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Hesperus oder 45 Hundposttage

Jean Paul Richter: Hesperus oder 45 Hundposttage - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleHesperus oder 45 Hundposttage
pages471-1236
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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3. Hundposttag

Freuden-Säetag – Wartturm – Herzens-Verbrüderung

Der Lord war der weggenommene Damm, der bisher vor der Flut der Erzählungen, Fragen und Freuden gestanden hatte. Die erste Untersuchung, die das Pfarramt vornahm, war, obs noch der alte Bastian sei. – Und der wars mit Haut und Haar, sogar das linke Seitenhaar hatt' er noch wie sonst kürzer als das rechte. Wenn der Fleischerknecht heimkömmt aus Ungarn, so wundert er sich, daß seine Sippschaft die alte ist – diese wundert sich, daß er es nicht mehr ist. Hier freute man sich über die doppelte Unveränderlichkeit. Auf jedem Gesicht lag der Heiligenschein der Freude, aber auf jedem mit andern Strahlen. Die Entzückung sieht auf einem sanften Gesicht, wie Viktors seinem, wie die Tugend aus. – Die alte Appel, die in ihrem Leben nichts durchblättert hatte als den Psalter Davids und den Psalter im Ochsenmagen, legte vor den Kupferpfannen ihr Vergnügen dadurch an den Tag, daß sie ungemein zuschürte. Das Wiener Tierspital von einem alten Mops und Kater, die einander nicht mehr haßten – wie sich im alten Menschen die gute und böse Seele aussöhnen –, und die Vogelsammlung unter dem Ofen, die einen schwarzgebeizten Gimpel stark war, nahmen Anteil genug an der allgemeinen Unruhe und stellten sich vor und ließen gern – das täte kein Ambassadeur – das Recht der ersten Visite fahren. Agathe drückte ihre Freude bloß mit ihren Lippen aus, indem sie damit schwieg und sie an ihres Bruders seine drückte. Am Hofkaplan will mans rühmen, daß er den invaliden Mops, der an den Hinterfüßen das Podagra und an den Vorderfüßen das Chiragra hatte, ruhig in seinem Wohn- und Schlafkorb wieder unter den Ofen schob, die Säulenordnung der Sessel ohne Keifen herstellte und den kleinen Bastian unter der freudigen Sprachenverwirrung wiegte, damit er sie nicht vermehrte, wenn er erwachte. Aber im erhaben geschliffnen Herzen der Landsmännin, der Kaplänin, gingen die Freudenstrahlen der Familie in einen Brennpunkt zusammen und verbreiteten in ihrer ganzen Brust die Lebenwärme der Liebe. – Viktor lächelte sie so sehr in sein Gesicht hinein, daß sie sich mit nichts zu retten wußte als mit seiner künftigen Stube, die sie ihm zu öffnen und zu zeigen befahl. Agathe flog mit dem Schlüssel-Geläute voran, und dem Gaste zogen nicht mehr Leute hinterdrein, als im Hause waren, und wollten sämtlich sehen, was er dazu sagte.

Er übergab sich der ganzen freundschaftlichen Handhabung, nicht mit dem eiteln Selbstgefühl eines ausgebildeten Fremdlings, sondern mit einer vergnügten, folgsamen, fast kindlichen Verwirrung – er kümmerte sich nichts darum, daß er wie ein Kind aussah, so sanft, so froh und so ohne Ansprüche. In solchen Stunden ists schwer, zu sitzen – oder eine Historie anzuhören – oder eine zu erzählen..... Jedes fing eine an; aber der Kaplan sprang dazwischen: »Wir haben ganz andere Dinge zu sagen.« Aber es kamen keine ganz andere Dinge. – Jedes wollte den Fremdling unter vier Ohren genießen, aber die sechs bleibenden Ohren waren nicht wegzubringen. – Meine Beschreibung seiner Verwirrung ist selber verwirrt; aber es geht mir allemal so: z. B. wenn ich Eiligkeit schildere, so tu' ichs unbewußt selber mit der größten. – Wars einem solchen Herzen wie seinem, das in den Federn der Liebe wiegend hing, noch nötig, daß es in jedem zersägten Fensterstock, in jedem glatten Pflastersteinchen, in jeder vom Regen gebohrten vertieften Arbeit auf dem Haustürstein seine Knabenjahre musivisch abgebildet sah, und daß er in denselben Gegenständen Alter und Neuheit genoß? Diese Knabenjahre, die ihm aus einem Schatten erschienen, wohnend auf St. Lünens Fluren, zwischen frohen Sonntagen in lauter Blumen und bei geliebten Gesichtern, diese Knabenjahre hatten einen dunkeln Spiegel in Händen, in dem die dämmernde Perspektive seiner Kinderjahre zurücklief – und in dieser entfernten Zauber-Nacht stand schimmernd Dahore, sein unvergeßlicher Lehrer in London, der ihn so geliebt, so geschont, so veredelt hatte. »Ach,« dacht' er, »du unbelohntes, für die Erde zu warmes Herz, wo schlägst du jetzt, warum kann ich nicht meine Seufzer mit deinen vereinigen und zu dir sagen: Lehrer, Geliebter? O! der Mensch sieht es oft spät ein, wie sehr er geliebt wurde, wie vergeßlich und undankbar er war, und wie groß das verkannte Herz.« .. Was seine stille Freude am meisten ernährte, war der Gedanke, daß er sie verdiene durch seinen kindlichen Gehorsam gegen seinen Vater und durch seinen Entschluß zu künftigen Herkules-Arbeiten am Hofe – denn ihm fiel in jede große Freude der Zweifel wie ein bitterer Magentropfen hinein, ob er sie verdiene; ein Zweifel, der regierenden Häusern, Woiwoden, Patriarchen und Hochmeistern in der Kindheit geschickt benommen wird. Der bessere Mensch findet die Freude erst nach einer guten Tat am süßesten, das Osterfest nach einer Passionswoche.

Die Leserinnen werden jetzo hören wollen, was auf Mittag gekocht war; aber die Dokumente dieses Posttags, die mir halb auf der Achse, halb zu Wasser einlaufen, besagen erstlich, daß niemand Appetit hatte – die Freude nimmt ihn mehr als der Gram –, ausgenommen die drei Regimenter, die wie Veteranen in den Feind einhieben, nämlich in den Tafel-Abhub; zweitens, daß das Mahl noch magerer war als der Gast selber. Man will aber sämtliche Lesegesellschaften hiemit auf das unbewegliche Fest des 4ten Maies einladen, auf den Freitag, wo erst Viktors Ankunft und seines Patchens Kirchgang anständig gefeiert wird.

Die Pfarrerin zog den umzingelten Geliebten nachmittags aus dem musikalischen Zirkel so vieler Töne und kaperte ihn ihrem Manne, dessen Direktrice und Lady Maire sie war, vor den Augen weg und führte ihn in sein Zimmer, um da vor ihm allein sich zu betrüben, sich zu erfreuen und sich auszureden wie eine Mutter; lang eingeschlossene Seufzer und veraltete Tränen drangen jetzt aus dem geöffneten Mutterherzen in das fremde weiche über, das ja der beste Freund ihres Sohnes war. Sie klagte bei ihm über Flamins Aufbrausen, das Viktor sonst immer gestillet; »über seine Liebe zum Soldatenwesen, da er doch ein Gelehrter sei« – und endlich über seine Gesellschaft. »Er treibe sich nämlich mit einem Hofjunker Matthieu – Sohn des Ministers von Schleunes – herum, einem wüsten, überall beliebten, überall verschlimmerten, pfiffigen, kühnen, spöttischen Menschen, der, wenn es sein Dienst erlaube, entweder drüben bei den Kammerherrlichen oder hier bei ihrem Sohne liege; der Himmel wisse überhaupt, was er im Schilde führe bei seinen Besuchen in einem bürgerlichen Hause.« Sie freuete sich, daß Viktor seinen alten Freund von den Fangeisen und Fangzähnen dieses Wüstlings wegführen würde. Viktor drückte ihr gerührt die Hand und sagte: »Ich möchte sein Herz kaum mit dem besten Bundgenossen teilen – nicht einmal verlieben dürft' er sich, wenns auf mich ankäme – bloß mich und eine Person müßt' er lieben, die ihn gar nicht richtig schildert – – nämlich Sie.« Er setzte noch viel Mißtrauen in die Zeichnung von den Sonnenflecken Matthieus, weil die Weiber selten exzentrische Menschen fassen, und weil zwar Mädchen oft wilde Männer lieben, aber die (durch die Ehe aufgeklärten) Frauen allemal sanfte.

Er brachte das Herz verehelichter Weiber leichtlich in sein Zuggarn durch eine gewisse wohlwollende Galanterie gegen sie, die ein Deutscher nur für ledige aufhebt. Alte Damen und alte Tabakpfeifen aber bekleben leicht an männlichen Lippen. Die jüngern Tauben lockte er durch sein komisches Salz an sich, wie man Turteltauben durch anderes fängt; ein Bonmot ist ihnen ein dictum probans, ein Pasquino ein magister sententiarum, und die kritische Lästergeschichte ist ihnen Kants Kritik der reinen Vernunft, die verbesserte Auflage. Auch mit seinem medizinischen Doktorring häkelte er weibliche Seelen an sich an; als Arzt macht' er auf körperliche Mysterien Anspruch, und diesen gehen dann leicht die geistigen nach.

Abends, als das Waldwasser des ersten Jubels verlaufen war, waren endlich drei gescheute Worte möglich; auch keifte der Pfarrer jetzt weniger: denn die Freude hatte ihn vormittags bissig gemacht. Der Zorn und Körper werden miteinander gestärkt, daher durch die Freude – daher hat man im Januar und Februar, wo die Hunde die längere Wut bekommen, die kurze des Zorns – daher brummen Wiedergenesende stärker um sich, so wie Leute unter starken Geistes-Anspannungen, z. B. Hundpostschreiber – daher ist man in den Ermattungen nach Migräne oder nach dem Rausche sanfter als ein Lamm.

Gegen Abend trug sich schon etwas von Bedeutung zu. Apollonia fegte ihre Blutverwandtschaft und ihren Gast mit Kehrwischen noch früher hinaus als Spinnen und Staub. – Es sollte am 4ten Mai die heutige Ankunft des bisherigen Flüchtlings recht anständig gefeiert werden. – Flamin und Viktor gingen voraus durch den Pfarrgarten, dessen Merkwürdigkeiten und curiosa so erheblich sind, daß der Korreferent dieser Akten sich wünscht, er könnte mir den Garten durch die Hunds-Stafette klärer schildern. Der Kaplan hatte viele Beete nicht zu Langvierecken abgestampft, sondern sie zu lateinischen Buchstaben in Doppel-Fraktur, als Anfangbuchstaben seiner Familie, geschweift und umgebogen. Sein eignes E hatt' er mit Rettich ausgesäet, Apolloniens A mit Kapuzinersalat, Flamins F mit Kohlrabi, Sebastians S mit Süßholz oder Glycyrrhiza vulgaris. Wer nicht zu säen war, dem blieb allezeit noch ein Platz und almanac royal auf Kürbissen und Stettineräpfeln leer, die ein durchbrochenes Papier mit dem ausgeschnittenen Namen umflocht, der nach Abschälung dieses Einbands grün oder rot auf der bleichen Frucht erschien. Viktor fragte, als er bei einem K aus Tulpen vorüberging, seinen Flamin um die Bedeutung. »Warum fragst du?« fragte dieser; und die nachkommenden gesprächigen Pfarrleute vertrieben die Antwort. – Über der Pfarrwiese stand (man setzte nur über den Bach) ein Hügel und darauf ein alter Wartturm, in dem nichts war als eine Holztreppe, wie oben darauf nichts als ein bretterner Deckel statt des italienischen Dachs; beides hatte der Kammerherr machen lassen, damit die Leute – (er nicht; denn die Gefühllosigkeit der Magnaten arbeitet für das Gefühl der Minoriten) – sich droben ein wenig umschauen könnten. Man sah da die Säulenordnung des Schöpfers, die Schweizerberge, stehen, und den Rhein mit seinen Schiffen ziehen. Am Turm waren zwei von der Natur ineinander gewundne Lindenbäume hinaufgestiegen, um oben mit ihrem Gesträuche, das man zu einer grünen Nische ausgehöhlet und mit einer Grasbank unterbauet hatte, zuweilen einen gerührten Eiländer zu fächeln. Das liebende Personale erstieg die Zinne und brachte in der ländlichen Brust eine Ruhe mit, die darin sanft den äußern stillen Himmel nachmalte, der diese Guten mit seinen verhüllten Sonnen umzog. Noch eine Wolke glühte sich ab, aber sie zerfloß, ehe sie ausbrannte.

Jetzt konnten die Supplementbände der allgemeinen Welthistorie von St. Lüne bequem nachgeliefert werden. Eymann konnte seine Foliobände gravaminum (Beschwerden) über die Konsistorialräte und Ratten einreichen. Auf einmal wurde unten Agathe wie ihre heilige Namenbase angerufen vom Blasbalgtreter loci, der Dorfs-Lehnlakai und Pfarrkutscher war. Wenn einige Autores sagen, der Kutscher war blind und der Gaul taub: so kehren sie die Sache gerade um. Der Kerl war taub. Er hatte in seinem mouchoir de Venus – das Schnupftuch ist beim Pöbel die Brieftasche und der Briefumschlag, weil ihm ein Brief so wichtig und selten ist wie einem Rezensenten ein guter – heute eine Briefschaft an Agathen ausgekundschaftet und ausgewickelt, die er gestern mit des Lords seiner hätte abgeben sollen. Aber Kutscher halten den Herrn nur für die Nebensonne und Nebenpartie des Pferds, und die Frau gar nur für ein Schmarotzer-Gewächs des Stalls; daher bedeutet »Gleich!« bei ihnen ein oder ein paar Tage; und »morgen vormittags« bedeutete auf dem Regensburger Ansagzettel der Abstimmgegenstände ein oder ein paar Jahre. – Agathe eilte lieber hinunter, hielt den Brief gegen die lichtere Abendgegend und entzifferte etwas, was sie mit funkelnden Augen im Galopp die Treppe hinauftrug. »Sie kommt morgen!« rief sie auf Flamin zu; denn sie schien in jedem ihrer Freunde beinahe nur den Gesellschafter und den Freund ihrer andern Freunde zu lieben. Klotilde (Le Bauts einzige Tochter von der ersten Frau, der Niece des Lords) ging nämlich aus dem Fräuleinstift in Maienthal, wo sie erzogen worden, zum Vater zurück.

»Nehmen Sie sich in acht,« sagte die Kaplänin, »sie ist sehr schön.« – »Dann«, sagt' er, »denk' ich vielmehr darauf, mich nicht in acht zu nehmen.« – »Überhaupt« (fuhr sie fort) »sammelt sich jetzt alles Schöne um Sie« (er wollte sie hier durch einen schmeichelnden Blick verwirren und abstrafen, aber vergeblich) – »die italienische Prinzessin kommt zu Johannis auch, und diese soll so reizend sein, als wenn sie gar keine Prinzessin wäre, sondern nur eine Italienerin.« Sie tat hier den meisten Prinzessinnen unrecht; aber eine gewisse Ironie über ihr eignes Geschlecht war der einzige Fehler der Kaplänin, für die es wie für mehre Mütter beinahe keine Stiefsöhne und beinahe nichts als Stieftöchter gab. Er erwiderte, er hoffe, daß noch wenige Prinzessinnen, selbst in Amerika, kopuliert worden, in die er sich nicht vollständig verschossen hätte – und das bloß aus Mitleid mit so einem armen zarten Tierchen oder Wappentiere, das unter die Siegelpresse und dann auf die Verträge gedruckt werde, welche oft die einzigen Kinder dieser Ehen wären – »die jungen Landesmütter stehen wahrlich wie Bienenmütter in ihrem Weiselgefängnis feil und passen ab, in welchen Korb sie der Landes- oder Bienenvater noch heuer verhandle.«

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