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Hesperus oder 45 Hundposttage

Jean Paul Richter: Hesperus oder 45 Hundposttage - Kapitel 108
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleHesperus oder 45 Hundposttage
pages471-1236
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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Emanuel schien gefaßt zu sein; aber er täuschte sich; seine jetzige Gleichgültigkeit gegen die Erde war im Grunde schneidender als die nächtliche, die bloß ein anderer, mit den Zaubertränken der Phantasie vermischter Genuß des Lebens war. In seine Reue über seinen dichterischen Selbermord schien sich fast Freude über die Folgen zu mengen. Daher sagte er mit einem rührend-gewissen Blicke: »heute gegen Abend werd' er gewiß gehen und seine zwei letzten und besten Freunde nicht mehr mit diesen Verzögerungen des Abschiedes quälen. – Der Genius der Welten werde ihm seine letzten Fehler vergeben und auf die hiesige Entfernung von ihm, die ihm zu lange wurde, dort keine zweite folgen lassen.«

Je länger er sprach, desto mehr rückte das alte Blüten-Eden wieder in seine matte Seele ein. – Jetzt tat er eine sonderbare herzzerschneidende Bitte an seine Freunde. Da bekanntlich das Gehör den Sterbenden am längsten bleibt, indes schon alle andere Sinnen sich gegen die Erde zugeschlossen haben: so sagte Emanuel zu Viktor: »Sobald du siehest, daß es sich mit mir ändern will, so gib deinem Julius die Flöte, und du! spiele mir dann das alte Lied der Entzückung, damit ich an den Tönen sterbe, wie ich schon oft wünschte, und spiele es auch noch einige Minuten nach dem Ende fort.«

Er dachte nun darüber nach, wie schön um seine letzten Gedanken Töne ziehen würden, wie Vogelgesang um die untergehende Sonne; und in seinem erloschenen Geiste flogen wieder die alten Funken auf: »Ach ich werde selig von hinnen ziehen. – O meine Seele konnte in dieser Nacht schon diesem Erdboden einen überirdischen Schmuck anlegen und ihn für Eden halten: ach erst wenn der Boden schöner und die Seele größer ist...«

Er wurde wieder ohnmächtig, aber der Puls schlug noch leise. – Und hier in diesem Hinbrüten war es, wo er von der Erde als letzte Gabe den schauderhaft-süßen Traum empfing, in welchen der Körper die Gefühle seiner Kränklichkeit mischte und den er nach seiner Wiederbelebung mit einem neuen Nachträumen erzählte. Es ist der letzte sanfte Dreiklang unsers Körpers mit unserer weichenden Seele, daß er ihr noch in seiner Auflösung (wie wir von Ohnmächtigen, von Scheintoten unter dem Wasser etc. wissen) süße Spiele und Träume zuführt. –

Traum Emanuels, daß alle Seelen eine Wonne vernichte

Er ruhte verklärt in einem durchsichtigen farbicht-dunkeln Tulpenkelch, der ihn hin- und herwiegte, weil ein sanftes Erdbeben die Tulpenlaube auf der gebognen Stütze zu taumeln zwang. Die Blume stand in einem magnetischen Meer, das den Seligen immer stärker zog; endlich drückte er, hinausgesogen, sie nieder und sank als eine Tauperle aus dem umgebognen Kelche heraus...

Welch eine Farben-Welt! Ein Flockengewimmel von Äthergestalten wie seine stand schwebend über einer weiten Insel, um welche ein rundes Geländer von großen Blumen aufgeblättert spielte – mitten über den Himmel der Insel flogen Abendsonnen hinter Abendsonnen – tiefer neben ihnen liefen weiße Monde – nahe am Horizont kreiseten Sterne – und sooft eine Sonne oder ein Mond hinunterflog, schaueten sie himmlisch wie Engelaugen durch die großen Blumen am Ufer hindurch. Die Sonnen wurden von den Monden durch Regenbogen geschieden, und alle Sterne liefen zwischen zwei Regenbogen und stickten silbern die bunte Ringkugel des Himmels. Übereinander stiegen hinauf bunte Wolken, in denen ein Kern von Gold, von Silber, von Edelsteinen brannte – von Schmetterlingflügeln waren Staubwolken abgestreift, die wie fliegende Farben den Boden überhüllten, und aus dem Gewölke blitzten reißende Lichtflüsse, die sich alle ineinander verschlangen...

Und in diesem Farben-Getümmel ging eine süße Stimme umher und sagte überall: Vergehet süßer am Lichte.

Aber die Seelen erblindeten nur und vergingen noch nicht.

Da überfielen Abendwinde und Morgenwinde und Mittagwinde miteinander die Aue und wehten die hell-blauen und gold-grünen Wolken nieder, die aus Blumenduft entstanden waren, und falteten den Blumenring am Horizonte auf und trieben den süßen Rauch an die Herzen der Seligen. Der Blütennebel schlang sie in sich ein, das Herz wurde in die dunkeln Düfte wie in ein Gefühl aus der tiefsten Kindheit eingetaucht und wollte, vom heißen Blumendunste überflossen, darin auseinandertropfen. – Jetzo kam die unbekannte Stimme näher und lispelte sanft: Vergehet süßer am Duft.

Aber die Seelen taumelten nur und vergingen noch nicht.

Tief in der Ewigkeit aus der Mitternacht bog sich auf und nieder ein einziger Ton – ein zweiter stand in Morgen auf – ein dritter in Abend – endlich tönte aus der Ferne der ganze Himmel, und die Töne überströmten die Insel und ergriffen die erweichten Seelen... Als die Töne auf der Insel waren, weinten alle Menschen vor Wonne und Sehnsucht... Dann liefen plötzlich die Sonnen noch schneller, dann stiegen die Töne noch höher und verloren sich wirbelnd in eine schneidende, unendliche Höhe – ach dann gingen alle Wunden der Menschen wieder auf und wärmten sanft mit dem rinnenden Blute jede Brust, die in ihrer Wehmut erstarb – ach dann kam ja alles fliehend vor uns, was wir hier geliebet haben, alles, was wir hier verloren haben, jede teure Stunde, jedes beweinte Gefild', jeder geliebte Mensch, jede Träne und jeder Wunsch. – – Und als die höchsten Töne verstummten und wieder einschnitten und länger verstummten und tiefer einschnitten: so zitterten Harmonikaglocken unter den Menschen, die auf ihnen standen, damit das einschneidende Schwirren jeden Bebenden zerlegte. – Und eine hohe Gestalt, um die ein dunkles Wölkchen zog, trat auf in einem weißen Schleier und sagte melodisch: Vergehet süßer an Tönen.

Ach! sie wären vergangen und gern vergangen an der Wehmut der Melodie, wenn jedes Herz das Herz, nach dem es schmachtete, an seiner Brust gehalten hätte; aber jeder weinte noch einsam ohne seinen Geliebten fort.

Endlich schlug die Gestalt den weißen Schleier auf, und der Engel des Endes stand vor den Menschen. Das Wölkchen, das um ihn ging, war die Zeit – sobald er das Wölkchen ergriffe, so würde ers zerdrücken, und die Zeit und die Menschen wären vernichtet.

Als der Engel des Endes sich entschleiert hatte: lächelte er die Menschen unbeschreiblich lieblich an, um ihr Herz durch Wonne und durch das Lächeln zu zertreiben. Und ein sanftes Licht fiel aus seinen Augen auf alle Gestalten, und jeder sah die Seele vor sich stehen, die er am meisten liebte – und als sie einander vor Liebe sterbend anschaueten und aufgelöset dem Engel nachlächelten: griff er nach dem nahen Wölkchen – aber er erreichte es nicht.

Plötzlich sah jeder neben sich noch einmal Sich – das zweite Ich zitterte durchsichtig neben dem ersten, und beide lächelten sich zerstörend an und wurden miteinander höher – das Herz, das im Menschen bebte, hing noch einmal bebend im zweiten Ich und sah sich darin sterben. – –

O da mußte jeder von seinem Ich zu seinem Geliebten wegfliehen und, ergriffen von Schauder und Liebe, die Arme um fremde teure Menschen winden. – Und der Engel des Endes öffnete die Arme weit und drückte das ganze Menschengeschlecht in eine Umarmung zusammen. – Da glimmt, duftet, tönt die ganze Au – da stocken die Sonnen, aber die Insel wirbelt sich selber um die Sonnen – die zwei gespaltnen Ich rinnen ineinander ein – die liebenden Seelen fallen aneinander wie Schneeflocken – die Flocken werden zur Wolke – die Wolke schmilzt zur dunkeln Träne. –

Die große Wonneträne, aus uns allen gemacht, schwimmt durchsichtiger und durchsichtiger in der Ewigkeit. –

Endlich sagte leise der Engel des Endes: Sie sind am süßesten vergangen an ihren Geliebten. –

Und er zerdrückte weinend das Wölkchen der Zeit. –

*

In Emanuels Augen glänzten die Fieberbilder des Todes, mit denen sich jeder Schlaf, sogar der letzte, anfängt. Sein Geist hing wiegend in seinen schlaffen Nerven, von sanften Lüften angeweht; denn er war schon in jener zersetzenden Nerven-Entzückung der Ohnmächtigen, der Gebärenden, der Verbluteten, der Sterbenden. Aber seine ausgeleerte Brust stieg leichter auf, sein ziehender Geist dehnte den Lebensfaden dünner aus.

Viktor würde den Trost der dumpfen Betäubung genossen haben, womit übereinander gehäufte Schmerzen uns zusammendrücken, wenn er nicht dem armen Blinden jede Minute diese Schmerzen, d. h. alle Zurüstungen des Todes, hätte sagen müssen. Ach der Blinde besorgte vielleicht, seinem Lehrer zu spät mit dem Liede der Entzückung nachzurufen.

Es kam der Abend. Emanuel wurde stiller und sein Auge starrer, und es schien die Phantasien seines arbeitenden Gehirns in der Stube zu sehen, bis der Goldstreif der vorgesunknen Abendsonne, den ein Spiegel auf ihn richtete, gleichsam wie ein Blitz durch seine Traumwelt fuhr. Leise, aber mit anderer Stimme sagte er: »In die Sonne!« – Sie verstanden ihn und rückten sein Bette und sein Haupt dem schönen Abendregen der Abendsonne, dem er sonst so oft sein weiches Herz aufgeschlossen hatte, entgegen. Viktor erschrak, als er sah, daß seine Augen der Sonne ungeblendet und unbeweglich offenstanden.

Es war erhaben-still um drei zerrüttete Menschen; bloß ein Abendlüftchen flatterte in den Lindenblättern des Zimmers, und eine Biene zog um die Lindenblüten; aber draußen außerhalb dem Theater der Beängstigung ruhete ein seliger Abend auf den rot übersonnten Fluren unter freudigen, flatternden, singenden, trunknen Wesen.

Emanuel schauete still in die Sonne, die tiefer in die Erde drang; er krallte nicht am Deckbette wie andre, sondern hob seine Arme empor wie zu einem Fluge oder zu einer Umarmung. Viktor nahm seine geliebten Hände, aber sie hingen ohne Druck in seine nieder. Und als die Sonne wie eine lodernde Welt am Gerichtstage untersank in einer aufschießenden letzten Lohe: so blieb der Stille mit kalten Augen an der leeren Stelle der Sonne und merkte den Untergang nicht; und Viktor sah plötzlich wechselnde Blitze der Todessense gelb über das unverrückte Antlitz gehen. – Da gab er zerrüttet dem Julius die Flöte und sagte gebrochen: »Spiele das Lied der Entzückung, jetzt stirbt er.« –

Und Julius preßte mit strömenden verfinsterten Augen den schluchzenden Atem in die Flöte und erhob seine Seufzer zu himmlischen Tönen, um die entrinnende Seele unter ihrer Auswurzelung mit dem Nachklange der ersten Welt, mit dem Vorklange der zweiten Welt zu verhüllen und zu betäuben. –

Und als unter dem Liede ein seliges Lächeln über einen unbekannten Traum das erkaltende Gesicht verklärte – und als bloß eine Zuckung der Hand die Hand des trostlosen Freundes drückte, und bloß die Zuckung mit dem Augenlid winkte und weiter hinab die blassen Lippen öffnete und verging – und als die Abendröte die bleiche Gestalt bedeckte – – siehe da trat der Tod, kalt gegen die Erde und unsern Jammer, eisern, aufgerichtet und stumm, durch den schönen Abend unter die Lindenblüte hin zur überdeckten Seele im beruhigten Leichnam und reichte die verhüllte Seele mit unermeßlichem Arm von der Erde durch unbekannte Welten hindurch in deine ewige warme väterliche Hand, die uns geschaffen hat – in das Elysium, für das du uns gebildet hast – unter die Verwandten unsers Herzens – in das Land der Ruhe, der Tugend und des Lichts....

Julius stockte aus Schmerz, und Viktor sagte: »Spiele das Lied der Entzückung fort, er ist erst gestorben.« – Unter den Tönen drückte Viktor dem Geliebten die Augen zu und sagte mit einem Herzen über der Erde: »Nun schließet euch zu – der Geist ist über der Erde, dem ihr das Licht gegeben – du blasse geheiligte Gestalt, du geheiligtes Herz, der Engel in dir ist ausgezogen, und du fällst in die Erde zurück.« – Und hier umschlang er noch einmal die leere kalte Hülle und drückte das Herz, das ja nicht mehr schlug, ihn nicht mehr kannte, an sein heißes an; denn die Flötentöne rissen seine bleichen Wunden zu weit auseinander. – O es ist gut, daß bei dem Menschen, wenn er im grimmigen Weh zu festem Eis erstarrt, keine Töne sind: die weichen Töne leckten aus der durchbohrten Brust alles traurige Blut, und der Mensch würde an seinen Qualen sterben, weil er vermöchte, seine Qualen auszudrücken....

– Hier falle mein Vorhang vor alle diese Szenen des Todes, vor Emanuels Grab und vor Horions Schmerz! – Ich und du, mein Leser, wollen nun aus dem fremden Sterbezimmer gehen, um in nähere zu schauen, wo wir selber erliegen, oder wo unsere Teuersten erlagen. Wir wollen in jenen Zimmern unser Totenbette erblicken, aber unser Auge falle nicht nieder; – die Flamme der Liebe und der Tugend lodert aufwärts über die Verwesungen – wir sehen um das Totenbette eine Bahre als Ruhebank, auf die alle Lasten abgelegt sind und das auseinandergedrückte Herz auch – wir sehen um das Totenbette eine große unbekannte Gestalt, die vom Ebenbilde Gottes den Erden- Rahmen bricht. – Aber wenn das Herz groß wird neben unserem Ruheort, so wird es weich neben dem fremden. – Wenn du, mein Leser, und wenn ich jetzt mit dieser bewegten Seele in die Zimmer blicken, wo wir die ewigen Wunden der Erde empfingen, so werden uns die blassen Gestalten, die darin ihre Totenaugen noch einmal gegen uns aufheben, zu sehr erschüttern und verwunden. – Ach, das dürft ihr auch, ihr geliebten Stummen – was haben wir euch denn noch zu geben als eine Träne, die uns schmerzet, als einen Seufzer, der uns beklemmt? Ach wenn der Trauerflor auf unserm Angesicht so bald zerreißet wie der Leichenschleier auf eurem – wenn der Grabmarmor mit eurem Namen sich auf eurer Leiche umkehren muß, um eine neue mit ihrem neuen Namen zu bedecken – o! wenn wir alle die ewige Liebe, das ewige Erinnern so leicht vergessen, das wir euch in eurer letzten Stunde versprochen haben: – ach so ist ja in diesen brausenden Tagen des Lebens eine stille Stunde wie diese heilig und schön, wo wir uns gleichsam an die eingefallnen Gräber mit den Ohren niederlegen und tief aus der Erde, obwohl jeden Tag dunkler, die Stimmen, die wir kennen, rufen hören: »Vergesset uns nicht – vergiß mich nicht, mein Sohn – mein Freund – meine Geliebte, vergiß mich nicht!«

Nein, wir wollen euch auch nicht vergessen. Und wenn es uns immerhin zu wehe tut: so rufe doch jeder von uns in dieser Minute die teuersten Gestalten aus ihren Ruhestätten vor sich und schaue die verwesten Züge, die wieder geöffneten Augen voll Liebe, die so lange geschlossen waren, und das teure aufgedeckte Angesicht recht lange an, bis ihm die alten Erinnerungen an die schönen Tage ihrer Liebe das Herz zerbrechen, und er nicht mehr weinen kann.

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