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Hesperus oder 45 Hundposttage

Jean Paul Richter: Hesperus oder 45 Hundposttage - Kapitel 116
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleHesperus oder 45 Hundposttage
pages471-1236
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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Man vergönne mir, mit drei Worten kurz zu sein und angenehm: wenn die Araber 200 Namen für die Schlange haben, so sollten sie gar den 201sten dazulegen, den eines Höflings – ferner erlaube man mir zu sagen, daß ein Mann von Einfluß und Ton durch sogenannte Blutschuld ebensogut blühe als ein ganzer Staat durch elendere metallische. –

Jenner war jetzo vorbereitet, alles zu glauben, was die vorigen sonderbaren Dinge erklärte. Eine Lüge, die einen Knoten löset, ist uns glaublicher als eine, die einen knüpft. Matthieu fuhr fort: »er habe allen republikanischen concerts spirituels beigewohnt, um Maßregeln gegen Flamins Ansteckung zu nehmen; und er übertreibe die Freundschaft gegen die drei Engländer und den Lords-Sohn (Viktor) nicht, wenn er jene und diesen mehr für Arbeitzeug irgendeiner andern verborgnen Hand ansehe als für Arbeiter an einem Plane selber. – Das bestätige der bisher vom unschuldigen Flamin gemachte Mißbrauch.« – Um Viktor zu entschuldigen, sagt' er – wobei er ihn immer den Hofmedikus benamsete, so daß Jenner in dieser Verfassung an einen Hofvergifter eher dachte als an etwas anderes – um also ein vorteilhaftes Licht auf diesen zu werfen, sagt' er, selbiger liebe bloß das Vergnügen und führe nur gehorsam das aus, was sein Vater entworfen – Viktor habe sich in einen Italiener verkleidet, um die Prinzessin zu beobachten, und um es nachher dem Lord, auf dessen Befehl ers vermutlich getan, in einer geheimen Zusammenkunft auf einer Insel zu berichten. – Als Italiener hab' er der Fürstin eine Uhr überreicht, in die er ein Blättchen versteckt, worin er den höhern Rang vergessen, um dem seinigen zu schmeicheln.

Der Fürst, der seine Gemahlin mit größerer Eifersucht liebte als seine Braut, fegte mit dem schlagenden Puterhahns-Flügel den Boden und machte den Nasen-Zapfen lang und fragte stolz: wie er das wisse? – Matthieu versetzte ruhig: »von Viktor selber – denn die Fürstin wiss' es selber nicht«....

Mir verdankt es der Leser, daß er tausend Dinge besser weiß – Agnola wußte den Inhalt der Uhr gewiß recht gut; ja ich stelle mir sogar vor, sie habe, da ihr die erzürnte Joachime Viktors gerades Geständnis seines concepit hinterbrachte, Matzen oder Joachimen erlaubt, den gegenwärtigen Gebrauchzettul zu entwerfen, nach welchem hier der Eheherr das Sebastiansche billetdoux einzunehmen bekömmt. –

– »sie habe vielmehr« (fuhr er fort) »seiner Schwester lange darauf die Uhr mit dem Blättchen geschenkt – Joachime hab' es in Viktors Gegenwart herausgezogen, und der hab' es für schicklich gehalten, ihr eben dieses frei zu bekennen, was sie und er selber aus Ehrfurcht noch nicht der Fürstin entdeckt hätten. – Inzwischen sei ihm seine Schwester darauf ausgewichen – worauf er sich Klotilden genähert, vielleicht nach einer väterlichen Instruktion, um den Bruder in nähern Verhältnissen zu haben. – Aber allemal misch' er in väterliche Plane des Ehrgeizes eigne des Vergnügens und sei gutgesinnt, so wie die Engländer, die er für verkappte Franzosen halte.«

Der Fürst versteckte unter dem ganzen Vorhalten dieser artigen Schlangenpräparate seine Furcht unter Zorn; Matthieu, der die Maske und das Gesicht sah, schnitt bisher alles nach jener zu und machte den scheinbaren Mangel an Furcht zum Deckmantel seiner Kühnheit, sie zu erregen. – Und so ging er vom Fürsten weg in einen unbestimmten spaßhaften Arrest für den Mord; Jenner fing aber an, die Sachen und Zeugen zu untersuchen.

Vor dem Berichte des Erfolges lasset mich es gern gestehen, daß Matz, der Edle, schon lügen kann, um so mehr, da er die Wahrheit als Sparrwerk seines Lügen-Mörtels hinsetzt. Wie im polnischen Steinsalzbergwerk lässet der gute Lügner beim Untergraben immer so viele Wahrheiten zu Säulen stehen, als gegen das Einbrechen des Gewölbes nötig sind. Überhaupt ist jede Lüge ein glückliches Zeichen, daß es noch Wahrheit in der Welt gibt; denn ohne diese würde keine geglaubt und also keine versucht. Bankerutte machen dem Rechtschaffenen Freude als neue Belege des unerschöpften Religionfonds von fremder Ehrlichkeit, die vorhanden sein mußte, wenn sie sollte betrogen werden. Solange noch Krieg- und Friedentraktate schändlich gebrochen werden, so lange ist noch Hoffnung genug da, und so lange fehlt es Höfen an echter Redlichkeit nicht; denn jeder Bruch eines Vertrags setzet voraus, daß man einen gemacht hat – und gemacht könnte keiner mehr werden, wenn kein einziger mehr gehalten würde. Es ist mit den Lügen, wie mit den falschen Zähnen, die der Goldfaden nur an ein paar echte hinterbliebene schließen kann. –

Jenner fing die Münzprobationtage des Matthäischen Evangeliums an.

1) Der Pfarrer wurde vorgeladen, um in Gegenwart der landesherrlichen Hoheit zu bekennen, was er für Zusammenrottungen im Priesterhause geduldet. Der schlug in Oemlers Pastoraltheologie nach, um zu ersehen, wie sich ein Pfarrer zu benehmen habe, der gehenkt werden soll. Ohne Murren legte er jetzo den Hals vor kleinern mäßigen Unglückfällen auf den Block und unter das Beil, vor dem Rattenkönig, der durch seine Behausung sausete, vor dem Strumpfband, das unter dem Gehen langsam über die Kniescheibe abglitt, und vertauschte die Ängstlichkeit des Glücklichen gegen die Angst des Unglücklichen. Im Verhöre sagt' er, er habe an heiliger Stätte und an anderer auf die Klubs so gut als einer geschmälet und sich deswegen den Girtanner gekauft. Auf die Frage: ob Flamin sein Sohn sei? versetzte er traurig: er hoffe, seine Frau breche seine und ihre Ehe nie. – Als er wieder nach Hause kam, nahm er, um nur nicht in der Angst der Verhaftung zu sein, einen Bündel alter Predigtmanuskripte in einen Steinbruch hinein und lernte sie da auf drei bis vier Sonntage vorher auswendig.

2) An demselben Tage stattete der Minister von Schleunes (aus Gefälligkeit gegen die Fürstin) einen Besuch in Le Bauts Hause ab und teilte der Lady und Klotilden aufrichtig die laufenden Gerüchte über Flamins Abkunft mit. Beide Damen mußten glauben, Viktor habe die letzte dem Fürsten entdeckt, um den Unglücklichen zu retten. Wie hätten sie ihm nicht nachahmen sollen, da ihnen die eiserne Birn des Schwurs von der Zunge und aus dem Munde genommen war, und da man ein Geheimnis verletzen darf, wenn man sonst die Wahrheit verletzen müßte, und da die zarten Seelen sich nun so herzlich über diese offne Jubeljahrtür im Gefängnis ihres Lieblings freueten? – Mit einem Wort: der Minister brachte nichts zurück als Bekräftigungen der Hypothesen seines Sohnes.

3) An demselben Tage wurde der Kaufmann Tostato vom Grafen O über seinen Buden-Mitarbeiter und Viktor vom Pater über den Verfasser des Hirten- oder Schäferbriefes in der Uhr erforscht und dann vernommen. Auch hier hatte Matthieu, wie zu erwarten, die Wahrheit ganz auf seiner Seite; Viktor war jetzt zu stolz, zu fromm, zu resigniert, um zu verhehlen.

4) Alle Sünden-Kerbhölzer in Kussewitz und überall griffen ineinander ein; sogar aus Viktors vorigem Mittleramt, das er sonst beim Fürsten für Agnola versah, aus seinen kleinen Unbesonnenheiten, aus seinen Satiren, aus seiner Hosen-Einkleidung der Soldatenjungen, aus seiner Reise mit dem Fürsten wurde nun lauter Zugwerk und Grundstriche einer gegen den Thron entworfenen Schlachtordnung zusammenbuchstabiert. Überhaupt wars notwendig, Jenner mußte, je mehre Sehröhre er auf diese Lufterscheinung der Lüge richtete, sie nur desto größer erblicken. –

Ich habe die Fürstin vergessen, die sich bei Jenner über das Billet sehr beleidigt und unwissend anstellte und kaum mit der Strafe zufrieden war, daß dem Helden der Hundposttage der Hof verboten wurde. – Der Hof – dir, guter Viktor! der du bald die Erde dir verbieten willst!

Jenner übersah leicht vergangne Beleidigungen, aber er rügte streng zukünftige. Und da noch dazu Matz wie eine Klapperschlange so arg klapperte, nicht um zu warnen, sondern um, wie auch die Neuern an der andern fanden, den Raub steif und scheu zu machen: so war der Lord so über alle Thronstufen aus Jenners Herzen herabgepurzelt, daß es ihm nicht einmal etwas helfen konnte, wenn er sogleich aus der Luft herausgetreten wäre. Flamin war ohne ihn gefunden. – Den drei Engländern schickte man die Erlaubnis in das Haus, nach ihrer Insel (England) abzusegeln, wenn sie wollten. Sie ließen zurücksagen, sie brauchten nur einen Tag, um auf ihrer Insel anzukommen, und warteten nur auf ihren Reisegefährten. Unter der Insel meinten sie aber die Insel der Vereinigung – und unter dem Reisegefährten den gefesselten Flamin, den sie mit bereden wollten.

Es gefällt mir, daß meinem Viktor der Hof verboten wurde. Das Hof-Verbot ist sonst eine Wohltat – diesen Namen verdient nun wohl eine Befreiung von den Hofdiensten –, die sonst nicht immer an den Würdigsten erteilt wird, sondern oft einem Teufel wie Louvois so gut als einem Apostel wie Tessin. Heißet aber das nicht einer vorzüglichen Gnade, einem Orden pour le mérite allen Wert benehmen, wenn man sie Schelmen zuwirft, da sie doch nur für den rechtschaffensten, freimütigsten, ältesten Mann am Hofe als die größte und letzte Belohnung, als ein Treff- und Spießfolgedank, als eine Ovation sollte aufgehoben bleiben? –

Im nächsten Kapitel kann man sich auf einen Lärm gefaßt machen, dergleichen man in wenig deutschen Kapiteln hört; die Lärmkanonen der Hofpartei, das Herabpoltern der Bühnen und das Umschmeißen der Stühle nach gehegtem peinlichen Gericht werd' ich bis in meine Insel herüber hören können. Der schwarzhaarige und schwarzherzige Hofjunker wird, wenn er aus dem Arreste los ist, mit seiner ironischen Miene und mit der eignen leisen Stimme – die Ripienstimme seines boshaftesten Hohns, wie sie bei andern die des erhabensten Enthusiasmus ist – überall herumstreichen und sagen: er wünsche, der Lord erschiene, er habe bisher in seinen Sachen nach Vermögen gearbeitet. Am Hofe ist man zuweilen erhaben durch eine vorstehende Bosheit, wie nach Burke kein Geruch erhaben ist als der allerstinkendste und kein Geschmack als der bitterste. Und ebenso verbirgt allda jeder die mitleidige Teilnahme am fallenden Günstling leicht, ähnlich dem weisen Vater, der beim Fall eines Kindes das mitleidige Gesicht unter ein lustiges versteckt.

Den 21. Oktober kommt Matthieu los und darf zu Flamin gehen – er hat sichs ausgebeten – und ihm die Freiheit und die Standerhöhung miteinander ansagen..... In wenig Tagen könnten die Begebenheiten und mein Protokoll derselben aus einem Zeit-Stundenglase rinnen, wenn der Hund ordentlich käme; aber er kommt, wenn er will.

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