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Hesperus oder 45 Hundposttage

Jean Paul Richter: Hesperus oder 45 Hundposttage - Kapitel 112
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleHesperus oder 45 Hundposttage
pages471-1236
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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41. Hundposttag

Brief – zwei neue Einschnitte des Schicksals – des Lords Glaubensbekenntnis

Man schenke einem Menschen, der, gleich Pferden, in der Nähe der Nacht und der Heimat stärker läuft, den zehnten Schalttag; am Ende eines Lebens und eines Buchs macht der Mensch wenig Ausschweifungen.

Ich hab' es schon gesagt, daß nichts das Seelen- und Rückenmark mehr aus einem Menschen presset, als wenn ihm sein Unglück kein Handeln vergönnt; das Schicksal hielt unsern Viktor noch fest mit der einen Hand, um ihn wund zu schlagen mit der andern, als in diesen Trauerwochen das Schöpfrad der Zeit zwei neue Tränenkrüge im Herzen der Menschen einschöpfte und in die Ewigkeit hinausgoß. Erstlich kam die trübe Nachricht wie Trauergeläute an Viktors Ohr, daß sein ehemaliger Jugendfreund Flamin einen Schritt, zu dem es ohne das Überwerfen mit ihm nie gekommen wäre, wohl mit dem Tode büßen werde. Einige Tage nach den Kanikularferien – gerade als vor einem Jahre der arme Gefangne sein neues Amt mit so vielen menschenfreundlichen Hoffnungen angetreten hatte – zog jenes Gerücht wie eine Pestwolke aus den Sessionzimmern heraus. Viktor flüchtete eilig und ungläubig und doch zitternd zum Apotheker, um ihm die Widerlegung abzufragen. Dieser schlug vor ihm – eben weil er den Hofmedikus verachtete und beschämen wollte – aufrichtig alle Hof-Rapportzettel und Cercle- oder Kreis-Berichte auseinander und las ihm daraus so viel vor: es sei nicht anders. Viktor hörte, was er schon voraussetzte, daß jetzt der Fürst den Laufzaum oder das Stangengebiß seiner eignen Frau umhabe, und daß sie ihm durch Klotildens Entfernung näherkomme und mit dem Ohr- und Ringfinger den in den Nasenring eingefädelten Zügel bewege, als wäre sie in der Tat nichts Geringeres als seine – Mätresse, welches ein neues trauriges Beispiel ist, wie leicht in den jetzigen Zeiten eine feine Ehefrau sich die Rechte einer Kebsfrau erschleiche. Zeusel fand es natürlich, »daß sie, als die Freundin des Ministers, der, so wie sein Sohn Matthieu, der Freund des Kammerherrn gewesen, den Tod des letztern an Flamin zu rächen suche, und daß der Minister, um seine Hand besser in die Griffe der Parzenschere zu bringen und dem Regierrat den Lebensfaden entzweizuschneiden, selber die fortdauernde Entfernung seines Sohns verhänge und unterhalte, damit dieser nicht etwan den unglücklichen Liebling decke«. – Nicht ein wahres Wort war daran, das wußte Viktor besser; aber desto schlimmer; o verrät nicht alles, daß Matthieu die Fürstin durch Winke über Flamins Geburt in sein treuloses Interesse gezogen, um, wie Zauberer, in der Ferne und durch wenige Charaktere umzubringen? Würd' ihn wohl bloß die Furcht vor der Rüge der Ausfoderung so lange außer den Grenzsteinen des Landes festhalten? – Noch dazu brütete die Fürstensonne den ministerialischen Krötenlaich immer lebendiger an. Es ist wahr – und Viktor leugnete es nicht – man darf erwarten von der Fürstin, daß sie die Matthäus- oder Jakobsleiter, auf der sie das fürstliche Herz erstieg, da sie vorher nur an Jenners Hand reichte, mit der Zeit umschnellen wird mit dem Fuß, so wie der Marder sich vom schlaftrunknen Adler in die Höhe reißen läßt und ihn erst droben so lange zerhackt, bis der Träger fällt und stirbt; aber jetzt ist, glaub' ich, ihre fortdauernde Dankbarkeit gegen Schleunes schon genugsam bei Rechtschaffenen dadurch entschuldigt, daß noch mehr zu holen steht von der unvollendeten Gabe. Ein alter Gesetzmacher setzte auf jeden Undank Strafe; ich glaube, man verfällt in den nämlichen Fehler wie er, wenn man jede Dankbarkeit tadelt und bestraft, da oft der Eigennützigste am Hofe zu ihr seine guten Gründe haben kann.

Viktor ging trübe in sein Zimmer und sah Flamins Bild an und sagte: »O! das wolle der Himmel nicht, daß du Armer nicht mehr zu retten wärest.« Viktor konnte sich überhaupt drei Tage nach einer Beleidigung nicht mehr rächen: »Ich vergebe jedem,« sagt' er sonst, »nur Freunden und Mädchen nicht, weil ich beide zu lieb habe.« Aber welche Hand, welchen Zweig konnt' er dem sinkenden Flamin hinunterreichen ins Gefängnis? – Alles, was er vermochte, war, zum Fürsten zu gehen mit einer nackten Bitte um dessen Begnadigung. Tausend Aufopferungen unterbleiben, weil man nicht ganz gewiß ist, daß sie ihre rechten Früchte bringen. Aber Viktor ging doch; er hatte sich die goldne Regel gemacht: für den andern auch dann zu handeln, wenn der Erfolg nicht gewiß zu hoffen ist. Denn wollten wir erst diese Gewißheit abwarten: so würden Aufopferungen ebenso selten als unverdienstlich werden.

Er ging zum Fürsten nach langer Zeit zum erstenmal – hatte den Nachteil wider sich, eine lange Abwesenheit mit einer Bitte zu endigen – sprach mit dem Feuer des Einsamen für seinen Flamin – flehte den Fürsten um den Aufschub des Schicksals desselben an, bis der Lord wiederkehrte – erhielt die Entscheidung: »Ihr Herr Vater und ich müssen es bloß der Justiz überlassen« und wurde kalt und stolz verabschiedet.

Jetzo, gerade am 5. September dieses Jahres, wo eine große Sonnenfinsternis die Seele wie die Erde trübe und bange machte, jetzo hatte das Wasserrad des Schicksals den ersten Tränenkrug in seiner Brust gefüllt – es wälzte sich weiter, und der zweite floß über: Klotildens Brief kam den 22. September zu Herbstes-Anfang an.

»Teurer Freund!

Ihr Herr Vater war in London noch zu Anfang des Februars und hatte viel französischen Briefwechsel; dann ging er ab nach Deutschland, und seitdem weiß meine Mutter nichts von ihm. Das Schicksal wache über sein wichtiges Leben. An drei EidenDiese Eide der Verschwiegenheit hatte sich bekanntlich der Lord von Viktor, von Klotilde und von ihrer Mutter unter jenem tragischen Apparat, der besonders in weibliche Herzen so stark eingreift, ablegen lassen., die seine Abwesenheit unauflöslich macht, hängen viele Tränen, viele Herzen und, o Gott! ein Menschenleben. – Ich lege ein Blatt von Ihrem Herrn Vater bei, das er bei meiner Mutter geschrieben und worin eine Philosophie ist, die meinen Geist und meine Aussichten immer trüber macht. Ach, ob Sie gleich einmal sagten: weder die Furcht noch die Hoffnungen des Menschen treffen ein, sondern immer etwas anders: so hab' ich doch das traurige Recht, meiner Bangigkeit und allen Träumen der Angst zu glauben, da ich mich bisher in nichts irrte als in der Hoffnung. – Wie ungenügsam ist der Mensch! – Aber wenn auch alles einträfe und ich zu unglücklich würde: so würd' ich doch sagen: wie könnt' ich jetzt zu unglücklich sein, wär' ich nicht einmal zu glücklich gewesen? – –

Sie werden mir es gern vergeben, daß ich über London und über den Eindruck schweige, den es auf ein so zerstreutes Herz wie meines machen konnte. Das tätige Gewühl der Freiheit und der Schimmer des Luxus und des Handels beklemmen eine kummerhafte Seele bloß und machen nicht froher, wenn man es nicht vorher ist. Sei glücklich, geliebte Vaterstadt, sagte mein Herz, sei es lange und sehr, wie ichs in dir gewesen bin in meiner Jugend! – Aber dann eil' ich lieber mit meiner Mutter auf ihr Landhaus zu, wo einmal drei gute KinderViktor, Julius, Flamin. so fröhlich grünten, und da werd' ich unaussprechlich erweicht, und dann bild' ich mir ein, ich sei hier glücklicher als unter den Glücklichen. Ich bilde mir es wohl nur ein; denn wenn ich da das gesammelte Spielzeug dieser guten Kinder, ihre Exerzitienbücher und ihre engen Kleider anschaue; wenn ich mich unter drei aneinandergesäete Kirschbäume setze, die sie scherzend in dem zu engen Kindergarten eingelegt hatten; und wenn ich dann denke, auf dieser Bühne zogen sie ihre Herzen für ein glücklicheres Leben groß, als sie gewonnen, für eine höhere Tugend, als die Verhältnisse zugelassen, und für bessere Menschen, als sie gefunden haben: dann werd' ich sehr betrübt, und dann ist mir, als müßt' ich weinen und dürft' ich sagen: auch ich bin in England geboren und wurde in Maienthal von Emanuel erzogen.

Ach ich kann mein Herz nicht verbergen, wenn ich den Namen dieser großen Seele schreibe. – Er war hier oft auf einem Berge, wo eine auseinandergefallene Kirche liegt, und wo er auf eine noch nicht umgeworfene Säule stieg, um sein Auge zu den Sternen zu erheben, über denen er nun wohnt. – Ich wollte Ihnen jetzo das schreiben, was mir meine Mutter von seinem Abschied erzählte: aber es tut mir zu wehe, und ich werd' es Ihnen mündlich sagen. Ich besuche diesen Berg sehr oft, weil man die ganze Ebene nach Osten hinuntersehen kann: hier hängt noch der alte Baum mit seinen Wurzeln und Zweigen in den Steinbruch hinunter, der voll zerstückter Tempelsäulen liegt; Emanuel nahm oft abends das Kind dahin, das er am meisten liebteSie weiß es wohl, daß es Viktor war. und das, wenn er auf der Säule betete, mit dem einen Arm um den Baum geschlungen, sehnsüchtig und singend über die weite Gegend hinüberblickte und sich hinauslehnte und, ohne es zu wissen, in süßer Beklommenheit über die eignen Töne und die entlegnen Gefilde weinte und über das blasse Morgenrot, das von der Abendröte zurückglimmte. Einmal, da der Lehrer das Kind fragte: ›Warum bist du so still und singest nicht mehr?‹ – gab es zur Antwort: ›Ach, ich sehne mich in die Morgenröte, ich möchte darin liegen und dadurch gehen und in die hellen Länder dahinter hineinschauen.‹ – Ich setze mich oft unter jenen Baum und lehne den Kopf an ihn und verfolge stumm die Entfernung bis an den Horizont, der vor Deutschland steht, und niemand stört mein Weinen und mein stilles Beten.

Ich war heute zum letzten Male dort, denn morgen gehen wir mit meiner Mutter, ohne die mein verwaistes Herz nicht mehr leben kann, nach Deutschland zurück zum besten Freunde der

treuesten Freundin
Kl.«

*

O du gute Seele! – –

Hart klingt jetzt das sonderbare Blatt vom Lord, das kein Brief, sondern eine kalte Schutzrede seines künftigen Betragens zu sein scheint:

»Das Leben ist ein leeres kleines Spiel. Wenn mich meine vielen Jahre nicht widerleget haben: so ist eine Widerlegung durch die wenigen übrigen weder nötig noch möglich. Ein einziger Unglücklicher wiegt alle Trunkne auf. Für uns nichtige Dinge sind nichtige Dinge gut genug; für Schläfer Träume. Darum gibt es weder in noch außer uns etwas Bewundernswertes. Die Sonne ist in der Nähe ein Erdball, ein Erdball ist bloß die öftere Wiederholung der Erdscholle. – Was nicht an und für sich erhaben ist, kanns durch die öftere Setzung so wenig werden als der Floh durchs Mikroskop, höchstens kleiner. Warum soll das Gewitter erhabner sein als ein elektrischer Versuch, ein Regenbogen größer als eine Seifenblase? Lös' ich eine große Schweizergegend in ihre Bestandteile auf: so hab' ich Tannennadeln, Eiszapfen, Gräser, Tropfen und Gries. – Die Zeit zergeht in Augenblicke, die Völker in Einzelwesen, das Genie in Gedanken, die Unermeßlichkeit in Punkte; es ist nichts groß. – Ein oft gedachter trigonometrischer Satz wird zum identischen, ein oft gelesener Einfall schal, eine alte Wahrheit gleichgültig. – Ich behaupte wieder: was durch Stufen groß wird, bleibt klein. Wenn die Dichtkraft, die entweder Bilder oder Leidenschaften malt, nicht in der Erfindung des alltäglichsten Bildes schon zu bewundern ist, so ist sie es nirgends. In die Stelle eines andern kann sich jeder, wie der Dichter, wenigstens in irgendeinem Grade setzen. – Die Begeisterung ist mir verhaßt, weil sie ebensogut durch Liköre als durch Phantasien entsteht, und weil man in und nach ihr am meisten sich zur Unduldung und zur Wollust neigt. – Die Größe einer erhabnen Tat besteht nicht in der Ausführung, die auf körperliche Armseligkeiten, auf Bewegen, Stehen, ausläuft, nicht im einfachen Entschluß, weil der entgegengesetzte, z. B. der, zu morden, ebensoviel Kraft bedarf als der, zu sterben, nicht in der Seltenheit, weil wir alle in uns dieselbe Tüchtigkeit dazu, nur aber nicht die Beweggründe dazu empfinden, nicht in allen diesem, sondern in unserer Prahlerei. – Wir halten unsern allerletzten Irrtum für Wahrheit, und nur den vorletzten für keine, unser Heute für fromm, und jeden künftigen Augenblick für den Kranz und Himmel der vorigen. Im Alter hat der Geist nach so vielen Arbeiten, nach so vielen Stillungen denselben Durst, dieselbe Qual. – Da alles sich verkleinert in einem höhern Auge: so müßte ein Geist oder eine Welt, um groß zu sein, es sogar dem sogenannten göttlichen Auge sein; aber dann müßt' er oder sie größer sein als Gott, weil man nie sein Ebenbild bewundert. – In meiner Jugend gab ich in einem Trauerspiel dem Helden alle jene Grundsätze und ließ ihn kurz vorher, eh' er sich den Dolch ins Herz trieb, noch sagen: ›Aber vielleicht ist der Tod erhaben; denn ich fass' ihn nicht. Und so will ich denn die Blutbögen, die aus dem Herzen aufspringen und so spielend das Menschenhaupt und Menschen-Ich in der Höhe erhalten, wie ein Springbrunnen die daraufgelegte Hohlkugel schwebend trägt, diesen Springbrunnen will ich mit dem Dolche ableiten, damit das Ich niederfalle.‹ – Ich schauderte damals über diesen Charakter: aber ich dachte nachher über ihn nach, und es wurde mein eigner!« –

*

Fürchterlicher Mensch! Dein Blut-Strahl und das Ich darüber ist vielleicht schon umgefallen, oder bricht bald darnieder. – Und eben diese schwarze Weissagung ist auch im Herzen Klotildens und Viktors – – O möchtest du, anderer gebückter Mann, den ich hier vor dem Publikum nicht nennen darf, es erraten, daß ich dich meine, daß du ebenso wie der unglückliche Lord dein eigenes Ich abfrissest gleich blutsaugenden Leichen, und daß du in der Sternennacht des Lebens noch einen eignen tödlichen Nebel um dich trägst! O der Anblick eines großmütigen Herzens, das sich bloß durch Ideen hülflos macht, und das unzugänglich und betäubt in seiner Laube aus philosophischen Giftbäumen liegt, färbt oft Tage schwarz! – Glaube nicht, daß der Lord irgendwo recht habe! Wie kann er etwas klein finden, ohn' es gegen etwas Großes zu halten? Ohne Achtung gäb' es keine Verachtung, ohne das Gefühl der Uneigennützigkeit keine Bemerkung des Eigennutzes, ohne Größe keine Kleinheit. So wenig du aus dem Schwanken der Saiten die Tränen des Adagio oder aus den Blutkügelchen und dreifachen Häuten eines schönen Gesichts deine Achtung für dasselbe erklärst: ebensowenig kannst du dein Entzücken für das Geistige in der Natur mit den körperlichen Fasern derselben rechtfertigen wollen, die nichts sind als die Flöten-Ansätze und Dis- und Fisklappen der ungespielten Harmonie. Das Erhabne wohnt nur in den Gedanken, es sei des Ewigen, der sie ausdrückt durch Buchstaben aus Welten, oder des Menschen, der sie nachlieset! –

Ich verschiebe die Widerlegung des Lords auf ein anderes Buch, obwohl dieses auch eine ist. –

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