst – wie eine Aufklärung – durch ein viertelstündiges Interim verschob, als daß er statt der Stunde des Lautens nichts Geringers änderte als Bibel und Bäffchen.

Lieber Himmel! wie man gleich Exegeten und Kennikottisten suchte und lächelte! – »Dieses Forschen nach der Bibel«, sagte Sebastian, »gereicht einem Geistlichen zur Ehre, zumal da er die biblischen Wahrheiten nur beim Taglicht, nicht bei Scheiterhaufen-Fackeln sucht.«

Die Mönche haben, wie die Anzünder der öffentlichen Laternen, eine Leiter und viel Öl, aber mit dem Öl löschen sie die Lampen aus und den eignen Durst, und mit der Leiter reichen sie die, die wieder anzünden, dem – Galgen.

Als der Kaplan vor dem ruhigen Kopf des sechswöchentlichen Kindes vorbeiging, den schon die heutige Tressenhaube preßte: so ging er aus Ärger über dessen Gleichgültigkeit wieder zurück, hob seinen geputzten Kopf empor mit der rechten Hand und fuhr in den Schacht des Wiegenstrohes ein mit der linken und wollte da die Bibel – die gewöhnlich das Kopfkissen und die Amulett-Unterlage der Kinder (besonders der Dauphins) ist – ausgraben, indem er sagte: »Der miserable kleine Fratz läge bei unserem Elend nur kalt da, mir nichts dir nichts, wenn ich ihn nicht aufstörte.« – Und hier fiel etwas, nicht wie ein Schuß, sondern wie ein Buch, wiewohl mans durch meinen Kiel bis ins dreißigste Jahrhundert hören kann. Eymann sprang denkend ins zweite Stockwerk und fand zu seinen Füßen eine erschmissene – Maus unter seiner gesuchten Bibel. Den protestantischen Reichskreisen können die Studenten- oder Doktor Luthers-Mausfallen niemals unbekannt gewesen sein, zu denen man nichts braucht als ein Buch, und die für Mäuse sind, was symbolische Bücher für Kandidaten. Sebastian zog die Leiche beim Schwanze unter der biblischen Quetschform und Seilerischen Bibelanstalt hervor, schwenkte den Kadaver gegen das Licht und hielt diesen Leichensermon ex tempore: »Armer Schismatiker! dich erschlug das Alte und Neue Testament, aber du und die Testamente sind außer Schuld! – Sei nur froh, daß die Bibel dich nicht gar zu Asche sengte, wie einen portugiesischen Israeliten; aber du fielest in aufgeklärte Zeiten, wo sie nichts nimmt als Pfarrdienste. Es ist echter Witz, wenn ich frage: da sonst die Bibel die Feuerbrünste, worein man sie warf, auslöschte: warum denn Autodafés nicht auch?« –

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