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Hesperus oder 45 Hundposttage

Jean Paul Richter: Hesperus oder 45 Hundposttage - Kapitel 122
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleHesperus oder 45 Hundposttage
pages471-1236
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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Wir traten den Weg nach Maienthal an. Ein Engländer erzählte uns, daß er hinter dem Trauergebüsch – der Schlafkammer der Mutter des Blinden, der Geliebten des Lords, die unter einer schwarzen Marmorplatte ausruht – einen zweiten Marmor habe aufgestellt gesehen, den die anflatternden Flortücher überdecken sollten und doch nicht konnten. O da sah jeder von uns sich beklommen nach der Insel um, wie nach einer unterminierten Stadt, eh' sie zerrissen aufgeschleudert wird. – Aber meine Sehnsucht, Viktor und Maienthal, diesen Irr- und Blumengarten meiner wärmsten Träume, zu erblicken, übertäubte die Angst.

Endlich erstiegen wir den südlichen Berg, und das bunte Eden wuchs mit seiner Blätter-Fülle und mit dem Gewimmel seiner pulsierenden Zweige rauschend ins Tal hinab – drüben lag in Ästen wie ein Nachtigallennest Emanuels stille Hütte, in der jetzo mein Viktor war – näher an uns brauste die Kastanienallee, und oben draußen ruhte der abgemähte Kirchhof. – Mir, der ich alles dieses bisher nur im Traum der Phantasie gesehen, war jetzo wieder, als zögen Träume heran; und der undurchsichtige Boden wurde ein durchsichtiger voll Duft-Gebilde – und ich sank voll Wehmut auf den Berg.... Ich ging endlich hinab wie in ein gelobtes Land, aber meine ganze Seele wickelte ein weicher Leichenschleier ein.

– Und mein Viktor riß den Schleier weg und drückte seine warme Seele an meine, und wir schmolzen ein zu einem glühenden Punkt. – Aber ich will ihm nachher, wenn er wiederkommt aus der Abtei, noch einmal und noch wärmer an die Brust fallen und ihm dann erst meine Liebe recht sagen.... O Viktor, wie bist du so milde und so harmonisch, so veredelt und so erweicht, wie schön in der Freudenträne, wie groß in der Begeisterung! – Ach Menschenliebe, die du dem innern Menschen das griechische Profil und seinen Bewegungen Schönheitlinien und seinen Reizen Brautschmuck gibst, verdopple deine Wunder- und Heilkräfte in meiner hektischen Brust, wenn ich Toren sehe, oder Sünder, oder unähnliche Menschen, oder Feinde, oder Fremde!

Viktor, der nie die Angst eines Menschen noch größer machte, gab uns einige Beruhigung über den Lord. Er ging zu Klotilden ins Stift, um uns bei ihr und der Äbtissin anzumelden – der späte Besuch wird durch die Notwendigkeit der nächtlichen Zurückkehr entschuldigt. Bis er wiederkömmt, halt' ich mit meiner Geschichte still. Ich sah ihm nach auf seinem Wege zur Braut, und seine Hand, sein Auge und sein Mund waren voll Grüße für jeden, besonders für verschmähte Menschen, für Greise, für alte Witwen. Die Freude meines Helden wird die meinige; die Zeit arbeitet an dem schönen Tage, wo sein Herz auf immer mit dem verlobten verschmilzt, wo er, ohne ein Gelenke der entzweigeschnittenen Floh- und Affenkette des Hofes, frei durch die Natur geht, nichts ist als ein Mensch, nichts macht als Kuren statt der Cour, nichts liebt als die ganze Welt und zu glücklich ist, um beneidet zu werden. Dann will ich einmal, mein Bastian, abends im Mondschein unter Linden-Dampf und Linden-Gesumse bei dir essen und mich auf den Ballen gerade ausgepackter abgedruckter Hundposttage setzen. Übrigens bin ich – ob ich mir gleich mein eignes Ich sitzen ließ, um seines abzufärben – nur ein elender zerflossener ausgewischter Schieferabdruck von ihm, nur eine sehr freie paraphrasierte Verdolmetschung von dieser Seele; und ich finde, daß ein gebildeter Pfarrsohn im Grunde besser ist als ein ganz ungebildeter Prinz, und daß die Prinzen nicht wie die Poeten geboren werden, sondern gemacht.

Ich hoffe, ich habe so lange Materie zum Schreiben, bis er wiederkömmt. Ich habe überhaupt in dieser Lebensbeschreibung als Supernumerarkopist der Natur allezeit die Wirklichkeit abgeschrieben – z. B. bei Flamins Charakter hatt' ich einen Dragonerrittmeister im Kopf – bei Emanuels seinem dacht' ich an einen großen Toten, einen berühmten Schriftsteller, der gerade am Tage, wo ich Emanuels Traum von der Vernichtung mit süßer schauernder Trunkenheit schrieb, aus der Erde ging und halb unter sie. – Die Göttin Klotilde fügt' ich aus zwei weiblichen Engeln zusammen, und ich werde in wenig Minuten selber sehen, ob ich sie getroffen. Verdrießlich ists, daß ich aus Gewohnheit den Leuten dieses Buchs in Gesprächen die hundposttäglichen Namen gebe, da doch Flamin eigentlich ** heißet und Viktor ** und Klotilde gar **. Es wäre zu wünschen – ich hab' es nicht verschworen – ich machte die wahren Namen nach dem Tode einiger moralischer Maroden und Pestkranken dieser Hefte oder nach meinem eignen der Welt bekannt. Tu' ichs, so wird das gelehrte Europa hinter alle die Gründe kommen, die das politische schon weiß, welche den Berghauptmann abgehalten haben, in einige Partien seiner Historie (zumal über den Hof) so viel Licht einfallen zu lassen, als er wirklich hätte geben können; und ich erwarte, ob nach der Ausstellung dieser Gründe der Zeitungschreiber Y. und der Gesandtschaftsekretär Z. – die zwei größten Feinde des flachsenfingischen Hofes und meiner Person – noch behaupten werden, ich sei dumm. Ja ich bin so kühn, mich hier öffentlich auf den ** Agenten in ** zu berufen, ob ich nicht manche Personen in der Geschichte ganz ausgelassen habe, die darin mitgehandelt hatten und die in meiner biographischen Zuckermühle als unterschlächtige Räder mit im Gange gewesen waren; noch mehr, ich gebe meinem Widersacher-Paar sogar die Erlaubnis, die weggelassenen Personagen – letzte haben einige Gewalt, zu schaden – der Welt zu nennen, wenn dieser doppelte Geier das Herz dazu hat....

Der gute Spitzius Hofmann wedelt jetzt und springt vor mir in die Höhe. Guter, fleißiger Posthund! biographische Egerie Jean Pauls! ich werde dich zur Aufmunterung, sobald ich Zeit habe, ausschinden und nett ausbälgen und mit einer Heu-Wurstfülle durchschießen, um dich in eine öffentliche Ratbibliothek als dein eignes Brustbild neben andere Gelehrte von Rang einzustellen! – Meusel ist ein billiger Mann, den ich in einem eignen Privatschreiben um einen Sitz im gelehrten Deutschland für den Spitz ansprechen will. Dieser Gelehrte wird, so gut wie ich, nicht einsehen, warum ein so fleißiger Handlanger und Kompilator und Spediteur der Gelehrsamkeit, als mein Hund ist, bloß darum ein elenderes kälteres Schicksal erleiden soll als andere gelehrte Handlanger, bloß darum, sag' ich, weil er einen Schwanz trägt, der sein Steiß-Toupet vorstellt. Bloß der setzt das arme Vieh auf der Rangliste der Gelehrten herunter.

– Ich sehe jetzo Viktor durch die Lauben des Gartens von Lichtern begleitet; ich will nur noch eiligst herwerfen, daß ich in der mit entblättertem Gesträuch vergitterten Sakristei Emanuels sitze. Eile nicht so, Sebastian, der du wegen deiner bisherigen Verwechslungen den drei oder vier Pseudo-Sebastianen in Portugal gleichst, eile nicht, damit ich nur noch zu meiner Schwester sagen kann: du geliebte Ex-Schwester, dein toller Bruder schreibt sich von, aber du hast nur seine Brust, nicht sein Herz verloren. Wenn ich nach Scheerau komme, will ich mich um nichts scheren und an dir unter dem Umarmen weinen und endlich sagen: es hat nichts auf sich. Mein Geist ist dein Bruder, deine Seele ist meine Schwester, und so verändere dich nicht, verschwistertes Herz.

– Der gute Viktor geht hastig. Ach Menschen, die der Schmerz oft erkältet hat, haben weder in den körperlichen noch moralischen Bewegungen die langsame Symmetrie des Glücks, so wie Leute, die im Wasser waten, große weite Schritte tun. – Armer Viktor! warum weinest du jetzo so und kannst dich gar nicht trocknen?...

*

Früh um 4 Uhr in der Insel der Vereinigung

Ach es ist lange, daß ich fragte: wird sich dieses Buch mit einer Träne schließen? – Viktor kam heute nachts um 8 Uhr mit zwei großen unbeweglichen Tränen auf dem Augenrand zurück und sagte: »Wir wollen nur ein wenig schnell auf die Insel zurückeilen; Klotilde bittet uns selber darum, sie lieber ein anderesmal zu sehen. Ein Unglück – (habe ihr geträumt) – richte sich jetzo groß und hoch wie eine Meerschlange auf und werfe sich nieder auf Menschenherzen, wie jene auf Schiffe, und drücke sie hinunter.« Sie war mit jeder Minute banger und enger geworden, wie man an einer dumpfen Stelle wird, über der noch der Blitz zielet und zischt. Was setzte dies anders voraus, als daß der Lord seiner treuen Freundin Dinge entdeckt hatte, die wir in dieser Nacht zu erleben besorgten? Und wir konnten uns alle die Sorge nicht mehr verhehlen, daß sein müder Geist vielleicht wie Lykurg das Siegel seiner Leiche auf seine Versicherung drücken wolle, daß wir Jenners Söhne sind, ferner auf unsern Schwur, gut zu sein, und auf den fürstlichen, meinen Brüdern zu folgen, bis er wiederkomme.

»Weine nicht so sehr, Viktor!« (sagt' ich) »es ist doch noch nicht gewiß.« Er trocknete sich still und gern die Augen ab und sagte bloß: »So wollen wir denn auf die Insel jetzo gehen – es wird schon 9 Uhr.«

Wir gingen fern, fern vor der fleckigen Trauerbirke vorüber, die ihr abgerissenes Laub der welken Hülle des großen Menschen nachwarf. Viktor konnte vor Schmerz nicht hinübersehen; aber ich blickte mit einem kalten Zittern nach ihrem Schwanken im heitern Nachthimmel. Erst seit einigen Tagen, wo Viktor glücklicher geworden war, hatte sich der Staub Emanuels gleichsam wieder in eine blasse Gestalt zusammengezogen und sich auf das Totengrün herausgestellt und die Arme weit für seinen alten Liebling aufgetan – und Viktor jammerte und schmachtete und wollte vergeblich sich sterbend an den weißen Schatten pressen.

Er lächelte schmerzlich, da er uns und sich durch die Worte zerstreuen wollte: »Der närrische Mensch duckt (bückt) sich wie ein Vogel, wenn nur das Unglück von weitem auf ihn zugeht.« Seine Tränen machten ihn zum Blinden, und ich und Flamin waren seine Führer, dennoch grüßte er in seinem Schmerze einen Nachtboten.

Ich habe nichts gesagt (denn ich kann nicht) vom Garten des Endes, von dem verblühenden Boden abgeblühter abgelaubter Freudentage.

Über die Stoppeln und über die Puppen der Nachtschmetterlinge (der Gaukler in künftigen Frühlingnächten) und über den festen unterirdischen Winterschlaf fuhren die einsamen Nachtwinde – ach der Mensch mußte wohl denken: »Lüfte, kommt ihr nicht über Gräber her, über teure, teure Gräber?« –

Ich sagte: »Wie schmal ist der blaßgrüne Zwischenraum von Erde zwischen Menschenleibern und Menschengerippen!« – Viktor sagte: »Ach die Natur ruht so viel, und warum unser Herz so wenig?«

Es war gegen Mitternacht. Der Himmel blinkte näher an der Erde, der Schwan, die Leier, der HerkulesDer Schwan ist die Giulia, die Leier des Apollo Emanuel, der Herkules erinnerte an den Lord. schimmerten untergesunken durch ein anderes Himmelblau. Großer Himmel – sagte jedes Herz –, gehörest du für den Menschengeist, nimmst du ihn einmal auf, oder gleichst du nur dem Deckengemälde eines Doms, das die gemauerten Schranken verbirgt und mit Farben die Aussicht in einen Himmel auftut, der nicht ist? – Ach jede Gegenwart macht unsere Seele so klein, und nur eine Zukunft macht sie groß.

Viktor war außer sich und sagte wieder: »Ruhe! dich geben weder die Freude noch der Schmerz, sondern nur die Hoffnung. Warum ruht nicht alles in uns wie um uns?«

Da schlug der von allen Wäldern nachgelallte Knall eines Schusses durch die stille Nacht – und die Insel der Vereinigung schwamm im Nachtblau auf, und ihr weißer Tempel hing über ihr – und neben dem Trauergebüsch, das über das Zerfallen eines jungen Herzens hinüberwuchs, schossen gen Himmel neun schmale Flammen, die an den neun Flören aufliefen, gleichsam Freudenfeuer zu einem Friedenfeste.

Bleich, eilend, seufzend, schweigend berührten wir das erste Ufer der Insel. Das Wasser war vom Boden trocken eingesogen. Das schwarze Morgentor hatte sich weit aufgerissen und seine weiße Farbensonne an Bäume gelehnt und verdeckt. Viele Leichenfackeln auf weißen Gueridons knüpften sich ans Morgentor an, gingen den langen grünen Weg hinein, flimmerten über Ruinen, Sphinxe und Marmortorsos und endigten sich dunkel im Trauergebüsch.

Flatterndes Getöne der Äolsharfen wurde am Eingang von langen Tönen durchzogen. Unter dem Morgentor ruhte still der Blinde und spielte froh auf seiner Flöte – so wie eine Taube in den Donner fliegt.

Er fiel freudig an seinen Viktor und sagte: »Es ist gut, daß du kömmst; ein stiller langer Mann hat sich eine halbe Viertelstunde an mein Herz gelegt und in meine Hand geweint und mir ein Blatt an dich gegeben.«

Viktor riß das Blatt zu sich, es hieß: »Ihr alle habt geschworen, so lange meine Bitten zu erfüllen, bis ihr mich wieder hört; aber decket den schwarzen Marmor nicht auf.« – Der Lord hatt' es dem blinden Sohne gegeben. Viktor rief: »O Vater, o Vater, ich konnte dir also nichts belohnen!« und sank an die Brust des Sohns. Er wollte sich von ihr reißen, aber der Blinde umklammerte ihn und lächelte freudig unwissend in die Nacht. – Wir eilten ins Trauergebüsch – und indem darin die zwei Leichenfackeln ausbrannten, so sahen wir, daß ein zweites Grab darin ausgehöhlt war, dessen frische Erde daneben lag – daß ein schwarzer Marmor die Höhle zudeckte, und daß das schwarze Kleid des Lords ein wenig aus der Höhle vorsah, und daß er sich darin getötet hatte. – Und auf seinem schwarzen Marmor stand, wie auf dem Marmor seiner Geliebten, ein blasses Aschenherz, und unter dem Herzen stand mit weißen Buchstaben:

Es ruht

Ende des Buchs

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