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Hesperus oder 45 Hundposttage

Jean Paul Richter: Hesperus oder 45 Hundposttage - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleHesperus oder 45 Hundposttage
pages471-1236
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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4. Hundposttag

Schattenriß-Schneider – Klotildens historische Figur – einige Hofleute und ein erhabner Mensch

Eigentlich wollte Klotilde – erfuhr Sebastian am Morgen – bis nach Johannis im Stifte bleiben: aber da ihre beste Freundin und Stift-Genossin Giulia voraus fortgegangen war, nicht zu den Eltern, sondern unter die Erde, so mußte sie das verwundete Auge durch eine schnellere Abreise wegziehen von dem Grabhügel, der wie eine Ruine über dem verlornen Herzen ruhte. Ohne Gepäck war sie dem blumenlosen Golgatha ihrer verwundeten Seele entflohen, und ihr stand noch ein zweiter Anblick desselben, eine zweite Abreise und die Wiederholung der alten Tränen bevor.

Nie wurde eine große Schönheit von einer kleinen unbefangner gelobt als von Agathen Klotilde. Sonst schätzen Mädchen an Mädchen nur das Herz; die zerstiebenden Reize eines fremden Gesichts haben so wenig Wert in ihren Augen, daß sie ihrer kaum erwähnen mögen. Jünglingen wirft man richtig vor, daß sie gern schöne Jünglinge zu ihren Freunden auslesen; bei Mädchen hingegen wollen ihre Lobredner viel daraus machen, daß sie die weibliche Schönheit als einen zu lockern und niedrigen Mörtel und Leim der Freundschaft gänzlich verschmähen, und daß daher einer schönen Frau das Herz der allerhäßlichsten teurer sei als das Gesicht der schönsten auf den fünf Erdgürteln und Erdschärpen. Agathe war anders: sie lief schon am Morgen ins Schloß, um die Freundin anzukleiden.

Flamin macht' es noch ärger: er konnt' es nicht erwarten, daß die Wirklichkeit selber Klotildens Madonnenbild in Viktors Gehirnkammern aufhing; er kam ihr mit der Federzeichnung eines Malers zuvor, die wenigstens nicht – kalt ist; denn Maler schreiben im ästhetischen und im kalligraphischen Sinne selten gut. Der Maler hatte, bloß um Klotilden zu sehen und zu zeichnen, fast alle Sonntagmorgen auf einem Berg von Maienthal gelegen, wo er die glänzende Landschaft um das Stift auf seine Blätter trug, und den schönen Kopf, der aus dem achten Fenster heraussah, in sein Herz. Sogar Flamin, der sonst die prosaischen Buchdruckerstöcke über die lebenden Ölgemälde der Dichtkunst stellte, fand an der folgenden Madonna oder Klotilde des Malers Geschmack:

»Wenn mein Ich ein einziger Gedanke ist und brennt, und wenn ich, von Flammen umweht, die Hand in Farben tauche, um mich darin abzukühlen – wenn dann die hohe SchönheitDas Ideal des Schönen., die ewig in mir strahlet, ihr Spiegelbild auf die Wellen, die Himmel und Erde zitternd malen, herunterfallen lässet und den klaren Strom entflammt, wenn alsdann ein dem Himmel entsunknes Pallasbild auf dem Strome ruht, eine Lilienhülle und eines aufgeflognen Engels weggelegte Flügeldecke – eine Gestalt, deren unbefleckte Seele kein Leib, sondern der Schnee umwallet, der um den Thron Gottes liegt, und aus dem die Engel ihre flüchtigen ReisekörperWie die Rabbinen nach Eisenmengers Judentum P. II.7. glauben. bauen – und wenn die zärteste Bekleidung zu grob und hart und ein hölzerner Rahmen um diesen geistigen Hauch auf dem Antlitz wird, um diesen zitternden Blumensammet von Fleisch, um diese Haut aus weißen Rosen, von roten durchglommen – wenn dieser Widerschein meiner leuchtenden Seele auf die Farbenfläche fällt; so wendet sich jeder um und denkt: Klotilde ruht am Ufer und schlummert. ... Und hier ist meine Kunst aus; denn ach, wenn sie erwacht, und wenn erst die Seele diese Reize wie Schwingen bewegt – wenn die verschlossene Lippenknospe zum Lächeln aufbricht, und der Busen einen halben Seufzer einatmet und blöde nicht ausatmet – wenn die Seufzer, in Gesänge verhüllet, aus diesen Lippen, die wie zwei Seelen einander überschweben, aber nicht berühren, wie Bienen aus Rosen ziehen – wenn sich das Auge zwischen Glanz und Tränen bewegt – wenn dann endlich die Göttin der himmlischen Liebe zu ihrer Tochter tritt und elektrisch ihr stilles Herz berührt und sagt: liebe auch! und wenn nun alle Reize erbeben und aufblühen, zögern und schmachten, hoffen und zagen, und sich das träumende Herz tiefer in seine Blüten verschließet und zitternd sich hinter eine Träne vor dem Glücklichen versteckt, der es errät und verdient.... dann verstummt die Glückliche, der Glückliche und der Maler.« – –

Viktor sah den Glücklichen neben sich, der sein Freund war, mit feuchten Augen an und sagte: »Das warst du wert!« – Aber nun stachen ihn zwanzig Spornräder, Agathen nachzufolgen ins Schloß, die Federzeichnung des Malers – die Kleiderordnung – die Verwandtschaft – die Begierde, die jeder Mensch hat, die Huldin und Infantin seines Freundes zu sehen – die Begierde, die nicht jeder hat, aber er, jemand zum ersten Male (lieber als zum achten Male) zu sprechen – am meisten der gestrige Abend. Flamins Feuer hatte Viktors Brust gestern ganz voll Zunder gebrannt, durch welchen lauter Funken liefen – er hätt' ihm alles gleichgültig vorstellen sollen, weil der Kampf gegen die Liebe sich vom Kampfe für sie in nichts unterscheidet als in der Rangordnung. Aber der Leser glaube ja nicht, jetzo werde (wie in einem entmannten und entmannenden Roman) in der Biographie der Teufel losgehen und der Held ins Schloß marschieren und da vor Klotilden hinfallen und kniefällig flehen: »Sei die Heldin!« und sich mit ihr herumzanken aus Liebe und mit dem vorigen Pastor fido aus Haß und werde wirklich nichts anders machen als den ästhetischen selbstsüchtigen empfindsamen – Schuft. Wenn ich letztes wünschte, so könnt' ich mich nur damit entschuldigen, daß ich dann etwan zu einigen biographischen Mordtaten und Duellen käme; ich hoffe aber, ich werde schon ohne Nachteil der Moral und ehrlich es zu einem und dem andern Mord- und Totschlag in diesen Blättern treiben – wenigstens im letzten Bande, wo jeder ästhetische Schnitter seine Leute ausholzet und die Hälfte in die Oubliette oder Familiengruft des Dintenfasses wirft.

Viktor hatte zu viel Jahre und Bekanntschaften, um so ohne Respekt-Tage und Doppel-Uso – auf dem Platze – noch vor dem Abendessen – cito citissime – was hast du, was kannst du – verliebt zu werden. Sein Sehnerve zerfaserte sich täglich in feinere zärtere Spitzen und berührte alle Punkte einer neuen Gestalt, aber die wunden Fühlfäden krümmten sich leichter zurück; in jedem Monate machte ein ungesehenes Gesicht, wie neue Musik, einen stärkern und kürzern Eindruck. Er konnte sich nur in die Liebe hinein – reden, nicht hineinschauen. Bloß Worte, von Tugend und Empfindung beflügelt, sind die Bienen, die den Samenstaub der Liebe in solchen Fällen von einer Seele in die andre tragen. Eine solche bessere Liebe aber wird vom kleinsten unmoralischen Zusatz vernichtet; wie könnte sie sich zusammensetzen und heraufläutern in einem besudelten Herzen, das der Hochverrat gegen einen Freund erfüllte?

Viktor wollte schon um halb zehn Uhr ins Schloß, aber die Kammerherrin hatte die Augenbraunen und den Seidenpudel noch nicht ausgekämmt. – Seebaß brachte ein Billet an Flamin:

»Ich sehe Sie, mein Teuerster, heute nicht. Mich binden drei Grazien an; und die dritte haben Sie selber geschickt. Sagen Sie Ihrem britischen Freunde, er soll mich lieben, da ich Sie liebe. Ohne Sympathie kann wohl die Chirurgie bestehen, aber nicht die Freundschaft.

Ihr
Matthieu.«

Ein närrisches Billet! Als Viktor hörte, daß Agathe die dritte Grazie sei: so war ihm ein großes Loch in den Vorhang des Theaters geschnitten, auf welchem Matthieu Flamins Freund und Agathens – ersten Liebhaber machte. Nichts ist fataler als ein Nest, worin lauter Brüder oder lauter Schwestern sitzen; gemischt zu einer bunten Reihe muß das Nest sein, Brüder und Schwestern nämlich schichtweise gepackt, so daß ein ehrlicher Pastor fido kommen und nach dem Bruder fragen kann, wenn er bloß nach der Schwester aus ist; und so muß auch die Liebhaberin eines Bruders durchaus und noch nötiger eine Schwester haben, deren Freundin sie ist, und die der Henkel und Schaft am Bruder wird. Unsre türkische Anständigkeit verlangte also, daß Matthieu mit seinem Operngucker nach Flamin zielte, um Agathen zu sehen; und daß Klotilde diese besuchte, da Flamin als Mann ohne Ahnen, aber von Ehre durchaus seine bürgerlichen Besuche dem kammerherrlichen Hause nicht aufdrang. Klotilde kam oft; und war dadurch in einem mir bis jetzt unaufgelösten Widerspruch mit ihrem weiblich-erhabnen Charakter.

Flamin tauchte Matthieus Bild in einen ganz andern Färbekessel als der Mutter ihren: ein lüderliches Genie war er und nichts Schlimmers. Er machte alles in der Welt nach, und ihn konnte man nicht nachmachen – er konnte alle Spieler der Flachsenfinger Truppe nachspielen und travestieren und die Logen dazu – er verstand mehr Wissenschaften als der ganze Hof, ja mehr Sprachen, bis sogar auf die Stimmen der Nachtigall und des Hahns, welche er so täuschend nachmachte, daß PetrarcaPetrarca mied (wie deutsche Rezensenten) die Nachtigallen und suchte die Frösche. und Petrus davongelaufen wären – er konnte bei den Weibern tun, was er wollte, und jede Hofdame entschuldigte sich mit der andern – denn es gehörte einmal zum Ton in Flachsenfingen, seine Treue einmal auf die Probe gesetzt zu haben. – Man sagt, die Liebe gegen ihn wurde wie ein Strumpf bei der Wade zu stricken angefangen, es ist aber grundfalsch – es ist daher bei so einer ununterbrochnen Mäßigkeit in Hoflustbarkeiten kein Wunder, daß er stärker und gesünder war als der ganze ausgebrannte abgedampfte Hof – nur stechend war er zu sehr und zu philosophisch und fast zu schelmisch.

Ich, Viktor und der Leser haben noch immer nur eine unbestimmte verwischte Kreidenzeichnung von Matthieu im Kopf. Meinem Helden gefiel er ein wenig, wie jeder exzentrische Mensch einem exzentrischen; es war sein Fehler, daß er der Kraft zu leicht die ihrigen, sogar moralische, verzieh. – Mit verdoppelter Neugierde trat er seinen Weg ins Schloß oder vielmehr in dessen großen Garten an, der an jenes seinen Halbzirkel von grünen Schönheiten anschließt. Er lief im Hafen eines Laubenganges ein und freuete sich, wie der durchlöcherte Schatten der Lauben, um deren Eisen-Gerippe sich weiche Zweige wie sanftes Haar um Haarnadeln wickelten, blendend über seinen Körper glitt. Neben seinem Laubengange strich ein anderer gleich. Er ging versäeten schwarzen Papierschnitzeln als Wegweisern nach. Das Geflüster des Morgenwindes warf von einem Zweige ein Blättchen feines Papier herab, das er nahm, um es zu lesen. Er war noch über der ersten Zeile: »Der Mensch hat dritthalb Minuten, eine, um einmal zu lächeln...«, als er an einen fast waagrechten Zopf anstieß, der eine schwarze Herkules-Keule war, verglichen mit meinem oder des Lesers geflochtenen Haar-Röhrchen. Den Zopf stülpte ein niedergekrempter Kopf empor, der in einem horchenden Zielen aus einer Lauben-Nische eine weibliche Silhouette ausschnitt, deren Urbild im Nebenlaubengang mit Agathen sprach. Auf Viktors Geräusche kehrte die Person, der man das Halbgesicht durch die Nische entwendete, sich verwundert herum und erblickte den Inhaber des Zyklopen-Zopfes mit der Silhouettenschere und den Helden der Hundposttage. Der Inhaber drückte, ohne weiter ein Wort zu sagen, seine Künstler-Hand durch das Gesträuch und langte ihr ihren Schattenriß oder Schattenschnitt hinaus. Agathe nahm ihn lächelnd; aber die Ungenannte schien jenen Ernst, der sich auf weiblichen Gesichtern in nichts von der Verachtung unterscheidet als in der Zweideutigkeit, gegen den Form- und Gesichterschneider anzunehmen, weil er den Verdacht des Horchens durch seine Schere zu sehr erweckte. Viktor konnte von der Ungenannten noch nichts als die Länge wahrnehmen, die, obgleich ein wenig vorgebogen gehalten, doch über das Gewöhnliche ging. Der Gesichterschneider drehte sich mit zwei blitzenden schwarzen Augen gegen Viktor herum, empfing ihn recht artig, wußte dessen Namen, sagte seinen eignen – – Matthieu – und hatte beim achten Schritt schon vier gute Einfälle gehabt. Der fünfte war, daß er meinen Helden ungebeten dem Paar in der Seitenlaube vorstellte.

Das Laubsprachgitter hörte auf, eine weibliche Gestalt trat hervor, und Viktor war darüber so betroffen, daß er, der wenig von Verlegenheiten wußte, oder durch sie nur geistreicher wurde, seine Anzugpredigt ohne das Exordium anfing. Und das war – Klotilde.

Als sie drei Worte sagte: hörte er so sehr auf die Melodie, nicht auf den Text, daß er nichts davon verstand...

– Hier liegt auf dem schneeweißen Grund von Schweizerpapier eben die Silhouette neben mir, die Matthieu von ihr mit der Schere genommen. Mein Korrespondent will haben, ich soll Klotilden ungemein schön vorschildern (er sagt, hundert Dinge sind sonst in dieser Historie nicht zu begreifen), und deswegen schickte er mir (weil er meiner Phantasie nicht trauet) wenigstens ihren Schattenriß. Und der soll auch unter dem Schreiben in einem fort angesehen werden, um so mehr, da er einem schönsten andern weiblichen Engel, der je aus einem unbekannten Paradies in diese Erde hereingeflogen, gleichsam aus den Augen oder vielmehr aus dem Gesicht geschnitten ist – ich meine das Fräulein von **, jetzige Hofdame in Scheerau; ich weiß nicht, ob sie alle Leser kennen.

Viktor kam es vor, als wenn auf einmal sein Blut herausgedrungen wäre und mit warmen Berührungen außen auf der Haut seine Zirkel beschriebe. Endlich brachte Klotildens kaltes Auge, das nicht der trunkne Stolz auf Reize, sondern der nüchterne zurücktretende und nur dem weiblichen Geschlechte eigne auf Unschuld regierte, und – ihre Nase, die zu viel Besonnenheit verriet, seinen neuen Adam wieder auf die Beine, auf den sich schon der alte gesetzt hatte. Er pries sich glücklich, daß er Flamins Freund sei und mithin auf ihre Aufmerksamkeit und ihren Umgang einige Rechte habe. – Gleichwohl war ihm noch immer, als wenn alles, was sie täte, zum ersten Male in der Welt geschähe, und er gab auf sie acht wie auf einen operierten Blindgebornen oder auf einen Omai oder einen Li-Bu. Er dachte immer: »Wie sollt' ihr wohl das Sitzen lassen – oder das Darreichen eines Fruchttellers – oder das Essen einer Kirsche – oder das Niedersehen in ein Briefchen?« Ich bin noch ein ärgerer Narr neben der besagten Hofdame.

Endlich kam in den Garten Le Baut nach der ersten Toilette, und seine Frau nach der zweiten. Der Kammerherr – ein kurzes, biegsames, geschnürtes Ding, das vor dem Teufel in der Hölle den Hut abziehen wird, wenns hineintritt – empfing den Sohn seines Erbfeindes ungemein verbindlich, und doch mit Würde, zu welcher ihm aber nicht sein Herz, sondern sein Stand die Kräfte gab. Viktor hegte, eben weil er sich ihn beleidigt dachte, zuvorkommendes Wohlwollen für ihn. Obgleich Le Bauts Zunge fast wie seine Zähne falsch und eingesetzt waren und mithin die aus Zahn- und Zungenbuchstaben gemachten Wörter auch: so gefiel er doch mit seinen weder plumpen, noch unhöflichen Schmeicheleien – wozu auch seine Stellungen und Absichten gehören – unserm aufrichtigen Viktor, welcher feine Schmeichler, als Schwache, nicht hassen konnte. Die Kammerherrin – die schon in den Jahren war, die eine Kokette zu verhehlen sucht, ob sie gleich die vorhergehenden noch eher zu verbergen hätte – nahm unsern gutmeinenden Helden mit der aufrichtigsten Stimme auf, die noch aus einem falschen Judasbusen gekommen, und mit dem listigsten Gesicht, auf dem nie die Täuschungen der Liebe (wie es schien) Platz zu einer Miene hatten finden können.

Die neue Gesellschaft nahm auf einmal Viktors Verlegenheit weg. Er bemerkte zwar bald die besondern Fecht- und Tanz-Stellungen des Bundes gegeneinander: Klotilde schien gegen alle zurückhaltend und gleichgültig, außer gegen ihren Vater nicht – die Stiefmutter war fein gegen den Kammerherrn, hochmütig gegen die Stieftochter, verbindlich gegen Viktor und leicht- und gehorchend-kokett gegen Matthieu – dieser war gegen das Ehepaar abwechselnd schmeichlerisch und spottend, gegen Klotilde eiskalt und gegen meinen Helden so höflich, wie Le Baut gegen alle. Gleichwohl war Viktor froher und freier als alle, nicht bloß weil er im Freien war – da ein Zimmer allemal wie ein Stockhaus auf ihm lag und ein Sessel wie ein Fußblock –, sondern weil er unter feinen Leuten war, die (trotz der spitzigsten Verhältnisse) dem Gespräche vier Schmetterlingflügel geben, damit es – als Gegenspiel der klebenden Raupe, die sich in jedem Dorn aufspießet – ohne Getöse in kleinen Bögen über Stacheln fliege und nur auf Blüten falle. Er war der größte Freund feiner Leute und feiner Wendungen; daher ging er so gern in die Gesellschaft eines Fontenelle, Crebillon, Marivaux, des ganzen weiblichen Geschlechtes und besonders des anständig koketten Teils desselben. Man werde nicht irre! Ach an seinem Flamin, an seinem Dahore, an großen, über die feinen, feigen, leeren Mikro-Kosmologen der großen Welt erhabnen Menschen hing glühend seine ganze Seele; aber eben darum suchte er zur größern Vollkommenheit die kleinern als Gebräme und Eckenbeschläge mit so vielem Eifer auf.

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