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Hesperus oder 45 Hundposttage

Jean Paul Richter: Hesperus oder 45 Hundposttage - Kapitel 105
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleHesperus oder 45 Hundposttage
pages471-1236
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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38. Hundposttag

Die erhabene Vormitternacht – die selige Nachmitternacht – der sanfte Abend

Heute übergeb' ich Emanuels längsten Tag, der nun erloschen und abgekühlt unter den Tagen der Ewigkeit liegt, mit bleichen Abrissen den Phantasien der Menschen. Meine Hand zittert und mein Auge brennt vor den Szenen, die in Leichenschleiern um mich treten und so nahe an mir die Schleier aufheben. – – Ich schließe mich diese Nacht ein – ich höre nichts als meine Gedanken – ich sehe nichts als die Nachtsonnen, die über den Himmel ziehen – ich vergesse die Schwächen und die Flecken meines Herzens, damit ich den Mut erhalte, mich zu erheben, als wär' ich gut, als wohnt' ich auf der Höhe, wo um den großen Menschen wie Sternbilder nichts als Gott, Ewigkeit und Tugend liegen. Aber ich sage zu denen, die besser sind – zum stillen großen Herzen, das seine Pflichten vermehrt, indem es sie erfüllt, und das sich beim Wachstum seines Gewissens täglich bloß mit größern Verdiensten befriedigt – zu den hohen Menschen, welche die Hand des Todes warm gedrückt haben, die ihn, wenn er auf Morgenauen herumgeht, friedlich fragen können: »Suchest du mich heute?« – zur lechzenden Seele, die sich unter dem Zypressenbaum kühlet – zu den Menschen mit Tränen, mit Träumen, mit Flügeln, zu allen diesen sag' ich: »Verwandte meines Emanuels, euer Bruder streckt nach euch seine Hand durch die kürzeste Nacht aus, ergreifet sie, er will von euch Abschied nehmen!«

Die erhabene Vormitternacht

Viktor stand aus seinen Träumen, in denen er nichts als Gräber und Trauergerüste für seinen Freund gesehen hatte, wehmütig auf; aber er faßte beim Morgengruß geheime Hoffnungen, da er ihn ohne Fieber, ohne Beklemmungen, ohne Änderungen in seinen angeblichen Todesmorgen treten sah. Ihm war bloß vor dem Eindruck bange, den die getäuschte Hoffnung des Scheidens auf das schon halb aus dem irdischen Boden gerissene und von Erde entblößte Herz des Geliebten machen würde. Dieser hingegen hielt noch seine Träume fest, denen sogar seine nächtlichen Nahrung gaben; und er sah sehnend in das ungestirnte Blau und berechnete den langen Weg bis zur zwölften Nachtstunde, wo aus dem Himmel die Sterne und der Tod mit seinem dunkeln unermeßlichen Mantel, in dem er uns durch sein kaltes Reich trägt, vordringen würden. Sein Herz lag in einer süßen Mittagruhe, die zum Teil vom körperlichen Ermatten und vom schönen Tag herkam. Eine innere Windstille, die nirgends so groß und so magisch ist als in Seelen, an denen Wirbelorkane hin und her gerissen haben, überdeckte sein ganzes Wesen mit einer sehnsüchtigen Wonne, die in andern Augen als seinen in Tränentropfen zerflossen wäre.

O Ruhe, du sanftes Wort! – Herbstflor aus Eden! Mondschein des Geistes! Ruhe der Seele, wann hältst du unser Haupt, daß es still liege, und unser Herz, daß es nicht klopfe? Ach eh' jenes bleich und dieses starr ist, so kommst du oft und gehst du oft, und nur unten bei dem Schlafe und bei dem Tode bleibest du, indes oben die Stürme die Menschen mit den größten Flügeln gleich Paradiesvögeln am meisten umherwerfen!

Emanuels Ruhe, womit er die Gastrolle des Lebens bis aufs letzte Merkwort ausspielte, womit er alles einpackte – zurechtstellte – anbefahl – verabschiedete, trieb im gequälten Freunde Tränen und Stürme zusammen. Sein Herz war zwar vom Schicksal über einem steinichten Weg wund geschleift, aber die Entzündungen desselben kühlte jetzt der Gedanke des Todes sanft ab; doch konnt' er es – beim größten Unglauben an Emanuels Tod – nicht aushalten, es zu hören, wie ihm Emanuel den blinden Julius, dem man diesen Tod verbarg, von weitem mit den leisen Worten übergab: »Hab' ihn lieb wie ich, versorge, beschirme den Armen, bis du ihn dem Lord Horion übergeben kannst.« Seine bebenden Hände konnten kaum ein Paket an diesen Lord annehmen, das ihm der Freund mit zärtlichen Augen und mit den Worten reichte: »Wenn diese Siegel geöffnet werden, so haben meine Eide aufgehört, und du erfährst alles.« Denn sein zartes Gewissen verstattete ihm nur den Inhalt, nicht das Dasein von Geheimnissen zu verbergen. – Es wird uns nicht wundern, da Viktors Adern eine Wunde um die andere empfingen, daß er, um nicht durch Wallungen ihr Bluten zu vermehren, den Flötenspieler bat, heute nicht zu spielen; Musik hätte an diesem Tag über sein zerflossenes Herz zu viele Gewalt gehabt.

Den Morgen verbrachten sie in Abschiedbesuchen bei alten Steigen, Lauben und Anhöhen; aber Emanuel machte hier nicht die grelle, tobende Gewaltrolle des fünften Akts; er schlug auf einer Erde, wo der Tod graset, keinen unphilosophischen Lärmen darüber auf, daß er die Blumen und die Saaten nicht mähen und das grüne Obst nicht gelben werde sehen; sondern mit einem höhern Entzücken, das sich jenseits des Erden-Lenzes noch schönere versprach, machte er sich von jeder Blume los, ging er durch jedes Laub-Gewinde und Schatten-Nachtstück hindurch, zog er seine gleichsam in der Erde liegende verklärte Gestalt aus jedem Spiegelteiche, und eine liebevollere Aufmerksamkeit auf die Natur zeigte an, daß er heute nachts dem näher zu kommen hoffte, der sie geschaffen. Er versuchte und Viktor vermied von allem diesen zu reden. »Nur nicht zum letzten Male!« sagte dieser. »Nicht?« (sagte Emanuel) – »Geschieht nicht alles nur einmal und zum letzten Male? – Scheidet uns nicht der Herbst und die Zeit so gut wie der Tod von allem? – Trennt sich nicht alles von uns, wenn wir uns auch nicht von ihm trennen? – Die Zeit ist nichts als ein Tod mit sanftern dünnern Sicheln; jede Minute ist der Herbst der vergangenen, und die zweite Welt wird der Frühling einer dritten sein. – – Ach wenn ich einmal wieder aus der Blumenfläche einer zweiten weiche, und wenn ich am himmlischen Sterbetag das Zwielicht von der Erinnerung zweier Leben sehe – – o in der Zukunft ruht eine Anlage zur unendlichen Wonne so gut wie zur Qual; warum schauert der Mensch nur vor dieser?« – Viktor bestritt die künftige Erinnerung. »Ohne Erinnerung« (sagte Emanuel) »gibts kein Leben, nur Dasein, keine Jahre, nur Terzien – kein Ich, nur Vorstellungen desselben – Ein Wesen zerfährt in so viel Millionen Wesen, als es Gedanken hat – Erinnerung ist bloß Bewußtsein der gegenwärtigen Existenz.« – Auch der Dichter philosophiert, wenigstens für Dichtung und gegen Philosophie. – Viktor dachte: »Du Guter! mir, nicht dir macht' ich diese Einwürfe.«

Es war gegen Mittag: der Himmel war rein, aber schwül; die Blumen meldeten das Zusammenziehen der Blitze durch ihr Verschließen an; alle Auen waren Rauchaltäre, und Düfte gingen als Propheten der Gewitterwolken voraus. Mit der physischen Gewittermaterie häufte sich in Viktor die moralische an – er dachte daran, daß oft ein heißer Tag den Schwindsüchtigen das Leben nehme; – er verwechselte zuweilen die Bitterkeit des Abschieds mit der Wahrscheinlichkeit desselben; denn der von der Luftperspektive der Furcht betrogne Mensch findet ein Schreckenbild desto näher, je größer es ist; – er weinte, wenn er bloß daran dachte, daß er weinen könnte; aber gleichwohl würde die Vernunft die Oberhand über die Gefühle behalten haben, hätte nicht beide folgender Zufall betäubt.

In Maienthal wohnte ein Wahnsinniger, den man bloß das tolle Totengebein hieß. Aus drei Gründen wurd' er so genannt: erstlich weil er ein Knochenpräparat von Magerheit war; zweitens weil er die fixe Idee herumtrug, der Tod setze ihm nach und woll' ihn an der linken Hand, die er deswegen verdeckte, ergreifen und wegziehen; drittens weil er vorgab, er seh' es denen, die bald sterben würden, am Gesichte an, über welches sich alsdann schon die Einschnitte und Abszesse der Verwesung ausbreiteten. In Moritz' ErfahrungseelenkundeIm zweiten Stück des 2ten Bandes. ist ein ähnlicher Mensch beschrieben, der auch imstande sein soll, die Vorposten des Todes und seine zerreibende Hand auf Gesichtern vorauszusehen, die andern glatt und rot vorkommen, indes er sie mit dem Höllenstein der Verwesung ausgestrichen erblicket. – Dieses Totengebein wars, das in der Nacht des vierten Pfingsttages, als Klotilde auf dem Kirchhof war, ausrief: »Tod! ich bin schon begraben.« – Viktor und Emanuel gingen unter dem Geläute der zwölften Stunde nach Hause und vor einem Hügel vorüber, woran das Totengebein beklemmt saß; es bohrte sich die linke Hand, wornach der Tod griff, tief unter die Achsel: »Brrr!« (sagt' es schüttelnd zu Emanuel) »Er hat dich, aber nicht mich! Lauter Moder hängt an dir 'runter! Die Augen sind weg! Brr!«

Die Worte der Wahnsinnigen sind dem Menschen, der an der Pforte der unsichtbaren Welt horcht, merkwürdiger als die des Weisen, so wie er aufmerksamer den Schlafenden als den Wachenden, den Kranken als den Gesunden zuhört. Viktors Blut erstarrte unter dem eiskalten Griff in sein warmes Leben. Das tolle Gebein rannte fort, die linke Hand mit der rechten verbauend. Viktor nahm seines Freundes linke, blickte zur warmen Sonne auf und suchte sich zu verbergen und zu erwärmen und konnte nichts sagen. Unten am tiefblauen Himmel rauchten kleine Nebel auf, die Keime eines Abendgewitters; und in der schwülen Luft flog nichts als Gewürm.

Emanuel war stiller und fast ängstlich, aber es war nicht die Bangigkeit der Furcht, sondern jene Bangigkeit der Erwartung, mit der wir allemal auf die Falten und Bewegungen des Vorhangs großer Szenen blicken. Die stechende Sonne erhielt das Paar zu Hause. Dem vom schwülen Dunstkreis gedrückten Emanuel wurde fast der letzte Nachmittag zu lange. Aber sein Freund sah in diesem Dunstgewölbe immer ein moderndes Angesicht hängen, das sich in das geliebte frische einzuarbeiten schien, und immer hört' er das tolle Totengebein in seine Ohren sagen: »Seine Augen sind 'raus!«

In der schwülen Stille, wo die Sonne die Miniergänge des Donners grub und lud, und wo die zwei Freunde vor den Ohren des blinden Julius nur mit Blicken von der heutigen Zukunft reden durften, stand gegen 4 Uhr ein fächelnder Abendwind auf, der alle hängende Flügel und Häupter erfrischte. Emanuel ließ diese kühlen Wogen herein, die einwiegend und beruhigend über die gebückten Blumen am Fenster liefen und an den schwankenden Falten der Vorhänge niederflossen und verirrt durch das duftende Laubwerk des Zimmers plätscherten. Da kam eine unendliche Stille, eine auflösende Wonne, ein unaussprechliches Sehnen in Emanuels Herz. Seine Kindheitfreuden – die Züge seiner Mutter – die Bilder indischer Gefilde – alle geliebte verstäubte Gestalten – der ganze gleitende Widerschein des Jugendmorgens floß vor ihm glimmend vorüber – eine wehmütige Sehnsucht nach seinem Vaterland, nach seinen gestorbnen Menschen dehnte seinen Busen mit süßen Beklemmungen aus. Dieses immergrüne Palmenlaub der Jugenderinnerung legte er als kühlendes Kraut um seine und Horions Stirne, und den ganzen ersten Kreis seines Daseins trug er aus dem indischen Eden in dieses enge Gehäuse vor seine zwei letzten Geliebten herüber. Aber da er so die Asche der Freuden-Phönixe auf dem Altar der Abendsonne aufhäufte – da er so am Ausgange über alle hintereinander liegende elysische Felder seines Lebens hinübersah – da vor ihm die ganze Erde und das Leben, mit Morgentau und Morgenrot überzogen, sich in den dämmernden Spielplatz des Menschen verwandelten: so war er seiner Rührung und seines zerschmolznen Herzens nicht mehr mächtig, sondern im seligen Zittern, im bebenden Dank gegen den Ewigen bat er den Blinden, die Flöte zu nehmen und ihm das Lied der Entzückung, das er sich allemal am Morgen des neuen Jahrs und seines Geburttages spielen ließ, als Echo des austönenden Lebens nachzusenden.

Julius nahm die Flöte. Horion ging hinaus unter einen laut rauschenden Baum und sah in die tiefere Abendsonne. Emanuel stellte sich am wehenden Fenster dem Purpurstrom des Abendlichtes entgegen, und das Lied der Entzückung fing an und floß in Strömen in sein Herz und um die eingesunkne Sonne.

Und da die Sphären-Laute von der Sonne auszuwallen schienen, die in der Abendröte wie ein Schwan, in Melodien aufgelöset, in Goldrauch und in Freudentau vor Gott aus Entzücken starb – und da vor Emanuel alle Blumen, womit die ewige Güte unser Herz bedeckt, und alle Wonnegefilde, durch die ihre sanfte Hand den ungewissen Menschen führt, wie Engel vorüberflogen – und da er die künftigen Himmel näherrücken sah, in die der Weg des Lebens geht – und da er sah diese unendlichen Arme alle wunde Herzen decken, über alle Jahrtausende reichen, alle Welten tragen und ihn, ihn kleinen Erdensohn doch auch: o da konnte er unmöglich das volle Herz mehr halten, es brach ihm vor Dank, und aus seinen Augen fielen wieder die ersten – Tränen nach langen langen Jahren. Diese heilige Tropfen verwischte er nicht; in ihnen zerlief die Abendröte in ein loderndes Meer; die Flöte verhallete; Viktor fand die schimmernden Augen noch; Emanuel sagte: »O sieh, ich weine vor Freude über meinen Schöpfer.« – – Dann gab es unter den erhobnen Menschen, an dieser heiligen Stätte keine Worte mehr – der Tod hatte seine Gestalt verloren – eine erhabne Trauer betäubte die Schmerzen der Trennung – die Sonne, mit Erde bedeckt, berührte mit ihren aufgerichteten Strahlen den Himmel und die Nacht und den Boden der Wolken – die Erde schimmerte magisch wie eine Traum-Landschaft, und doch war es leicht, aus ihr zu weichen, denn den Himmel bedeckten die andern Traum-Landschaften.

Die Erden der Nacht (die Planeten) traten schon auf, die Sonnen der Nacht (die Fixsterne) gingen schon nach ihnen hervor, der Mond hatte schon das südöstliche Gewitter um sich gehüllt: als Emanuel sah, daß es Zeit sei, die Szenen des Tals zu endigen und auf sein Tabor zu gehen, um dem Tod das Flügelkleid seiner Seele zu geben. Stockend bat er seinen Viktor, ein wenig vorauszugehen, damit er nicht das Trennen vom Blinden sähe und sich etwan durch eine Teilnahme verriete; denn bei dem Blinden hatte Viktor die Reise in die andre Welt nur für eine auf dieser ausgegeben. Er stellte sich unglücklich hinaus vor die verstummten schwülen Gefilde, in denen einmal die Paradieses-Ströme seiner Liebe gegangen waren, auf denen er einmal an Klotildens Seite schönere Abende gesehen hatte; auf der Erde war Totenstille wie in einer Kirche nachts, bloß den Himmel umbrausete ein auf die Erde gekrümmtes Bleigewölk, und der Tod schien von Wolke zu Wolke zu gehen und sie zur Schlacht zu ordnen.

Endlich hört' er Julius' Weinen. Emanuel floh heraus, aber in seinen Augen hingen schwerere Tropfen, als seine vorigen waren. Und da der verlassene Blinde sein dunkles Haupt unter der Haustür von seinen Freunden wegdrehte, entweder weil er ihren Weg nicht wußte oder weil er horchen wollte, welchen sie nähmen, so konnte Viktor dem Gebeugten, der in einer doppelten Nacht wohnte, kaum vor inniger Wehmut zurückrufen: er komme nach zwölf Uhr wieder.

In dem kahlen Abendgruß: »Gute Nacht, schlaft wohl«, den Emanuel gab und bekam, war mehr Tränenstoff als in ganzen Elegien und Abschiedreden: so sehr sind die Worte nur die Inschriften auf unsern Stunden und die Ripienstimmen und die Bezifferung unserer Grundnoten.

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