Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Jean Paul Richter >

Hesperus oder 45 Hundposttage

Jean Paul Richter: Hesperus oder 45 Hundposttage - Kapitel 107
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleHesperus oder 45 Hundposttage
pages471-1236
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
Schließen

Navigation:

– Genius der Träume! der du durch den neblichten Schlaf der Sterblichen trittst und vor der einsamen, in einen Leichnam gesperrten Seele die glücklichen Inseln der Kindheit heraufziehest, o der du darin unsern verwesten Freunden wieder Wangenblüte gibst und unserm armen wahnsinnigen Herzen vergangne Himmel zeigst und Eden-Widerschein und rinnende Auen auf Wolken! – Magischer Genius! tritt in diese heilige Nacht vor einen Menschen, der nicht schläft, und wende deinen überflorten Spiegel auf mein offnes Auge, damit ich darin die elysische Lichtwelt, die mit unserm Erdschatten kämpfet, in der doppelten Verfinsterung als eine blasse Luna seheDie Sonne wird in ihrer Verfinsterung durch den Mond von uns im beflorten Spiegel angeschaut. und male! – –

Die entzückte Stimme des Toten rief: »Sei gegrüßet, du stilles Elysium! o du schimmerndes Land der Ruhe! nimm den neuen Schatten auf – ach wie glimmst du sanft – wie wehest du sanft – wie ruhest du sanft«....

Emanuels Augen waren aufgegangen; aber in seinem Gehirn brannte der elysische Wahnsinn, er sei gestorben und erwache in der zweiten Welt. O du Überseliger! dich umfing ja auch ein blinkendes Eden – ach dieses Schimmern, dieses Wehen, dieses Duften, dieses Ruhen war zu schön für eine Erde. Der Mond überwebte mit Silberfäden wie mit fliegendem Sommergespinste das Nacht-Grün – von Blatt zu Blatt, von Bäumen zu Bäumen reichte die Funkendecke des überstrahlten Regens – über allen Wassern wankten flimmernde Nebelbänke – ein leises Wehen warf tropfende Edelsteine von den Zweigen in die Silberflüsse – die Bäume und die Berge stiegen wie Riesen in die Nacht – der ewige Himmel stand über den fallenden Funken, über den eilenden Düften, über den spielenden Blättern, er allein unveränderlich, mit festen Sonnen, mit dem ewigen Welten-Bogen, groß, kühl, licht und blau. – So glimmte, so duftete, so lispelte, so zauberte niemals ein Tal....

Emanuel umarmte den funkelnden Boden und rief aus der brennenden, der Wonne erliegenden, stockenden Brust: »Ach ist es denn wahr? halt' ich dich wirklich, mein Vaterland? – Ja, in solchen Gefilden der Ruhe werden die Wunden geheilt, die Tränen gestillt, keine Seufzer gefodert, keine Sünden begangen, da zerfließet ja das kleine Menschenherz vor zu voller Wonne und erschafft sich wieder, um wieder zu zerfließen...... So hab' ich dich längst gedacht, seliges, magisches, blendendes Land, das an meine Erde grenzt... O! liebe Erde, wo bist du wohl?«

Er hob das trunkne Auge in den mit Sternen betaueten Himmel und sah den erniedrigten Mond gelb und matt in Süden hängen; diesen hielt er für die Erde, aus der ihn der Tod in dieses Elysium getragen habe. Hier zerging seine Stimme in Rührung über den geliebten ersten Garten seines Lebens, und er redete die oben über die Sterne fliehende Erde an:

»Kugel der Tränen! Wohnung der Träume! Land voll Schatten und Flecken! – Ach auf deinen breiten SchattenfleckenUnsere Erdmeere sehen in der Ferne wie die Flecken des Mondes aus. werden jetzt die guten Menschen beben und untersinken!... Ein Ring aus NebelnDer Mondhof. umkreiset dich, und sie sehen das Elysium nicht..... Ach wie still trägst du durch den seligen stillen Himmel dein Schlachtgeschrei – deine Stürme – deine Gräber; deine Dunstkugel schließet wie ein Sarg alle Klagstimmen um dich ein, und du rinnest mit überdeckten Gebeugten bloß als eine blasse stille Kugel über das Elysium hinüber!...

– Ach ihr Teuern, mein Horion! mein Julius! ihr seid noch droben im Gewitter, ihr deckt meinen Leichnam zu, ihr blickt weinend gen Himmel und könnt das Elysium nicht sehen... O! daß ihr durch das nasse Gewölk des Lebens schon durch wäret – aber vielleicht hab' ich schon lange geschlafen und gewacht, vielleicht geht die Zeit auf der Erde anders als in der Ewigkeit – Ach daß ihr hernieder kämet in die stillen Gefilde!« Er sah im magischen vergrößernden Schimmer zwei Gestalten gehen. »O wer ists?« rief er, entgegenfliegend. »O Vater! o Mutter! seid ihr hier?« – Aber da er näher kam: sank er in vier andre Arme und stammelte: »Selig, selig sind wir jetzt, mein Horion! mein Julius!« – Endlich sagt' er: »Wo sind meine Eltern und meine Brüder und Klotilde und die drei Brahminen? Wissen sie nicht, daß ihr Dahore in Elysium ist?«

Viktor sah trostlos dem wahnsinnigen Entzücken seines Geliebten zu und sagte weder Ja noch Nein. Dieser schauete himmlisch-lächelnd und liebe-strömend in Julius' Angesicht und sagte: »Blick mich an, du hast mich auf der Erde nicht gesehen.« – »Du weißt ja, daß ich blind bin, mein Emanuel!« sagte der Blinde. Hier floh der Wahnsinnige mit wegzuckenden Augen und mit einem Seufzer gegen den Mond von den Freunden hinweg und sagte leise zu sich: »Die zwei Gestalten sind nur Schattenträume aus der Erde – ich will sie nicht ansehen, damit sie zerfließen. – So reichet also der Schatten- und der Traumkummer der Erde bis ins Eden herüber. Ich bin wohl noch im Totentraum, denn die Gegend hier sieht wie die Gegenden in meinen Lebensträumen aus – oder ist dieses nur der Vorhof des Himmels, weil ich meine Eltern nicht finde«.... Er sah gegen die hohen Sterne: »Wo steh' ich jetzt unter euch? Neue Himmel liegen an neuen Himmeln. – – Ach sehnet man sich hier denn auch?«

Er seufzete, und wunderte sich, daß er seufzete. Er lehnte sich an den perlenden Blumenhügel, gekehrt mit dem Rücken gegen die geliebten Schatten, und mit den Augen gegen das anglimmende Morgenrot, und suchte und träumte – aber endlich deckte die Morgenkühle die suchenden, geblendeten, brennenden Augen, die heute bald auf Schreckgestalten, bald in Wonnemeere gefallen waren, mit leisem Schlummer und mit ähnlichen Träumen zu.... » Ruhe sanft, du müder Mensch!« sagte sein Freund; aber der Schläfer erglühte mit dem Horizont, und der alte Wahnsinn spielte in ihm weiter....

Ein Traum und der Morgen legten für ihn ein noch höheres Elysium an.

Ihm träumte, Gott werde von seinem Sonnenthrone steigen und in Gestalt eines unsichtbaren unendlichen Zephyr-Wehens über das Elysium gehen.

Der erste Morgen des Sommers häufte um ihn den Brautschmuck der Erde – er durchzog die Gefilde mit Perlenbänken von Tau und warf über die wühlenden Bäche das Zitter- und Glanzgold des herabgeschwommenen Morgenrots und legte den Büschen das Armgeschmeide von brennenden Tropfen an. – Aber erst als er alle Blumen auseinandergespalten – alle freudigzitternde Vögel in den Glanzhimmel gestreuet – in alle Gipfel Singstimmen gehüllt – als er den verwelkten Mond unter die Erde versenkt und die Sonne wie einen Götterthron über aufgeblühte Wolkenkränze aufgerichtet und über alle Gärten und um alle Wälder ineinandergewundne Regenbogen von Tau gehangen hatte – und als der Selige träumend stammelte: »Allgütiger, Allgütiger, erscheine im Elysium!« – da weckte ihn der langsam fließende Morgenwind und führte ihn in die tausendstimmigen Jubelchöre der Schöpfung hinein und ließ ihn erblindend ins brausende flammende Elysium taumeln. – – –

O siehe! jetzo überfloß ein unermeßliches Atmen kühlend, regend, lispelnd das ganze entbrannte Paradies und die kleinen Blumen bogen sich schweigend nieder und die grünen Ähren walleten säuselnd zusammen und die erhabnen Bäume zitterten und brausten – aber nur die große Brust des Menschen trank den unendlichen Atem in Strömen ein, und Emanuels Herz zerfloß, eh' es sagen konnte: »Das bist du, Alliebender!«

– Du, der du mich hier liesest, leugne Gott nicht, wenn du in den Morgen trittst oder unter den Sternenhimmel, oder wenn du gut oder wenn du glücklich bist! –

– Aber, unglücklicher Emanuel!

Du sahest fünf spielenden Trauermänteln zu und hieltest die schönen Schmetterlinge für selige Psychen. – Du hörtest hinter deinem Hügel in die Erde hauen, als mache man ein Grab. – Du sahest deinen guten Blinden an und sagtest doch: »Schatten! weiche...... Fürchte dich vor Gott, der vorüberging, und verschwinde!« – Aber du sagtest vorher noch etwas, was ich heute nicht enthülle –

– Mein Herz zittert vor der künftigen Zeile! –

Heulend vor Schmerz, grinsend vor freudiger Wut, sprang das tolle Totengebein in die selige Ebene hinter dem Hügel hervor und trug in seiner Rechten eine abgehauene blutige Hand und schüttelte aus dem linken Stumpfe, dem sein Wahnsinn sie abgehacket hatte, rieselnde Blutbögen und drückte mit dem rechten Arme ein Grabscheit an sich, um die Hand zu begraben, und schrie jubelnd und greinend: »Der Tod erschnappte mich daran, ich hab' sie aber abgezwickt – und wenn er das Grab der Faust sieht, ist er so dumm und denkt, ich lieg' drin... Ach! du da! Leg dich doch in den Sarg zu Bett; er hat dir die Augen ausgebohrt und das Maul mit Moder beklebt...... Brr!«

»O Allgütiger, du hast mich verdammt!« stammelte Emanuel; aus seiner zermalmten Lunge riß sich das gejagte Blut, und der Trostlose schwankte sterbend auf die vollgebluteten Blumen seines verlornen Himmels nieder....

So nimmt ein Tag dem andern den Himmel, und eh' der beraubte Mensch dort in das letzte Paradies eintritt, hat er hier zu viele verloren! – Ach eine von Wunden geöffnete Brust tragen wir in jede Frühlingluft dieses Lebens und in den Äther des zweiten; und sie muß erst zugeschlossen werden, eh' sie sich füllen kann!...

Der sanfte Abend

Gegen Mittag macht' er die müden Augen auf, aber bloß um sie ins Grab fallen zu lassen, das der Tod neben ihm unter seinem Schlafe aufgeschlossen hatte. Jedoch der eine Wahnsinnige war der Arzneigott des andern gewesen; sein Traum vom Elysium war ausgeträumt, kurz vorher, eh' er erfüllet zu werden schien, und er war wieder vernünftig. Viktor sah aus allen Zeichen, daß wenigstens gegen Sonnenuntergang der Tod mit seinem Obstpflücker diese weiße Frucht von ihrem Gipfel brechen werde; aber er sah es ruhiger als gestern. Da er schon die Proberolle der Trostlosigkeit gemacht hatte, so sägten die Werkzeuge des Grams keinen neuen Riß ins Herz, sondern gingen nur im alten blutig hin und her. Wer einen im Sarg Erwachten nach Jahren zum zweitenmal hineinträgt, trauert schwerlich so heftig wie das erstemal.

Mit welchen veränderten Augen erwachte Emanuel in der Abendstube, wo er gestern die ersten Tränen vor Freude vergossen hatte! Seine Seele hatte, wie der traurige Baum von Goa, am Tage das nächtliche Gedränge von Blüten fallen lassen; seinem erkalteten Haupte kehrte die Erde nicht mehr die Auen-Seite der Dichtkunst zu, sondern die lichte der kalten Vernunft. Er gestand jetzt, daß er die edlern Teile seines innern Menschen auf Kosten der niedern vollblütig gemacht – daß seine Todes-Hoffnung zu groß gewesen, wie seine dichterischen Flügelfedern – daß er die Erde nicht aus der Erde, sondern zu sehr aus dem Jupiter betrachtet, auf dessen Sternwarte sie zu einem Feuerfunken einkriechen mußte, und daß er also die Erde verloren, ohne doch den Jupiter dafür zu bekommen. Vergeblich widersprach ihm Viktor mit dem wahren Satze, daß der höhere Mensch, gleich den Malern mit Wasserfarben, allezeit sein Lebensstück mit dem Hintergrunde und mit dem Himmel anfange, welchen Ölmaler und niedere Menschen zuletzt machen; seine Antwort war die Klage, daß er leider nicht fortgemalet bis zum Vorgrunde. Endlich warf er sich auch vor, daß er zu viele Umstände bei einer so kleinen Trennung gemacht, als der Tod wenigstens für den, der gehe, sei, da die andern Trennungen auf der Erde doch länger, herber und doppelseitig wären.

Sie kamen dadurch auf die Erkennungen jenseits dieses Theaters. Viktor sagte, er könne Vermutungen über die Erde hinaus nicht so verschreien wie mancher Weise; denn wir müßten doch über die Erde hinaus vermuten und denken, wir möchten bejahen oder verneinen. »Ohne die Fortdauer der Erinnerung« (sagte er) »ist mir die Fortdauer meines Ich so viel wie die eines fremden, d. h. keine; sobald ich mein jetziges Ich vergesse, so könnte ja jedes fremde statt meiner unsterblich sein. Auch folgt der Untergang meiner Erinnerung nicht aus der irdischen Abhängigkeit von meinem Körper; denn diese Abhängigkeit haben alle geistige Kräfte mit ihr gemein, und es müßte dann aus dieser Abhängigkeit auch der Untergang der andern folgen; und was bliebe denn noch zur Unsterblichkeit übrig?« – Emanuel sagte: der Gedanke der Wiedererkennung, so viel er auch Sinnliches voraussetze, sei so süß und hinreißend, daß, wenn sich die Menschen gewiß davon machen könnten, keiner eine Stunde hier würde zögern wollen, besonders wenn man den Himmels-Gedanken ausmalte, alle große und edle Menschen auf einmal zu finden. »Ich habe mir oft« (sagt' er) »die künftige Erinnerung nach Ähnlichkeit der jetzigen ausgebildet und mußte immer vor Entzückung aufhören, wenn ich mir dachte, wie in jener Erinnerung die Erde zu einer dunkeln Morgen-Aue und unser Leben zu einem weit entrückten, mit Mondschein erhellten Tag eingehen werde. – O wenn wir schon vor dem Bilde einiger Kinderjahre zerfließen, wie sanft wird uns einmal das Bild aller Kinderjahre anblicken.« – Viktor wehrte diese tödlichen Entzückungen ab, und nachdem er zum Übergange gesagt: » Eine Verbindung muß in jedem Fall diese Erde mit der zweiten haben«, kam er auf etwas anders, das ihm in dieser Nacht so aufgefallen war. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Ich verhüll' es heute noch, was Viktor fragte und was Emanuel entdeckte; die neue Perspektive würde unser Auge zu lange vom großen Kranken abziehen.

Der Blinde hielt ängstlich die heiße Hand desselben in einem fort, um den geliebten Vater nicht zu verlieren; und wenn ihm Emanuel lange sanften Trost über seinen Tod, gleichsam kühle Blätter um die entzündeten Schläfe herumgelegt hatte: so sagte er nichts als innigst flehend: »Ach Vater, wenn ich dich nur gesehen hätte, nur einmal!« –

 << Kapitel 106  Kapitel 108 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.