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Hesperus oder 45 Hundposttage

Jean Paul Richter: Hesperus oder 45 Hundposttage - Kapitel 109
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleHesperus oder 45 Hundposttage
pages471-1236
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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39. Hundposttag

Große Entdeckung – neue Trennungen

Ich will jetzt enthüllen, was ich im vorigen Kapitel verbarg. – Da Emanuel an jenem elysischen Morgen des Wahnsinns zu Julius gesagt hatte: »Schatten! weiche!« so fuhr er fort: »Gaukle den blinden Sohn meines Horions (des Lords) nicht nach, der mich noch für seinen Vater hält – fürchte dich vor Gott, der vorüberging, und verschwinde!« – Und zu Viktor wandte er sich: »Schatten! wenn du nicht weißt, wer du bist, und deinen Vater Eymann nicht kennst: so falle wieder auf die Erde hinab und in den Schatten hinein, den dort mein Viktor wirft.« – – Und da Viktor am andern Tag den Sterbenden auf diese Worte führte: so fragte er beklommen: »Ach hab' ichs denn nicht im Wahnsinn gesagt, als ich wähnte, im Lande jenseits der Erden-Eide zu sein?« und er kehrte stumm das erschrockene Angesicht gegen die Wand....

Er hat es also im Wahnsinn des Todes herausgesagt, daß Julius der Sohn des Lords und Viktor der Sohn des Pfarrers Eymann ist.... Aber welche helle weite Beleuchtung gibt nicht dieser Vollmond unserer ganzen Geschichte, auf die bisher nur eine Mondsichel schien! –

Ich gesteh' es, schon beim ersten Kapitel fiel es mir auf, daß Viktor ein Arzt war: jetzt ists erklärt; denn der medizinische Doktorhut war die beste Montgolfiere und das Wünschhütlein für einen bürgerlichen Legaten des Lords, um damit leichter um den Thron zu schweben und auf den mürben Jenner einzuwirken; auch konnte Viktor nach seiner künftigen Devalvation und nach dem Verlust des Federhuts am besten in den medizinischen sein tägliches bürgerliches Brot einsammeln – sah der Lord. Das war ein Grund, warum dieser jenen für seinen Sohn ausgab. Ein anderer ist: Viktor war der Rolle beim Fürsten durch seine Laune, Gewandtheit, Gefälligkeit u. s. w. am meisten gewachsen, wozu noch die empfehlende Ähnlichkeit trat, die er mit dem fünften, bis jetzt noch verlornen Sohne, den Jenner so liebte, in allem, das Alter ausgenommen, besaß. Da nur ein Leibarzt der Günstling sein sollte: so konnte der Lord keinen von den fürstlichen Söhnen dazu nehmen, weil diese Juristen werden mußten, um in die künftigen Ämter einzupassen. – Seinen eignen Sohn Julius konnt' er nicht brauchen, weil er blind war – beiläufig! der Lord war auch einmal blind und vermehret also die Beispiele der von Vater auf Sohn forterbenden Blindheit durch seines –; aber auch ohne die Blindheit konnt' er wegen seiner uneigennützigen Delikatesse unmöglich seinen Sohn die Vorteile der fürstlichen Gunst erbeuten lassen, indes er die eignen Söhne Jenners von ihnen entfernte. –

Du guter Mann ohne Hoffnung! wenn ich jetzt deine dichterische Erziehung des Blinden mit deinen kalten Grundsätzen vergleiche, wenn ich berechne, wie du – abgestorben den lyrischen Freuden – verhärtet für die Tränen des Enthusiasmus – gleichwohl die mit Augenlidern verhangne dunkle Seele deines Julius von seinem Lehrer füllen lässest mit dichterischen Blumenstücken – mit Tauwolken der Rührung – und mit dem Nebelstern des zweiten Lebens: so vermehret es ebensosehr meine Schmerzen als meine Hochachtung, daß du nichts auf der Erde findest, was du an dein ausgehungertes Herz drücken kannst, und daß du dein auf leeren Tränendrüsen verwelktes Auge kalt aufhebst gegen den Himmel und auch da nichts siehest als ein wüstes ödes Blau! –

Diese schmerzliche Betrachtung machte Viktor noch früher als ich. – Aber zur Geschichte! Die vergangne zog tausend Stacheln durch sein Herz. Wir kennen jetzt unsern sonst frohen Sebastian nicht mehr – er hat vier Menschen verloren, gleichsam um die vier Pfingsttage damit abzuzahlen: Emanuel ist verschwunden, Flamin ist ein Feind geworden, der Lord ein Fremder und Klotilde – eine Fremde. Denn er sagte zu sich: »Jetzt, da sie so weit über mich gerückt ist, will ich der Leidenden, der ich schon so viel genommen, nicht gar alles kosten, nicht gar die Liebe ihres Vaters und ihren Stand – ich will nicht auf ihre in der Unwissenheit meiner Verhältnisse geschenkte Liebe dringen. – Nein, ich will gern meine Seele von der teuersten ablösen unter tausend Wunden meiner Brust und mich dann einsam hinlegen und zu Tod bluten.« – Jetzt wurd' ihm dieser Vorsatz leicht; denn nach dem Tode eines Freundes nehmen wir ein neues schweres Unglück gern auf unsere Brust, es soll sie eindrücken, denn wir wollen sterben.

Doch hatte das Schicksal in seinen zwei Armen noch zwei Geliebte gelassen: seinen Julius und seine Mutter. In jenem liebt' er so viele schöne Beziehungen; sogar das war eine, die es macht, daß man allzeit den liebt, mit dem man verwechselt wurde; und er wollte Vaterstelle bei jenem vertreten wie der Lord bei ihm, um diesem edlen Manne nicht sowohl zu danken als nachzueifern. Und noch heißer umfing er mit seiner Seele die vortreffliche Pfarrerin, der schon bisher sein Herz in der sanften Wärme eines Sohnes entgegengeschlagen hatte. Ach wie wohl hätte es der kindlichen Brust, von welcher der bisherige Vater weggestoßen war, in ihrem Sehnen getan, ans mütterliche Herz gedrückt zu werden und von der Mutter die Worte zu hören: »Guter Sohn, warum kömmst du so unglücklich und so spät zu mir?« Aber er durfte nicht, weil er sonst den Schwur, die Abkunft Flamins unter der Decke des Geheimnisses zu lassen, gebrochen hätte.

Er sperrte sich vier Tage mit dem Blinden ins Sterbhaus ein – er sah niemand – besuchte das trauernde Kloster nicht, wo aus allen schönen Augen ähnliche Tränen flossen – tat Verzicht auf den duftenden Park und auf den blauen Himmel – und ließ den Blumenflor dem Verstorbenen nachwelken. – Er tröstete den verlassenen Blinden, und den ganzen Tag ruhten sie aneinander geschlungen und malten sich weinend ihren Lehrer und seine Lehren und die lichten Stunden ihrer Kindheit vor. Endlich am vierten Tage führte er den Blinden auf immer aus dem schönen Maienthal – die Abendglocke sandte ihnen weit das Totengeläute eines ganzen eingesargten Lebens nach – Julius weinte laut – aber Viktor hatte nur ein feuchtes Auge und tröstete nicht sich, sondern den Blinden; denn seine Seele war jetzo anders, als man erraten wird: seine Seele war erhöht über dieses Abend-Leben, sein Verstorbner hielt sie wie ein Genius hoch empor über die Wolken und über die Spiele einer kleinen Zeit. Viktor stand auf dem hohen Gebirg, wo man am Begräbnis-Tage eines Freundes steht, unten am Gebirge ging das Totenmeer des Abgrunds weit hinAnspielungen auf den mit abgebildeten Ländern und Inseln erfüllten Nebel, den man am Morgen vom Ätna herunter sieht. und sog an einem ausgedehnten zitternden Nebel, der sich auf dem Meere aufrichtete – und auf dem Nebel waren bunte Städte gefärbt, und schwankende Landschaften hingen in ihm, und die kleinen Völker mit roten Wangen liefen auf den Landschaften aus Duft – und alles, Völker und Städte, tropften wie Tränen hinab ins saugende Meer – – bloß am Horizont war unten im düstern Nebel ein angeglommener Saum wie Morgenglut: denn eine Sonne steigt hinter der Dämmerung auf, und dann ist der Nebel vergangen, und eine neue grüne feste Welt liegt in die Unermeßlichkeit hinein. – –

Er wollte die ganze Nacht gehen, aber er wurde durch etwas Fürchterliches im nächsten Dorfe, das Obermaienthal heißet, angehalten. Er erkannte in der Wagenremise des Gasthofs den Wagen des Kammerherrn am Wappen. Er ließ den Blinden auf einer steinernen Bank an der Türe nieder, wo dieser dem Geräusche des Heu-Abladens zuhorchte. Viktor bekam im Hause auf seine Frage die Nachricht: »es wären zwei Damen droben, die eine kenne man nicht« (er entdeckte aber im ersten Abriß ihres Anzugs sogleich die Pfarrerin) – »die andere sei oft hier durchpassiert, es sei die Tochter des Obrist-Kammerherrn und habe Ganz-Trauer an, weil ihr Vater vor einigen Tagen totgeschossen worden im Duell mit dem Regierrat Flamin, und beide reiseten, wie ihre Leuten sagten, nach England.«

Er schrie vergeblich, halb in Blut und Qual erstickend: »Es ist unmöglich, mit dem Hofjunker von Schleunes meint ihr.« Aber es war doch so – Flamin war im Gefängnis – Matthieu außer Landes – Le Baut schon unter der Erde.... Fodert aber die Geschichte dieses Mordes jetzo nicht! – Viktor zog langsam die Uhr des glücklichen Zeidlers heraus und sah starr den Zeiger froher Stunden an, der schon einige Tage unaufgezogen stockte; in ihm riet etwas der wilden Verzweiflung an, er sollte sie gegen den steinernen Boden schleudern und schmettern. Aber drei Lauten-Hauche der Flöte, mit der der Blinde eine schönere wärmere Vergangenheit vor die erstarrte Seele zog, löseten sein gerinnendes Herz in ein nasses Auge auf, und er hob es überfließend empor und sagte bloß: »Vergib mirs, Allgütiger – ach ich will gern nur weinen!« – Wenn die Schmerzen in uns zu reißend werden: so knirscht etwas in uns gegen das Schicksal, und das Herz ballet sich gleichsam zur Wehre ergrimmt zusammen – aber diese Stärke ist Lästerung. O! es ist schöner gegen dich, Allgütiger, mit dem entzweigepreßten Herzen hinzurinnen und zur Träne zu werden und so lange zu lieben und zu schweigen, bis man stirbt!

Die bekannten Flötentönen drangen in Klotildens dicke Regenwolke des Grams – sie zitterte ans Fenster – sie sah den Blinden – aber sie ging schnell zurück und hüllte ihr Herz tiefer in die kalte Wolke – denn jetzo wußte sie alles: der Blinde war der Todesbote, daß ihr großer Freund die Erde und die Trostlosen verlassen habe. »Mein Lehrer ist auch tot«, sagte sie zur Begleiterin; und als Viktor um eine Unterredung bitten ließ: konnte sie nur sprachlos mit dem Kopfe nicken. – Dann bat sie die Pfarrerin, in ein anderes Zimmer zu treten, weil ihr der Anblick Viktors aus vielen Gründen drückend sein mußte. Viktor stieg die Treppe gleichsam zu einem Blutgerüst hinauf, auf dem ihm das Schicksal sein Herz herausnehmen werde, nämlich die gute Klotilde, von der er heute sowohl durch ihre Reise als durch seinen Vorsatz, sie zu entbehren, abgeschieden wurde. Als er aufmachte und die Bekümmerte erblickte, bleich und müde an die Wand gelehnt; und als beide einander mit niedergesunknen Händen in die rotgeweinten Augen sahen und bebten in dem düstern Zwischenraum zwischen dem Anblick und dem ersten Wort wie in der schrecklichen Zeit zwischen dem Feuer eines großen Geschosses und zwischen der Ankunft der Kugel, und da endlich Klotilde leise fragte: »Es ist alles wahr?« und er sagte: »Alles!« – so legte sie ihr schönes Haupt langsam um gegen die Wand und wiederholte in einem fort, aber leise-klagend, mit den sanften gedämpften Trauertönen des ermüdeten Jammers die Worte: »Ach! mein guter Lehrer, mein unvergeßlicher Freund! – Ach du großer Geist! du schöne Himmelseele, warum zogest du so bald meiner Giulia nach! – – O, teuerster Freund, zürnen Sie nicht, ich wünschte jetzo bloß zu sein, wo mein Vater ist, im stillen Grabe.« – – Viktor fing bebend die Frage an: »Hat ihn Flamin....« – aber er konnte nicht dazusetzen: »umgebracht«: denn sie richtete das Haupt empor und blickte ihn an mit einem schwellenden, mit einem arbeitenden unsäglichen Schmerz, und dieser Schmerz war ihr Ja. – –

Sie wollte, von der Tränenverblutung erschlafft und zuckend unter den Erinnerungen, die wie Gehirnbohrer die Seele betasteten, endlich an der Wand zusammensinken; aber Viktor faßte sie mit unaussprechlichem Mitleid auf und erhielt sie aufgerichtet an seiner Brust und sagte: »Komm, unschuldiger Engel, komm an mein Herz und weine dich aus daran – wir sind unglücklich, aber unschuldig – o ruhe aus, du gequältes Haupt, ruhe sanft unter meinen Tränen.« – – Aber im höchsten Weh fing allezeit eine Bergluft um ihn zu flattern an, ihm war, als richtete ein Hebeisen die eingebrochne Hirnschale auf, als zöge Lebenluft durch die angebohrte, innen modernde Brust hinein; es war ihm darum so, weil ihm das Leben der Menschen klein wurde, der Tod groß und die Erde zu Staub. »Schlafe, Gequälte« – sagt' er zu Klotilde, die welkend an ihm lehnte – »verschlafe das Weh – das Leben ist ein Schlaf, ein gedrückter heißer Schlaf, Vampyren sitzen auf ihm, Regen und Winde fallen auf uns Schlafende, und wir greifen vergeblich aus zum Erwachen – – o das Leben ist ein langer, langer Seufzer vor dem Ausgehen des Atems. – O daß aber die elende Lufterscheinung gerade diese gute Seele, gerade dich, dich so quälen darf!« – »Ach,« sagte Klotilde, »wenn doch die zu traurige Flöte aufhörte! Mein Herz zerspringt vor Qual«; aber ihr Freund riß grausam alle Quellen ihrer Tränen weiter auf und goß seine in die ihrigen und malte ihr die Vergangenheit ab: »Vor vier Wochen war es anders, da gingen die Flötentöne über ein schöneres Land durch die glücklichen Klagen der Nachtigall hindurch in unsere Herzen, die damals so froh waren – am ersten Pfingsttage fand ich dich, als die Nachtigall schlug – am zweiten sank ich vor Wonne und Hochachtung vor dir nieder, als der Regen um uns glänzte – am dritten ging oben an der Abendfontäne ein weiter Himmel auf, und ich sah einen einzigen Engel glänzend und lächelnd darin stehen. – – Unsere drei Tage waren Träume von schönen Blumen, denn Träume von Blumen bedeuten Jammer.« – Er hatte bisher seine weiche Seele gegen dieses grausame Gemälde verhärtet; aber als er gar mit gepreßter Stimme dazugefügt hatte: »Damals lebte unser Emanuel noch und besuchte abends sein offnes Grab....«: so mußte sein Herz zerreißen, und alle Tränen quollen über das tief hineingedrückte Schwert wie blutige Tropfen heraus, und er sagte, sie heftiger an sich fassend: »O komm, wir wollen weinen ohne Maß: wir wollen uns nicht trösten. Wir sind nicht lange mehr beisammen: o ich möchte mich jetzt zerrütten durch Kummer. – Erhabner Dahore! schau diese Sterbende an und ihre Tränen um dich und vergilt ihre Trauer und gib der müden Seele einmal Ruhe und deinen Frieden und alles, was den Menschen fehlt!«

Die zwei Seelen sanken verschlungen hin in eine einzige Träne, und die Stille der Trauer heiligte den Augenblick – und mehr lasset mich mit dem beklommenen Atem nicht davon sagen.

– Wie erwachend zog sie ihr Haupt von seinem Herzen und nahm mit einem entkräfteten Lächeln seine Hand – denn sie liebte ihn aller Unglück-Zufälle ungeachtet unaussprechlich und war eben auf dem Wege nach Maienthal, um ihn noch einmal zu erblicken – und sagte: »Ich gehe nach England zu meiner Mutter, um den Lord auszufinden und zu erbitten, daß er früher komme und sich ins Mittel schlage und fremde Schmerzen und meine endige.« – Ihr Stocken, das ihr Blick ausfüllte, entdeckte ihm soviel, als es der unglücklichen Pfarrfrau verschwieg, die im Nebenzimmer vieles hören konnte – was sie verdeckte, war, daß sie bei dem Lord die Beschleunigung der Entdeckung, daß Flamin der Sohn des Fürsten sei, betreiben wollte. Außerdem rückte dieser Weg ihre Augen von so vielen Bildern des Grames, so wie ihre Ohren von so manchem Mißgetön des Gespöttes hinweg. Freilich war die Absicht, auf dem Kutschkissen und auf dem Schiffe die Bewegung wie eine Eisentinktur einzunehmen, nur ihr Vorwand bei Hofe gewesen, wo man ehrerbietige Unwahrheiten nicht bloß vergibt, sondern auch verlangt.

Viktor verhieß ihr, in dunkler Ahnung seiner Kraft und Uneigennützigkeit – denn der Unglückliche opfert freigebiger und leichter als der Glückliche auf –: »er wolle wie eine Schwester für ihn sorgen.« – Ihre Augen trugen einander ihre Geheimnisse und eben darum ihre Liebe vor, und Klotilde floß von weinender Liebe über, erstlich der Reise wegen (weil für ihr Geschlecht eine Reise der Seltenheit wegen etwas Wichtiges ist), zweitens des Kummers wegen, da die Liebe ein weibliches Herz in ganzer Trauer wärmer macht als eins in halber, wie Brennspiegel schwarz gefärbte Dinge stärker erhitzen als weiße.

Gerade heute, wo sie ihm mit so viel erneuter Liebe in die Augen blickte, sollt' er von ihr abgerissen werden. Er verschonte sie zwar mit der Entdeckung seiner Geburt und seiner ewigen Trennung, um an ihr zerrissenes Herz nicht neue ziehende Qualen zu hängen; aber er wollte diese letzte Minute seiner schönen Liebe, diese Nachlese und diesen Nachflor seines Lebens ganz abernten. Ach er wollte sie anschauen wie nie – er wollte ihr die Hand drücken heftig wie nie – er wollte ihr ein Lebewohl sagen wie ein Sterbender – – Denn es ist alles, rief unaufhörlich sein Innerstes, zum letzten, letzten Male! – Nur küssen wollt' er sie nicht: eine scheue Ehrfurcht, der Gedanke an die ausgespielte Liebhaberrolle verbot es ihm, von ihrer Unwissenheit einen eigennützigen Gebrauch zu machen. Aber als er den letzten Blick der Liebe auf sie richten wollte: so schlug das Schicksal alle die geschliffnen Waffen, die bisher in seine Nerven gedrungen waren, noch einmal in die blutenden Öffnungen, wie man in die Wunden der Ermordeten die alten Instrumente wieder hält, um zu sehen, obs dieselben sind – – ach es waren dieselben – das Zimmer benebelte gleichsam ein Lichterdampf – die Flötentöne erstickten im innern Brausen – er mußte sie ansehen und konnte doch nicht vor Wasser – er mußte sie lange, fassend ansehen, weil er ihr schönes Angesicht als ein Schattenbild des Schatten-Edens auf ewig niederlegen wollte in seine Seele – – Endlich konnt' ers, mit tausend Schmerzen blickte er ihr beträntes Angesicht, durch das die Tugend wie ein Herz schlug, ergreifend an und schattete es ab in seiner öden Seele bis auf jede Linie, bis auf jeden Tropfen – So viel nahm er mit von ihr, mehr nicht; ihr ließ er alles, sein Herz und seine Freude – Ach weiche Klotilde! wenn du es erraten hättest! – Das Schluchzen seiner Mutter riß ihn ans Nebenzimmer, er stieß die Tür auf, rief zertrümmert der weggekehrten Mutter zu: »Teuerste! Beim Allmächtigen, Ihr Sohn ist kein Mörder und kein Verlorner« – und drückte die ihm hinter dem Rücken gegebne Hand sinnlos zusammen.

Seht dem düstern Augenblicke, meine Freunde, jetzo nicht zu, wo er zum letzten Male Klotildens Hand nimmt und sein Herz von ihrem spaltet und doch nur sagt: »Reise glücklich, Klotilde, lebe ruhig, Klotilde, werde froh, Klotilde!«

– Und weit vom Dorfe fiel er neben dem Blinden auf die Knie mit einem stummen Gebet für das trauernde Herz, das er nun zum letztenmal verloren hatte. –

Erst morgens um 4 Uhr kam er ohne Müdigkeit und ohne Tränen und ohne Gedanken in Flachsenfingen mit dem Blinden an.

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