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Hesperus oder 45 Hundposttage

Jean Paul Richter: Hesperus oder 45 Hundposttage - Kapitel 118
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleHesperus oder 45 Hundposttage
pages471-1236
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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Jetzt erfuhr erst Viktor von seiner Mutter, daß Flamin bloß für den Freund (Matthieu) und für das Vaterland habe sterben wollen – daß er seine eifersüchtige Ungerechtigkeit bereue und die verscherzte Freundschaft bejammere und daß sie ihn eben darum abhole, um ihn in die Hände der wahren Mutter und vor das Angesicht der gekränkten Schwester zu führen. Es war heute am Morgen menschliche Schwäche gewesen, daß das erfrorne Glied der Freundschaft, sein Herz, ein wenig kälter und unempfindlicher gegen Flamin geworden war, da er dessen Rettung aus dem Gefängnis vernahm – aber es war jetzt abends menschliche Güte, daß Flamins großer Entschluß, zu sterben, wie eine Frostsalbe seinem starren Herzen Wärme und Bewegung wiedergab. Sein Inneres regte sich gewaltsam, quoll auf, überströmte den erdrückten Groll, und das Bild des Jugendfreundes stand auf und sagte: »Viktor, gib dem Schulfreund wieder deine Hand – o er hat so viel gelitten und so edel gehandelt!« Tränen schossen ihm aus den zuckenden Augen, als er sich entschloß, auf die Warte zu gehen und zum alten Liebling zu sagen: »Es sei vergessen – komm, wir wollen miteinander zu deiner Schwester gehen.« Er ging allein auf die Warte, um ihn nachher der Lady vorzustellen. Die Pfarrerin sprang einige Minuten von Viktor ab, um seine zwei Schwestern zu benachrichtigen und zu bringen und den blinden Julius aus der Stadt führen zu lassen, damit in der goldnen Halskette der Liebe kein Gelenk abginge.

Welche Himmelleiter, in der jede Minute eine höhere Sprosse ist, steht in dieser Nacht auf der wankenden Erde, und gute Menschen steigen hintereinander hinauf! –

Unten an der Treppe des Thrones der Versöhnung arbeitete Viktors Herz gewaltsam im heißen durchwühlten Blute. Flamin sah ihn langsam hinaufsteigen; aber er kam ihm nicht entgegen, weil es ungewiß war, komme Viktor zürnend oder vergebend. Als dieser endlich oben war: so stützte Flamin sein abgekehrtes Gesicht beschämt in das Gezweig; denn er konnte dem so sehr gemißhandelten Geliebten nicht ins Auge blicken, bis er wußte, daß er ihm verziehen habe. Sie schwiegen schauerlich nebeneinander unter dem rieselnden Lindengipfel – sie errieten einander nicht ganz, und das machte das Schweigen finsterer und das Versöhnen zweifelhaft. Endlich reichte ihm Flamin, heftig atmend und mit dem ins Laub gelegten Gesicht, die zitternde Hand entgegen. Da Viktor diese stumme, um Versöhnung flehende Hand zittern sah: so tropften siedende Tränen durch sein Herz und zertrennten es, und nur aus Wehmut und liebender Schonung verschob er es, die demütige Hand zu nehmen. Aber hier kehrte sich Flamin (im falschen Argwohn) stolz, errötend und voll Tränen und voll alter Liebe um und sagte: »Ich bitte dich recht gern um Vergebung, daß ich gegen dich Engel ein Teufel war; aber dann, wenn du mir keine erteilst, so schleudere ich mich hinunter, damit mich nur der Teufel holt.« – Sonderbar! dieses Erpressen der Verzeihung zog Viktors offne Seele ein wenig zusammen; aber er umfaßte doch den freundschaftlichen Wilden und sagte mit der milden Stimme der stillen Liebe: »Aus dem Grunde der Seele hab' ich dir heute vergeben; aber geliebt hab' ich dich immer und allezeit, und in wenig Wochen würd' ich für dich gestorben sein, um dein Leben zu retten.« – Nun traten ihre Seelen nahe und unverhüllt voreinander und deckten ihr Leben auf – – und da sich beide alles erzählt und Viktor ihm eröffnet hatte, daß er an seine Stelle eingerückt und der Sohn der beraubten Mutter geworden sei: so wollte Flamin vor Reue vergehen und drückte verschämt sein Angesicht tiefer nur an Viktors Brust – und ihre Seelen feierten neuvermählt auf dem Traualtar der Warte ihre Silberhochzeit unter der Brautfackel des Mondes, und ihre Seligkeit wurde von nichts erreicht als von ihrer Freundschaft.

Sie wandelten im zärtlichen Taumel langsam in Le Bauts Garten, und der Strom der Wonne wurde immer tiefer; aber eiskalte Wellen wie vom Flusse Styx erschreckten plötzlich den sanft erwärmten Viktor, da er in die Trauerlaube kam, wo er gerade heute vor einem Jahre, am 21sten Oktober – also ist heute Klotildens Geburttag –, aus seinem zerrütteten Herzen ihr Bild gerissen hatte, und wo er wieder ankam, um es aus den alten Narben vielleicht wieder auszureißen. Denn das Senken seines Standes hatt' ihn ein wenig – stolzer gemacht und seine Liebe für Klotilden scheuer. Die Wahrheit zu sagen, so glaubt' ers selber nicht recht, daß ihr seine niedrige Abkunft unbekannt gewesen; er schloß vielmehr das Widerspiel aus dem Anteil, den sie der Lord an seinen Briefen und an allen Geheimnissen nehmen lassen – aus ihrem anfänglichen Kampf gegen ihre aufkeimende Liebe und aus dem kleinen Stolze gegen ihn am ersten Tage – aus ihrem Lobe der Mißheiraten – aus ihrer Begünstigung der Liebe Giulias gegen Julius, den sie als Lords-Sohn kannte – aus ihrer leichten Einwilligung in die Verlobung, die ja sonst ihr Vater nach der Erkennung nicht mehr zugelassen hätte – und aus andern Zügen, die man bei der zweiten Lesung dieses Werks leichter selber sammelt. Wie gesagt, diese Hoffnung, daß sie ihn allemal gekannt, widerlegte einige Einwürfe seiner Delikatesse und seiner Entsagung; und blühte heute noch höher auf unter so vielen Freuden und schönen Zufällen. – Ach! wenn er ohne alle Hoffnung gewesen wäre: so hätt' er ja mitten im Kreise so vieler Beglückten als die letzte Opferleiche niederfallen müssen! – Aber das Etwas im Menschen, das ihm allemal einen großen Verlust so wahrscheinlich und einen großen Gewinn so unwahrscheinlich vormalt, quälte, vereinigt mit wehmütigen Erinnerungen, ihn jetzo.

Er bat daher Flamin, ihn ein wenig in der Laube zu lassen und allein (da die Pfarrerin schon im Garten war) in die befreundeten Arme der gefundenen Schwester und Mutter zu eilen, und setzte dazu, er komme bald nach. Als Flamin fort war: fing Viktor immer vor Klotildens Erschütterung zu zittern an, die sich ihrer vielleicht bei der Nachricht seiner Abstammung bemeistern werde; und es drückte ihn sehr, da er dachte, daß für alle im Garten die Trauer von dem schwarz ausgeschlagnen Trauerzimmer der Erde abgenommen werde, nur für ihn wohl nicht. –

Aber da kam, von neuen Entzückungen widerscheinend, seine Mutter und trocknete ihm, eh' sie fragte, erst die Augen ab. Ihre neuen Entzückungen kamen davon her, daß Klotilde ihr, da sie seine Abkunft erzählet hatte, um den Hals gefallen und sie um Verzeihung des so langen Verhehlens, des so lange fortgesetzten Raubes des Kindes gebeten – und daß sie die Mutter an ein auf dem Spaziergang nach der Verlobung gegebenes und nun gehaltenes Versprechen erinnert hatte. Der Mutter – und ich sorge, dem Leser – war vieles entfallen, und Klotilde flog nur eilig und errötend über die Sache weg; hatte sie aber dort nicht zu ihr gesagt: »Wir ändern unser Verhältnis nicht«, nämlich das einer Schwägerschaft? – Die Pfarrerin beschloß den Bericht mit dem Gesuch der Lady, ihr den neuen Sohn recht schnell zu bringen. Viktor konnte vor weinendem Entzücken nichts sagen als: »Ist denn meine gute Agathe und der Blinde noch nicht da?« – Und beide standen – hinter ihm; und er verbarg das Übermaß seiner Wonne unter Liebkosungen der Schwester und des Freundes; sein weiter Leidenkelch war ja ganz mit Freudentränen vollgegossen.

Als er den schönen Weg zu den lieblichen Verbündeten antrat im gehenden Zirkel drei liebender Seelen: so kamen sie ihm alle entgegen mit glänzenden Zügen – mit schwimmenden Blicken – mit verschmerzten Erinnerungen, oder vielmehr mit genossenen, denn von den zertretenen Freudenblumen auf dem Lebenswege wehet Wohlgeruch auf die jetzige Stunde herüber, wie ziehende Heere oft aus Steppen den Wohlgeruch zerquetschter Kräuter ausschicken. Die Lady wurde von ihren zwei Kindern geführt und sagte verbindlich lächelnd: »Hier stell' ich Ihnen meine geliebten Kinder vor, setzen Sie die Freundschaft gegen sie fort, die Sie ihnen bisher gegeben haben.« – Ihr Sohn Flamin flog, gleichgültig gegen Sitte, an seinen Hals. Klotilde bückte sich tiefer, als sie vor einem Fürsten getan hätte, und in ihrem Auge schwamm die Frage der wehmütigen Liebe: »Bist du noch unglücklich? hab' ich noch dein Herz? Warum ist dein Auge benetzt, warum deine Stimme gebrochen?« – Viktor erwiderte mit ebensoviel Zärtlichkeit als Anstand, indem er sich gegen die Lady wandte: »Sie konnten an keinem schönern Tage Ihren Sohn wiederfinden als am Geburttage Ihrer Tochter.«....

Daran hatte in den bisherigen Wirbelwinden keiner gedacht. Welches frohe Chaos! Welch eine herzliche liebende Sprachverwirrung von glückwünschenden Improvisatoren! Welch ein gerührter Augendank Klotildens für ein so verbindliches Gedächtnis!

Man zog trunken durch den kühlen Garten in das Schloß. O, wenn Schwesterliebe, Kindesliebe, Mutterliebe, Geliebtenliebe und Freundschaft nebeneinander auf den Altären brennen: so tut es dem guten Menschen wohl, daß das Menschenherz so edel ist und den Stoff zu so vielen Flammen verwahrt, und daß wir Liebe und Wärme nur fühlen, wenn wir sie außer uns verteilen, so wie unser Blut uns nicht eher warm vorkömmt, als bis es, außerhalb den Adern fließend, im Freien ist. – O Liebe! wie glücklich sind wir, daß du, von einer zweiten Seele angeschauet, dich wiedererzeugst und verdoppelst, daß warme Herzen warme ziehen und schaffen wie Sonnen Planeten, die größern die kleinern und Gott alle – und daß selber der dunkle Planet nur eine kleinere, überzogene, eingehäusige Sonne ist.... Alle Seelen standen heute hoch auf ihrer Alpe und sahen – wie auf einer physischen – den Regenbogen des Menschenglücks als einen großen vollendeten Zauberkreis zwischen der Erde und der Sonne hängen. – Im Schlosse bat die Lady ihre Tochter, allein in das dunkle Zimmer der Mundharmonika zu gehen, sie woll' ihr das Angebinde des Wiegenfestes geben. Klotildens Auge nahm vom bleibenden Freund mit einem zweiten Dank für seine Seele einen zärtlichen Abschied.

Nach ihrer Entfernung gab ihm die Lady einen Wink, mit ihr hinter den andern nachzubleiben – da sank er gern vor Klotildens Mutter, die um ihre Einwilligung in seine Liebe noch nicht gebeten war, mit den Worten auf das Knie: »Wenn Sie meine Bitte nicht erraten: so hab' ich nicht den Mut, sie anzufangen.« Sie hob ihn auf und sagte: »Bitten, die so stillschweigend geschehen, werden ebenso still erfüllt – aber jetzt kommen Sie lieber und sehen zu, womit ich meine Tochter beschenke.« – Aber er mußte erst lange die Hand benetzen und küssen, die ihm den Lindenhonig eines ganzen Lebens reichen will.

Beide gingen nun in diesem aus dem tausendjährigen Reiche herübergeschickten Abende ins dunkle Zimmer zur Tochter. Warum entflossen Klotilden Tränen vor Wonne, noch eh' die Mutter sprach? – weil sie schon alles erraten konnte. Die Mutter führte den Geliebten an die Geliebte und sagte zur Braut: »Nimm hin das Angebinde deines Festtages. Wenige Mütter sind reich genug, ein solches zu geben – aber auch wenige Töchter sind gut genug, es zu erhalten.« – Das Brautpaar wurde vom Druck der schweren Wonne, des großen stummen Dankes vor ihr niedergedrückt auf die Knie und teilte sich in die zwei wohltätigen Hände der Mutter; aber diese zog sie sanft aus fremden weg und legte den Liebenden die ihrigen ineinander und schlüpfte davon mit dem Laute: »Hieher will ich unsre Gäste bringen!« – –

– O ihr zwei endlich beglückten, nebeneinander knienden guten Seelen! wie unglücklich muß ein Mensch sein, der ohne eine Träne der Freude – oder wie glücklich einer, der ohne eine Träne der Sehnsucht euch sehen kann jetzo stumm und weinend einander in die Arme fallen – nach so vielen Losreißungen endlich verknüpft – nach so vielen Verblutungen endlich geheilt – nach tausend, tausend Seufzern doch endlich beglückt – und unaussprechlich beglückt durch Herzenunschuld und durch Seelenfrieden und durch Gott! – Nein, ich kann heute meine nassen Augen nicht von euch wenden – ich kann heute die andern guten Menschen nicht anschauen und abzeichnen – sondern ich lege meine Augen mit den zwei Tränen, die der Glückliche und der Unglückliche hat, fest und sanft auf meine zwei stillen Geliebten im dunkeln Zimmer, wo einmal der Hauch der Harmonikatöne ihre zwei Seelen wie Gold- und Silberblättchen aneinanderwehte. – O, da sich mein Buch jetzt endigt und meine Geliebten entweichen: so ziehe dich langsam weg, dunkles Allerheiligstes mit deinen beiden Engeln – töne lange nach, wenn du auffliehest mit deinen melodischen Seelen, wie Schwanen in der Nacht mit Flötentönen durch den Himmel ziehen. – – Aber ach, steht nicht schon hoch und weit von mir das Allerheiligste und hängt als Silberwölkchen am Horizont des Traums? – O, diese guten Menschen, dieser gute Viktor, dieser gute Emanuel, diese gute Klotilde, alle diese Lenz-Träume sind aufgestiegen, und mein Herz blickt schmerzlich auf und rufet ohne Hoffnung nach: »Träume des Frühlings, wann kommt ihr wieder?«

O warum würd' ichs tun, wenn nicht die Freude, die wir so fest an den Händen fassen, auch Träume wären, die aufsteigen? Aber diesen rufet das auf dem Grabstein zuckende, zurückgefallne jammernde Herz nicht nach: »Träume des Frühlings, wann kommt ihr wieder?« – –

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