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Hesperus oder 45 Hundposttage

Jean Paul Richter: Hesperus oder 45 Hundposttage - Kapitel 101
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleHesperus oder 45 Hundposttage
pages471-1236
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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Viktors Aufsatz über das Verhältnis des Ich zu den Organen

Viktor war ebensosehr dem ausschließenden Geschmack in der Philosophie als in der Dichtkunst feind. In allen Systemen – selber der Ketzer des Epiphanius und Walchs – drückt sich die Gestalt der Wahrheit, wie im Tierreich die menschliche, wiewohl in immer kühnern Zügen ab. Kein Mensch kann eigentlichen Unsinn glauben, obwohl ihn sagen. Sonderbar ists, daß gerade die konsequenten Systeme, ohne das Atomen-Klinamen des Gefühls, am weitesten auseinanderlaufen. Die Systeme werfen, wie die Leidenschaften, nur im Fokalabstande den hellsten Lichtpunkt auf den Gegenstand; – wie jämmerlich läuft z. B. die große Theorie von der Selberbeherrschung aus dem Christentum in den Stoizismus – dann in den Mystizismus – dann in den Monachismus über, und der Strom sickert endlich ausgedehnt im Fohismus ein, wie der Rhein im Sand! – Die kantische Theorie hat mit allen folgerechten Systemen diese Versandung, und mit den unkonsequenten jenes Gefühls-KlinamenDas Orientieren durch die praktische Vernunft. gemein, das die vertrocknenden Arme wieder zu einer labenden Quelle zusammenführt. Die zwei Hände der reinen Vernunft, die einander in der Antinomie zerkratzten und schlugen, legt die praktische friedlich zusammen und drückt sie gefaltet ans Herz und sagt: hier ist ein Gott, ein Ich und eine Unsterblichkeit! – –

Viktor befruchtete seine Seele vorher durch die große Natur oder durch Dichter, und dann erst erwartete er das Aufgehen eines Systems. Er fand (nicht erfand) die Wahrheit durch Aufflug, Umherschauen und Überschauen, nicht durch Eindringen, mikroskopisches Besichtigen und syllogistisches Herumkriechen von einer Silbe des Buchs der Natur zur andern, wodurch man zwar dessen Wörter, aber nicht den Sinn derselben bekömmt. Jenes Kriechen und Betasten gehört, sagt' er, nicht zum Finden, sondern zum Prüfen und Bestätigen der Wahrheit; wozu er sich allezeit von Bayle Schulstunden geben ließ: denn niemand lehrt die Wahrheit weniger finden und besser prüfen als Scharfsinn oder Bayle, der ihr Münzwardein, aber nicht ihr Bergmann ist.

*

Der Aufsatz

Schrieb' ich ihn in Göttingen: so könnt' ich ihn in Paragraphen und gründlicher machen, weil mich die Flachsenfinger nicht störten. Indessen muß er doch hier geschrieben werden, damit ich an mir selber einen Schirmherrn und Anwalt gegen die Hofjunker habe, die meinen Geist in meinen Körper verwandeln wollen.

Das Gehirn und die Nerven sind der wahre Leib unsers Ich; die übrige Einfassung ist nur der Leib jenes Leibes, die nährende und schirmende Borke jenes zarten Marks. – Und da alle Veränderungen der Welt uns nur als Veränderungen jenes Markes erscheinen: so ist die Mark- und Bleikugel mit ihren Streifen die eigentliche Weltkugel der Seele. Der umgekehrte Nervenbaum entsprießet aus dem geschwollnen Fötus-Gehirn wie aus einem Kerne, dem es auch ähnlich sieht, und steigt mit Sinnen-Ästen als Rückenmarkstamm empor bis zum zergliederten Gipfel des Pferdeschweifs. Dieses markige Gewächs ist auf den Adernbaum wie eine zehrende parasitische Pflanze geimpft. Und wie jeder Zweig ein kleinerer Baum ist, so sind – denn das alles ist nicht Ähnlichkeit des Witzes, sondern der Natur – die Nervenknoten vierte Gehirnkammern im kleinen. Die Nerven- Enden blättern sich ausgebildet auf der Netzhaut, auf der Schneiderischen Haut, in der Geschmackknospe etc. zu Blüten auf. Daher wird z. B. nicht mit dem Fortsatze des Sehnervens gesehen, sondern mit seiner zarten Staubfäden-Zerfaserung; denn die große wankende Gemäldegalerie auf der Netzhaut kann unmöglich durch eine Bewegung des Nervengeists (oder was man nehmen will – denn auf Bewegung läuft es doch hinaus) sich zurückschieben ins Gehirn, wobei noch dazu die zwei Galerien der zwei Augen durch die zwei Zinken des Sehenervens durchrücken und in dessen Stiel zu einem Gemälde zusammenfallen müßten.

Folglich muß das Bild im Auge, Ohre etc., wenn es zu etwas dienen soll, vorn an der Spitze des Nervens empfunden werden – mit einem Wort, es ist noch närrischer, die Seele in den Zwinger der vierten Gehirnkammer, d. h. in einen Porus dieses Knollengewächses zu sperren, als es wäre, wenn einer, der, wie ich, ein beseelendes Ich in die Blume setzt, dasselbe ins Erdstockwerk des dumpfen Kerns heftete. Lieber wollt' ich die Seele doch in das feinste Honiggefäß der Sinnen, in die Augen, verlegen als ins unempfindlichere Gehirn, wenn ich nicht überhaupt glaubte, daß sie wie eine Hamadryade jedes Nervenästchen dieser Tierpflanze bewohne und wärme und rege. Der unterbundene oder durchschnittene Nerve bringt zwar keine Empfindung mehr zu, aber nicht wegen unterbrochenem Zusammenhang mit der Seele und ihrer Wohn-Gehirnkammer, sondern weil ihm der nährende Lebensgeist abgeschnitten ist; denn die Nerven brauchen wie alle feinere Organisationen so sehr fortdauernden Kost-Zuguß, daß der stockende Herz- und Arterienschlag in einer Minute alle ihre Kräfte aufhebt.

Ich gehe weiter und sage – um zwei Irrtümern zu widersprechen – vorher heraus: die Organe empfinden nicht, sondern werden empfunden; zweitens die Organe sind nicht die Bedingung alle Empfindung überhaupt, sondern nur einer gewissen.

Das letzte zuerst: da das Organ (d. h. seine Veränderung), das so gut ein Körper ist als irgendein grober Gegenstand, dessen seine jenes an die Seele legt, dennoch von dem geistigen Wesen unmittelbar und ohne ein zweites Organ empfunden wird: so müssen alle körperliche Wesen dem geistigen so gut Empfindungen geben als die Nerven, und eine unverkörperte Seele ist nur darum nicht möglich, weil sie im Falle des abgelöseten Körpers alsdann das ganze materielle Universum als einen plumpern trüge.

Meine erste Behauptung war: man sollte nicht sagen empfindende Organisation, sondern empfundene. Die Nerven empfinden nicht den Gegenstand, sondern verändern nur den Ort, wo er empfunden wird, und ihre Veränderungen und die des Gehirns sind nur Gegenstände des Empfindens, nicht Werkzeuge desselben oder gar es selber. Aber warum? –

Ich habe mehr als ein Darum. Ein Körper ist nur der Bewegung fähig, ob sie gleich freilich nur der Schein der gedachten Zusammensetzung und das Resultat der in einfache Teile verhüllten Kräfte ist. Die Saite, die Luft, die Gehörknöchelchen, die Gehörnerven erzittern; aber die Erzitterung der letzten erkläret so wenig das Empfinden eines Tons, als das Erzittern der Saite es könnte, wenn die Seele an diese gekettet wäre. So ist trotz aller Bilder im Auge und Gehirn das Ersehen derselben doch noch ungetan und unerklärt; oder ist wohl darum, weil die Sinne Spiegel voll Bilder sind, etwan das geistige Auge entbehrlich oder ersetzt? Und setzt die Veränderung des Nervens nicht eine zweite in einem zweiten Wesen voraus, wenn sie soll bemerkt werden? Oder stellet sich in diesem Wesen wieder eine Bewegung die Bewegung vor?

Dieses bringt mich aufs Gehirn. Dieser größte und gröbste Nerve – der Resonanzboden aller andern – hält der Seele die Schattenrisse derer Bilder vor, die von den andern zugeführt wurden. Im ganzen, glaub' ich, dient das Gehirn mehr den Muskelnerven, den Glieder-Zügeln, die da in der Hand der Seele zusammenlaufen, und mehr allen überhaupt als nährende Wurzel; aber weniger dient es als Reißzeug der malenden Seele. Da unsere meisten Vorstellungen auf grundierende Gesichtbilder aufgetragen sind: so denken wir wahrscheinlich mehr mit dem Sehnerven als mit dem Gehirn. Warum bemerkte Bonnet, daß tiefes Denken die Augen und scharfes Sehen das Gehirn ermüde? Warum stumpfen gewisse Ausschweifungen zugleich das Gedächtnis und die Augen ab? Die außerhalb des Auges gaukelnden Fieberbilder der Kranken und der lebhaften Menschen wie Kardan, der im Dunkeln sah, was er feurig dachte, erklären sich aus meiner Vermutung.

Über das Gehirn hat man zwei Irrtümer; aber der Himmel bewahre meine Freunde nur vor dem einen. Denn vor dem andern kann sie Reimarus bewahren, der recht erwiesen hat, daß das Gehirn keine Äolsharfe mit zitternden Fibern, noch eine dunkle Kammer mit geschobnen Bildern ist, noch eine Spielwelle mit Stiften für jede Idee, die der Geist umdreht, um an sich seine Ideen ab- und vorzuorgeln. Ist nun nicht einmal die vorherbestimmte Harmonie des Gehirns und des Geistes oder das Akkompagnement beider begreiflich: so ist die Identität derselben gar unmöglich; und eben vor diesem Irrtum hat eben der oben gedachte Himmel meine Freunde zu bewahren. Der Materialist muß erstlich alles das aufstellen, was Reimarus umgestoßen hat; er muß im Gehirnbrei die Millionen Bilderkabinetter von 70 Jahren versteinern und doch wieder wie Eidophysika beweglich machen und die gemischten Karten-Bilder an jede Terzie austeilen; er muß darauf sehen, daß diese beseelten tanzenden Bilder in Reih und Glied gezwungen werden. Und dann geht doch seine Not erst recht an; denn nun muß er – wenn wir ihm auch zugeben, daß die Bilder sich selber sehen, die Gedanken sich selber denken, daß jede Vorstellung alle andere und sogar das Ich, wie eine Monade das All, dunkel nachspiegle, und daß sonach jede Idee eine ganze Seele sei – nun muß er (sagen wir) erst einen Generalissimus herschaffen, der dieses unermeßliche flüchtige Ideenheer kommandiere und stelle, einen Setzer, der das Ideen-Buch nach einem unbekannten Manuskripte setze und, wenn Träume, Fieber, Leidenschaften alle Schriftkästen ineinandergeschüttet haben, alle Buchstaben wieder alphabetisch lege. Diese regelnde Einheit und Kraft – ohne welche die Symmetrie des Mikrokosmus so wenig wie des Makrokosmus, der vorgestellten Welt so wenig wie der wirklichen zu erklären steht – nennen wir eben einen Geist. Freilich ist durch diese unbekannte Kraft weder die Entstehung noch die Folge der Ideen vermittelt und erklärt; aber bei der bekannten der Materie, bei der Bewegkraft, ists nicht bloß unbegreiflich, sondern gar unmöglich; und Leibniz kann leichter die Bewegung aus dunkeln Vorstellungen erklären, als der Materialist Vorstellungen aus Bewegungen. Dort ist die Bewegung nur Schein und existiert nur im zweiten betrachtenden Wesen, aber hier wäre die Vorstellung Schein und existierte im zweiten – vorstellenden Wesen.

Ich habe oft mit Weltleuten, die gut beobachten und elend schließen, mich gezankt, weil sie bei der kleinsten Abhängigkeit der Seele vom Körper – z. B. im Alter, Trunke etc. – die eine zum bloßen Repetierwerk des andern machten; ja ich habe sogar gesagt, kein Tanzmeister sei so dumm, daß er so schlösse: »Weil ich in bleiernen Schuhen plump, in hölzernen flinker und in seidnen am besten tanze: so seh' ich wohl, daß die Schuhe mich mit besondern Springfedern aufschnellen; und da ich kaum mit bleiernen Schuhen aufkann, so brächt' ichs barfuß nicht zu einem einzigen Pas.« Die Seele ist der Tanzmeister, der Körper der Schuh.

Wir fassen keine Einwirkung weder von Körpern auf Körper noch von Monaden auf Monaden; mithin eine von Organen auf das Ich noch minder. Dieses wissen wir, daß die Kohäsion und Gütergemeinschaft zwischen Leib und Seele immer einerlei oder höchstens in den Zeiten größer ist, wo sie andere kleiner vermuten; denn der größte Tiefsinn, die heiligsten Empfindungen, der höchste Aufschwung der Phantasie bedürfen gerade das wächserne Flugwerk des Körpers am meisten, wie auch seine darauf kommende Ermattung es verbürgt; je unkörperlicher der Gegenstand der Ideen ist, desto mehr körperliche Hand- und Spanndienste sind zu dessen Festhaltung vonnöten, und höchstens in die Zeiten der dummen Sinnlichkeit, der geistigen Abspannung, des dunkeln Blödsinns müßte man die Zeiten der Loskettung vom Körper fallen lassen. Sogar die moralische Kraft, womit wir aufschießende üppige Triebe des Leibes niedertreten, arbeitet mit körperlichem Brech- und Handwerkzeug; und die Seele bietet hier bloß das Gehirn gegen den Magen auf. – Dazu kömmt, daß die Grenzen und die Hindernisse einer solchen Losfesselung und Ankettung ebensowenig anzugeben wären als die Ursachen derselben. Noch weniger können, wie einige meinen, im Traume die Bande der Seele schlaffer und länger werden. Der Schlaf ist die Ruhe der Nerven, nicht des ganzen Körpers. Die unwillkürlichen Muskeln, der Magen, das Herz arbeiten darin fort, nicht viel weniger als im wachenden Liegen. Nur die Nerven und das Gehirn, d. h. das Denken und Empfinden stocken. Daher erquickt der Schlummer reitende und fahrende Menschen, die also mit nichts als den Nerven ruhen. Daher werden Nervenschwache, die jede Ruhe abmattet, vom traumlosen Schlaf erfrischt. Beiläufig: ohne die Theorie der Desorganisation, die negative und positive Nerven-Elektrizität annimmt, sind die Meteore des Schlafes unerklärlich – z. B. unerklärlich ist dann, warum gerade Opium, Wein, Manipulieren, Tierheit, Kindheit, Plethora, nahrhafte Kost, Gerüche auf der einen Seite Schlaf befördern; und doch Tortur, Ermattung, Alter, Mäßigkeit, Gehirndruck, Winter, Blutverlust, Furcht, Gram, Phlegma, Fett, geistige Abspannung ihn auf der andern auch erregen. – – Höchstens im tiefen Schlafe, wo der Nervenkörper ruht, könnte man die Seele vom Irdischen losgekettet denken; im Traum hingegen eher enger angeschlossen, weil der Traum so gut wie das tiefe Denken, das wie er die fünf Sinnenpforten abschließt, ja kein Schlafen ist. Daher zehren Träume die Nerven aus, zu deren innern Überspannungen jene noch äußere Eindrücke gesellen. Daher verleiht der Morgen dem Gehirn und dem Traum gleiche Belebung. Daher geht dem schlafende Tiere – ausgenommen dem weichlichen zahmen Hund – das ungesunde Träumen ab. Daher gibt schon Aristoteles ungewöhnliche Träume für Vorläufer des Krankenwärters aus. Daher hab' ich jetzt geträumt genug und der Leser geschlafen genug. –

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