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Hesperus oder 45 Hundposttage

Jean Paul Richter: Hesperus oder 45 Hundposttage - Kapitel 103
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleHesperus oder 45 Hundposttage
pages471-1236
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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Dann trat er vor seine Geliebte! – Ich hab' es vor-vorgestern unter dem Lesen der deutsch-französischen Geschichte, wo bekanntlich auch der gekrönte Name Klotilde regiert, an den verdoppelten Schlägen meines Herzens gemerkt, wie mir erst sein würde, wenn ich diese Klotilde, die ich seit drei Vierteljahren gelobt habe, vollends gar sähe; denn daß Knef so wie der Hund keine Spitzbuben sind, und daß die ganze Historie nicht bloß vorgefallen ist, sondern auch noch vorfällt, erseh' ich aus hundert Zügen, die wohl keine Phantasie erfinden kann. Würde der Biograph der Heldin ansichtig: dann entstände nichts als ein neues Heft und ein neuer – Held, welcher ich wäre....

Sie war krank; jener Abend war wie ein Stoßvogel auf ihr Herz gefahren und hatte die blutigen Krallen noch nicht herausgezogen. Ihre Seele schien nur der Engel zu sein, der die entseelte Hülle eines Frommen hütet. Der Kammerherr begegnete dem Hofmedikus, als ob er von keinem Duellieren wisse. Was sonst Mütter tun, tat der Vater: er vergab jedem, der von Stande war und der die Tochter wollte. Der Antrag, den ihm Viktor endlich machte, frappierte ihn nur, weil er bisher gedacht hatte, dieser verschieb' ihn bloß wegen der Ungewißheit über Klotildens Erbschaft und Verwandtschaft. Seine Antwort bestand in unendlichem Vergnügen, in unendlicher Ehre etc. und andern Unendlichkeiten; denn bei ihm war alles eine; daher auch Platner mit Recht behauptet, der Mensch könne im Grunde bloß das Endliche nicht denken. Le Baut hätte die Tochter hergegeben, wenn er auch nicht gewollt hätte; er konnte ins Gesicht nichts abschlagen, nicht einmal eine Tochter. Auch konnte keiner kommen und um Klotilden ansuchen, der nicht in irgendeines seiner Projekte (seine vier Gehirnkammern lagen bis an die Decke davon voll) hineingepasset hätte. Natürlicherweise war ihm also ein Schwiegersohn jetzt am meisten erwünscht, da ihm etwan die Tochter gar mit Tod abgehen könnte, ohne daß er sie noch zu einem Springstab und Hebebaum seines Leibes gebraucht hätte – und da ihm zweitens das Duell-Gerede das Herz anfraß; nicht als ob er nicht durch gesunde wurmförmige Bewegungen die härtesten Dinge verdauet hätte, sondern weil er, wie gebildete Menschen ohne Ehre, bei kleinen Beleidigungen gern mit Lärmkanonen und Feuertrommeln erschien, um sich das Recht zu erschleichen, bei vollständigen, aber ergiebigen und mit Silberadern durchzognen Entehrungen mausestill dazuliegen. Das einzige, was der Kammerherr nicht gern sah, was er aber sogleich dadurch hob, daß er dem Hofmedikus das Wort (über die Tochter) gab, das war, daß er vorher das nämliche Wort (ingeheim) unserem Matz gegeben hatte. Da ihm der bald wiederkommende Lord mehr schaden und helfen konnte als der Minister: so brach er gern das alte Wort, um das neueste zu halten; denn nicht bloß den letzten Willen, sondern auch jeden kann der Mensch ändern, wie er will, und wenn er ein Mann von Wort ist, so wird er gern ganz entgegengesetzte Versprechungen tun, um sich zum Halten zu nötigen. Wenn das lügende Betragen des Kammerherrn nach solchen Entschuldigungen noch eine braucht: so hat er die für sich, daß er gewiß hoffte, Klotilde werde, wenn er sein Ja gegeben, Nein antworten und statt seiner wagen und – büßen. Wenigstens schützte er diese Hoffnung bei seiner zornigen Gemahlin vor und verwies sie auf Klotildens ehemaliges Nein, das unserem Viktor so schwere Stunden aufgelegt, und auf ihre Unveränderlichkeit. Ich wünschte, man hätte nachher sein Gesicht in der Verfassung versteinern oder in Gips abgießen können, in die es durch die Nachricht von Klotildens Ja geriet. Was konnte die Schwiegermutter, die Kammerherrin, die immer die Waffenträgerin und Liguistin des Evangelisten war, weiter dabei machen als ein freundliches Gesicht und die Bemerkung: niemand ist schwerer zu regieren als ein Ehemann, den jeder regiert.

Die Formalien der Verlobung selber warteten auf die Zurückkehr des Lords und auf andere Verhältnisse. – Lasset mich nichts sagen von der durch so viele Leiden veredelten Liebe dieses Paars. Wenn mit der Liebe sich gar die Menschenliebe noch vermählt (welches mancher gar nicht verstehen wird); – wenn im Atem der Liebe alle andere Reize des Herzens schöner werden, alle feine Gefühle noch feiner, jede Flamme für das Erhabne noch höher, wie in der Feuer- und Lebenluft jeder Funke ein Blitz und jedes Johanniswürmchen eine Flamme wird; – wenn beide Menschen einander selten mit den Augen, und oft mit den Gedanken begegnen; – wenn Viktor ein Herz fast zu behalten scheuet, dem er soviel kostet, soviel dunkle Tage, soviel Sorgen und fast einen Bruder; – und wenn Klotilde eben dieses zarte Scheuen errät und ihn für ihre Leiden belohnt: dann ists unmöglich, vielen Menschen den Umriß einer solchen Ätherflamme, geschweige die Farben derselben zu geben; für wenige ists unnötig.

Gegen eine geliebte Person fängt in jedem neuen Verhältnis, worein sie kömmt, die Liebe wieder von vornen und mit neuen Flammen an, z. B. wenn wir sie in einem andern Hause – oder unter neuen Personen finden – oder als Reisende – oder als Hauswirtin – oder als Blumengärtnerin – oder als Tänzerin – oder (das wirkt am meisten) als Verlobte. Das war Viktors Fall; denn von der Stunde an, wo der Wunsch der Neigung sich zu einem Gebot der Pflicht erhebt, und wo die teuere Seele sich und alle ihre Hoffnungen und den Zügel ihrer ganzen Zukunft in die geliebten Hände liefert, muß es in jedem guten Männerherzen rufen: »Nun hat sie niemand auf der Erde mehr als dich – nun sei sie dir heilig, o! nun schone und bewahre und belohne die liebe Seele, die an dich glaubt!« – Viktor wurde von diesem Verhältnis noch durch den Nebenumstand unaussprechlich gerührt, daß eben diese Klotilde, diese feste stolze Ball- und Himmelkönigin, die mit so vielen Kräften und so unabhängig über die männlichen Schlingen und unter den männlichen Lorbeerkränzen wegging, nun durch die Verlobung ihre Independenzakte mit sanftem Lächeln in Viktors Hände gibt und jetzo nichts mehr wünscht, als zu lieben und geliebt zu werden; für dieses holde Beugen einer so großen Gestalt wußte Viktor kein Opfer, keine Wunde, keine Gabe, die ihm groß genug geschienen hätte, es zu bezahlen. – So muß man lieben; und jedes neue Recht und Opfer, das den gemeinen Menschen erkältet, macht den guten wärmer und zarter.

Obgleich Viktor durch die Rechte seiner neuen Verwandtschaft ein mehr einheimisches und bequemes Leben unter seinen Schwiegereltern fand: so tat es ihm doch wehe, daß er täglich die unvergeßlichen Pfarrleute in ihrem Garten sehen mußte, und doch durch das eiserne Stabgeländer des vorigen Duells und der jetzigen Verlobung von ihren Herzen abgelöset blieb. Daher mußt' er auch die Briten und ihren fortwährenden Klub entbehren. Le Baut fand es aber vorsichtig: »denn man wisse von sicherer Hand, es seien Jakobiner und verkappte Franzosen.« –

Aber Klotildens Seele konnte den erratenen tiefen Schmerz ihrer Freundin, der Pfarrerin, nicht länger tragen; sie bestellte sie durch ein Blättchen zu einem Spaziergange. An der Warte trafen sich beide; und Viktor sah mit innerster Rührung, wie Klotilde sogleich die Hand seiner ältesten Freundin nahm und sie auf dem ganzen Weg nicht mehr aus ihrer gab.

Klotilde kam wieder mit einem froh erhelleten Angesicht und mit Augen, die sehr geweinet hatten, und mit himmlischen Zügen, in denen eine unnennbare, nicht sowohl heißere als weichere Liebe glänzte. Erst spät war sie ihrer Rührungen mächtig genug, um Viktor etwas von der Unterredung mitzuteilen: denn ich glaube zu erraten, daß es nicht alles war. Die Pfarrerin – erzählte Klotilde – empfing sie mit einer Miene voll drückender Schmerzen, aber weder mit Kälte noch Verdacht. Beide konnten anfangs gar nichts als weinen und sprachen nicht; Klotilde war noch mehr erweicht, und ihre Tränen flossen noch fort, als sie anfing, ihre Verlobung zu erzählen. Sie legte die Hand ihrer Freundin auf ihr Herz und sagte: »Jetzo wird unsere Freundschaft hart geprüft. Ich glaube an die Ihrige fort – glauben Sie an meine. – O bleibe, teure Freundin, nur diesesmal fest! Schwere Geheimnisse, über die ich kein Recht und wenig Aufschluß habe, bringen uns alle diesen grausamen Mißverständnissen so nahe. Nur diesesmal vertrauen Sie fest, daß ich und Sie so wenig unser Verhältnis gegeneinander ändern wie unsern Charakter.« – Hier sah die Pfarrerin sie mit einem großen Blicke, in dem noch die alte Liebe für Viktor nachglimmte, an und umarmte sie denn auf einmal mit trocknen Augen und mit diesen Worten: »Ja, ich vertraue auf Sie, tun Sie, was Sie wollen, und blieb' ich zuletzt die einzige Seele.« – Der letzte Zusatz hätte zu einer andern Zeit Klotilden beleidigt; ach jetzt konnt' ers nicht; o sie war froh, daß sie etwas zu verzeihen hatte.

Nach der Erzählung sagte sie ihrem Freunde, sie unternehme vielleicht, falls die Unsichtbarkeit und das Schweigen des Lords noch länger dauere, lieber die mühsame Reise zu ihrer und Flamins Mutter nach London, um diese als die Auflösung aller dieser gefährlichen Rätsel nach Deutschland zu bereden. – Ach konnte Viktors aufopferndes Herz eine Einwendung gegen fremde Aufopferungen machen? – Nein! sein Kummer wurde verdoppelt, aber auch seine Achtung und Liebe.

In dieser Lage kam an Klotilde ein kleiner Brief von Emanuel:

 

»Gestern abends kam mein Julius mit einem Korb voll Gartenerde zu mir und bat mich um Blumentöpfe und um Hyazinthen, weil er für beide die Erde bringe. Er hatte den Boden für seine Blumen von dem Hügel deiner Giulia geholt. – – Ich nahm sein weiß- und rotblühendes Angesicht, das der Federnelke mit dem roten Punkte gleicht, an meine Brust und sagte: ›Ach, wer wartet die Blumen des Menschen, wenn er vorüber ist?‹ Und ich meinte auch ihn mit seiner zarten Blüte, in welche der Schmerz nie seinen schweren Regen werfe! – O Viktor und Klotilde, wenn mich die Lilien der Erde betäuben und in den letzten Schlummer legen, so nehmet meinen blinden Julius auf, und diese Seele voll Liebe werde durch liebende Seelen behütet!

Klotilde! ich bitte oder wünsche jetzo von dir etwas, was du mir wohl schwerlich geben kannst. Ach komme am längsten Tage nach Maienthal, du schöne Seele! Kann es dein Herz nicht ertragen? Hast du nicht deine Giulia bis an das blinde Tor des Grabes begleitet und da ihre Seele auffliegen sehen und ihren Körper niederfallen! O wenn du und dein Freund in der letzten Stunde, wo das Leben seine schillernden Pfauenspiegel zusammenfaltet und sie farbenlos und schwer in das Grab einsenkt, bei mir blieben als die zwei ersten Engel der künftigen Welt! – Denn in der Minute, wo die ganze Erde wie eine Rinde vom Herzen abbricht, hängt das nackte Herz fester an Herzen und will sich erwärmen gegen den Tod, und wenn alle Bande der Erde abreißen, so blühen die Blumenketten der Liebe fort. O Klotilde! wie himmlisch schlösse sich vor deiner elysischen Gestalt mein Leben! Ich würde schon entfesselt auf den Flügeln der Ewigkeit um dich schweben, um dich anzublicken, und ich würde, wenn ich mit der ätherischen Hand nicht deine Tränen nehmen könnte, dein schweres Herz mit einer fremden Entzückung trösten! Ja, und wenn der Mensch im Vorhof der zweiten Welt erblindete, so würde deine Gestalt wie ein nachleuchtendes Sonnenbild vor meinen geschlossenen Augen bleiben! – O Klotilde, wenn du kämest! Ach, du kommst wohl nicht; und nur der Ewige, der die Stunden des zweiten Lebens zählet, weiß, wenn ich dich wiedersehe auf der zweiten Erde und wie groß auf ihr die Schmerzen der Sehnsucht sind. Und so lebe denn wohl und ziehe, hohe Seele, deine Bahn unter den Wolken hindurch – wenn ich deinen Freund erblicke, wirst du rührend vor mir stehen – und wenn ich an seinem Herzen sterbe, werd' ich für dich beten und zu Gott sagen: gib mir sie wieder, wenn auf ihrem Haupte der Blumenkranz der Erde groß genug ist – oder die Dornenkrone zu groß! – Klotilde, ändre dich nie, und dann frag' ich das Verhängnis nicht: wie lange wird sie drunten lächeln, wie lange wird sie drunten weinen? Ändre dich nie!

Emanuel.«

*

Sie fielen beide einander sanft ans Herz und schwiegen über ihre Gedanken; Emanuels Liebe verherrlichte die ihrige, und Viktor achtete seinen Freund und seine Freundin zu groß, um diese zu trösten. Er fragte sie gar nicht, wie sie Emanuels Bitten beantworte; er wußte, daß sie es versagen müsse, weil sonst ihr Herz neben dem geliebten bräche.

Da er endlich von ihr und St. Lüne schied, und da sie daran denken mußte, daß er in wenigen Tagen nach Maienthal gehe – und da in ihren und seinen Augen Tränen standen, die mehr als einen Schmerz bezeichneten, und die nicht der Mensch abtrocknet, sondern der Tod oder Gott: – so schauete Viktor sie unter dem Abschiede mit der stummen Frage an: »Sag' ich unserem Geliebten nichts?« – Klotildens Seele blieb unter Lasten am meisten aufrecht, und sie erschien nie größer als hinter Tränen, wie die Sterne am Himmel voll Regen lichter und größer herankommen; sie sah gen Himmel, gleichsam fragend: »Könntest du, Allgütiger, uns so tief zerschlagen?« – dann wog sie gepresset den schweren Schmerz – dann fand sie ihn zu groß für die Sprache – und zu groß für ihre Kraft – und sie glaubt' ihn nicht mehr und sagte doppelsinnig mit nassen Augen und mit doppelsinnigem Lächeln: »Nein, Viktor, wir sehen uns ja alle einmal wieder!«

Viktor ging nicht lange vorher fort, eh' die zwei gekrönten Badgäste mit einigem Gefolge ankamen. – Ich bemerk' es mit ebenso wenigem Groll, als Viktor dabei empfand, daß Agathe, ungeachtet des mütterlichen Beispiels, ganz, erstlich von Viktor, d. h. vom Antipoden und Antichrist ihres geliebten Bruders, abfiel; zweitens von Klotilden noch mehr.

– Es kann kund werden, daß ich den vorigen Brief Emanuels bloß darum in der ersten Auflage unterdrückte – denn in meinen Händen hatt' ich ihn frühe genug, so gut wie viele andere Dokumente dieser Historie, die gleichwohl (aus Gründen) niemals publizieret werden –, weil ich besorgte, er rühre; eine weiche Seele findet ohnehin zu viele Schmerzen in diesem Band! – Allein eben darum wollen wir nichts aus der ersten Ausgabe weggeben, was scherzt, und ich fahre demnach fort:

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