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Hesperus oder 45 Hundposttage

Jean Paul Richter: Hesperus oder 45 Hundposttage - Kapitel 104
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleHesperus oder 45 Hundposttage
pages471-1236
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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Wir Leser wollen wie Viktor uns vom Kammerherrn beurlauben, der mit seinen halbaufrechten Augenbraunen – bei der Nasenwurzel neigen sie einander sich in Gestalt des mathematischen Wurzelzeichens zu – mit wahrer verbindlicher Höflichkeit sich von uns trennt. Ich weiß, wenn wir fort sind, läßt er uns Gerechtigkeit widerfahren und macht zuviel aus uns; denn er verleumdet nie, weder aus Bosheit noch Leichtsinn, und wen er verleumdet, den hat er die ernsthafte Absicht zu stürzen, weil er lieber unglücklich als schwarz macht. – Als ich ihn sich so bücken sah gegen uns: verfertigte ich in Gedanken eine halbe Satire auf ihn, wovon das Wahre und Ernsthafte das sein mag: daß die Menschen wirklich dazu erschaffen sind, sich so krumm zu machen, wie der spiritus asper ist. Ich baue eben nicht darauf viel, daß Geometer geschrieben haben, wenn die Götter eine Gestalt annähmen, so müßt' es die vollkommenste, die eines Zirkels sein; ich könnte zwar daraus folgern, ein krummer Rücken sei wenigstens eine Annäherung zur Göttergestalt, weils ein Bogen aus einem Zirkel sei – aber ich mag nicht; denn das Physische ist Kinderei dabei und nur insofern von Belang, als es das innere Krümmen und Kriechen der Seele teils anzeigt, teils (z. B. durch Verengerung der Brust) befördert. Sogar am Hofe würde man das äußere Krümmen erlassen, wenn man gewiß wissen könnte, daß das edlere, innere der Denkart da wäre, ohne das Zeichen; denn da nach Kant Unterwürfigkeit und Niederschlagung unsers Eigendünkels die Foderung der reinern und der christlichen Moral ist: so muß einer, der gar keine moralischen Vorzüge hat, mit dem Selberbewußtsein davon noch tiefer nieder als zur Demut, die schon der Tugendhafte hat, er muß zu dem sinken, was ich ein edles Kriechen nenne. Ich gestehe, ich verachte die Übung nicht, die darin die kleinen Regeln der Lebensart gewähren, die ja ohnehin nichts sein soll als die Tugend in Kleinigkeiten, die Regeln nämlich, daß man sich bückt, wenn man widerspricht – wenn man lobt – wenn man eine Beleidigung erfährt – wenn man eine antut – wenn man den andern bückt – wenn man gerade eben des Teufels werden möchte. Aber gut ists, daß eine solche Tugend der Krümmung ihre eigenen Exerzierplätze hat und nicht vom Zufall abhängt. Am Hofe würde ein Mensch mit geradem Leibe und Geiste als höfisch-tot ausgeschossen werden, wie ein Krebs mit einem geraden Schwanze, den nur ein krepierter führet. Wenn sonst die Einsiedler niedrige Zellen erwählten, um nicht aufrecht zu stehen: so braucht der Weltmann dies nicht; ihn drücken die hohen Speisesäle, die Lusttempel, die Tanzsäle desto tiefer nieder, je höher sie sind. – Es wäre schlimm, wenn diese so wichtige Tugend der Niederbückung erst eine besondere geistige oder körperliche Stärke, die sich ja niemand geben kann, voraussetzte; aber gerade umgekehrt will sie nur Schwäche haben, welches bei Pferden nicht so ist, die den Schwanz nicht mehr niederbringen, wenn dessen Sehnen abgeschnitten sind. Wenn die Pharisäer Blei in den Mützen führten, um sich das Bücken zu erleichternDie Pharisäer taten es – wie gewisse Juden, die auch immer gekrümmt einherzogen und darum Krümmlinge hießen –, um Gott, der die ganze Erde ausfüllt, ein wenig Platz zu machen. Altes und neues Judentum. 2. B. S. 47.: so tut das Blei, das man auf die Welt bringt und das im Kopfe liegt, vielleicht noch größere Dienste. Daher ists eine schöne Einrichtung, daß aus großen Seelen, denen wie langen Staturen das Bücken sauer fällt, zum Glück (aber zu ihrer Strafe) nichts wird, anstatt daß mittelmäßige, die sich nichts daraus machen, gedeihen und eine schöne Krone treiben; so sah ich oft beim Brotbacken, daß jeder mäßige Laib im Backofen sich schön erhob und wölbte, der große aber blieb platt und miserabel sitzen. – Wir wären aber bedauernswürdig, wenn eine Tugend, die den Wert des bürgerlichen Menschen ausmacht, die Tugend, nicht bloß wie Kinder zu werden, sondern wie Fötus, die sich im Mutterleibe zusammenstülpen, wenn diese nur an dem höchsten Orte gediehe, wie man fast denken sollte, da der Hofmann nach dem Falle auf seinem Landgute schon wieder aufrecht geht – anstatt daß die Schlange vor dem Falle und unter dem Verführen nicht kroch. – Allein in allen bürgerlichen Verhältnissen sind Erziehanstalten zu Krümmlingen vorhanden; überall streckt sich in der Luft bald ein geistlicher, bald ein weltlicher Arm mit Händen aus, die uns ordentlich einkrempen, und noch höher sind die allerlängsten angebracht, die über ganze Völker reichen. Der Gelehrte selber bückt sich am Schreibepult unter der Geburt der Zueignungen und Hofschriften und Urtel. Durch das bloße graue Alter reift sowohl der Körper zum verknöcherten Bücklinge als die Seele. Und die niedrige Geistlichkeit arbeitet sich, weil sie immer niederwärts ins Grab sieht, in die gekrümmte Stellung hinein. – Ich schließe mit dem Troste, daß Bücken Aufgeblasenheit nicht ausschließe, sondern ein; da eben der Zirkel, dessen Ausschnitt man wird, unzählig um die geschwollne Kugelfläche läuft.....

Ich würde wahrhaftig dieses Extrablatt eines überschrieben haben – so daß es also der Leser hätte überspringen können –, wenn ich nicht gewollt hätte, daß ers läse, um sich zu zerstreuen und die trüben Stunden meines Viktors leichter mit ihm auszudauern. Denn jeder Glockenschlag ist der aus einer Totenglocke gehende Totenmarsch seiner schönern gescheiterten Stunden.

Noch am Abend, da er in Flachsenfingen eintrat, kamen ihm ebenso fatale als wahrscheinliche Geschichten zu Ohren: Matz hatte dem Apotheker viel erzählt; aber dasmal pflicht' ich seinen Sagen bei.

Der Pfarrer hatte sich nämlich, sobald er die Verlobung vernommen, auf den Weg in die Stadt gemacht, um Mordtaten und Duelle seines Sohnes zu hintertreiben. Da unter dem Ankleiden nicht augenblicklich seine ganze Reiseuniform um ihn lag, so warf er seiner Familie leichte Rötelzeichnungen von den blutigen Auftritten und Blutgerüsten hin, auf die er sich, sagt' er, Rechnung mache, da er wahrscheinlich wegen des Anziehens zu spät ankomme. Der eingeschrumpfte Stiefel, den Appel am Feuer ein wenig abgetrocknet hatte, war nicht an das Bein zu bringen – Eymann keuchte – zerrete – »es ist möglich,« sagt' er, »daß sie jetzt schon einander zu Leibe gehen«; endlich ließ er die Arme kraftlos zurückfallen und setzte sich ruhig und aufrecht fest und wartete schweigend auf Anfeuern und Anfragen. Da nichts kam, sagt' er ergrimmt: »Welcher Satan nun in meinem Hause mir den Stiefel so hat einlaufen lassen (in einen ledernen Zopf, durch ein Nadelöhr wollt' ich den Fuß treiben, aber darein nicht), der hat den Mord meines Kindes auf seiner Seele. – Ist denn kein Unglückkind da, das mir nur die Ferse mit ein wenig Schmierseife poliert?« – Unter dem Einfahren sah er Appeln noch eifrig an seinem Halbhemd platten: »Genug, Appel, recht gut!« – sagt' er – »ich knöpfe mich wahrlich nicht auf.« – Sie glitt auf der Platte, dem Schrittschuh ihrer Hand, leicht dahin. »Tochter, das Hemd! wünscht dein Vater. Das Leben deines eignen Bruders wird von dir hasardiert – es ist so viel, als gibst du ihm noch einen Gnadenstoß.« Sie fuhr auf ihrem Handschlitten nur noch einmal behend über das Ganze und reichte ihms dann gern.

Unterweges entwarf sich der Kaplan einen haltbaren Geschäftgang bei der Sache. Er wollt' ihm erstlich nichts von der Verlobung eröffnen – dann wollt' er ihm nur den Bußtext über den Maienthaler Zweikampf lesen – dann ihm die Urfehde oder den Eid, zu ruhen, abgewinnen – und erst zuletzt mit dem Bericht hervorbrechen. Unter dem Überdenken des Geschäftganges und der Gefahr lief er sich in eine immer heißere Angst hinein. So wie er sich und einen Patienten, der ein leichtes Ohrenbrausen hatte, einmal durch langes Folgern so weit hinauftrieb, daß sie beide in der nächsten Minute auf Schlagfluß und halbseitige Lähmung aufsahen: so benahm er sich durch eine malerische Behandlung der einzelnen Umstände eines gedenklichen Zweikampfs zuletzt so sehr alle Zweifel über einen schon vorgegangnen, daß er mit der festen Meinung unter dem Stadttor ankam, der Regierrat liege entweder in Ketten oder auf der Bahre. »Gott sei Dank, daß ich dich ohne Wunden sehe und ohne Ketten!« entfuhr ihm beim Eintritte; und er hätte beinahe seinen ganzen Geschäftgang verdorben, oder doch umgekehrt. Flamin bezog es auf das erste Duell: Eymann konnte desto leichter der Prozeßordnung und Aderlaßtafel seiner Maßregeln nachkommen und sich sozusagen mit dem Duelle duellieren. Der schweigende Sohn setzt' ihm nichts entgegen als – Weißbier. Unter der Anschaffung hatte der Pfarrer an allen Stöcken den Knopf gezogen, um zu sehen, ob es keine Stockdegen wären. Ein Pistolenfeuerzeug blieb ihm von weitem verdächtig. Eine nahe Doppelflinte an der Wand entzog ihm mit dem auf ihn gerichteten – Schafte viel von seinem Mut. Flamin entschuldigte seine Sprachlosigkeit mit der juristischen Überfüllung und Überfracht seines Kopfs und zeigte auf den Stoß Kriminalakten vor ihm. Als er ihm einen Erzählauszug daraus geben mußte und als natürlich die Schlachtwörter Kerker, Blutschuld, Richtschwert wie ein zischender Kugelregen um Eymanns Ohren schweiften: so streckte sich die Angst, die er durch die schnellere Dusche des Weißbiers reizte, so gewaltig in ihm aus, daß die Doppelflinte in die Kammer gehangen werden mußte: »Ich habe«, sagt' er, »nichts davon, wenn sie losbrennt und zerspringt und mir das Flintenschloß ins Gesicht sprengt, oder wenn der Schaft mich gar umbringt!« Jetzt fing er gerührt und trunken zugleich zu weinen und zu ermahnen an: daß ein Mensch an die fünfte Bitte im Vaterunser denken müsse – daß ein Landgeistlicher mit schlechtem Erfolge seinem geistlichen Schafstall Versöhnung predige, wenn er seinen Sohn in der Stadt habe, der unter der Predigt sich schießet – und daß Flamin nie sagen solle, er sei sein Sohn gewesen, wenn er in einem Duelle entweder umkomme oder umbringe. – Bei nichts fuhr in Flamin der Sturmwind seines Zorns so leicht aus der Höhle als bei einer kläglichen Stimme und bei langen Religionedikten: »Um Gottes willen,« schrie Flamin, »lassen Sie es nun genug sein – Gott soll mich strafen, in alle Ewigkeit will ich verloren sein, ich schwör's Ihnen, rühr' ich ihn nur noch an.« Dieser entfahrne Eid war herrlicher Lederzucker und weiches Gefrornes für den heißen Hofkaplan, der aus Vergessen seines Geschäftganges jetzo in der Meinung stand, die Verlobung sei dem Regierrate schon ganz gut bekannt: »Meinst du nicht, Sohn,« (sagt' er froh) »daß ein solcher Schwur einen besorgten Vater wie Spatregen erfrischt und letzt, zumal da ich mich seit ihrer Verlobung mit ihm gar nichts Bessers zu versehen hatte als Mord und Totschlag? Hab' ich recht oder nicht?« – Flamin hob durch eine einzige Frage die Decke von diesem mörderischen gewaffneten Gespenste seines Herzens ab – und nun hörte er seinen Vater nicht mehr; bleich, voll Krämpfe saß er still da – die Lehne des Stuhls knarrte unter seinem Druck – die Uhrkette wickelte und schnürte er um seine Finger und riß sie ab und klemmte das Trumm wieder um den wunden Finger und zerbröckelte es – in seinen gläsernen Augen standen zwei dicke feste kalte Tropfen – sein Herz kroch leer und entkräftet vor einer nahen gräßlichen Todeskälte zusammen, die allemal, wenn eine Freundschaft in unserer Brust gemordet wird, dem brennenden Grimme darüber vorausgeht. – Ach welchen von uns dauert die unglückliche verlassene Seele nicht? – Eymann schied getäuscht und hielt diese Ruhe für bloße Ruhe und die erstickte gebrochne Stimme für Rührung.

Und in dieser blutigen Lage fand ihn Matthieu, der eben gekommen war, um dem Regierrate (aus einem Handbriefchen der Kammerherrin) Viktors Sieg über sie alle, gleichsam mit 24 blasenden Postillons, zu melden. Dieser setzte nun erst den Eisberg in einen Vulkan um und machte, daß Flamin in eingesperrtem Grimm gern einen Weltteil an dem andern zersplittert hätte.

Viktor hörte jetzt einige Tage nichts. Flamin sperrte sich ein. Matthieu besuchte ihn oft, aber nicht des Apothekers Haus. Das gekrönte Paar reisete endlich ins St. Lüner Bad.

So blieb alles bis an den Morgen, wo Viktor vom Apotheker Abschied nahm, um nach Maienthal vor den Vorhang einer schweren Szene zu gehen. Hier konnte sich der Apotheker das Vergnügen nicht versagen, dem Hofmedikus seines zu nehmen, indem er die (wahrscheinlich falsche) Botschaft brachte, der Hofjunker habe den Kammerherrn gefordert wegen des über Klotilden gebrochnen Versprechens. Wenig oder nichts ist an der Botschaft schon darum, weil der Apotheker nur sein Eigenlob loshusten und in das Lob Viktors verkleiden wollte, daß dieser mit so unendlicher Feinheit seine neulichen Winke, den Evangelisten zu untergraben, zu vollführen gewußt. Die Winke waren, wie man sich erinnert, die zwei Vorschläge, der Liebhaber der Fürstin und der Ehemann Klotildens zu werden, um den Fürsten zu gewinnen und, wie ein Schwein die Klapperschlange, so Matzen ohne Schaden zu verschlucken. Man muß der von einem Wurmstock von Schmerzen angenagten Seele Viktors vergeben, daß er aufbrauste und mit einem Auge voll tiefster Verachtung Zeuseln anfuhr: »Ich weiß nicht, wer verdiente, solche Vorschläge anzuhören – wenns nicht einer ist, der sie machen kann.«

Der Korrespondent hört traurig und kurz mit den Worten auf: »Abends kam Viktor spät und mit geschwollnen Augen in Maienthal an, um zu sehen, ob am andern Tage der schönste Lehrer und der größte Freund verwelke.« – – Wir können uns alle denken, wie die Umarmung eines Geliebten wenige Schritte von seinem Grabe sein mußte. Der Freund, der uns sein Sterben drohet, greift schmerzhaft unsere Seele an, auch wenn wir es bezweifeln. Wir können uns alle das nasse Auge denken, das Viktor über die noch blühende Stätte seines verwelkten Rosenfests geworfen. – Was ihn tröstet, ist die Unwahrscheinlichkeit des prophezeiten Sterbens, da Emanuel sich wie sonst befindet, und da der Selbermord noch unmöglicher bei diesem frommen Geiste ist, der den Selbermörder schon längst mit dem Hummer verglich, der die eine Schere, die er selber mit der andern aus Stumpfsinn zerknirscht und kneipt, nicht herauszieht, sondern absprengt. – Möge mir der Leser zur Beschreibung des längsten TagesSo nennte Emanuel immer den Johannistag, obwohl nicht ganz astronomisch-richtig., die ich einsam unter der erhebenden Stille der Nacht machen werde, ein Herz wie des Indiers mitbringen, das gleich alten Tempeln stumm und dunkel, aber weit und voll heiliger Bilder ist!

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